[PURPURSCHUPPE] Das Ende einer Idylle

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Das Ende einer Idylle

Beitragvon Ayani » Di 3. Apr 2012, 22:34

>Ayani, Haldor. Es wird Zeit für euch ins Bett zu gehen.<Mit diesen Worten schaute Mutter sie und ihren älteren Bruder über die noch vom abendlichen Essen gedeckte Tafel hin an. Ein Blick, der keine Widerrede duldete, die aber auch gar nicht erst aufkam. Stattdessen gähnte sie nur müde, nickte artig und rutschte von ihrem Stuhl hinunter. Schnell lief sie zu Mutter, stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte den Hals, so weit wie nur irgendmöglich, um ihr einen feuchten Kuss auf die Wange zu drücken. Danach auch gleich zu Vater und das Ganze noch einmal. >Gute Nacht!< Klang die helle Kinderstimme noch zu den Eltern, ehe sie mit dem Bruder gemeinsam das Zimmer verließ, um zu Bett zu gehen. Oben auf dem Flur bekam natürlich auch Haldor noch einen Schmatzer auf die Wange. >Gute Nacht, Haldor!< Rief sie noch dem vier Winter älteren Bruder hinterher und lief schnell mit wehenden Haaren zu ihrem Zimmer. Dort angelangt streifte sie das Kleid ab, wusch sich geschwind das Gesicht in der Waschschüssel, so wie Mutter es ihr beigebracht hatte und bürstete das lange weiß-blonde Haar. Danach war auch schon das Nachthemd übergezogen und sie war fertig und bereits fürs Bett. Einen kleinen Blick warf sie noch zum Fenster hinaus in die vom Mond beleuchtete Nacht, öffnete das Fenster einen Spalt breit und rutschte unter die Daunen des Himmelbettes, das so herrlich nach der Seife duftete, mit der Marta das Bettzeug gewaschen hatte.

Das laute Klappern von vielen Hufen auf dem gepflasterten Weg, welches durch das geöffnete Fenster zu ihr herein drang, weckte sie einige Stunden später bereits wieder und riss sie aus dem herrlichen Traum, den sie gerade gehabt hatte. Verschlafen schaute sie sich um, ehe sie Männerstimmen hörte, was nachts eigentlich ganz und gar nicht üblich war. >Sucht -..., ich will jeden -...?! Aber macht -..!<
Verzerrt drangen diese Worte an ihre Ohren und sie blickte verwirrt und nun gar nicht mehr verschlafen an die Decke. Was war nur los? Was wollten diese Männer und warum schlugen die Hunde nicht an? Unruhig kaute sie auf der Innenseite ihrer Wange herum, bis sie beschloss, dass das sicher Besuch für den Vater war, denn ganz selten empfing er am späten Abend noch Gäste. Und sicherlich würde sie eine Standpauke zu hören bekommen, wenn sie nun hinaus lief und lauschte, was die Männer zu besprechen hatten. Also rollte sie sich wieder unter der Decke zu einem kleinen Bündel zusammen und schloss die Augen ganz fest. Die Worte der Männer, hatte sie bereits wieder vergessen.

Schreie einer Frau, Männerstimmen und das Klirren von Waffen, die aufeinander schlugen rissen sie geschwind wieder aus dem Dämmerzustand, in den sie gerade verfallen war. Entsetzt sprang sie nun aber doch aus dem Bett. >Mutter?< Rief sie leise ängstlich, als sie bereits im Flur stand und sich hinter das Geländer duckte um nicht von den kämpfenden Männern gesehen zu werden, die wie wild geworden auf Vater einhieben. Was taten sie da? Und warum waren die überhaupt hier? Doch bevor sie noch weiter darüber nachdenken konnte, kam Mutter bereits angelaufen mit losem Haar und im Nachtgewand, was eigentlich gar nicht ihre Art war, um Fremde zu empfangen. Furcht stand in ihrem Gesicht, als sie leise nach ihr rief. >Ayani, komm schnell weg von dort!< Mutter fasste sie bei der Schulter und schob sie kurz darauf in das elterliche Schlafzimmer und zum Wandschrank hin. >Bleib dort, bis ich dich rufe und sei still! Ich werde Haldor holen.< Brav nickte Ayani und kletterte in den Wandschrank dessen Türen aus Holz und geflochtenem Bast bestanden.

Ganz klein kauerte sie sich zusammen und lauschte auf die Stimmen und Geräusche aus dem Flur. Einen lauten Schrei konnte sie vernehmen, als Mutter gerade wieder in den Flur stürzen wollte. Der Schrei ihres Vaters! Sie hatte ihren Vater noch niemals so schreien gehört und genau dies machte die Furcht nur noch größer. Kurz darauf vernahm sie noch einen weiteren Schrei. Haldor! Was war nur los? Was geschah dort und warum sperrte Mutter sie hier im Schrank ein? Ängstlich machte sie sich noch kleiner, drückte die kleine Hand fest auf den Mund, als sie durch das Geflecht sah, wie ihre Mutter bis ins Zimmer hinein zurückwich. Zwei Männer folgten ihr mit Klingen in der Hand, von denen das Blut auf den Boden hinunter tropfte. >Na, was haben wir denn da?< Konnte sie die Stimme von einem der Männer mit wogendem schwarzem ungepflegtem Bart vernehmen, der Mutter auf seltsame Weise anblickte. Hilflos beobachtete sie, wie Mutter weiter zurückwich und die Männer entsetzt anstarrte, als diese über sie herfielen, sie zu Boden stießen und Dinge taten, an die sie sich noch lange erinnern würde, aber die sie jetzt noch nicht verstand. Entsetzt hörte sie Mutters Schreie, das Lachen der Männer, wie sie sich um sie drängten und der Reihe nach über sie herfielen, wie ausgehungerte Wölfe. Irgendwann hatte Mutter nicht einmal mehr geschrien, sondern nur noch da gelegen mit leerem, starrem Blick. Und nachdem der Letzte fertig war, konnte Ayani aus dem Schrank heraus sehen, wie einer der Männer ihr den Hals aufschlitzte, noch einen Moment lang zusah, wie das dunkle Blut aus ihrem Hals einem nicht enden wollenden Strom gleich, floss und das Leben ihrer Mutter mit hinaus riss. >Das müssten alle gewesen sein!< Danach schaute sich der Letzte der Männer noch einmal im Raum um, ehe er sich abwandte und wie die anderen zuvor das Zimmer verließ, ohne das 7 Winter alte Mädchen, das dort zitternd die Hand fest auf den Mund gepresst im Schrank hockte und auf die Stelle starrte, an der die Mutter verblutet war und auch jetzt noch blutete, zu bemerken. Wie viel Zeit verging, bis die Männer schließlich das Haus verließen und sie die Hufe auf dem Hof vernehmen konnte, wusste sie nicht. Starr auf den Leichnam blickend in die leeren Augenhöhlen, die jegliche Wärme und Herzlichkeit verloren hatten. Keine Regung ging mehr durch den jungen Körper und wohl hätte so manches Kind schon längst hysterisch geschrien. Doch kam kein Laut über ihre Lippen, nicht ein einziger.

Es mochten gut zwei Tage vergangen sein, ehe wirklich wieder eine Regung durch das Mädchen ging, das so lange im Schrank versteckt ausgeharrt hatte. Ein wenig hatte sie geschlafen, doch immer wieder waren die Bilder der Mutter aufgetaucht, die Schrei aus dem Haus, das Lachen der Männer, sodass der Schlaf nicht wirklich erholsam gewesen war, ganz im Gegenteil. Doch nun, nachdem sie noch einen Blick auf Mutters leere Augen geworfen hatte und der Bauch vor Hunger schmerzte, der Hals vor Durst ebenso, kletterte sie aus dem Schrank. Reckte die steifgewordenen Glieder und lief auf die Mutter zu. War sie wirklich tot? Leicht rüttelte sie an der Schulter, der geliebten Schulter, die immer da gewesen war, wenn sie oder ihr Bruder Kummer gehabt hatten. Doch nichts, keine Regung. Stattdessen war der Körper steif und kalt. Und Mutter war so unendlich blass. Entsetzt starrte sie noch einen kleinen Moment lang auf die zerfetzten, blutigen Röcke, wandte sich ab und lief in den Flur. Dort angelangt blieb sie jedoch bereits wieder schlitternd stehen... Haldor! Das musste er sein, im Schlafrock lag er da - auf dem Bauch - das Haar, so braun und glatt wie das ihre, wirr vom Kopf abstehend und wäre da nicht der Dolch zwischen seinen Schulterblättern und das Blut gewesen, so hätte sie fast gedacht er schliefe. Doch nach einem leichten Anstupsen stellte sie fest, dass auch er, ebenso wie Mutter, keine Regung mehr zeigte.

Starr hatte sie mit leeren Augen auf den Bruder geschaut bis der Magen sich zu Wort meldete und fordernd nach etwas Essbarem und Wasser knurrte. Schnell wandte sie den Blick von ihrem leblosen Bruder ab und lief die Treppe hinunter. Zwei fremde Männer lagen an deren Ende, schwer verwundet und ebenfalls tot, wie die anderen, die sie gefunden hatte auch. Vorsichtig und darauf bedacht sie nicht zu berühren kletterte sie an ihnen vorbei die Treppe hinunter und lief durch die Halle zur Küche, blieb schlitternd stehen, als sie die Magd und die Köchin ebenfalls mit aufgeschlitzten Kehlen und zerissenen Kleidern vorfand. Doch dieses Mal stupste sie sie nichteinmal mehr an, sondern wandte, wie bei den fremden Männern zuvor, schnell den Blick ab und lief zum Arbeitstisch, auf dem sie einen Becher und einen Krug mit Wasser fand, der bereit gestellt worden war, bevor die Männer hierher gekommen waren und alles zerstört hatten. Nach einigen gierigen Schlucken setzte sie den Krug endlich wieder ab und stibitzte noch etwas vom Brot und dem Käse auf der Anrichte, ehe sie die Küche schnell wieder verließ, um nicht länger, wie nötig dort zu verharren.

Kauend und den eisernen, süßen Geruch von Blut noch in der Nase trat sie wenige Augenblicke später auf den Hof und lief einige Schritte auf diesen hinaus, die frische Luft gierig einatmend und das Brot samt Käse in Windeseile essend. Dabei streifte sie ein langer, dunkler Schatten, hielt sie nur einen kurzen Moment von der wärmenden Sonne fern, doch lange genug, dass sie den Kopf hob und erst jetzt das Kreischen der Raben vernahm... Doch der Anblick, der sich nun zuletzt bot, mochte wohl der Schlimmste sein, von alldem, was sie bisher gesehen hatte in den letzten zwei Tagen. Dort hing ein Mann, sie konnte ihn an dem schwarzen Tartar erkennen, denn der Rest erinnerte nicht mehr an ihren Vater. Das aufgequollene, blaue Gesicht, die geschwollene heraushängende Zunge, die leeren Augenhöhlen und der schlaffe Körper, um dessen in der Sonne verwesendes Fleisch sich die kreischenden Raben schlugen. Den Blick starr auf das, was einst ihr Vater gewesen war, wich sie zurück, die Überreste des Brotes vielen auf den Boden, auch das letzte kleine Stückchen Käse, während sie weiter zurückwich. Kein Mucks kam über ihre Lippen, keine Träne rollte die Wange hinunter. Nur der starre Blick und Bilder, die sich für immer in ihren Kopf einbrennen würden und sie fortan verfolgen würden. Schließlich stolperte sie über weiches Fell, verscheuchte im Fall einige Raben und saß, die Beine noch halb in der Luft auf dem Boden neben einem der Hunde, der mit aufgeschlitzter Kehle ebenfalls nichts anderes mehr war, als Futter für die Krähen.


Wie lange es letztendlich gedauert hatte, bis sie den Gutshof vollständig abgesucht hatte, ohne eine lebende Seele anzutreffen, vermochte sie nicht zu sagen. Doch war es dunkel gewesen, als sie schließlich aufgebrochen war, in die Kleider eines der Stallburschen gekleidet und mit einem Dolch bewaffnet, und sich in die umliegenden Wälder geschlagen hatte. Dort hatte sie einige Wochen überlebt. Der Vater war oft mit ihnen in den Wald gegangen und hatte sie gelehrt, dort zu überleben... Erinnerungen, die immer wieder schmerzend aufbrachen und sogleich mit den quälenden Bildern in Verbindung gebracht wurden. Doch während ihres stillen Lebenswandels im Wald hatte sie sich absichtlich immer weiter von ihrem früheren Zuhause entfernt und war schließlich auf einen alten Mann mit einem Ochsenkarren gestoßen, der sie einige Zeit mit sich hatte fahren lassen. Ansonsten war sie zu Fuß gelaufen. Hatte, so gut wie eben möglich, die Städte und Dörfer gemieden, um niemandem zu begegnen. Während dieser Zeit, in der sie durch das Land lief oder hier und da auch mit anderen freundlichen Leuten mitfuhr, hatte sie kein einziges Wort mehr gesprochen. Nicht mehr, seit die Männer in das Haus eingedrungen waren und ihre Familie ausgelöscht hatten. Nach langer Reise, die geschätzt 3 Mondzyklen angedauert hatte, war sie schließlich in einem Wald angelangt, der sich weit weg von ihrem früheren Heim befand. Eine Stadt, deren Namen sie durch Zufall aufgeschnappt hatte, Lichthafen, lag nahe an diesem Wald. Doch hatte sie sich nie näher heran gewagt, als bis zum Waldrand, nur um kurze Zeit später wieder im schattenhaften Dunkel zu verschwinden. Den Menschen aus dem Weg gehend, hatte sie sich entfernt von den Wegen ein kleines Lager errichtet, Fallen aufgestellt, wie es ihr Vater gezeigt hatte, Beeren und Wurzeln gesammelt um zu überleben. Und sie hatte es geschafft... Sie lebte noch. Wenn auch als Einzige ihrer Familie!

Unruhig, wie in jeder Nacht, schlief sie auch in dieser Nacht, während die Bilder sie abermals heimsuchten, wie sie es in jeder Nacht taten und den Schlaf zur Qual machten, nicht zur Ruhe. Vom eigenen Schreien geweckt fuhr sie schließlich auf, spürte Tränen auf der Wange, doch jetzt, wo sie erwacht war, konnte sie nicht mehr weinen und war auch nicht mehr in der Lage zu schreien. Schnell wischte sie die Tränen von den Wangen und rappelte sich vom Waldboden auf und schaute sich um. Nichts... Alles war, wie es immer war und doch, war alles anders. In die Decke, die einer der Fahrer ihr gegeben hatte, eingekuschelt setzte sie sich auf. Schob einen Stein von ihrem Versteck, unter dem sie das Essen aufbewahrte, und nahm sich eine Hand voll mit Beeren, um lustlos darauf herum zu kauen, während die Schrecken des Traumes sie nicht loslassen wollten.
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Ayani » Do 24. Mai 2012, 20:19

Der Wald war ihr zur Heimat geworden. Alles, was sie benötigte, konnte sie hier finden und er wollte nichts dafür, außer Achtung und Respekt im Umgang mit der Natur. Im Sommer und Frühling war ihr Schlafplatz ein weiches Bett aus Heidekraut und über ihr das Blätterdach und der Himmel. Im Winter diente eine alte Höhle zum Schutz, dessen Bewohner Bär sich schon lange nicht mehr dort aufhielt. Der Bogen ließ sich aus dem Holz der Bäume herstellen, den Sehnen der erlegten Tiere. Die Knochen der Tiere boten Möglichkeiten für Messer, Pfeilspitzen. Herabgefallene und gesammelte Vogelfedern gereichten als Befiederung der Pfeile. Auch einen Kamm aus Knochen hatte sie sich hergestellt. Die Kleidung und Decken bestanden aus dem Leder der Beutetiere, deren Fellen. Mit Sehnen genäht und Blätter boten ebenso Möglichkeiten zur Kleidungsherstellung. Weiche Schuhe aus Rehleder... Ein Schal, Handschuhe aus Hasenfell... Eine Kette aus gesammelten und aufgezogenen Bachmuscheln um den Hals. Kräuter dienten als Gewürz und Heilmittel zugleich. Wurzeln, Früchte, Nüsse und verschiedene Blumen als Nahrung. Ab und zu auch Fleisch. Ayani hatte gelernt vom Wald zu leben, fern von der Zivilisation. Sie nahm sich im Wald, was sie benötigte. Doch nie mehr, als sie brauchte. Sodass das Gleichgewicht nicht ins Schwanken geriet und das Mädchen, bald junge Frau, ein Teil des Waldes wurde.

Lange war sie in keiner Stadt mehr gewesen. Hatte sich fern von Menschen gehalten. Hier und dort hatte sie zwar heimlich auf ihren Streifzügen Wanderer belauscht, doch hatte sie sich ihnen niemals offenbart. Sie war für sich geblieben... Bis auf ein einziges Mal, bei dem sie sich in die Stadt gewagt hatte. Damals war sie noch bedeutend jünger gewesen. Es war kurz nachdem sie hierher gekommen war und ihre Flucht ein Ende gefunden hatte. Doch das Erlebnis in der Stadt, die dort herrschenden Verhältnisse, die Menschen, der Lärm hatten nur die Furcht im kleinen Kinderherz geschürt, sodass sie sich tief in den Wald verkrochen hatte und jenen auch nicht mehr verlassen wollte.

Aus Furcht war Zorn geworden... Aus Zorn mit den Jahren Verachtung und Hass auf die eigene Rasse, deren Mitglieder ihre gesamte Familie ausgelöscht hatten. Eine Erinnerung, die wie ein Schatten über der jungen Frau und ihrem friedlichen Leben im Einklang mit dem Wald hing. Und so hatte sie Rache geschworen. Nicht nur Rache an jenen, die dieses Unheil über ihre Familie gebracht hatten, sondern auch an allen anderen, die nichts dagegen getan hatten. Eine Rache, die sich tief in das Herz gebrannt hatte zusammen mit dem Hass und der Verachtung eine brodelnde Mischung ergaben, die sicherlich eines Tages überkochen würde. Ein Ventil fand und anschließend alles verändern würde. Für sie und möglicherweise auch für andere.

Seit dem schicksalhaften Tag hatte sie kein Wort mehr bewusst gesprochen. Ayani war sich nicht bewusst, dass sie manches Nachts auch nach 10 vergangenen Wintern noch schrie. Ihre Stimme war also durchaus nicht verloren. Doch sie brauchte sie nicht. Sie sprach mit niemandem und empfand dies auch nicht als Nachteil. Nein, eher im Gegenteil liebte sie die Ruhe um sich herum, die auch ihr eine innere Ruhe schenkte, zumindest hin und wieder für einige Zeit. Doch auch diese Abstände der Ruhe waren mit den langen Jahren weniger geworden. Der Tatendrang hingegen umso größer, endlich ihre Rache zu verfolgen und mit ihrer eigenen, verdorbenen Art abzurechnen, die wider ihrer eigenen Natur lebte und sich mehr nahm, als sie zum Leben brauchte.

So kam es, dass sie einige Bauern auf dem Feld belauschte, während sie selbst in der dichten Krone eines Baumes verharrte. Jene Bauern sprachen über vieles. Über das Wetter, die Ernte. Auch über das Wild - vor allem die Wildschweine - die sich regelmäßig an der leicht erreichbaren Futterquelle gütlich taten. Sie sprachen über die Stadt Lichthaven und was dort vor sich ging. Den Neuesten Klatsch - von dem Ayani nichts ohne den Zusammenhang verstand - und über die Nachbarn. Die eigenen Kinder und deren Freuden und Wehwehchen, wie auch der eigenen Frau. Der Frau des Schmieds, die ihrem Mann fremd ging und von der Taverne, in der eine neue hübsche junge Magd angestellt war. Nichts von alledem, das sie wirklich interessierte. Aber sie sprachen auch über die finsteren Gestalten und einer Serie von Entführungen, oftmals Kinder. Ebenso darüber, dass immer wieder Leute des nachts angegriffen wurden... nicht selten blutleer oder aber vollkommen verstört. Über Wesen, die des nachts ihr Unwesen in der Stadt und im Wald trieben und derer man einfach nicht habhaft wurde, sodass man begonnen hatte, des nachts besonders vorsichtig zu sein, Fenster und Türen gut zu verriegeln, damit niemand hineingelangte... Jene Gestalten, von denen die Männer sprachen, machten sie neugierig. Das Verschwinden von Menschen störte sie im tiefsten Herzen nicht... Aber diese Gestalten, vor denen die Männer mit solcher Furcht und zugleich mit Ehrfurcht sprachen hatten sie wahrhaftig neugierig gemacht.

So kam es, dass sie im Alter von nun 17 Wintern nach gut 9 Jahren beschloss, sich näher an die Stadt heran zu wagen, um heraus zu finden, was es mit diesen Gestalten auf sich hatte. Ein wenig nervös hatte sie ihren Bogen an sich genommen, den Köcher mit den selbstgemachten Pfeilen. Die Kleidung blieb die übliche selbstgenähte Lederne Kleidung mit Hasenfellbesatz. Nahezu lautlosglitt die junge Frau durch den Wald, schob regelmäßig Strähnen des neugierigen weiß-blonden Haars hinters Ohr und schaute sich mit ihren grauen Augen aufmerksam um. Sie kannte den Wald so gut, wie ihre nicht vorhandene Westentasche und fand beinahe spielend den Weg, den sie so lange gemieden hatte, sodass sie in der Dämmerung an den Waldrand gelangte und von dort aus auf die Schornsteine der Stadt hinausblicken konnte. Verharren, doch schließlich atmete sie tief durch und machte erst zögernde, dann mutigere Schritte gen Stadt - Zivilisation - Menschen - Wirbel - Lärm... Rache.
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Tagora Chryl » So 27. Mai 2012, 13:01

Auch Tagora war zu dieser seltsamen Tageszeit in Lichthafen unterwegs. Die weiße Robe sog förmlich jedes Licht an, das irgendwie aus dem Fenster schien und ließ die goldenen Runen funkeln. Das Haar war hochgesteckt. Keine Strähne durfte ihre Sicht trüben. Man konnte nie wissen, was einen hier erwartete. Es gab so viel zu erledigen und die Stadt bot Gelegenheit dazu. Nachdem die Angelegenheit mit dem Mädchen sich größten Teils geklärt hatte, konnte sie sich voll und ganz auf die Suche eines Heilmittels konzentrieren.

Theoretisch.
Doch leider, war das Mädchen nun vorrübergehend bei ihr und sie musste eine Beschäftigung finden. Ein Bogner musste her, der sie unterrichten konnte. In Lichthafen würde sich doch etwas Passendes finden lassen? Schon des Öfteren suchten hier einfache Leute eine Arbeit, um sich ein paar Groschen hinzu zu verdienen. Zur Not würde sie eben dieses seltsame Mädchen mit dem komischen Hut suchen. Auch wenn sie noch nicht einschätzen konnte, inwieweit sie dem Glauben des Herrn folgte. Nun ja, sie musste erst einmal jemanden finden, denn Tagora war sich sicher, dass mit dem richtigen Umgang alles geregelt werden konnte. Aufmerksam huschte also ihr Blick über die Vorüber Gehenden. Immer auf der Suche nach einem Bogen, der über die Schulter gehängt wurde.
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Martyra » So 27. Mai 2012, 19:47

"Das seltsame Mädchen mit dem komischen Hut". Das ist doch sie, Martyra! Wobei das Wort ~seltsam~ ihr schon wieder übel aufstoßen würde. Zum Glück kann sie keine Gedanken von netten Frauen lesen, die sich dann doch als gar nicht so nett entpuppen.
Und zum Glück ist sie noch ein gutes Stück von besagter Frau entfernt. Um genauer zu sein, ist sie in den Gassen der Stadt unterwegs. Irgendwo. Ziel- aber nicht Planlos! Der Plan ist nämlich, den Burschen zu finden, den sie auf der Wiese mit den ulkigen roten Etwassen nahe Felsriff getroffen hat. Andere rote Etwasse als die auf Arakas. Die hier sind welche, die versuchen, zu sprechen. Auch wenn sie das wirklich noch üben müssen!
Und der junge Kerl hat gemeint, er wohnt ~in den Straßen von Lichthafen~. Grund genug, diese zu durchsuchen. Weil er sie doch mal besuchen wollte und vielleicht doch nicht so genau weiß, wo ihr Haus wohnt.

Soweit so gut. Auch wenn sie noch nicht fündig wurde. Vielleicht liegt es ja einfach nur daran, dass sie in den falschen Gassen sucht? Womöglich bedeutet ~in den Straßen~ in Wirklichkeit ~am Stadtrand~? Manche Männer reden schließlich manchmal einfach so daher, weil sie jemanden nur mit Phrasen abspeisen wollen. Jemanden so wie sie, Martyra, zum Beispiel!
Diese Wahnsinns-Erkenntnis bewegt sie dazu, schnurstracks auf den Absätzen ihrer Riesen-Stiefel kehrt zu machen und die Gasse an Rolfs Laden entlang in Richtung Taverne und Ortsrand zu marschieren. Der Brücke entgegen, wo die Arakasschen roten Etwasse ihr Unwesen treiben. Den Bogen hat sie lässig über der Schulter baumeln, weil wer würde IHR schon was zuleide tun wollen? Immerhin kann sie schnell laufen und noch lauter schreien, wenn es sein muss.
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Ayani » Mo 28. Mai 2012, 11:47

Es war im Grunde gar nicht so beschwerlich gewesen, wie gedacht in die Stadt hinein zu gelangen. Das Einzige, was sie allerdings störte, war die Tatsache, dass sie nicht bedacht hatte, dass sich um die nachmittägliche Zeit die meisten Menschen auf den Beinen befanden und eifrig, wie in einem Bienenstock, ihrem Tagwerk nachgingen. Zeternde Ehefrauen, kleine kreischende Kinder, fluchende und anpreisende Händler. Zu viel Lärm, zu viel Wirbel. Das alles entlockte ihr einige grimmige Blicke während sie sich hindurch kämpfte und Ausschau nach einem ruhigeren Plätzchen hielt, ohne dies alles. Und am Liebsten hätte sie nun einfach auf dem Absatz kehrt gemacht, um wieder in ihren geliebten Wald zu verschwinden.

Aber letzten Endes hatte sie eben dies doch nicht getan.
Stattdessen bemüht sich vorerst mit dieser Situation abzufinden, das hier genau all das vorherrschte, warum sie sich so lange Zeit von den Menschen ferngehalten hatte und auch jetzt noch keinen Sinn dazu hegte, dies unbedingt zu ändern. Wäre da nicht die Neugier gewesen. Jene Neugier, die sie hierher getrieben hatte und sie einfach nicht mehr loslassen wollte. So schritt sie also durch die Menge. Bedacht darauf, niemanden hier zu berühren. Oh nein, nicht so lange es sich vermeiden ließ. Ein schwieriges Unterfangen, wenn man es ganz genau nahm.

Sehr schwierig sogar und schließlich auch eindeutig nicht erfolgreich, nachdem sie heftig mit einem Mann zusammengestoßen war, der ihr einfach plötzlich im Weg gestanden hatte. Und sie glaubte nicht daran, dass dies an dem Apfel lag, den sie hatte mitgehen lassen von einem längst entfernten Stand. Dieser Bulle von Gestalt hatte auf einmal vor ihr aufgeragt und musterte sie aus verkniffenen kleinen Schweinsäuglein, während sie den Bogen wieder zurechtschob und kontrollierte, ob alle Pfeile beisammen waren. Ein wütendes Funkeln lag in ihrem wilden Blick, als sie ihn einen kurzen Augenblick lang begutachtete.
Danach erst hatte sie, den Pranken des Kerls entfliehend, einen Weg um ihn herum gefunden und war in die Menge eingetaucht und schließlich nach einiger Zeit an eine Gasse gelangt, vor der sich ein Brunnen befand.

Die Blicke scheu und wild umher wandern lassend, wie die eines in die Enge gedrängten Tieres. Über diese Menschenmassen und deren Köpfe, Haar, Leiber. Deren raschelnde Kleidung, matsch- und fäkalienverkrustete Stiefel. Doch der ''Bulle'' war nicht mehr zusehen gewesen. Sie musste ihm eindeutig entwischt sein. Ein triumphierendes Gefühl stieg dabei in ihr auf und sie ließ sich auf der Mauerumfriedung des Brunnens nieder, stellte den selbstgebauten Bogen und die Pfeile neben sich ab. Einen Moment lang kramte sie in ihrer Tasche, nahm den entwendeten Apfel hervor und biss genüsslich hinein, trank einen Schluck des Wassers, das sie sich mitgebracht hatte und das eindeutig nicht mehr allzu lange ausreichen würde. Während sie so da saß und diesen ganzen Wirbel um sich herum missmutig beobachtete und alle Geräusche zu einem monotonen Ton verschmolzen, unterbrochen von auf- und abbrandenen Staccatos. So hatte sie die Möglichkeit ein wenig nachzudenken, wie es nun weitergehen sollte und wo sie am Besten anfing, zu recherchieren über jene Gerüchte, die sie vernommen hatte und die sie her gelockt hatte. Nicht etwa, wegen der Opfer... Nein, wegen der Täter!
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Tagora Chryl » Mo 28. Mai 2012, 13:22

Es waren viele Arbeitssuchende in Lichthafen unterwegs. Doch nicht diese Art von Lehrer, die sich Tagora für das Mädchen wünschte. Angewidert läuft sie an einem Bogner vorbei, dessen Zähne schon am Verfaulen waren. Sein Gestank verfolgte sie bis zur nächsten Straßenecke. Genervt rieb sie sich über den Nacken und atmete tief ein. Tag täglich liefen die Schiffe im Hafen ein und entluden neue Gesichter. EINER von diesen würde doch einen brauchbaren Lehrer abgeben. Einen, bei dem sie nicht erst alle Krankheiten entfernen musste oder ihn drei Tage lang im Waschhaus einschließen sollte. Also weiter!

Sie lief am Haus des Barbiers entlang. Immerhin hatten die Leute einen gewissen Standard, die dort hinaus kamen. Die meisten schienen jedoch irgendeiner Magiekunst nachzugehen – von den einfachen Bauern einmal abgesehen. Vielleicht sollte sie bei Kalastor nachfragen, ob er kürzlich einem Bogner neue Aufträge gegeben hatte? Also schlug sie kurz entschlossen den Weg zu ihm ein. Seine Paranoia hatte kein Stück abgenommen. Es war kaum eine vernünftige Antwort aus ihm herauszubekommen, da er viel zu sehr damit beschäftigt war, aus dem Fenster zu sehen. Nach mehrmaligen Versuchen gab sie auf und ging wieder hinaus auf die Gassen Lichthafens. Vor ihr lag der Brunnen und – siehe da! – auf seinen Mauern eine Bognerin. Aus sicherer Entfernung musterte sie Ayani. Ihre Gesichtszüge waren noch sehr jungendhaft. Viel konnte sie nicht erlebt haben. Tagora wusste, dass dies rein gar nichts über ihre Bogenfertigkeiten aussagte. Also warum sollte sie es nicht probieren? Ein Fehlschlag mehr würde am heutigen Tage auch nichts ändern.

Gemächlich lief sie auf Ayani zu. „Der Eine mit den Würdigen, junge Dame!“, grüßte sie schon, obwohl noch mehrere Schritte entfernt.
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Martyra » Mo 28. Mai 2012, 14:11

Unbehelligt passiert sie Halams Schänke, wo der Biergarten von Trinkfreudigen nur so überquillt. Kaum zu fassen, wieviele Leute Gold für sowas übrig haben! Würden die mal alle bei ihr Brommbeersaft kaufen, kämen sie viel billiger weg. UND müssten noch dazu nicht auf diesen harten Holzbänken sitzen. Aber gut, jeder ist seines Glückes Schmied. Wobei sie sich allen Ernstes fragt, was ein Schmied mit Glück zu tun haben soll. Immerhin bearbeitet er Metalle. Und Glück ist nicht aus Metall? Oder vielleicht doch? Also wenn schon, dann aus feinen Metallen, sowas wie Gold und Silber. Weil sie nämlich schon gesehen hat, wie Frauenaugen glücklich aufgeleuchtet haben, wenn ihr Blick auf teures Geschmeide fällt.
Dann wäre das ja geklärt!

Zufrieden, mit ihrer Grübelei zu einem passenden Ergebnis gekommen zu sein, wandert sie an Finsterzahns Gehege entlang und lässt von hier aus den Blick wachsam umhergleiten. Wie erwähnt, immer auf der Suche nach dem Burschen mit dem ungenauen Wohnsitz. Wenn man jemanden sucht, ist die Stadt auf einmal um ein Vielfaches größer. Immerhin besteht die Möglichkeit, dass sie ihn NIE findet! Dann nämlich, wenn auch er unterwegs ist und immer gerade dort entlang läuft, wo sie selbst schon war.
Das gibt Anlass zur Sorge und sie bleibt erstmal stehen.

WEIL! Wenn sie an einem Ort bleibt und der Straßen-Bewohner läuft, muss er zwangsläufig irgendwann an ihr vorbei kommen! Sie sollte sich unbedingt mit Proviant eindecken und einen zentralen Ort aufsuchen. Um dort einfach zu warten. Genau! Also erst einmal zu Haus Nummer Fünf hinüber, damit sie sich die Taschen mit Essbarem vollstopfen kann. Entzückt von ihrer eigenen Klugheit, macht sie sich also auf den Weg über den Marktplatz, am Brunnen vorbei, nach Hause.
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Ayani » Mo 28. Mai 2012, 14:47

Ayani hatte sich gegen das Holz gelehnt, das das Brunnendach und die Winde hielt und kaute auf dem Apfel herum. Sie dachte genauestens darüber nach, kam aber zu keinem anderen Ergebnis, als sich durchfragen zu müssen. Durchfragen. Ein leichtes Glucksen konnte sie nicht vermeiden und verschluckte sich an einem Stück Apfel. Das sie nur unter einigem Husten wieder hervorwürgte. Durchfragen. Nun zumindest nicht mit ihrer Stimme. Im Stillen seuftzte sie, irgendwie erschien das alles schwieriger als gedacht, wenn nicht einfach ein Wunder geschah.

Menschen liefen an ihr vorbei, kamen gingen und verschwanden. Es interessierte sie nicht, so lange sie sie in Ruhe ließen. Eine Dame mit seltsamem Hut, veranlasste sie aber doch zu einem kleinen Schmunzeln. Was für eine Stadt! Abscheulich, stinkend, laut und angefüllt mit Irren, so erschien es ihr. Sachte schüttelte sie ihren kopf und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder dem wirklich Wichtigen zu. Wie würde sie hier nun an Informationen gelangen? Sie musste irgendwie etwas herausfinden. Es musste einfach einen Weg geben. Ob in Büchern etwas geschrieben stand? Doch woher sollte sie diese nehmen und überhaupt, konnte sie überhaupt noch lesen? Oder hatte sie dies während der langen Zeit im Wald verlernt. Lesen. Wer Lesen konnte, müsste auch schreiben können. Und auch dies hatte sie einst gelernt, als Kind. Sie überlegte, wie das mit dem Schreiben noch einmal war, suchte nach Wörtern, deren Schreibweise sie möglicherweise noch kannte...

...Ein Gruß, an wen auch immer gerichtet, ließ sie einen kleinen Moment lang aufblicken und suchend umherschauen. Eine Frau stand nicht weit von ihr entfernt und wurde nun aus wilden, ungebärdigen Augen gemustert, ehe sie sich wieder abwenden wollte, schließlich konnte sie unmöglich sie meinen. Aber Schritte, die sich ihr näherten, ließen sie abermals zu Tagora hinüber blicken, die nun wieder etwas näher getreten war. Geschwind griff sie nach Köcher, Bogen und Tasche und rutschte vom Brunnen. Tat einige Schritte in die Gasse hinein um den Abstand zwischen ihnen zu wahren. Die blassgrauen Augen funkelten scheu, rastlos und voller wilden ungebändigten Temperaments auf. Die gesamte Körperhaltung steif, angespannt und auf gewisse Art und Weise stolz, drückte Abneigung aus. Der Mund, zu einem schmalen misstrauischen Strich geworden, starrte sie Tagora feindselig an, ganz nach dem Motto: ''Verschwinde in das Loch, aus dem du gekrochen bist!''
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Tagora Chryl » Mo 28. Mai 2012, 21:27

Es kam kein Gruß zur Antwort nur eine Reaktion, die keinen Zweifel daran ließ, dass ihre Anwesenheit nicht erwünscht war. Herje, verzockenes Stück! Sie hatte ja noch nicht einmal ihr Anliegen vorgetragen. Tagora blieb vorsichtshalber stehen. Sie haderte einen Moment. Miit einem wilden Ding konnte sie eigentlich nichts anfangen, aber wenn sie nur dumm war und die Bogenkunst beherrschte würde es ihr auch Recht sein.

Sie hatte Vorkehrungen getroffen, bevor sie in die Stadt gegangen war. Nur allzu schnell waren die Halunken mit dem Messer zur Hand. Vor allem, wenn sie eine fette Beute erwarteten und das schienen sie immer, wenn ein Familienwappen die Brust ziert. Doch Tagora sah überhaupt nicht ein, wegen solcher Gründe ihre Herkunft zu verschleiern. Also musste sie sich auf andere Weise schützen. Ein Zauberspruch, der die Haut fester werden ließ, damit Pfeile und Klingen sie nicht zu schnell durchdrangen. Der Haken an der Sache war, dass die Haut danach eher einem Stein glich. Nicht sehr ansehnlich. Also beschränkte sich Tagora auf lebensschützende Stellen. Der Spruch wurde lediglich auf den Rumpf angewandt. Die Robe verdeckte diesen kleinen Schutz perfekt.

Dies war auch der Grund wieso Tagora nicht sogleich aufgab. Auch wenn die Gefahr bestand, dass das verrückte Mädchen einen Pfeil zückte und auf sie schoss. Nichts desto trotz ließ sie das junge Ding nicht aus dem Auge und verpasste dadurch doch glatt Martyra, wie sie an ihnen vorbei schlenderte. Beschwichtigend redete Tagora auf Ayani ein: „Keine Angst, Mädchen. Ich habe nur eine einfache Frage.“
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Martyra » Mo 28. Mai 2012, 22:29

Im Vorbeigehen winkt sie Edgar Gimpel-Dings zu, der in Nummer Sieben am Fenster steht und missmutig in die Gegend starrt. Wahrscheinlich grübelt er wieder verbissen darüber nach, wie er Gelder unterschlagen kann, um seine Miete zu bezahlen. Solche Probleme hat sie nicht! Denn Haus Nummer Fünf gehört ihr und ihrem Seelenlicht! Naja, jetzt wo Jessari und Faialy nicht mehr da sind und Ansprüche darauf stellen.
Angekommen, stößt sie die Tür auf und ruft in den Wohnraum:

Ich bin zuhause! Will nur schnell was zu Essen holen und Saft!

Keine Antwort, nur der Sklave guckt verschreckt aus der Klamotte. Seelenlicht anscheind unterwegs. Also macht sie sich auf den Weg zur Lagertruhe mit den Vorräten. Was sich als Spießrutenlauf darstellt, denn der Boden ist übersät von halb fertigen Kleidungsstücken und Holzspänen. Nicht zu übersehen, dass hier ein Schneider und eine Bogenbastlerin hausen.
Nichtdestotrotz erreicht sie die Kiste und stopft reichlich Brot und Käse in die tiefen Weiten der Taschen ihrer ollen Männerjacke. Eine Flasche Brommbeersaft dazu, fertig!

Ich bin dann wieder weg!

Lässt sie den Sklaven lautstark wissen und schiebt dabei den komischen Hut gerade. Gekonnt stiefelt sie durch das Chaos zurück gen Tür und wirft diese lautstark ins Schloss, nachdem sie draußen ist.
So! Sie sieht sich um. Wo wartet man am Besten auf einen, der durch die Straßen der Stadt wandert? Na klar! Auf dem Markt am Brunnen! Da MUSS er einfach vorbei. Also zögert sie nicht lange und macht sich auf den Weg. Vorbei an Gimpel-Dingsens Haus, winken und weiter.

Aha! Am Brunnen tut sich etwas! Das stellt sie fest, kaum dass sie in Sichtweite gelangt. Zu dumm aber auch, dass ausgerechnet die nette-unnette Frau dort steht. Und sie hat ein Mädchen ins Auge gefasst. Bestimmt will sie die Ärmste in einen Keller sperren oder so. Also nähert sie sich, so schnell ihre Riesenstiefel sie tragen und bleibt in einigem Sicherheitsabstand erst einmal stehen.

Die Einen und die Würdigen. Und die Anderen auch. Vendui!

Betet sie einen Gruß herunter und lässt dabei wachsam die braunen Augen wandern.
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Ayani » Di 29. Mai 2012, 17:15

Scharf lag der Blick auf Tagora. Der Körper angespannt auch wenn sie keinen der Pfeile auf sie richtete, sondern diese im Köcher beließ. Nein, stattdessen ruhte der Blick auf ihr, rastlos und zugleich auf gewisse Art und Weise berechnend. Sie vertraute ihr nicht, niemandem hier. Aber das hieß nicht, dass nicht doch eine winzige Möglichkeit bestand, aus der Fremden etwas herauszulocken, was SIE wissen wollte. So kam es, dass sie stehen blieb und verharrte. Die Augen funkelten weiterhin bedrohlich, wollten sich Tagora alleine schon mit bösen Blicken in soweit vom Halse halten, dass diese den jetzigen Abstand einhielt.

Erst daraufhin schob sie das Kinn etwas nach vorne, richtete sich zur vollen Größe auf und nickte ihr auffordernd, beinahe huldvoll, zu, zu fragen. Und danach würde sie fragen, um endlich etwas heraus zu finden, denn einen Anfang wollte sie schließlich zumindestens erreichen. Abwartend musterte Ayani sie, entschlossen den Plan in die Tat umzusetzen und sich nicht von irgendeiner dahergelaufenen Frau unterkriegen zu lassen. Sicherlich würde sie das nicht tun.
Fest griff die eine freie Hand um das Holz des Bogens, keine Drohung, eher eine Mahnung an sich selbst, die Tagora nicht unbedingt verstehen musste. Die schmal zusammen gepressten Lippen blieben.

Schließlich wurde ihr Blick einen Moment lang von der komischen Frau in dem noch ungewöhnlicheren Aufzug abgelenkt. Auch jene trat hinzu und wurde mit der selben Abneigung im Blick begrüßt, wie bereits Tagora. Nebenbei kramte sie mit ihrer freien Hand in der Tasche, um den weichen Stein herauszukramen. Denn eine Frage bedurfte schließlich höchstwahrscheinlich einer Antwort und die war schließlich weniger einfach zu geben, als es auf den ersten Blick anmutete. Der weiche Stein funktionierte in diesem Fall wie Kreide, wenn man damit auf härterem Stein schrieb und hatte dadurch den gewünschten Effekt. Ob ihre Schrift allerdings leserlich sein würde, war wiederum eine andere Angelegenheit.

Doch nun war es an der Zeit, beide genau im Auge zu behalten und sie notfalls auf Abstand zu halten, sodass sich die bereits angespannten Muskeln beinahe deutlich sichtbar noch etwas mehr anspannten, bereit sich jeder Zeit zur Wehr zu setzen oder durch die Gasse hinter ihr zu flüchten.
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Tagora Chryl » Do 31. Mai 2012, 11:58

Als die Worte dieses verdrehten Grußes an ihr Ohr traten, seufzte sie leise. Dieses Mädchen hatte einen Hang dazu, unpassend zu erscheinen. Doch sie durfte sie nicht vertreiben. Tagora rang sich ein Lächeln ab, eh sie sich umdrehte und Martyra begrüßte: „Der Eine mit den Würdigen, Martyra. Der Eine scheint einen geheimen Plan zu haben, da er unsere Wege sich immer wieder kreuzen lässt.“ Die Weichen waren gelegt. Ihr Blick wechselte von Martyra und Ayani und sie überlegte, welche von beiden wohl das geringere Übel war. Ihr erste Wahl wären beide nicht gewesen. Ein stattlicher ehrenvoller Bogner wohl eher, doch diese schienen ausgestorben zu sein.

Da sie sich nicht entscheiden konnte, ohne mehr von der Stummen zu wissen, stellte sie ihre Frage: „Ich wollte wissen, wie gut ihr damit umgehen könnt.“ Mit der Hand deutete sie auf den Bogen um Ayanis Schulter.
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Ayani » Mi 6. Jun 2012, 19:13

Ihre grauen Augen wanderten finster von einer Frau zur Anderen. Eine Bognerin, wie sie, etwas, das ihr zumindest ein paar winzige Pluspunkte einbrachte. Aber da jene sich nicht weiter äußerte richtete sich die Aufmerksamkeit nahezu vollständig auf Tagora. Finster, misstrauisch und eindeutig nicht gerade begeistert darüber, dass diese es auch nur gewagt hatte, sie anzusprechen. Ayani war felsenfest der Meinung, dass dies hier nur vergeudete Zeit war, die sie anderweitig weit besser nutzen könnte. Aber gut. Nocheinmal ließ sie den Blick an Tagora entlang gleiten, prägte sich jedes Detail genau ein. Ihre Kleidung, das seltsame Wappen, ihr restliches Äußeres ebenso wie ihr Gebaren.

Kurz blickte sie auf Tagoras Frage hin zu ihrem Bogen hinunter. Zog einen der Pfeile aus dem Köcher und zielte auf einen Obststand gut zehn Schritt hinter Tagora. Im Moment war es genau an besagtem Obststand interessanter Weise relativ ruhig, einige Menschen zwar, aber der grobe Leinensack mit Äpfeln war frei zugänglich. Aufmerksam zielte sie, knapp an Tagoras Ohr vorbei auf den Apfelsack und ließ los. Der Pfeil, sollte er nicht von Tagora abgelenkt werden, würde sich anschließend in besagten Sack mit Äpfeln boren, zwei aufspießen und ein paar zum Kullern auf das Pflaster bringen.

Ein grimmiges Lächeln huschte über ihr Gesicht bei dem Anblick des zornigen Händlers, der nach dem Schützen Ausschau halten würde und sich dann ersteinmal daran machen sollte, seine Ware wieder aufzusammeln. Den Pfeil würde sie sich später unauffällig wieder mitnehmen, sollte sie noch an ihn heran kommen. Ansonsten... Würde sie sich wohl einen Neuen anfertigen müssen. Was wiederum hieß, dass dies kein besonders kluger Schachzug von ihr gewesen war, denn es kostete einiges an Arbeit diese Pfeile herzustellen. Doch sich nachsagen lassen, sie könne mit dieser Waffe, die ihren Lebensunterhalt sicherte, nicht umgehen - Niemals.

Ihr Blick richtete sich wieder finster auf Tagora. Das müsste schließlich als Antwort vollkommen ausreichen, auch wenn sie nicht recht begriff, warum diese sich überhaupt dafür interessierte.
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Re: Das Ende einer Idylle

Beitragvon Tagora Chryl » Di 19. Jun 2012, 10:47

Tagora hielt den Blick des jungen Görs stand. Dafür hatte sie zu viel erlebt, um sich von einem Pfeil, der auf sie gerichtet war, aus der Ruhe bringen zu lassen. Ein Teil der Kraft konnten ihre Zauber abfangen und für den Rest…nun ja, schließlich war sie eine Heilerin.

So wartete sie ab. Als der Pfeil an ihr vorüber flog, hatte sie für den Moment der Konzentration die Luft angehalten. Langsam drehte sie den Kopf, um zu sehen, ob er sein Ziel gefunden oder ob das Mädchen sie einfach nur verfehlt hatte. Die Äpfel rollten in sämtliche Richtungen, wodurch das aufsammeln nicht gerade erleichtert wurde. Beinah gleichgültig wand sie sich wieder Ayani zu. „Ganz passabel.“ Ihre Kunst schien sie zu beherrschen, aber mit den Manieren war es nicht gerade gut bestellt. Vielleicht also doch das komische Mädchen? „Ich suche einen Lehrer für mein Mündel.“, gab sie preis, während ihr Blick zwischen Ayani und Martyra hin und her huschte, um die Reaktion darauf einzufangen.
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