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Die dunkle Prophezeiung

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Gesichtsloser Erzaehler
Dorfältester / Dorfälteste
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#1726

Beitrag von Gesichtsloser Erzaehler »

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Flynt fühlte bei Etohs Worten einen dicken Kloß in seinem Hals. "Ich habe das Gefühl, dass du mich gerade ebenso brauchen kannst." Er hatte nicht damit gerechnet, dass er sowas hören würde, was alles um ihn herum gerade nicht besser machte.

War seine Flucht von daheim damals vielleicht zu voreilig geworden, als sein Zweifel zu groß wurden? Hätte er nochmal nach Rat suchen sollen? Aber wo? Niemand wollte ihm zuhören. In einem, so wie er dachte, unbeobachteten Moment richtete er seinen Blick nach oben gen der Tempeldecke und warf dieser einen fast vorwurfsvollen Blick zu. Auch Artherk hatte ihn nicht gehört, dabei waren seine Gebete laut gewesen. 
 
"Die Schatten sind Orte, an denen man sich am besten vor allen verstecken kann..." Verstohlen blinzelte er eine Träne weg. Er wollte eigentlich gar nicht so viel über sich und alles sprechen, aber hier, in diesen Hallen des Glaubens, neben dem Priester, bröckelte seine Hülle und er konnte es nicht aufhalten. 
 
"Wenn Artherk wirklich jeden sieht.. wie kann er dann zulassen, dass manche Leute so… allein bleiben? Wenn er doch jeden Weg kennt, auch meinen, warum sagt er einem nicht einfach, wohin man gehen soll? Warum ist es jedesmal so still, wenn man seine Stimme am meisten bräuchte?" Flynt wartete nicht auf eine Antwort, dafür drängten seine Fragen zu sehr danach, gestellt zu werden. "Und wenn jemand wie ich etwas Falsches tut, aber nicht, weil er böse sein will, sondern weil er keine andere Wahl hat, zählt das für Artherk dann genauso wie eine Sünde?"

Der Junge hielt sich immer noch verkrampft an der Vorderbank fest, während seine Gedanken umher taumelten und er irgendwie versuchte, in dem Tumult in seinem Kopf Halt zu finden. Erst jetzt bemerkte er, dass er das Buch, dass ihm gerade noch so viel Sicherheit gegeben hatte, neben Etoh liegen hatte lassen. Aber er wollte sich nicht nochmal hinsetzen und danach greifen, zu groß war seine Angst, sich selbst nicht mehr standhalten zu können.

Stattdessen konzentrierte er sich auf die Stille der Kirche, die sich weich und warm um ihn legte wie ein schützender Mantel, während das hohe Gewölbe der heiligen Stätte ihm ein Gefühl gab, als würde Artherks Hand sich über sie alle erstrecken. 
"Habt Ihr denn nie gezweifelt?" Um nicht zu dem Pater sehen zu müssen, betrachtete er die unterschiedlichen Szenen, die in dem Buntglas der Fenster dargestellt wurden, durch die das fahle Mondlicht fiel. Der Kampf gegen das ewige Chaos, der Schutz der Schwachen, die Heiligen und die Toten. "An Gott und an Euch?" 
 
Sein Blick wanderte weiter über den Altar, an dem frische Kerzen brannten, die einen wohligen Geruch von Wachs in der Kirche verbreiteten, der sich mit dem duftenden Räucherwerk vermischte. "Oder wird man als Priester so geboren, dass man über jeden Zweifel erhaben ist und gleich, was passiert, an Gott und die Rechtschaffenheit des Glaubens glaubt?"

Erschöpft atmete er aus, als hätten ihm diese Fragen gerade sämtliche Kraft geraubt. Seine Gedanken wirkten ziemlich erwachsen für einen Burschen seines Alters. Aber die Straße formte jedes Kind sehr schnell und noch dazu war Flynt schon früh eng mit der Kirche und den theologischen Fragen gewesen. 
 
Er senkte langsam den Kopf und schaute dann aus seinen Augenwinkeln doch hinüber zu dem Priester, dessen Berührung ihn vollkommen unvorbereitet getroffen hatte. "Einer wie Balork bin ich aber nicht! Ich bin kein Verräter meines Gottes und meines Glaubens. Und töten würd' ich auch nicht!" 
 
Davon war und blieb er überzeugt. Auch wenn der Fuchs das irgendwann von ihm fordern sollte, niemals würde er einem Menschen das Leben nehmen. Das ging zu weit. Aber er wusste, dass es einige in der Diebesgilde gab, die nicht so zurückhaltend waren und es mit der Moral nicht so genau nahmen, auch dann nicht, wenn es um die Leute aus den eigenen Reihen ging.

Eigentlich wollte er sich noch weiter rechtfertigen, erkannte aber von allein, dass er das nur tat, um zu überspielen, wie sehr ihn der Kuss Etohs berührt hatte.
"Ihr sagt und tut das alles nicht, um mich festzuhalten, nicht wahr?"
Seine Stimme war zu einem leisen Murmeln geworden und er suchte doch nochmal scheu den Blick des Priesters. "Das ist eigentlich das Schlimmste. Ihr meint es wirklich so."

Flynt verstand aber nicht, warum das so war, denn es war doch viel leichter, jemanden zurückzulassen, anstatt ihn zu halten. Und obwohl der Junge weiterhin davon überzeugt war, jetzt zu den Dieben zu gehören und nicht mehr in diese Welt, in der er sich bisher bewegt hatte, blieb er weiterhin stehen. 
 
Schnell, bevor sein Gesicht irgendetwas Verräterisches zeigen konnte, wandte er sich ab und besah die Malereien, die an den Wänden der Kirche angebracht waren. An einem blieb er hängen und schluckte schwer. Es zeigte einen jungen Priester, kniend, die Hände offen, als würde er um Vergebung bitten. Auch die Berufenen Artherks baten also um Vergebung… 
 
"Vielleicht…Vielleicht probier ich's mit der Sonntagsstunde." Flynts Stimme zitterte. Nicht nur, weil er immer noch Angst davor hatte, ob Artherk es dulden würde, ihn dort zu sehen, sondern auch, weil es bei den Dieben bestimmt nicht gern gesehen wurde, wenn er wieder alte Gewohnheiten aufnahm. Aber jetzt gerade, in der Vertrautheit und dem Schutz, dem diese Mauern ihm gewährten, fühlte es sich richtig an. 

  
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Stellan
Schmied / Schmiedin
Beiträge: 68
Registriert: Mo 5. Dez 2022, 16:26

#1727

Beitrag von Stellan »

Er schmunzelte ein wenig. Nur das kurze Zucken von Mundwinkeln und des Augenlides, einen Moment erinnert an die eigenen Fragen. Die Fragen die so bohrend waren und doch nie zur Gänze beantwortet werden konnten. Wozu gab es diese Gaben, wenn man sie nicht verändern konnte. Er sah sich einen Moment in dem Raum um. Dann griff er nach einer Schale die dort leer stand und stellte hielt sie Asja hin. "Das... ist das Schicksal." Meinte er dann. "Es gibt kein Entrinnen. Es gibt diesen Rahmen der dich bindet." Er fuhr mit dem Finger an dem Rand entlang. "Da drin.. bis du so klein und nicht mit dem Auge sichtbar. In diesem Rahmen, kannst du Entscheidungen treffen. Du kannst nicht ändern wie du geboren wirst, oder als was. Du kannst nicht ändern wem du als Kind ausgeliefert bist. Du kannst nicht ändern das die Nacht dem Tag folgt. Diesen Schicksalsrahmen kannst du nicht verändern. Aber.. " Er deutete auf die Schale und die Maserungen im Holz. "Innerhalb dieses Rahmens, gibt es Millionen von Wegen. Die sich verzweigen und verschachteln. Manche Wege werden beschritten um dem Schicksal zu entkommen. Und es ist egal welchen Weg du hier wählst, sobald du den Rand erreichst, wird sich dein Schicksal erfüllen,egal welche Wege du gingst." Er wiegte den Kopf. "Trotzdem ist diese Reise wichtig. Auch wenn sie sinnlos erscheinen mag, wenn doch alles Bestimmt ist und nicht umgangen werden kann."

"Wir alle sind Teil davon, dass die Welt eine Art Urgedächtnis in sich trägt. Jedes Leben das gelebt wird mit seinen Entscheidungen innerhalb des Schicksalsrahmens geht in das Gedächtnis der Ahnen ein. So entsteht entwicklung und selbst wenn wir nicht mehr am Leben sind, wird jedes Erlebte von uns, die nachfolgenden Generationen beeinflussen. Also verdiene ich was mir passiert ist. Mh, vermutlich ja. Ich habe es provoziert und ich habe so entschieden. Möglicherweise hätte es einen Weg gegeben der mein Bein nicht verletzt. Aber diese Entscheidung habe ich nicht gefällt." Da konnte einem Schwindlig von werden. Die Rede von Schicksal und Bestimmung. Alles war irgendwie 'geplant' und doch nicht. "Die Menschen denken zu klein Asja. Sie denken von ihrem Leben und was sie erreichen können in diesem Leben. Doch das wahre erreichen zeigt sich erst später und größer. Schicksale der Welten, des Kosmos, der Universen. Göttliche Schicksale. Fern von dem Entscheidungen innerhalb eines Rahmens, den wir nicht ändern können. Doch die Saat die heute gelegt wird, wird Einfluss auf das kommende und so wächst es.. breitet sich aus, ein Drang nach Fortpflanzung, ein Drang nach Entwicklung, Ausbreitung. Warum also können manche sehen? Mh.. um zu helfen Entscheidungen zu treffen, die vielleicht kein Bein fordern oder ein Auge. Der Weg .. ist wie ein Wurzelgeflecht und das Ziel steht fest, aber nicht das Wirken dorthin. Zeit ist ein unbedeutender Faktum, eine Unendlichkeit kann eine Sekunde sein, für die Mächte des Kosmos und des göttlichen großen ganzen. Selbst die Götter werden kleiner gegenüber der Kräfte jenseits unserer Vorstellungskraft. Wir nehmen nur einen Funken davon wahr." Und doch, mancher vermag mehr zu sehen. Erschafft selbst Welten in der Wesen leben. Eigenen Schicksale eng verknüpft. Doch selbst Naheniel hatte noch lange nicht begriffen wie groß und riesig, wie stark und mächtig diese Pfade waren auf denen sie alle Schritten. 

Er nickte bestätigend. "Natürlich sucht man sich das nicht aus. Wieso auch. Wir sind auf der Welt um das Urgedächtnis zu speisen, jeder mit seiner Erinnerung und seinen Erfahrungen. Man muss den Weg gehen, egal wie oft er sich zweigt. Bis zum Ende und deiner ist nun mal nicht gewöhnlich. Natürlich kann man sich die Frage stellen, wieso ich.. wieso nicht jemand anderes. Nun ja, sieh es wie losen, irgendwen trifft es immer. Die Willkür des Schicksals ist das einzige was wahrhaftig unberechenbar ist. Ob nun .. du oder deine Nachbarin oder dein Hund, es ist völlig egal, aber es ist nun mal wahr." Er sieht sie mit dem kühlen Blick an. 

"Die Welt wird sterben und das ist unumstößlich. Doch wo etwas stirbt, wird auch etwas geboren und wenn wir aufhören in unserer kleinen Existenz zu denken, dann verstehen wir das Große kosmische und göttliche Spiel." Das klang als wäre es eine riesige Sache und war es vermutlich auch. Es gibt um Göttersterben und Geburt, es ging um Untergang und Neuordnung, es war beängstigend sicherlich. Für eine junge unscheinbare Magd alle mal. "Ich habe gesehen wo das Schicksal geboren wird und ich habe gesehen wie man den Rahmen bricht." Mit dem Worten ließ er die Schale fallen. "Und das .. ändert das gesamte kosmische göttliche Gefüge." War das gut oder schlecht? Es klang auf jedenfall ziemlich utopisch. Vielleicht war er schlicht verrückt? Was passiert wenn man keinen Rahmen mehr hatte. Wenn es keinen Orientierungspunkt mehr für das Urgedächtnis gab. Wenn der Kreislauf einfach stoppt, weil jeder sich über den Rahmen hinaus bewegt und entwickeln kann.
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Das Chaos wird entbrennen und aus diesem die ewige Dunkelheit geboren.
Und dann, wenn das Heer des Meisters sich erhebt, wird niemand ihm noch widerstehen können.
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Adrian
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#1728

Beitrag von Adrian »

Wie lange war es her, dass er hier gewesen war? Mindestens ein Jahrzehnt. Musternd fuhren seine Augen durch den Raum. Nichts hatte sich verändert. Selbst der Wein stand noch auf dem Tisch. Die Flasche war vom Staub getrübt und die Flüssigkeit verdunstet, aber es war, als könnte er noch immer ihr Flüstern an diesem Abend hören. Die Panik in ihren Worten, die eigentlich Freude hätten auslösen sollen.
 
 
„Ich bekomme ein Kind, Adrian.“
    
Ein Wispern, das allgegenwärtig an diesem Ort schien und von allen Seiten an sein Ohr drang, als stünde sie noch hier.
Ein Echo, dessen Ursprung alles verändert hatte und bis heute nicht verblasst war.
Irritiert schloss Adrian die Augen. Ihm war bewusst, dass er zu weit gegangen war mit seiner Magie, doch er durfte nicht die Beherrschung verlieren, selbst nicht hier, wo die Erinnerungen ihn nahezu überall einholten, als wären sie hier eingeschlossen.
  

  
„Wenn er von dem Kind erfährt, wird er es töten.“ Ihre Stimme war von nackter Verzweiflung durchtränkt gewesen.
Alyssa hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Ihre Finger hatten gezittert. Unsicher und unruhig, während ihre heißen Tränen zwischen ihnen hindurchgelaufen und auf den Boden getropft waren.
   

   
Mit einem Lidschlag sah er auf dem Boden, als würde er dort die feuchten Spuren erwarten. Doch es war nur eine Erinnerung.
 
„Ich bekomme ein Kind, Adrian.“
 

    
Beruhigend hatte er ganz nah sie an sich gezogen und ihren Kopf sanft an seine Brust gedrückt, während sie sich nach Halt suchend an ihn geklammert hatte und er das Ausmaß ihrer Angst spüren konnte. Ihren Herzschlag, das Schluchzen und Zittern, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt hatten. „Bring mich nach Hause.“

Schweigend hatte er über ihren Hinterkopf gestrichen, um sie zu trösten. Nichts hätte er lieber getan, aber ihnen beiden war bewusst, dass er es nicht konnte. Ganz gleich, was sie versucht hatten, auf irgendeine Weise hatte Naheniel sie mit seiner Welt verbunden. Irgendetwas hielt sie fest und womöglich auch das ungeborene Kind.
„Naheniel wird weder dem Kind noch dir etwas tun …“ hatte er geflüstert. Worte, die sie beschwichtigen und ihr nicht nur die Furcht nehmen, sondern ein Versprechen sein sollten.
Adrian hatte nach einem Weg gesucht – und einen gefunden. Einen, der das Leben des Kindes mit dem von Naheniel verband. Doch Magie hatte einen Preis und Konsequenzen. Ein Leben für ein Leben.
 
   

  
„Ich bekomme ein Kind, Adrian.“
   

Seine Lider hoben sich, und sein Blick fiel auf den morschen Schaukelstuhl an der Feuerstelle. Der Schaukelstuhl. Das leise Knarren. Dort hatte sie eines Nachts gesessen und zärtlich über ihren gewölbten Bauch gestreichelt. Liebevoll und zärtlich und doch war es von einer unentrinnbaren Schwere gewesen.
 

   
        
„Ich werde nicht da sein können. Auch wenn er stur ist und nach einem anderen Weg sucht, es gibt nur diesen. Nur du kannst leben oder ich.“
Ihre dunklen Locken hatten sich bei jeder Bewegung gehoben, während das Feuer im Kamin ihre Haut golden angestrahlt hatte und sie nur leise zu sich selbst flüsterte, in dem Glauben war, dass er schlief.

„Aber hab keine Angst, du wirst nicht allein sein. Ich habe es gesehen. Du wirst geboren, um für den Untergang zu kämpfen.
Du wirst lieben, um Hass fühlen zu können. Du wirst kämpfen und versagen und vertrauen, um aus den Lügen heraus stärker zu werden.
Eine große Verantwortung, aber du trägst nicht nur die Macht sondern auch die Stärke zweier Welten in dir. Vergiss das nie, mein kleines Licht.“


Noch heute wusste er nicht, ob es ein Traum war oder nicht. Ihre Finger hatten kleine, langsame Kreise gezogen, während ein Schimmern die Luft erfüllte.
Ein Licht, das ihren Bauch erhellt hatte, sodass er für einen Herzschlag die Silhouette des Babys hatte sehen können.
Ein Schimmern, umgeben von Schatten, die sich miteinander vereinten, während Alyssas Finger in ruhigen Bahnen über ihren Leib fuhr.


„Liebe wandelt sich. Deine Freunde werden zu Feinden werden, doch du bist die Schöpfung zweier Welten.
Du bist ihr Schicksal und meine Erlösung.
Das ist ganz schön viel, nicht wahr? Aber so ist das mit der Bestimmung. Doch du musst dich nicht fürchten.
Du wirst leben und er wird dir von mir erzählen. Er wird bei dir sein und wird auf dich aufpassen – und du auf ihn.“
   

   
Die Dunkelheit floss aus seinen Poren, schwer und kalt, mit einem tiefen, kaum hörbaren Summen, das in den Knochen vibrierte, während die Bilder ihn heimsuchten wie ein Tagtraum, der sich in einen Albtraum verwandelte. Er hätte es damals ahnen müssen.
   

  
Längst verklungene Schreie hallten in ihm nach.
„Das Kind hat sich gedreht, Milord. Ich werde nicht beide retten können. Ihr müsst nun entscheiden.“ 
 

 
Alyssa hatte recht behalten – und er hatte schweigend zugesehen, wie sie sich geopfert hatte für das Kind. Der Dolch in seiner Hand, ihr offener Bauch, das Blut. Bilder, die wie Blitze vor seinen Augen aufflammten, um zu schwinden,doch ihre Wirkung blieb wie ein Brandmal in seiner Seele, auch wenn er nur getan hatte, was er tun musste. Doch spürte er, wie es etwas in ihm auslöste. Eine Wut, die er kaum kontrollieren konnte.
  

   
Das schmerzhaft verzogene Gesicht Alyssas flammte vor seinen Augen auf. Er konnte es sehen, die Tränen, der Schweiß, die Kraft, die sie verließ.
„Nur eine kann überleben, Adrian. Sie ist alles, was bleibt. Bring sie weg von hier, nach Hause. Beschütze sie, koste es was es wolle, aber vergiss nie, du darfst ihn nicht töten. Schwöre es …“
   

   
Adrian spürte, wie seine Finger sich in die Tischkante gruben. Seine Knöchel traten weiß hervor. Die Schatten im Raum antworteten sofort – sie zogen sich zusammen, verdichteten sich, krochen die Wände hoch wie schwarze Adern, die sich ausbreiteten. Sie waren nicht mehr ruhig. Sie zitterten. Sie zuckten. Sie atmeten mit ihm. Die Dunkelheit war kein Werkzeug mehr. Sie war sein Herzschlag. Sein Atem. Sein Schmerz, ehe er mit der Faust auf den Tisch schlug.

Es war seine Aufgabe, Freya zu schützen, egal, was der Preis dafür war. Aus diesem Grund allein hatte er Tanuris Opfer nicht annehmen können. Nein, sie durfte nicht sterben. Es war allein sein Versagen.
Ogrimar ließ es ihn spüren. Die Strafe, den Schmerz, der mittlerweile unablässig in seinen Adern brannte, nachdem er Tanuri beinahe zweimal verloren hatte.  

Als er die Lider hob, sah Adrian auf die Kerzenflamme. Das Blau war fort. Nur noch schwarze Leere. Naheniel wusste es jetzt. Er wusste nicht nur, was sie war, sondern auch wer, während Freya ausgerechnet an dem letzten Ort war, an dem sie hätte sein sollen.

Spiegel, Wahnsinn. Hatte er wirklich geglaubt, dass sie hier wäre? Nur eine konnte leben, um die andere zu beschützen. Nein. Sie war tot. Dennoch hatte Freya etwas gesehen. Nur was?
Er hob die Hand. Langsam. Kontrolliert. Freyas Ring schoss aus seiner Tasche, drehte sich einmal in der Luft und ehe er bewegungslos vor ihm schwebte.

Nun gab es keinen Grund mehr, sich zurückzuhalten, kein Verbergen in den Schatten. Keine Spiele mehr. Naheniel würde keine Gnade im Tod finden. Nein – Adrian hatte das Schicksal für seinen einstigen Freund bereits vor Augen: ein langsames, grausames Aufzehren, das Naheniel selbst bestimmt hatte. Doch zuerst musste er Freya finden.

Seine Finger schlossen sich um das zierliche Metall. So fest, dass es sich in seine Haut schnitt und ein einzelner Tropfen Blut hervorquoll.

Die Schatten reagierten sofort.  Jeder hinterließ Spuren, auch Freya und sie war sein Blut. Sie zogen sich zusammen, wurden schwerer, dichter, als hätten sie den Geruch erkannt. Sie flossen aus den Ecken, aus den Ritzen, aus dem Boden selbst. Ein leises, schmatzendes Geräusch, als sie sich über das Parkett zogen. Schwerelos stiegen sie empor, kühl an seiner Haut schlangen sich um seine Arme, seine Schultern, seinen Hals. Sie waren nicht mehr nur Schatten. Sie waren lebendig. Sie waren zornig. Sie waren er.


„Führe mich zu ihr.“ Ein klarer Befehl und die Dunkelheit antwortete. Ein summendes Geräusch, unter dem der Ring sich zunächst langsam, aber immer schneller werdend zu drehen begann, ehe die Schatten sich tanzend darum sammelten, um dem Ruf zu folgen. Sie zirkulierten und webten, ehe das Portal sich öffnete. 
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✟ Oberhaupt der Familie Al Saher ❖ Gemahl der PriesterinTanuri Al Saher
❖ Bruder des Verlion Al Saher ❖
Gnade oder Mitleid haben noch nie einen Feind besiegt. ❖
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Landru
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#1729

Beitrag von Landru »

War es nicht oft so, dass hinter dem Begehren meistens irgendwelche anderen Gründe standen? Die wenigsten waren habgierig und wollen nur besitzen, die meisten verbinden etwas. Eine Erinnerung vielleicht oder eine Emotion. Mancher als Trophäe und wieder jemand als Gedenkstück. Kadir war ziemlich aufmerksam, aber es war dem Unhold gleich wer davon wusste und wer nicht. Es war kein Geheimnis. Seine Motive waren nie ein großes Geheimnis gewesen, außer er log bewusst um etwas zu manipulieren. Es gab für ihn keinen Grund sich zu verstecken in dem Sinne. Seine Abneigung gegen die großen Götter war bekannt und auch seine uralte Fedhe mit den großen Namen. Es hatte schon was von Routine. "Wir standen uns nahe." Das war bewusst so formuliert. Auch ein Feind konnte sehr nahe stehen, aber wieso nicht Raum für Interpretationen lassen. Jetzt blieb zu überlegen konnte man sowas wie eine Freundschaft oder eine Art Verbundenheit sich vorstellen? Bei Tanuri? Eher nicht, nicht zu ihm. Aber trotzdem war es nicht die Unwahrheit. "Uns verbindet eine lange Geschichte. Über ihr Blut hinaus zu ihren Ahnen und über jene hinweg zu deren Ahnen, ja vielleicht erzähle ich es einmal." Einen Moment schien es als wurde ihm gerade bewusst wie lange er bereits auf dieser Welt wandelte. Wie lange er schon existierte und wie viel sich in all der Zeit verändert hatte. Nicht nur die Menschen, die Namen und sogar der Clan sondern auch das Land. Alles hatte sich verändert und er hat es nicht bewusst mitbekommen. Ein nachdenkliches "Mh..." drang von den Lippen. Kurz, aber prägnant. Er dachte jedoch nicht lange darüber nach. 

Natürlich waren die Beziehungen von Klerus zu den Untoten immer etwas fragwürdig, aber nicht selten war es auch die provokative Penetranz mit der er sich in diese Reihen drängelte. Einfach weil keine Wache ihn aufhalten kann und darf solange er die Insignien trug. Sie konnten es anzweifeln, sie konnten ihn nicht willkommen hießen, aber die Schwingen so verwahrlost sie wirken mochten waren der Beweis. Aus irgendeinem Grund war er dennoch ein Seraphim Ogrimars, selbst wenn er es leugnete und belächelte. Selbst wenn er über den eigenen Gott spottete. Es war eben durchaus ein Deal. Er hatte etwas bekommen und wie ist ja egal. Götterwege waren schon kurios und so mancher mochte es als Unfair empfinden. So viel wenig Glaube und Hingabe und doch beschenkt und gesegnet. Das hatte für manchen Zündstoff gesorgt. 

Er schüttelte den Kopf. "Der Ring ist keine Trophäe und ihr Leib kalt. Das ist schade, lebendig hätte ich vielleicht darüber nachgedacht." Zumindest solange ein Funken Leben in ihr steckte. Er war einmal mit viel Überwindung und Willenkraft in die Gemächer der Legion eingedrungen, aber ein zweites Mal wird ihm das nicht gelingen. Außer jemand lud ihn ein. Das würde die Sache vereinfachen. Nur war dort im Moment nichts mehr was ihn interessierte. Tanuris Ableben hatte ziemlich viele Dinge geändert. Er war fast überzeugt gewesen das sie irgendwie doch unter einem göttlichen Schutz stehen musste. Bedauerlicherweise war sie nun fort. "Menschen, Seraphen .. Ungeheuer. Sie alle sind mehr oder weniger Monster. Aus den Augen des Opfers ist alles ein Monster." Er kannte dieses Lied zur Genüge. Diese Vorwürfe, was für ein Ungeheuer er doch sei und wie herzlos. Die Moral des einen war eben nicht zwingend die Moral eines anderen, aber sie neigten dazu ihre Moral als die einzig richtige dazustellen. 

Die Frage war berechtigt. "Die Mauern der Legion sind gut geschützt. Ich habe es einmal geschafft zu überwinden, aber sie besitzen mächtige Magie, die auch ich nicht einfach brechen kann. Die wenigsten werden mir ein.. Tritt ein, gewähren." Das wäre sicherlich das einfachste. Sicher weiß Kadir nun eine gewisse Schwäche, aber das war für ihn nicht weiter tragisch. "Ich gehe dazu davon aus, dass ihr Leichnam geschützt wird. Wir wissen ja, dass Priesterliche Leichen gerne mal verschwinden." Es wäre nicht das erste Mal. Ein breites Lächeln zeigte sich wölfisch anmutend auf dem fahlen Gesicht. "Mein Name ist Landru Vykos, Sohn des Kain und Enoia Vykos. Regent und Schützer des Clans, Brutkönig der Blutlinie der Unholde." Viele Namen, die unschönen lässt er mal weg. "Mancher hat vielleicht von mir gehört. Es ist ein alter Name und ein altes Geschlecht von denen Menschen ihren Kindern berichten, wenn sie artig sein sollen. Die große Kriege geführt haben, vor langer Zeit. Jetzt beerdigt unter dem Staub der Erinnerung." Er war nicht sicher wie alt Kadir war. Ob er manches davon gehört hatte. Aber ihm war durchaus wichtig, dass Kadir sich bewusst war mit welcher Person er sprach und einen Deal hatte. Auch wenn Landru wenig auf Titel gab, in diesem Fall wollte er das der Fuchs weiß, wem er eventuell auf die Füsse tritt. 

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Im Alptraum Tanuris
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Die Gestalt ließ sich schlagen, aber es schien als würde mit jedem Treffer die Fratze breiter lächeln und die Zähne wie eine Reihe geschliffener Spitzen vorblitzen. "Mh, nicht doch. Ich nehme dir gar nichts, ich habe vor dir was zu geben." Raunte es leise. Dieser unschöne Klang in der Stimmfarbe ließ erahnen, dass es nicht unbedingt etwas gutes war.  Der Blick verfolgte sie und ihre Bemühungen sich aus dem Ganzen ein Konstrukt zu schaffen das Sinn ergab. Seine Motive die in ihrem Geist herum schwirrten und sie peinigte. Warum immer wieder sie. War es wirklich purer Sadismus und freude an ihrem Leid oder steckte mehr dahinter. War es Langeweile? Möglich. Ihre Spekulationen treiben sie tiefer und tiefer in ihr eigenes Gedankenkarusell indem sie sich noch eigene Schicksale ausmalt, wieso Dinge passieren wie sie passieren. Sie erkennt neue Möglichkeiten wie er sie verfolgt, sie demütigt und drangsaliert. Nicht nur sie, sondern das Umfeld um sie zu treffen. Schmerz und Qual als ewiger Antrieb eines Spiels. 

"Natur-Gesetze?" Er betonte beides auf eine sehr schneidende Art. "Du hälst es also für natürlich von einem Gott wiederbelebt zu werden? Es ist also natürlich mit Schwingen gesegnet zu sein, aber durch andere Arten dem Tod zu entkommen ist widernatürlich? Warum? Wer sagt das?" Er legte den Kopf schief. "Sind dann nicht alle Seraphim egal ob schwarz oder weiß, wider der Natur?" Sie waren alle gestorben. Sie haben alle den Tod erlebt und sind von ihren Gönnern wieder erweckt worden mit den Insignien. Sie waren keine Menschen mehr. Wo war der Unterschied zu den seinen, die noch eine andere 'Wiedererweckung' erlebt haben. Ebenfalls verändert. "Nein, tust du nicht." Stimmte er zu. Das hat sie nie getan. Das war aber auch völlig irrelevant ob sie Jagd auf die seinen machte oder nicht. Für ihn hatte keine Bewandnis. Nicht mehr. 

Das Helle Licht frisst sich in die Rüstung aus Leder und Knochen. Langsam beharrlich. Das Licht das sich unter die helle Haut gräbt und dann wie ein Funken der Glut .. langsam in den Adern hinauf kroch. Ihr Licht verteilt sich Vene für Vene als würde es das schwarze verdorbene ausbrennen. Bis die weiße Haut fast ein Geflecht aus licht und Goldenen Venen zierte, bis in die Spitzen der Finger, in die Füße und in die Haare. Selbst in die Augen trat es ein. Er floh nicht. Er war ein Alptraumgestalt, eine Manifestation ihrer Ängste... eine Idee wie er sein könnte und zu besiegen war. Ein Feuer das die Adern durchbrannte, ein grollen das seine Lippen verlässt, aber er floh nicht. Ein Schrei der Stärker wurde je mehr das Licht fraß, aber er floh nicht. Flammen die begannen aus der Haut zu schlagen, doch...

...er floh nicht.

Blut quoll aus den Augenwinkeln und machte dem Lichtplatz das lodernd und brennend seine Höhlen leerte. Gleissendes Licht und aus Schwarz wurde weiß. Weiße Schwingen mit Goldenen Spitzen. Strohblondes Haar und schimmernden grünen Augen. Als hätte das Licht alles was verrottet und verdorben war einfach weg gebrannt und offen gelegt was sich ursprünglich unter dem ruhelosen Untoten verbarg. Aus einem gleißenden Ring aus Licht das sich wie als wäre einfach explodiert aus seinem Zentrum brach erhob sich eine andere Gestalt. Hell, ebenso mächtig, aber anders. Das schlangen der gewaltigen hellen Schwingen, ein Geschmeide von Gold das das Licht auf groteske schöne weiße bricht. Einzig die schwarzen Spuren von Blut die die Wangen herab gelaufen waren, zeugten von der gleichen Gestalt.
 
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"Ist es das was du dir wünscht? Meine Erlösung? Glaubst du.. du kannst das Licht zurück bringen?" Er breitete die Hände aus. Wusste sie es unbewusst? Irgendwo irgendwann? Oder spielte ihr Verstand ihr einen Streich. War es wahr? 
 
"Glaubst du ich habe Erlösung verdient?
Glaubst du wir haben....
beide...
Erlösung verdient?" 

Sie kann die Wärme fühlen die von der "Lichtgestalt" ausging. Sie kann fühlen das es ewig hergewesen sein musste. Er wirkte jung, strahlend und hoch motiviert. 
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Sohn seiner Lordschaft Kain und der Lady Enoia Vykos
"Es widerspricht meiner Moral, mich an eure zu halten!"
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Etoh
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#1730

Beitrag von Etoh »

Wenn nicht jetzt wann dann, würde es Sinn machen einen Zweifler zurück zum Licht zu führen? Der Junge war noch nicht verloren. Nicht wenn der Priester die richtigen Antworten für ihn hatte.
Wie oft hörte Etoh das es niemanden gäbe der Zuhören würde. Vor allem wurde die Schuld bei Artherk selbst gesucht. Artherk konnte sehr Wohl Antworten. Die Menschen mussten nur lernen selbst auch zuhören zu können. Dabei war es durchaus legitim über sein eigenes Leid zu Klagen. Manchmal half es um den Schatten vertreiben zu können und das Gute wieder zu finden. 
 
Gut konnte der Priester nachvollziehen wie es dem Jungen gehen mochte. Dabei erinnert er sich an seine eigene Kindheit und Jugend zurück. Er mochte in Flynts Alter gewesen sein als er bewusst sich der Kirche zuwandte und bei seinem späteren Mentor vorstellig wurde. Fast 4 Dekaden war es nun her, die ihn in diesen Moment wie Gestern erscheinen wollten. Das Gefühl nicht Vollkommen zu sein, die eigenen Ansprüche auf ein viel zu hohes Podest gehoben, dass er nach seinem Gefühl niemals hätte erreichen können. Viele Jahre hatte er selbst gebraucht um zu der Ruhe und den Erkenntnissen von heute zu gelangen. Dabei hatte Etoh in jungen Jahren seine ganz eigene Methode um mit dem Schmerz der damit einher ging umzugehen. Eine Methode die seinerzeit die Kirche dazu bemüßigte zu den sechs bestehenden Glaubensgrundsätzen eine siebte hinzuzufügen. Wie sollte er dem Jungen nun in wenigen Sätzen seine Fragen beantworten?
 
„Wer Zweifelt, setzt sich mit dem Glaube auseinander. Zweifel an und für sich ist nichts schlechtes. Es zeigt das du dich auch mit deiner eigenen Haltung beschäftigst.“ Etohs Blick folgt dem des Jungen durch das Gotteshaus. Die letzten Gläubigen sind gegangen und auch die Tempeldiener hatten sich zurück gezogen. So waren Etoh und der Junge allein in der großen Halle zurück geblieben.
 

„Ja auch ich habe noch immer, immer wieder meine Zweifel.“ lässt er ihn freimütig wissen. „Zweifel ob ich für Artherk gut genug bin um in seinem Namen sein Wort zu verkünden. Zweifel, ob mein Weg, den ich gehe, den ich für richtig halte, wirklich Gottgewollt ist.“ kurz huscht ihm ein mildes lächeln über die Lippen. Er beugt sich leicht zu Flynt vor und senkt dabei die Stimme etwas, als würde er dem Jungen ein Geheimnis anvertrauen. „Nicht alle im Klerus sind mit meinen Methoden, dem Wort Artherks gerecht zu werden, einverstanden.“
 

Etoh lehnt sich wieder zurück und spricht im ruhigen Ton weiter. „Weist du Flynt, jeder hat eine dunkle Seite in sich, es geht aber nicht darum sie los zu werden.“ besänftigend legt Etoh seine Hand an Flynts Arm. „Du musst sie akzeptieren. Dann kannst du das Licht in dir auch wieder besser sehen.“ Im Kanon der Kirche heißt es dazu auch; Je dunkler die Finsternis, um so heller das Licht. So waren sie davon Überzeugt dass man durch das Überwinden von eigenen Leid, die Akzeptanz das es durchaus Legitim war Wut, Hass, Trauer oder auch das Gefühl der Einsamkeit zu empfinden, einen stärkt um einen erfüllteren Weg der Vergebung, Selbstliebe und Zuwendung zum Leben beschreiten zu können.
 
„Wenn du daran glaubst, das die Dinge die du tust gut sind, denn brauchst du dich nicht in den Schatten verstecken. Wir stehen gerade für unsere Worte und Taten. Denn das ist es, was die wirkliche Stärke und Macht Artherks aus macht. Aufrichtigkeit.“ Vielleicht würde sich der Junge an die Stelle erinnern die er zuvor noch im Kanon gelesen hatte. Vielleicht irgendwann auch verstehen lernen. Je nachdem wie sein weiteres Leben verlaufen mochte, wofür er sich entscheiden wollte, würden eben jene Sätze ihn sein Leben lang begleiten. 
 
„Artherks Wille, den spürst du unbewusst. Sieh mal, nur dadurch das du weg gelaufen bist und Bekanntschaft mit dem Fuchs gemacht hast, bist du heute hier um mir von dem Schicksal einer vermissten Person zu berichten. Nur durch dein Zutun konnte ich Kenntnis davon bekommen. Nur durch dich ist es mir nun möglich Nachforschungen dahingehend anzustreben. Nur durch dich, werden wir etwas Unternehmen können.“ Immer wieder betonte Etoh die Worte welche den Jungen selbst ansprechen sollten. Dann legt der Priester seine Hand an Flynts Wange und sieht ihn mit einem gewissen Stolz im Ausdruck an. „Du bist ein guter Junge, Flynt. Du hast genau das richtige getan.“
 

Würde Etoh den Jungen damit nun Überzeugen können sich eher dem rechtschaffenen Leben zuzuwenden? Ob der Junge für die Diebesgilde nun ein Verlust darstellen würde, konnte Etoh nicht so recht einschätzen. Er hatte bisher zu wenig, bis gar keinen Kontakt in diese Reihen um einschätzen zu können wie Wichtig jedes einzelne Mitglied ihnen war. So fern der Junge bereits ein Mitglied dieser Vereinigung war. Vielleicht würde Etoh das früher oder später noch mit bekommen. Es mag vielleicht wie bei jeder Vereinigung sein, jedes einzelne Mitglied war im Grunde Wichtig. Somit wäre es für Etoh ein Teilerfolg im kleinen, wenn er die Diebesgilde um einen der Ihren bringt. 
 
„Wenn du noch nicht nach Hause zurück willst, dann kannst du gerne ins Jungen-Wohnheim kommen.“ Bietet er dem Jungen an.
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Heiler zum Beruf - Priester aus Berufung
"Du weißt nicht, wie schwer die Last ist, die du nicht trägst"
Asja
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#1731

Beitrag von Asja »

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Der dumpfe Aufprall der Holzschale auf den morschen Dielen hallte durch das kleine Zimmer. Es war kein lautes Geräusch, aber in der Stille dieses seit langem verlassenen Raumes wirkte es wie ein Donner, der sich direkt über ihren Köpfen entlud und sie zusammenschrecken ließ.

Die Flamme in Asjas Hand zuckte, ein kleiner, tänzelnder Lichtpunkt, der das Dunkel des Raumes auf eine gespenstische Weise erhellte, wodurch sich aber auch zusätzlich ihre von zarten Sommersprossen gesprenkelten und von der Aufregung rötlich gefärbten Wangen im Schein der Kerze aufleuchteten. 
 
"Das ändert das gesamte kosmische göttliche Gefüge." Wiederholte sie flüsternd die Worte Stellans, während sie ihre Augen fasziniert auf die Schale richtete. Der Satz des Mannes verfing sich immer mehr in ihrem Inneren und ließ eine Kälte entstehen, die sie bisher noch nicht kannte, gleich, wie frostig die Winter in der einfachen Hütte waren, in der sie mit ihrer Mutter und Großmutter lebte.

"Aber wir brauchen einen Rahmen und Grenzen. Jedes Lebewesen, ob Tier, ob Mensch muss wissen, wie weit es sich bewegen und gehen kann. Wenn dieser Rahmen zerbricht, herrscht nur ungeordnetes Chaos!" Und obwohl ihr diese Aussicht Angst einjagte, blieb die Aufregung und die Neugier über das, was er sprach, viel größer und mächtiger. 
 
Das was er sagte, es klang in einer Weise nach Wahnsinn und nach Anmaßung, gleichzeitig aber auch nach einer Wahrheit, vor der all die anderen blind waren, auch wenn sie zwei sehende Augen besaßen. Sie machte einen kleinen, unbewussten Schritt zurück, so dass der Staub auf den Dielen unter ihren ledernen Schuhen ein klein wenig aufwirbelte. Nachdenklich ließ sie die aufgekommene Stille auf sich wirken, genauso wie die Worte Stellans, bevor sie die Kerze etwas höher hielt, sodass diese unruhig tanzende Bilder auf die Dachschrägen malte, die unvorhersehbare Schatten und Lichter warfen. Unvorhersehbar, so wie es eigentlich auch das Schicksal war. Aber nicht für jene, die waren wie sie. 
 
"Wenn ich eine Prophetin bin, wer seid Ihr in diesem Geflecht aus Schicksal, Vorhersehung, Chaos, Ordnung und Spiel?" Ihre Stimme war leiser als zuvor, aber blieb fest und ohne, dass der Funken der Furcht, den sie in ihrem Inneren spürte, herauszuhören war. Die Furcht galt nicht dem Mann, sondern dem, was er ihr über das, was Kommen würde, offenbarte. 
 
Vielleicht war er einfach niemand? Ein verrückter alter Mann, der mit ein paar wohl gesetzten Worten einer Magd irgendwelche Flausen in den Kopf gesetzt hatte und schon in den nächsten Stunden alles vergaß? Ein einst großer Lord, der gefallen war und irgendetwas suchte, um seinem Leben nochmal einen Sinn zu geben, indem er einer dummen Magd irgendetwas von Schicksal erzählte? 
 
Asja richtete löste ihren Blick von den tanzenden Schatten und sah Stellan direkt an. Sie spürte den Drang, das glimmende Ende der Kerze auszupusten, die Flamme zu löschen und somit symbolisch das Reden über die Neuordnung der göttlichen Mächte, was in ihren Augen einer Gotteslästerung gleichkam, beenden. Aber sie tat es nicht. Die Neugier wog zu schwer, genauso wie diese unumstößliche Gewissheit, dass er kein verrückter, alter Mann war. 
 
"Könnt Ihr mir die Frage beantworten, was passiert, wenn die Welt stirbt und das kosmische Gefüge auseinanderbricht? Denn dann sterben nicht nur wir, sondern auch die Götter, nicht wahr?" Fragend runzelte sie ihre Stirn und plötzlich kam sie sich in diesem Zimmer schrecklich winzig und noch dazu verloren vor. Als würden sich die schützenden Mauern, die sie umgaben wie aus dem Nichts heraus auflösen und sie stünden in einem Nichts, inmitten dem Wüten des Schicksals, welches gerade die Welt und die Zukunft neu formte.

"Wir können nicht ohne Götter leben. Sie bestimmen unsere Leben, unsere Wege und unser Denken. Sie leiten und weisen und entscheiden über uns. Sind sie fort, haben die Menschen nichts, nach was sie sich richten können und Menschen ohne ein Ziel führen zu …. Chaos." Das letzte Wort war nur ein Hauch, als sie an ihm vorbei wieder zu der Schale sah, die immer noch achtlos auf dem Boden lag.

Asja ließ sich auf eines ihrer Knie herab, stellte die Kerze in ihrer Hand neben die Schale und berührte das Holz, welches auf seltsame Weise ganz warm war, obwohl es von nichts gewärmt werden konnte.
"Wollt Ihr, dass der Rahmen zerbricht?" Leicht schüttelte sie ihren Kopf, als wüsste sie die Antwort bereits. Sehen konnte sie es nicht, weder seine Gedanken, noch die Zukunft. Zumindest nicht so lange, wie sie ihn nicht berührte. Aber sie kannte die Antwort auch so.

"Natürlich wollt Ihr das. Ihr wollt ihn nicht nur zerbrechen, sondern einen neuen Rahmen entstehen lassen." Wieder ließ sie sich das, was er ihr sagte, durch den Kopf gehen. "Ihr habt gesehen, wie man den Rahmen bricht. Wenn dieser aber fort ist, wisst Ihr auch, wie ein neuer geschaffen wird?"

Vorsichtig sah sie zu ihm auf. Immer noch könnte alles geschehen, für ihre Worte, die durchaus auch als Verrat an den Göttern verurteilt werden konnten, könnte er sie sofort vor ein Gericht zerren. Oder sie hier einfach töten und dafür sogar Recht bekommen. Auch wenn immer noch dieser Teil des Misstrauens in ihr war, blieb nicht nur die Faszination, sondern auch der Drang, mehr zu erfahren, viel stärker.

"Ihr wollt wie das Schicksal einwirken, um die Welt neu zu ordnen… Aber wie?" 
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Der Fuchs
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#1732

Beitrag von Der Fuchs »

Schweigend hörte Kadir zu und behielt seine Hände locker in den Taschen, während sich in seinem Blick die Neugier aber vehement hielt. Landrus Worte und seine vage Formulierung zur Nähe der Toten trug nicht gerade dazu bei, Kadirs Interesse bezüglich der Bekanntschaft zwischen ihnen zu mindern. Im Gegenteil. "Wir standen uns nahe." Das ließ Raum für so einige Vermutungen. Hass, Feindschaft, eine verdrehte Form der Verbindung. Alles davon war möglich. Aber er verstand, dass er sich gedulden musste, wenn er mehr davon erfahren wollte. So funktionierte es nun einmal, und es war auch nicht viel anders als bei einem Diebstahl. Man lag auf der Lauer, erkundete im Stillen, wartete und beobachtete, erfuhr etwas Neues und fügte nach und nach zusammen, bis man wusste, wie der Schatz zu stehlen war. Der Unterschied lag hier nur in der Art der Ware: Hier handelte es sich nur nicht um etwas, das man anfassen konnte, sondern um Wissen.

"Eine lange Geschichte also. Alte Bindungen sind nicht immer nur schlichte Erinnerungen, die man, wenn nötig, vergessen kann. Meist sind sie Ketten, die nie ganz reißen wollen und die einen aneinander fesseln, ob man nun will oder nicht. Das macht wohl auch Euer Verlangen nach dem Ring zu etwas Tiefgründigem. Ihr folgt nicht einfach einem schlichten Impuls, nicht wahr? Sondern etwas, das weit über das hinaus reicht." 


Wieder schlossen seine Finger sich fest um die Münze, die sich kühl auf seine Haut drückte. "Euren Namen kenne ich. Wie man hört, treibt Ihr gern Euer Unwesen in der Lichthafener Taverne." Er spielte auf das an, was er einst von Halam erfahren hatte, über eine Begegnung, die in einem der Zimmer zwischen dem Vampir, einer Frau aus der Legion und einem blonden Mann stattgefunden hat, woraufhin der Raum wohl ziemlich ramponiert zurückgelassen wurde.

Es war also nicht nur die Priesterin, mit der Landru auf irgendeine Weise zu tun hatte. Ob es sich wohl irgendwann ergab, zu erfahren, wie der Vampir in diese ganzen Geschichten verstrickt war? Nachdenklich hob Kadir eine seiner Brauen in die Stirn, ließ seine Gedanken dazu jedoch unausgesprochen. Zumindest vorerst. Da auch er niemand war, der aus dem Nähkästchen plauderte, respektierte er das selbstverständlich auch bei seinem Gegenüber. Noch dazu war er kein neugieriges Waschweib. Es ging einzig und allein um Informationen, die hier und da für gutes Gold oder für seinen Vorteil verkauft werden konnten. Wäre dies nicht sein Geschäft, stünden sie heute nicht hier und wären auch nicht selten Leute aus der Legion bei ihm aufgetaucht. Noch stand er mit Landru am Anfang einer hoffentlich gegenseitig ertragreichen Geschäftsbeziehung, die ihnen beiden nützlich sein würde.


"Euer Familienname ist mir ebenfalls nicht unbekannt. Was aber nicht schwer ist, bedenkt man, welche Geschichten sich um diesen ranken. Stimmt denn alles, was man sich so erzählt? Schlächter, Menschenzerstückler, Wesen, die Kinder für ihre Rituale opfern, Kannibalen, auferstandene Tote…" Er hielt inne und gab sich genüsslich die Zeit, ein wissendes Lächeln auf seinen Lippen entstehen zu lassen. "Vampir?" Der Fuchs trat einen Schritt näher und betrachtete den Mann, der vor ihm stand und dessen Züge im fahlen Mondlicht nun umso schärfer gezeichnet wurden, etwas genauer, jedoch ohne dabei aufdringlich oder gaffend zu wirken.

"Ich für meinen Teil halte wenig von Geschichten, die man an Kinderbetten erzählt. Aber ich achte auf die Wahrheit, die hinter ihnen steckt." In seinen Augen glomm ein warmes, gerissenes Glänzen, bevor er sich von Landru wegdrehte und sich zwei oder drei Schritte in jene Richtung entfernte, aus der er zu Beginn der Begegnung gekommen war, denn schließlich hatten sie einander vorerst alles gesagt. Trotzdem blieb er aber nochmal stehen und drehte sich halb zu dem Vampir zurück.

"Mit Magie werden Barrieren gebaut. Erschaffen von Menschen, die glauben, die Kontrolle zu haben." Ein listiger Ausdruck legte sich auf sein Gesicht, als er über das Gesagte nachdachte. Es war interessant zu erfahren, dass Landru schon selbst dort gewesen war und davon nichts bekannt wurde. Normalerweise sollte auf jemanden wie ihn für ein unaufgefordertes Eindringen ein Kopfgeld ausgesetzt werden oder zumindest das Rumoren darüber sehr laut sein, da Kadir sich nicht vorstellen konnte, dass er zu Tee und Gebäck geladen wurde, um gemeinsam in der Vergangenheit, von der er sprach, zu schwelgen. Ein weiteres, wenn auch bis jetzt noch farbloses Puzzlestück, wie die Priesterin und der Vampir miteinander verbunden waren und welche Beziehung sie zueinander pflegten, wenn jener ohne Konsequenz einst die Legion betreten konnte. Irgendeinen Grund hatte es bestimmt, warum einer der Gilden Ogrimars so etwas unter den Tisch fallen ließ. Hm. 


 "Aber jede Barriere hat eine Schwachstelle. Der Schutz dort wird stark sein, aber nichts ist perfekt. Nichts." Weiterhin blieb er stehen und sah Landru unvermittelt direkt in die Augen. "Ich handle nicht blind und ich verschulde mich nicht an Göttern oder irgendwelchen Zauberern, die versprechen, eine schnelle Lösung zu bieten. Auch renne ich nicht gegen Mauern. Stattdessen suche ich Wege, Türen oder wenn nötig Schlüssel. Es wird also ein paar Tage dauern, wie Ihr gewiss versteht. Schließlich wollen wir…" Er zwinkerte herausfordernd und wandte sich wieder zum Gehen. "... keine Aufmerksamkeit erregen." 




 
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Es ist nicht wichtig, wer das Spiel beginnt, sondern wer es beendet.
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Gesichtsloser Erzaehler
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#1733

Beitrag von Gesichtsloser Erzaehler »

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Flynt spürte den Druck von Etohs Hand an seinem Arm, die dann zu einer Berührung an seiner Wange wechselte. Und plötzlich vermisste er ganz fürchterlich das Haus seiner Eltern und seinen Vater. Auch wenn dieser immer ein wenig schwierig war, gerade im Umgang mit seinem Sohn. So wie viele Väter es eben waren, die gewisse Erwartungen hegten.

Er seufzte leise und sah aus den Augenwinkeln zu Etoh. Es war ungewohnt, aber nicht unangenehm, dass jemand ihn so ansah, wie der Priester es tat. Nicht als Störenfried, nicht als Last, sondern als jemand, der tatsächlich Bedeutung hatte. Es war nicht so, dass Flynt jemals danach gestrebt hatte, in irgendeiner Weise wichtig zu sein oder auf besondere Art in Erscheinung zu treten.

Trotzdem tat es nun aber gut, für einen Moment, und mochte er auch noch so winzig sein und mit großer Wahrscheinlichkeit vergehen, sobald er die Kirche verließ, das Gefühl zu haben, nicht nur irgendeiner unter den vielen zu sein, die Rat bei dem Prediger suchten. Sein Atem ging etwas langsamer, als er wieder zu dem Altar sah und dort die weißen Kerzen beobachtete, die sich von einer goldenen Flamme nährten. Ein Farbenspiel, wie die Schwingen Artherks, musste er für sich feststellen.


"Ich weiß nicht, ob ich ein guter Junge bin." Sprach er dann doch endlich in die Stille des Kirchenschiffs hinein, welches nun nur noch Etoh und ihm gehörte. "Ich weiß nur, dass ich.. nicht immer weiß, was richtig ist."

Unsicher biss er sich auf seine Unterlippe, suchte nach den Worten, die das ausdrückten, was ihm auf seiner Seele lag. Es war bestimmt dumm, was er von sich dachte und bisher hatte er auch niemandem davon erzählt. Aber hier, an diesem heiligen Ort, zu dieser leisen Stunde, schien es ihm irgendwie richtig. Und wenn Artherk direkt, hier und jetzt und auf der Stelle über ihn richten würde, so wäre zumindest ein Priester direkt hier, um ihm ein letztes Gebet zu schenken. "Ihr sagt, jeder hat eine dunkle Seite. Vielleicht stimmt das. Aber manchmal fühlt es sich an, als würde die Dunkelheit in mir schon immer da sein. Nicht wie etwas, das ich akzeptieren könnte. Eher wie etwas, das mich antreibt, bevor ich merke, was ich tue."

Eine Weile schwieg er wieder und überraschenderweise war die Stille nicht drückend, sondern hatte etwas Warmes, etwas Heilendes an sich. "Ich bin weggelaufen, weil ich es musste. Weil es einfacher war, als zu bleiben." Flynt schluckte schwer, als er an den Abend dachte, als er einige seiner Habseligkeiten gepackt hatte und aus dem Fenster seines Kinderzimmers geklettert war. Auf seinem Tisch hatte er eine schnell gekritzelte Nachricht zurückgelassen: "Sucht mich nicht." Das war alles. War er gesucht worden?

Betreten senkte er seinen Blick, starrte auf seine für ihn auf einen Schlag so kindlich wirkenden Hände und ballte diese zu Fäusten, als könne er sie so vor sich selbst verstecken.
"Manchmal klingt es, als würde Artherk alles lenken. Warum aber fühlt es sich dann oft so an, als würde er nichts tun? Als würde er nichts sagen? Wenn er will, dass wir gerade stehen für unsere Taten… warum lässt er uns dann überhaupt Dinge tun, die schlecht sind? Warum lässt er zu, dass wir verloren gehen?" Damit meinte er vor allem sich, denn in einem Alter, wie der Junge es war, dreht sich nun mal die Welt vor allem um einen selbst. Aber er hatte es nicht vergessen, das, was der Fuchs ihm sagte und was er Etoh berichten musste. Ein verlorenes Lämmlein, irgendwo. Wahrscheinlich eingesperrt, einsam und verängstigt. Das Lämmlein, wer auch immer es war, musste gerettet werden, genauso wie man versuchte, ihn noch zu retten.

"Was, wenn ich weiterhin auf das Dunkle höre und mich wieder abwende von dem Licht, in das Artherk uns beschützend hüllt? Bleib ich dann jemand, auf den es sich lohnt zu warten und den man immer noch nach Hause holen will?" Beschämt strich Flynt sich mit seinem Handrücken über seine Nase und seine Augen und wendete sich mit seinem Gesicht von Etoh ab. Er wollte nicht, dass der Prediger sah, wie schwach er sich in diesem Augenblick fühlte, auch wenn es kaum zu übersehen war. Aber das bisschen Würde wollte der Junge sich behalten.

"Wenn ich in das Wohnheim gehe… was passiert, wenn sie mich suchen? Ich bring die Kinder doch in Gefahr. Und auch Euch, Pater Etoh." Flynt konnte nicht wissen, wie der Fuchs reagierte, sollte ihm einer seiner Diebe abhanden kommen. Wobei, ein richtiger Dieb war er noch gar nicht, nicht mal Mitglied der Gilde. Seine Sporen musste er sich noch verdienen und dieses Treffen mit Etoh wäre ein weiterer Schritt gewesen. Und was tat er? Beging direkt einen Verrat.

Es gab da aber etwas, ganz tief in ihm drinnen, das so unbedingt den Worten des Priesters glauben und die Chance ergreifen wollte, alles zu verändern und sich zu verändern. Vielleicht.. ja vielleicht, wenn er nur ganz fest dafür betete und Artherks Kirche jeden Tag mehrmals besuchte, konnte dieser sogar Geschehenes ungeschehen machen. Es war ein kindlicher Gedanke, von dem er eigentlich bereits wissen sollte, dass er unerfüllbar war.

Doch es keimte eine Hoffnung in ihm auf, die stärker war als die Vernunft. Heftige Gefühle schienen mit einem Mal von ihm abzufallen und er lächelte, als er wieder zu Etoh sah. Flynts Gesicht wirkte müde und sehr erschöpft, gleichzeitig jedoch fürchterlich erleichtert.
"Ich könnt ja erstmal einfach jemand anderes sein."
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Tanuri
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#1734

Beitrag von Tanuri »

Erstarrt beobachtete sie die Verwandlung, die von Landrus Körper ausging und die nichts von seinem Äußeren, das nicht viel mit dem eines menschlichen Wesens gemein hatte, übrig ließ. Das, was blieb, war vollkommen anders als das, was er zuvor gewesen war. Das Einzige, was noch an den Unhold, oder auch das Monster, als das ihn viele sahen, erinnerte, war das schwarze, klebrige Blut, das wie Tränen seine Wangen hinab gelaufen war. 
 
Das strahlende Licht und die Wärme, die von der veränderten Gestalt ausging, wurden unerträglich und so stolperte Tanuri zurück und konnte ihn vorerst nur ungläubig mit weit aufgerissenen Augen anstarren, während sie ihre nun zitternde Hand immer noch nach oben hielt, als hätte sie vergessen, wie sie diese sinken lassen konnte. "Was bist Du?" 
 
Im gleichen Moment, als Landurs Körper sich zu wandeln begonnen hatte und zu einer Gestalt aus Licht und Gold wurde, veränderte sich auch die Weite, in der sie sich beide befanden. Die Finsternis, die alles vereinnahmt hatte, wich und machte einer weiten Ebene Platz, die durch den anbrechenden Tag, in eine warme, rötlich orange schimmernde Helligkeit getaucht wurde, die sich auf den weißen Schwingen ihres Gegenübers glänzend abzeichnete. Einzig die Fläche, die ihre nackten Füße berührte, blieb kalt und dunkel. Sie stand auf einem Boden aus tiefschwarzem, spiegelndem Glas, welches das Licht des Morgens und jenes, das von Landru ausging, gleich einem gefrorenen Ozean aus Obsidian reflektierte. 
 
Tanuri versuchte, sich umzusehen, zu verstehen, wo sie waren, aber noch gelang es ihr nicht, etwas zu erkennen. Womöglich war das "wo" auch vollkommen egal, weil das "wie" viel mehr zählte. Wie schaffte er es, ihren Traum so zu manipulieren? Es waren Dinge, die sie sah, die niemals in ihrem Kopf sein konnten. Oder war es am Ende doch kein Traum, aus dem sie nur zu erwachen brauchte?

Bisher hatte sie es nicht versucht, aus dieser Traumwelt zu fliehen, gut möglich, dass ihr das auch überhaupt nicht gelang, weil es sein Gefängnis war, dass Landru wieder um sie gebaut hatte. Natürlich, es wäre so einfach, sich zu wecken und somit zu fliehen.

Was aber, wenn es ihr nicht gelang, wenn sie unumstößlich feststellen musste, dass sie gefangen und seinem Willen ausgeliefert war? Erneut. Je länger sie es zuließ, darüber nachzudenken, desto lauter pochte ihr Herz und desto schwerer wurde ihr Atem. Wieso nur ließ er nicht von ihr ab? 
 
Es gab keine Antwort auf ihre unausgesprochene Frage und selbst wenn sie diese erhielte, sie würde es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht akzeptieren. Leicht nur schüttelte sie ihren Kopf, während sie ihren Blick weiterhin auf ihn gerichtet hielt. "Es macht keinen Unterschied, was Du bist, denn Du bleibst immer gleich. Nur Deine Erscheinung, sozusagen das Kostüm das Du Dir überstreifst und das Dich umgibt, hat sich mit Deinem Dasein verändert."

Tanuri ging wieder einen Schritt auf ihn zu und spürte dabei das spröde Knistern des schwarzen Glases unter ihrer nackten Fußsohle.
"Zeigst Du mir das reine Licht, dass Du vielleicht einmal gewesen sein magst, um mir zu beweisen, dass die Dunkelheit, in der Du lebst, die Schuld von anderen ist?" Fragend verengten sich die Augen Tanuris und ihre Stimme senkte sich zu einem leisen Flüstern, von dem sie aber sehr genau wusste, dass er es hören würde. 
 
"Warum fragst Du mich dann danach, ob wir die Erlösung verdient haben, wagst es aber nach wie vor nicht, sie Dir oder mir zu geben? Hast Du etwa vor dem Angst, was danach mit Dir geschehen könnte?"

Sie selbst wusste nicht, was mit einem wie ihm geschah, wenn er vernichtet wurde. Musste er sich den Göttern stellen und wurde für seine Taten zur Rechenschaft gezogen? Oder wurde einer wie er schon längst aufgegeben und statt einen Platz an der Tafel der Götter einzunehmen, blieb für ihn nur ein Ende in ewiger Finsternis?
 
"Du suchst Deine eigene Befreiung und benutzt mich dafür.Willst Du, dass ich sehe, wer Du bist und was Dir genommen wurde durch welche, wie ich es bin?" Obwohl sie weiterhin leise sprach, hallten ihre Worte über die weite Ebene, die an den Rändern zu einem Schleier aus Nebel verschwamm. Auch wenn sie fürchtete, dass sein Blick allein genügte, um ihre Gedanken in ihrem Kopf nach seinem Gutdünken zu ordnen, neu zu sortieren und als ihre eigene Wahrheit vorzusetzen, wendete sie sich nicht von ihm ab. "Dann hör auf mich zu täuschen."

Das Licht in ihrer Hand war schon längst erstorben, während jenes, das sich über den gläsernen Ozean aus Schwärze und den Horizont ausbreitete, immer intensiver wurde und sich weich zeichnend auf die Gestalt des weißen und der schwarzen Seraphin legte.

Ja, mein Herr und Meister, ich bin Deine Dienerin!
Lege Deine Finger auf meine Lippen und berühre mit Deiner Hand meine Zunge
auf dass ich Deinen Willen und Dein Wort verkünde!


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~~ Priesterin der dunklen Kirche und Mentorin ihrer Adeptin Freya ~~ 

Anführerin der Legion des Schattens
Frau des Adrian Al Saher 
Mutter der Nymeria Al Saher 
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Adrian
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#1735

Beitrag von Adrian »

Die Schatten rissen auf wie eine schwarze, klaffende Wunde im brüchigen Gewebe von Raum und Zeit, und was sich daraus erhob, war mehr als bloßer Rauch, der träge von Magie gelenkt in der Luft verweilte. Es war ein finsterer Wirbel, der sich an Adrians Schritte schmiegte, während er langsam aus dem Portal trat. Eine Schwärze, die nicht nur ihren Gebieter, sondern ihre Herkunft kannte.

Vor ihm schwebte der kleine Ring der Adeptin. Ein kreisendes Zeichen, das im Raum tanzte, umfangen von einem Schatten, der sich wie ein widerstrebender Gegenpol um ihn wirbelte.

Schweigend glitt Adrians Blick durch den Raum, als ihn ein Geruch unerwartet traf. Weihrauch, durchsetzt vom süßlich-beißenden Gestank verkohlten Fleisches und altem Blut, das sich in die Fugen der Steinplatten gefressen hatte. Interessant, wohin der Ring ihn geführt hatte. Magie wies selten den Weg, den man erwartete, und sie tat es noch seltener ohne Grund. Noch einen Herzschlag lang wirbelte das Schmuckstück vor ihm, ehe seine Finger es mit eisiger Präzision einfingen und es in seiner Faust verschwinden ließen.

Sehr genau wusste er, wo er war. Ebenso, dass Freya hier gewesen war. Auch wenn Liadan nicht besonders freigiebig ihr Wissen geteilt und einige Details verschwiegen hatte. Dennoch, es musste einige Zeit her sein, wenn ihren Worten zu trauen war. Ein solcher Exkurs war sinnlos und raubte ihm nicht nur Zeit, sondern kostete ihn Kraft und Beherrschung und von allem blieb ihm nicht mehr viel.

Langsam durchschritt er den Raum, während er mit zwei Fingern über den staubigen Schreibtisch fuhr, auf dem das schwarze Leder eine gerade Spur hinterließ. Es gab Zeiten, da hatte der Hausherr deutlich mehr Disziplin und Ordnung bewiesen. Aber es gab Umstände, die Anpassungen erforderten oder ihre ganz eigenen Spuren hinterließen.

Seine Augen wanderten über die vergilbten Dokumente. Schriftstücke, die das Siegel der dunklen Kirche trugen, doch die Namen waren ohne eine Bedeutung. Nichts geschah ohne Grund. Doch hatte er weder die Geduld noch die Zeit der Ursache nachzugehen. Die Wüste war weit entfernt. Ein solcher Halt war mehr als er sich erlauben konnte.

Schweigend atmete Adrian aus. Sein Blick jedoch wanderte weiter, streifte die Regale, die voller Bücher mit dunklen, zerschlissenen Einbänden in die Höhe ragten. Schwarze Kerzen, erstarrt in ihren Haltern, zeichneten groteske Silhouetten im kalten, farblosen Licht, das durch die Glasmalereien fiel und sich wie in einem kegelförmigen Schein über den alten Tisch ergoss. Doch es war nicht der Tisch selbst, der im Fokus dieses Lichtes stand, sondern ein unscheinbarer Putzlappen, der achtlos herumlag.

Adrians Augen weiteten sich, nur um den Lichtkegel für einen Moment zu fokussieren, während er den Ring in seiner Tasche spüren konnte, als würde jener etwas Vertrautes in seiner Nähe wahrnehmen. Langsam ging er auf das matte Schimmern des schmutzigen Tuchs zu, während er skeptisch eine Augenbraue hob und seine Hand sich nach dem Stoff ausstreckte.

Sein Handschuh aus schwarzem Leder raschelte kaum hörbar, als er nach dem Tuch griff, es auseinanderzog und behutsam anhob. Der Stoff floss weich wie Seide auseinander. Durchzogen von verblassten, silbernen Fäden, die das Licht reflektierten. Ein zierliches, aber edles Gewand, das er nur allzu gut kannte.

„Freya.“ Sein Flüstern war kaum mehr als ein Hauch, doch vibrierte ein gefährlicher Unterton darin, als würde die Erinnerung an jenen Abend sich wie ein Dorn in seine Gedanken drängen. Freyas Erhebung zur Adeptin, die Zeremonie, die runenbestickte Robe, die sie getragen hatte. Makellos – im Gegensatz zu dem, was er nun hielt. Ein Ärmel hing halb zerrissen herab, der Stoff war verschmutzt und durchzogen von dunklen Blutflecken, die im Kerzenlicht unheilvoll glänzten.

Ein Anblick, der ihn unerwartet traf, sodass Adrian die Lider senkte, um seine Beherrschung zu wahren. Ein einziger Herzschlag, der ausreichte, um die Bilder seiner Albträume aufflammen zu lassen.

 
Der Bischof, dessen Hand das Mädchen hart getroffen hatte. Blut an ihren Lippen, anstatt ihr Schutz zu gewähren.
Nein, er war kein Samariter, das war er nie gewesen.

Kinder mit leeren Augen. Seelenlose Marionetten der Gräfin, die stumm dem Willen ihrer Herrin folgten, bis … ein Käufer gefunden war.
Der Gedanke traf ihn wie ein Stich, und Zorn flackerte in ihm auf.

Freya, zerbrochen an der Seite des Prinzen, gefangen in einem Schicksal, das ihre Hoffnungen im Keim erstickte,
während ihr seelenloses Lächeln vor ihm verschwamm, als wäre es hinter milchigem Glas für immer verloren.
   
Nach Kontrolle suchend, schüttelte er die Bilder ab, doch gnadenlos drängten weitere auf – eine Hand, die verzweifelt gegen die Innenseite eines Spiegels schlug, Blut, das in tiefroten Bahnen daran hinabrann, während ein Schrei durch die Dunkelheit hallte.

Unbewusst krallten sich seine Finger in den Stoff, bis die Knöchel weiß hervortraten. Er spürte, wie Zorn und Hass die Kontrolle übernahmen und ihn zu ihrem Werkzeug machten. Wie oft hatten sie es ihr gesagt, hatten sie vor ihm gewarnt. Und dennoch …

Ohne Zweifel erkannte Adrian an, welche Macht sein alter Freund gewonnen hatte. Eine Welt, gewoben aus Gedanken und Magie. Er hatte nicht nur große Ambitionen, sondern auch Potenzial. Jedoch die Überheblichkeit seines alten Freundes hatte gefährliche Ausmaße angenommen. Schließlich ganz gleich, wie sehr Naheniel ihn hasste, er hätte dem Mädchen helfen können. Lang genug hatte er Freya Freundschaft vorgeheuchelt und sein klebriges Netz um sie gewickelt, um an den Schlüssel zu gelangen. Doch er hatte es nicht getan, sondern nur zugesehen. Nicht einmal, als Liadan ihm offenbart hatte, dass Freya in der Residenz der Tränen verweilte. Nein, er hatte sie ihrem Schicksal überlassen in einer Welt, die ihm gehörte. Einem Gefängnis, in dem er sie leiden ließ und Tanuris Tod gefordert hatte, um sie freizugeben.

Was würde Naheniel ihr nun antun, da er die Wahrheit über ihre Herkunft kannte? Welche Grausamkeit würde er aus diesem Wissen heraus formen? Schließlich wollte Naheniel ihm nicht nur alles nehmen, sondern ihn leiden lassen. Zuerst Alyssa, dann seine Schwägerin und nicht zuletzt seine Frau und sein Kind.

Behutsam legte Adrian den Stoff beiseite, während ein leichtes Zittern seine verkrampften Hände durchfuhr. Die Wut, die er spürte, war anders als zuvor. Ein Gefühl, das tiefer als jedes Schwert schnitt. Tiefer, ehrlicher und erbarmungsloser. Er war Freyas Vater und Naheniel würde dafür bezahlen. Ein Spiel, gnadenlos und gefährlich. Aber in Naheniels Schöpfung lag auch die Saat des Verlustes. Sie machte ihn verwundbar, denn sie war nicht nur sein größter Besitz, sondern zugleich auf eine andere Weise seine größte Schwäche. Eine Schwäche, die Naheniel die Konsequenzen für jeden Tropfen von Freyas Blut spüren lassen sollte.

Noch war Reue für Naheniel ein Fremdwort. Noch ...
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✟ Oberhaupt der Familie Al Saher ❖ Gemahl der PriesterinTanuri Al Saher
❖ Bruder des Verlion Al Saher ❖
Gnade oder Mitleid haben noch nie einen Feind besiegt. ❖
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Stellan
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#1736

Beitrag von Stellan »

Wer war er. Das ist eine gute Frage. Eigentlich war er mal einfach ein Mann gewesen, der eine Berufung ausgeübt hatte. Oder ausüben sollte. Statt dies zu tun hatte er sich anders entschieden und damit alles weitere überhaupt erst möglich gemacht. Möglich gemacht das Tanuri lebt und Naheniel ebenso. Möglich gemacht das sich diese Fedhe ausweiten konnte. Das Nymeria geboren werden konnte. Das etwas geschieht was es so noch nicht gegeben hatte. So viele Besondere Elemente, die nicht eingetreten wären, wenn die Zwillinge gleich zu beginn ihre Entscheidung ausgetragen hätten. Aber so war es nicht. Sie sind an diesem Punkt gelangt durch eine Entscheidung. Weil er in diese Entscheidung nicht eingreifen wollte. Ob er es hätte tun sollen oder nicht, kann niemand genau sagen. Er hat viel entbehrt, wie viele die eine besondere Aufgabe haben oder ein Amt tragen. Man sah es an Tanuri durchaus wie schnell eine Würde zur Bürde werden kann. Die Augen aller sind auf einen gerichtet. Es ist stets wichtig wie man wirkt, nicht wie man ist. Selbst wenn er durchaus anerkennt, dass sie diese Würde erlangt hatte, so war Lob und Anerkennung immer auch eine Einladung zur Schwäche. Sich auszuruhen und zu denken, es ist geschafft. Es ist nie geschafft. Wer war er nun?

Nach so vielen Taten auf die er gewiss nicht immer Stolz war, aber es eine Notwendigkeit bedarf, blickte ihn im Spiegel ein gewissenloser Mann an. Einer der nicht mal manisch grinst oder mit paranoiden Blicken einen sowas wie Kontrollverlust vorgaukelte. Nein, der Blick war klar, der Verstand abgeklärt. Er war nicht verrückt und er war im vollen Bewusstsein seiner Kräfte. Seines Willens. Er wusste sehr genau was er tat und entschied. Ob er sich entschied für die Pläne eine gewaltsame Entscheidung zu treffen? Gewiss. Manche Dinge müssen passieren, damit eintritt was eintreten soll. Manches Trauma muss gesetzt werden, damit die Motivation wächst für Rache. Manche Schmerzen müssen gesät werden, damit sich daraus die Vergeltung entfalten kann. Aber woher wusste er welche Fäden zu welchen Schicksal führen. Woher nimmt er das Wissen, welche Wege gegangen werden müssen, damit etwas passiert. Vielleicht war es Spekulation oder er tut es aus dem tiefen Urgefühl der Hüter heraus. Er lag nicht immer richtig, aber oft. Er weiß wie das Schicksal funktioniert und wie Entscheidungen einen Weg auslösen. Er kann voraus denken. Seine Theorie das das Schicksal berechenbar ist wurde bestätigt. Als Tanuri am Leben blieb und die Zwillinge sich fanden, kam es zwar zum fixen Punkt der Fedhe, aber auch zu Motivationen und Intensionen. Impulse die neue Entscheidungen auslösten. Konsequenzen. Wie die Schale, wenn er sie losließ, zu Boden fiel. Unweigerlich. 

Beantwortet es die Frage wer er war? Er war jedenfalls kein törichter alter wahnsinniger Mann, sondern ein gewissen- und skrupeloser Mann, der gnadenlos seine Interessen verfolgte. Der die Möglichkeit hatte Dinge zu sehen, die andere nicht sehen, ähnlich vielleicht wie die Magd, nur etwar imposanter, monumentaler. Er sieht keine Einzelschicksale, er sie das gesamte Gefüge. Es war für den menschlichen Geist nicht unbedingt zu greifen, noch zu verstehen, er bietet da keine Ausnahme, aber er will es. Mehr noch. Er will es lenken. War es aber nicht die Macht die an sich lockend war die Fäden des Schicksals zu halten, sondern ein besonderes Bestreben. 
 

"Es wird nie eine Zukunft geben in der das passiert, Stellan. NIE, dass ist unmöglich." 

War es das? Was wenn er die Welt mit Naheniel zerreißen muss um sie neu zu ordnen damit es möglich wird? 
Seine Motive waren sicherlich nicht reiner Nächstenliebe aus. Aber die Prophezeihung zu nutzen um ebenfalls sein Ziel zu erreichen erscheint logisch. Nur was bewegte ihn so sehr, dass er bereit war dafür die Welt wie man sie kannte aus den Angeln zu heben. Sie vielleicht sogar zu zerstören. 

"Dann stirbt alles. Auch die Götter." Stimmte er zu. Genau das war der Weg. Wenn das geschieht werden neue Gottheiten gebildet. Einer kämpft bereits um den Platz in dem göttlichen Gefüge. Er trug ein seltsames tiefes Lächeln auf den Lippen. Als er an Nymeria dachte, den Phönix. Das was als der Inbegriff der Wiedergeburt war. Sein Interesse an ihr ergab allmählich Sinn. Nur wie genau, war noch nicht so klar. Warum war noch nicht eindeutig. 

"Die Götter sind Energien die sich manifestieren. Sie sind riesig und für uns sonst nicht anders zu begreifen. Wenn man diese Energien zurück in ihren Ursprung setzt.. sie löst aus ihren Manifestationen.. werden sie frei gegeben. Energien kann aufnehmen, abgeben, bündeln. Wir tun es mit Magie und Kristallen in einem sehr kleinen Maßstab. Wir alle brauchen sie, ja, sie sind nie fort, sie verändern nur ihr Gefäß, vielleicht ihren Namen. Die Mächte sind unsterblich, sie werden nie fallen, aber sie können kontrolliert werden und neue Götter schaffen. Artherk und Ogrimar sind momentan eine Momentaufnahme von Avataren die ihnen eine Form geben. Chaos und Ordnung.. aber diese Urmächte gehören zum Urgedächtnis dem wir dienen." Er musterte die Magd. Die meisten einfachen Leute waren selten in der Lage so tiefes Philosophische Theorien zu verstehen. Oft überstieg es ihre Gedenkweisen, was sie nicht dumm macht, aber sie waren nicht geschaffen für solche universellen Theorien und gerade zu kosmischen Größen. 

"Oh ja, ich weiß wie. Ich weiß wo, ich weiß mit was." Einzig das ganze dazwischen war mühsam. Geduld haben, Weichen stellen, abwarten und doch manchmal überraschte das ein oder andere. Wie Tanuris Ableben. Das war überraschend, aber überfällig. Jetzt kann es weiter seinen Weg gehen. Naheniels Macht dürfte nun gestiegen sein, aber seltsam das sich alles noch irgendwie noch wie vorher anfühlte. Keine Erschütterungen. Das war ungewöhnlich. 

"Wenn Götter sterben oder eher ihren Avatar verlassen, die reine Urgewalt sich entfaltet, dann braucht es ein neues Gefäß, dass diese Kraft aufnimmt. Sie kanalisiert und lenkt. Ein neuer Gott. Dieser neue Gott oder auch Götter formen die Welt. Chaos und Ordnung fügen die Achtheit, die unendliche Schleife der Existenz weiter. Neue Regeln, alte Bräuche vielleicht. Neue Namen, alte Werte, wer weiß." Er hob die Schultern. Aber so wie es klang würde die gesamte Welt komplett geopfert nur um eine neue Existenz zu schaffen. Nun, wenn Urgewalten sich entfesseln wird vermutlich nichts irgendlich bestehen bleiben können, außer denen die Vorsorgen. Die wissen wie man sich verstecken kann vor der zerstörerischen Entfesslung, wenn der Rahmen bricht. 

"Die Frage ist welche Rolle du in dem ganzen spielst. Nicht wahr? Du eine einfache Magd mit der Gabe des Sehens, was kannst du schon in diesem großen Spiel tun, nicht wahr? ZIemlich simpel. Du bist bestimmt Nymeria zu begleiten. Sie muss an einen Ort an dem Tod und Leben eine Schwelle bilden. Sie ist der Inbegriff der Wiedergeburt, sie ist die Saat wenn alles Leben erlischt. Das einzige was sich aus erheben wird, neben den neuen Göttern. Und Mädchen...

... kein Wort zu irgendjemanden, oder du zwingst mich dir sehr weh zu tun, mehr als Schmerz oder Tod."
Die Augen durchbohren sie eisig. Sie war sein Kindermädchen. Die Gabe hilft ihr Vorahnungen von Gefahr zu haben. Sie war die weibliche Hand die Nymeria auf dem Weg brauchen wird. Die er ihr nicht geben kann. 




 
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Das Chaos wird entbrennen und aus diesem die ewige Dunkelheit geboren.
Und dann, wenn das Heer des Meisters sich erhebt, wird niemand ihm noch widerstehen können.
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Naheniel
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#1737

Beitrag von Naheniel »

Naheniel sog einen scharfen Atemzug ein. Seine Lippen bebten und seine Muskeln zitterten unter der Anspannung, die durch seinen Körper ging. Seine Schöpfung ächzte schwer unter dem Einfluss, den er auf sie nahm. Er ließ seinen Blick in Richtung des Himmels schweifen, wo das Licht des Mädchens erneut pulsierte, sich noch greller und noch unberechenbarer gegen seine Dunkelheit stellte, als würde Freyas Magie die Welt beschützen wollen, die er sich zu seinem Zweck neu zurechtbog.
"Genug." Presste er hervor, doch seine Worte blieben von dem Kampf am Firmament ungehört. 

Währenddessen standen die Erweckten an den unterschiedlichsten Orten von Naheniels Welt still und warteten schweigend und starr ab, wofür sie aus ihren kalten Gräbern entrissen worden waren.
"Bringt sie mir." Hauchte er erschöpft, doch trotzdem wurde er von jedem Toten gehört, denn die Worte sickerten in ihre modrigen Hirne  und Gegenwehr gab es für sie nicht. Ihre Körper waren zwar wieder lebendig, aber ihre Seelen waren längst fort. Sie waren willenlose Marionetten, die nicht mehr von ihrem eigenen Geist gelenkt wurden, sondern nur von Befehlen. 

Er verharrte einen Moment in kniender Haltung, versuchte zu Kräften und zu Atem zu kommen und das Zittern unter Kontrolle zu bringen. Langsam hievte er sich nach oben, fand Halt auf seinen Beinen und schritt nach vorn. Er hatte keine Zeit, um sich seinem schwächelnden Körper hinzugeben. Die Toten waren ausgesandt und er musste ihnen so schnell wie möglich folgen, um Freya in die Finger zu bekommen.
Denn das hier, das musste ein Ende haben, bevor sie alles zerstörte. Naheniel hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihre Macht in seiner Welt entfalten konnte. Eigentlich war das unmöglich. Doch bereits in den letzten Wochen hatte er sich mehrmals darüber belehren lassen müssen, dass, seitdem sie hier war vieles aus den Fugen geriet.  


Gerade als er nach der Mähne seines Pferdes greifen wollte, gab sein rechtes Bein nach und er sank ein Stück weit zur Seite, fing sich jedoch taumelnd wieder. Die Schwere, die auf ihn drückte und gegen die er ankämpfen musste, wurde mit jedem weiteren Versuch, sich gerade hinzustellen und sich auf das Pferd zu ziehen, unerträglich. 
Das Dunkel in seinen Augen flackerte, als die Anstrengung ihn übermannte und ihn zusammen sacken ließ. Ein stechender Schmerz fuhr durch seine Schläfen, entlud sich blitzartig in seinem Kopf und zog sich bis hinab zu seinem Brustkorb, der sich anfühlte, als würde er im nächsten Augenblick bersten.

Langsam versuchte er sich wieder auf seine Knie zu richten, doch sein Körper wollte ihm nicht folgen. Lange, zähe Sekunden schlichen vorüber, in denen er kaum fähig war, sich in irgendeiner Art und Weise zu bewegen, während die zähflüssigen Reste des toten Dämons von seinen Armen tropften, um sich mit dem kieseligen Vulkangestein zu vereinigen. Die Kraft, die er sich aus dieser genommen hatte, war mittlerweile verbraucht und alles, was davon blieb, war kalter, nutzloser Schlamm. 


Mit seiner Hand suchte er auf dem Boden irgendetwas, was ihm Halt gab und woran er sich abzustützen konnte. Doch es war sinnlos, da der Untergrund sich bereits zu verzerren begann, was vor allem seiner Wahrnehmung geschuldet war, die ihn durch die überwältigende Erschöpfung bereits betrog. 
Gefolgt von seinem Zusammenbruch wurden seine Atemzüge schwerer und kamen stoßweise, vor allem dadurch, weil er sich nicht der aufkommenden wellenartigen Schwäche seines Körpers hingeben wollte, die unerbittlich durch seine gesamten Glieder kroch. Sein Kampf gegen sich selbst war jedoch chancenlos und so breitete sich eine plötzliche Leere in ihm aus und dann wurde alles schwarz.
Die Ohnmacht kam nicht wie ein Sturz über ihn, sondern wie ein langsames und vorsichtiges Absinken in eine tiefe, weiche Dunkelheit, die ihn schweigend umfing. Und mit der Dunkelheit kamen die Erinnerungen. 


 


 
Er ging zum Rand des Waldes, der sich auf dem Anwesen der Al Sahers befand. Tiefer in das Gehölz hinein befand sich die Kapelle, in welcher die Zeremonien und Messen gehalten wurden, zu denen nicht selten die höchsten Priester geladen waren. Keiner von ihnen schlug aus, denn die Familie war eine alte Familie und mit diesen hielt der Klerus sich verständlicherweise gut. 
Alyssa saß auf einem umgestürzten Baum und ihre Züge wurden von Farben der hereinbrechenden Dämmerung, die sich still über das ganze Land legte, zart umspielt. Sie hatte ihn angesehen, als hätte sie längst gewusst, dass er kommen würde und als er ihren Blick suchte, waren ihre Augen irgendwie fern, aber nicht abwesend, nur eben woanders. 

"Eigentlich wollte ich zu Deinem Bruder." Mit einem sachten Ausdruck sah sie zu ihm und gegen die untergehende Sonne auf.

"Ich weiß. Er ist bei Vater. Sie sprechen über die Zukunft der Familie." Abschätzig zog Naheniel seine Stirn kraus und warf einen Blick über seine Schulter, zurück zu dem großen Wohnhaus. "Dann werde ich hier warten." 
Alyssa legte ihr Haupt zur Seite und betrachtete ihn genau, jedoch ohne dabei die Verlorenheit ihres Blicks vollständig aufzugeben. 
"Mein Vater glaubt es ist besser, wenn Du nicht mehr herkommst." Ihre Stimme war leise, ohne einen Vorwurf oder gar Angst gegenüber dem Mann, der vor ihr stand. Viel eher klang es so, als wäre es ein beiläufiger Fakt, der für sie vollkommen nebensächlich war. 

"Dein Vater glaubt vieles." Naheniel schenkte ihr ein Lächeln, eines der wenigen in seinem Leben, das ehrlich gewesen war. "Soll ich lieber gehen?" 

Sie lachte leise und schüttelte ihren Kopf. "Nein. Ich möchte, dass Du hier bist." Während er sich neben sie setzte, ließ er sie nicht aus den Augen. Etwas war an ihr, das er nicht benennen konnte. Eine Art Wissen über alles, das er nicht zu fassen bekam und eine Nähe, die sich nicht erklären ließ. 

"Was denkst Du gerade?" 

Sie blinzelte, schob sich eine ihrer dunklen Strähnen über die Schulter und sah ihn mahnend an. "Wir sind keine Kinder mehr, Naheniel. Die Zeit schreitet voran. Unaufhaltsam. Bald wird sich alles ändern."
Wie eh und je waren ihre Worte kryptisch. Das war sie immer schon gewesen, seit dem Tag, an dem Adrian ihn mit zu seinem Familienhaus genommen hatte und sie einander kennen lernten. Und seit jeher war es ein stiller Kampf in ihm: Sie zog ihn an, nicht weil sie eine Frau war, nicht aus Sehnsucht und Verlangen, sondern wie ein Fixpunkt in seiner Existenz. 
 
"Vater möchte nicht, dass wir uns weiter sehen." 

"Was Dein Vater will, interessiert mich nicht." 

"Er wird es zu verhindern wissen." Es war für ihn schwer zu erkennen, ob sie darüber Trauer verspürte oder nicht. Alyssa war immer schon schwer einzuschätzen, was einen Teil dessen ausmachte, warum er sie mochte.
Und weil er sie mochte, vertraute er ihr.  


"Dann nehme ich Dich mit mir." Er beugte sich zu ihr und tippte leicht gegen ihren Arm und gab seiner Stimme dabei einen gespielt verschworenen Klang. "Ich werde Dich dort verstecken, wo Dich niemand finden kann." Eigentlich war er ihr schon viel zu nah, aber sie wich nicht von ihm fort. Das tat sie nie.  
 
"Wohin nimmst Du mich mit?" Sie sah ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen an, was ihrem Gesicht den sehr deutlichen Ausdruck verlieh, dass sie versuchte, ihn zu verstehen. 

"Fort von dieser Welt." Naheniel neigte sich Alyssa noch ein wenig mehr entgegen und flüsterte mit einem warmen Klang in die Nähe ihres Ohres. "Oder ich mache Dich zu einem Stern." 
Sie lachte leise und für ihn fast schon schmerzhaft sanft. "Ein Stern?" 

"Ja. Als Stern brauchst Du keinen Vater, keine Familie und keine Verpflichtungen. Du würdest nur mir gehören und ich könnte Dich sehen, wo immer ich bin." 

Alyssa sah ihn lange an, als würde sie etwas in ihm erkennen, was ihr bisher verborgen geblieben war. Dann legte sie ihre Hand auf seine, ganz vorsichtig, zurückhaltend und zart.
Niemand sprach etwas und so blieb als Geräusch nur das letzte Singen der Vögel vor der nächtlichen Ruhe und das Zirpen der Grillen, welches zu hören war. Plötzlich drückte sie plötzlich mit ihrer kühlen Hand die seine und sah ihn bittend an.
"Vater und Adrian sind fertig. Sie werden gleich hier sein." Sie hielt inne, schluckte sichtbar und drückte nochmals, jetzt aber etwas leichter zu. "Naheniel? Versprich mir, es zu akzeptieren." 

Verwundert streifte sein Blick über ihren, bevor er diesen in Richtung der Wiese richtete, von der er gekommen war, aber noch waren weder Alyssas Vater noch ihr Bruder zu sehen. Fragend schob er seine Braue in die Stirn und streichelte mit seinem Daumen beruhigend über ihren Handrücken. 
"Was soll ich akzeptieren?"


 
Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst.
Bist es immer noch Du? Oder bin es nun ich?


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Spürst Du den Hunger nach der Dunkelheit, schreit er bereits in Dir? 
Sag, mache ich Dir Angst oder fühlst Du Dich erst lebendig wegen mir?
Asja
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#1738

Beitrag von Asja »

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Asja verharrte auf dem Boden, die Hand noch immer auf dem warmen Holz der Schale ruhend. Für einen Moment schien es, als sei selbst die Flamme der Kerze erstarrt, als er über das Konstrukt der Götter sprach, als wäre es nichts weiter als eine simple Geschichte in einem Bilderbuch.

Nicht sein Wissen erschütterte sie am meisten. Nicht einmal seine Bereitschaft, die Welt zu opfern. Es war viel eher die Selbstverständlichkeit, mit der er sie in dieses Gefüge eingesetzt hatte. 


Langsam zog sie ihre Hand zurück, als hätte sie sich an der Schale verbrannt, obwohl ihre Haut unversehrt blieb. Mit dem nächsten Herzschlag senkte sie ihren Blick vor ihm, nicht aus Unterwürfigkeit, sondern weil sie sich auf das, was er gesagt hatte, zu konzentrieren.

Bisher war sie nur eine einfache Magd gewesen, deren größte Sorge es war, ihrer Großmutter auszuweichen, so gut sie es konnte und ihre Arbeit zur Zufriedenheit der Gilde zu verrichten. Und innerhalb einer Stunde hatte dieser fremde Mann, alles durcheinander gebracht. Ein Chaos über ihr Leben gebracht, welches sie gewiss noch lange nicht überblicken konnte. Still versuchte sie zu ordnen, was sich nicht ordnen lassen wollte.


Stellan hatte sie nicht gefragt. Er hatte über sie entschieden. 

Und doch regte sich kein unmittelbarer Widerstand in ihr. Kein Aufbegehren, kein panisches Zurückweichen. Stattdessen breitete sich diese nüchterne, fast grausame Klarheit in ihr aus, die sie schon immer tief in sich getragen hatte. Alles was er beschrieb über das Zerbrechen des Rahmens, das Freisetzen der Urgewalten und die Neuschaffung aus dem Chaos heraus, war furchteinflößend. Seltsamerweise fühlte es sich aber auch nicht wie Wahnsinn an, sondern ... vertraut. Als hätte sie längst davon gewusst, noch bevor er es aussprach.

Bedächtig erhob sie sich und nahm dabei die Kerze wieder auf. Das Licht glitt über ihr Gesicht, zeichnete die Sommersprossen nach und ließ ihr gesundes Auge dunkler wirken, als es war. Es war nicht das erste Mal, das man ihr drohte. Es gab genug Aufrührer in den Tavernen oder Leute auf dem Markt und dem Hafen, die zu laut Geheimnisse aussprachen oder Geschäfte erledigten, die so verborgen wie sie es dachten, nicht waren. Trotzdem war es diesmal anders, auf eine Weise allerdings, die sie nicht direkt in Worte fassen konnte.

"Ihr müsst mir nicht drohen. An wen, sollte ich mich wenden? An die Gilde, die Euch beherbergt? Euren Schwiegersohn oder gleich die Inquisition? Das wäre dumm von meiner, denn es stünde Euer Wort gegen meins. Und wem wird man eher glauben? Dem Vater der Priesterin oder einer wie mir?"
Nun sah sie ihn wieder an, bemüht darum, seinem bohrend eisigen Blick nicht weiter auszuweichen.

"Aber selbst wenn, ich würde nichts verraten, da Ihr die beste Chance für mich seid, zu lernen, was ich bin." In ihren Augen lag etwas, das vorher nicht dagewesen war, eine leichte Spur der Kühnheit, ja fast schon ein Hauch von Trotz, den sie Stellan mit ihrem gesamten Mut entgegen brachte. "Was ich aber nicht bin, ist ein Mutterersatz. Ich kann sie nicht an der Hand nehmen, ihr Mut zu sprechen und sie dorthin führen. Sie ist anders als andere Kinder."

Mit einem angespannten Atemzug drehte sie sich von ihm fort und spürte, wie ihr Herz so laut pochte, dass es in ihren Ohren rauschte. Natürlich wusste sie, dass es nicht angemessen war, ihre Grenzen auf diese Weise bereits jetzt zu überschreiten, aber sie verstand nicht, wie er sich das vorstellte. So etwas konnte sie nicht. "Wenn ich mit Euch gehe, dann nicht, um euch willenlos zu dienen." Sie hielt die Luft an und zählte innerlich bis drei.

Die Faszination, die sie ihm gegenüber empfand, blieb ungebrochen, weshalb es ihr sogar schwer fiel, nicht einfach dümmlich zu seinem Vorhaben bezüglich Nymeria zu nicken. Wenn ihm ihre Worte nicht gefielen, würde sie es über sich ergehen lassen, aber mit Sicherheit würde sie sich nicht vollkommen selbst aufgeben.

Anstatt aber zu warten, wie er reagieren würde, ging sie wieder in Richtung des Kamins, um dort das wärmende Feuer mit ihrer Kerze zu entzünden. Dafür griff sie nach einigen trockenen Spänen, die noch in dem alten Weidenkorb lagen, in dem auch noch einige Holzscheite lagen und entfachte gekonnt ein wärmendes Feuer, dessen Schein sich sofort wohlig in dem Zimmer ausbreitete. 


"Wenn es so ist, wie Ihr sagt, ist es dann nicht so, dass die Götter in ihre Gefäße, so wie Ihr es nennt, gezwungen werden, und sie dabei eigentlich gar nicht frei sind, sondern gebunden? Gebunden an eine Form, an Namen die wir ihnen geben und an das, was die Menschen in ihnen sehen wollen?  Ihr wollt also diese Gefäße, in denen sie derzeit stecken, auflösen, nur um sie in neue zu zwängen? Wozu?"

Asja betrachtete das Feuer, das sich gierig züngelnd um die Holzscheite legte und versuchte, den Sinn zu erkennen, der Stellan antrieb. "Seid Ihr unzufrieden mit dem, als was die Menschen sie kennen und wollt Ihnen durch ihre neue Schaffung ein neues Gesicht verleihen? Eines, das Euch besser gefällt?"

Weiterhin blieb ihr Blick konzentriert auf das Feuer gerichtet, welches im kleinen Maßstab nicht so weit ab von dem war, wovon der Vater der Priesterin sprach. Über das Holz brach das unabwendbare Chaos der Flammen aus, um zu verschlingen und alles zu Asche zu wandeln. Aber wie konnte aus Asche etwas neues entstehen? Durch das kleine Kind etwa, das, wie man gehört hatte, durch die Wiedergeburt erst geboren wurde?


"Wenn Ihr das Schicksal der Götter bestimmen und ihnen eine neue Erscheinungsform geben wollt, ist das dann nicht der Moment, wo Ihr Euch über sie stellt? Als Gott über den Göttern?"

Die Magd griff nach einem Schürhaken, zog damit einige der Scheite zurecht und legte noch einen neuen oben drauf und half dabei dem Chaos, dass das Feuer brachte, sich weiter zu entwickeln und unwiderruflich auszubreiten. 


"Bisher habt Ihr mich nicht danach gefragt, ob ich sehe, was geschehen wird und ob Euer Plan gelingt. Fürchtet Ihr Euch vor der Antwort?" Sie stellte ihre Frage, ohne sich in seine Richtung zu wenden und gab ihrer Stimme dabei etwas völlig nebensächliches, obwohl es das absolut nicht war. 
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-Freya-
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#1739

Beitrag von -Freya- »

Die Zeit wurde langsam, aber sicher einfach nur bedeutungslos, während sie in die Dunkelheit sah und nur darauf wartete, dass etwas hervorkam und sich zeigte. Sie schrie. Ein Schrei, der jedoch an den Mauern nur widerhallte und widerhallte und widerhallte.

Irgendjemand oder etwas musste da sein. Immerhin spürte sie diese Spannung, die herrschte. Etwas wie ein Vibrieren einer Macht, die aber nicht von ihr ausging. Doch nichts geschah, als wäre die Jagd vorüber. Vielleicht war sie das auch und das, was sie sah, war ihr eigenes Gefängnis.


Freya versuchte sich aufzurichten, doch ihre Muskeln fühlten sich schwer an. Wieso sollte sie noch weglaufen? Wohin sollte sie noch gehen? Es war doch alles sinnlos. Jeder Weg endete an einem Ort, der nur noch tiefer in den Abgrund stieß, anstatt zurück zu ihrem Zuhause.

Am Ende war alles nur eine große Lüge. Oder? Das Leben selbst, die Menschen, die einem Schutz und Geborgenheit versprachen. Und selbst jene, die das Wort von Freundschaft nutzten. Alles war einfach falsch, genau wie dieser Ort.
Unsicher streckte Freya ihre Hand aus, um Halt an einer der Kirchenbänke zu suchen. Der Schlaf hatte ihr keine wirkliche Erholung gebracht, sondern vielmehr quälende Fragen hinterlassen. Wie war sie hierhergekommen und wo war dieses Hier? Was war es? Dieser Ort war surreal und unvollkommen. Wie eine Schöpfung, von der sich jemand abgewandt hatte.

Langsam sah sie zu dem Altar, um ihre Tränen zurückzuhalten. Wo war er? Hatte er sie nicht gehört oder wollte er es nicht? Still senkte Freya ihre Lider, nur um einige Male tief ein und auszuatmen, bevor ihre Augen sich auf die Kerze legten, die sie an Ogrimars Altar entzündet hatte. Unbewegt erhellte das Licht den Raum in seinem schummrigen, aber doch unbewegten Schein, als hätte jemand vergessen, ihm ein Leben einzuhauchen. Nein, sie brannte zwar noch immer, jedoch ohne dass die Flamme das Wachs wirklich berührte oder verzehrte. Nein, es schmolz nicht mal, als wäre es nicht wirklich da.

Ihre Augen sahen auf die kleine flimmernde Stelle. Als würde sie durch Wasser blicken, welches Teile des Altars verschwimmen ließ. Es war ähnlich wie der Riss in der Wüste, doch wo zuvor Sand gewesen war, flackerte nun eine inkonstante Dunkelheit auf. Eine vertraute Finsternis, die leise summte, als würde sie nach ihr rufen.

Nein, das war nicht wirklich. Nichts davon war es. Abrupt riss Freya sich davon los. Erneut geriet sie ins Taumeln, sodass ihre Hände abermals nach einem Halt suchten. Eine Bank, die kalte, nackte Wand aus Stein, deren raue Oberfläche sich auf eine unbestimmte Weise beruhigend real anfühlte und ihr dennoch erbarmungslos die Brust zuschnürte. Sie musste hier raus, sie brauchte Luft. Blinzelnd sah Freya auf die Wände, die auf sie zuzukommen zu schienen. Alles wurde kleiner, enger und nahm ihr den Atem.

Wankend stolperte sie durch den Gang, wobei ihre Finger sich immer wieder an der Steinwand abstützten. Jede Stufe war eine Qual, während die Treppen sich unendlich lang anfühlten und die Illusion hinterließen, dass sie sich nicht einmal von der Stelle bewegen würde. Alles fühlte sich so eng an, so beklemmend. Ihr Atem kam zunehmend stoßweise, ehe ein erlösendes Schimmern am Ende die Schatten erhellte. Mehrfach blinzelnd sah sie auf das Licht am Ende des Gangs, nur um einen Moment Luft zu holen. Mit letzter Kraft bewältigten ihre Beine die Distanz, ehe ihr das helle Tageslicht grell ins Gesicht schlug. Kraftlos fiel Freya  auf die Knie fiel, während die Enge sie trotz der frischen Luft noch immer nicht loslassen wollte. Schwer kam ihr Atem über ihre Lippen und die Welt drehte sich selbst auf schwindelerregende Weise, wenn sie die Augen schloß.

 
Y' llll ah ymg' syha'h!  - Ich bin bei dir, für immer.
Ohne sich wirklich daran zu erinnern, hörte Freya das eisige Flüstern, das sich wie eine Fessel um ihre Gedanken legte. Eine Erinnerung an die Residenz der Tränen, unter der ihre Lippen zu beben begannen. Was, wenn sie nicht allein war und jemand ihren Willen selbst brechen wollte? Energisch schüttelte Freya ihren Kopf, als würde sie damit all die Geister vertreiben können, auch wenn es zwecklos war. Irgendetwas musste der Ursprung sein und verfolgte ein Ziel. Eine Stimme, die sie mit gefährlicher Sanftheit und einer unerschütterlichen Überzeugung streifte.
… siu mirsīn …  diu mirsīn …

Abermals schloss Freya ihre Augen, während ihr Herz noch immer gegen ihre Brust hämmerte. Wurde sie verrückt oder wollte jemand, dass sie es dachte? Oder ergab am Ende alles einen Sinn? Vielleicht hatte Naheniel am Ende mit einer Sache vollkommen recht und der einzige Weg hinaus war es, ihre Rolle vollständig zu akzeptieren, selbst, wenn sie es in der Tiefe ihrer Seele nicht tat. Eine Lüge, eine Manipulation, wie alles scheinbar um sie herum. Schließlich spielte es eigentlich keine Rolle, wer hinter all dem die Fäden zog, sondern wie man sie durchtrennte. Nein, die Antwort darauf, wer es war, hinterließ einen kalten Schauer in ihrem Nacken. Am Ende war es ein Name oder ein Titel und weder noch würde ihr das Wissen allein dabei helfen, einen Ausweg zu finden.
 
„DU solltest nicht hier sein!“ 
Die Worte längst vergangener Visionen hallten in ihren Gedanken nach. Es war keine menschliche Stimme gewesen. Auch wenn Freya sie zuvor in ihrem jugendlichen Leichtsinn verdrängt hatte, gingen Klang und Bedeutung tiefer als je zuvor.

„Ich sollte nicht hier sein.“ wiederholte sie leise, als ihre Finger sich in den staubigen Sand gruben. Alles hier war einfach falsch. Sie kannte ihren Platz, ihren Weg.

„Ach, kennst du ihn wirklich?“ Es war nur ein spöttisches Flüstern. Das Echo ihrer eigenen Stimme, das leise durch die Stille kroch. Langsam hob Freya ihren Blick und schlug ihre Augen auf, um in die schwindende Leere zu sehen, die den Horizont selbst verschlungen hatte. Blinzelnd betrachtete sie das Nichts aus Dunkelheit, die den Ort umgab.

„Wenn du es besser weißt, dann hilf mir.“ Ohne ihren Blick der Stimme zuzuwenden, wanderte das Blau ihrer Augen umher, während ihre Finger sich immer tiefer in die Erde gruben. Die Stimme war hier genauso gefangen wie sie und wenn sie keinen Weg hinausfand, bliebe sie hier genauso gefangen wie sie. Ihr Hohn war daher nicht nur unangebracht, sondern falsch.

„So schnippisch, Freya? Meine Frage war schon ernst gemeint.“ Es war ein Flüstern, das ihr Ohr streifte, als stünde jemand hinter ihr. Ein kühler Atem, der an ihrer Haut vorbeistrich, sodass ihr Blick sich mit einem Wimpernschlag löste.

„Meine Antwort war auch kein Scherz. Schließlich bist du hier mit mir zusammen eingesperrt und wenn du mich lieber verhöhnen willst, anstatt zu helfen, teilst du dasselbe Schicksal.“  Eine Wahrheit, die unumstößlich war. Mit einem tiefen Atemzug löste sich Freyas Umklammerung des Bodens. Ihre Arme und Beine zitterten, als sie sich abstützte, um sich aus dem Dreck zu erheben. Nein, sie war nicht mehr das kleine Mädchen, das alles um sich herum mit kindlicher Naivität weglächelte, um im nächsten Atemzug einen anderen Weg zu suchen. Nein, die Welt war auch nicht mehr dieselbe. Vieles, wenn nicht sogar alles darin war eine Lüge oder ein Trugbild, die für einen kurzen Moment Halt gaben, um am Ende dann wie eine Seifenblase desillusionierend zu zerplatzen. Freundschaft, Liebe, Hoffnung, Glück.

Alles, was am Ende blieb, war man selbst. Sie allein. Allein in der Dunkelheit. Sie war einfach nur Freya und sie war auf sich selbst gestellt. Ganz gleich, wie die Welt sie manipulieren wollte oder welche Rolle sie einnehmen musste, um dem Willen des Einen zu folgen und ihren Weg zu finden.

Langsam wandte Freya sich herum, nur um in ihr eigenes Spiegelbild zu sehen. Ein Abbild, das schimmerte und von Finsternis durchdrungen genauso flirrte wie der Altar in Ogrimars Tempel. Sie wirkte älter, wenn auch nicht viel größer, doch die Dunkelheit der Augen, die Freya entgegenblickte, ließ sie unbewusst zusammenzucken. Emotionslos und abschätzig sah sie auf sie hinab, während ein dünnes Lächeln auf ihre Züge zeichnete, als würde sie längst die Antwort einer einzigen Frage wortlos erkennen können, ehe sie diese aussprach. „Vielleicht, Freya. Aber bist du wirklich bereit dazu?“

 
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Geboren aus dem Wissen einer dunklen Vergangenheit - verblasst mein altes Leben im Schatten einer neuen Zeit.
~ Einfach Freya ~

In den Momenten, in denen nichts mehr bleibt, sieht man die unsichtbaren Fäden, die uns wirklich halten.
Ein Name allein hat dabei keine Bedeutung. Er kann verblassen, wie Tinte auf einem Pergament - wie ein leeres Versprechen.
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Naheniel
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#1740

Beitrag von Naheniel »

Naheniel hatte es nicht akzeptiert. Trotzdem war er an dem Tag der Hochzeit in die Kapelle im Wald gekommen und hatte den Worten des Priesters und dem Gelöbnis Adrians und Alyssas zugehört.
Er ließ der Familie Al Saher und den Freunden diese besonderen und einmaligen Momente der Innigkeit und Freude über die Schließung einer Ehe, ließ sie feiern, ließ sie in dem Glauben, dass nichts geschehen würde und dass das Bündnis einer Ehe ihn von Alyssa und der restlichen Familie fernhalten würde. Zumindest für einige Stunden.


Seit Jahren war es bereits beschlossen, dass Bruder und Schwester sich irgendwann einen Ring an den Finger steckten. So war es in vielen alten Familien. Nur das Blut nicht beschmutzen, die Reinheit des Glaubens auf diese Weise weitertragen und sicherstellen, dass die Nachkommen in der gleichen Linie gezeugt wurden.

Eigentlich war es eher verwunderlich, warum es nicht alle auf diese Weise taten, um ihre Familien so rein wie möglich zu halten. Trotzdem war Naheniel nicht bereit gewesen, den Wunsch Alyssas nachzukommen und den Beschluss des Vaters über die baldige Eheschließung zu akzeptieren. 

Hätte er die Hochzeit verhindern können, damit er Alyssa weiterhin für sich allein haben konnte?
Vielleicht.

Aber das wollte er nicht. Viel eher lag ihm daran, der Familie den größtmöglichen Schmerz zu bereiten und sich vor allem an dem Oberhaupt, dem Vater, zu rächen, für den Versuch, einen Keil zwischen Alyssa und ihn zu treiben. Denn das geschah unvermeidlich, sobald sie Adrian das "Ja-Wort" gab und sie ihrem Bruder zahlreiche Kinder gebären würde. 


Deshalb wartete er, bis die Zeremonie vorbei war. Nur um sie zu holen, als niemand bei ihr war, um sie vor ihm zu beschützen und sie dorthin zu bringen, wo sie nicht gefunden werden konnte.

 
Naheniel hat geschrieben: Mi 18. Dez 2024, 22:04
Spoiler
 
Vor Jahren
 
Noch in seiner ganzen Pracht, erhob sich mit einer kühlen Erhabenheit inmitten des Waldes auf dem Anwesen der Familie Al Saher der Tempel, welcher wirkte, als hätte das Dunkel selbst ihn geformt. Seine Außenmauern, gebaut aus schwarzem Basalt, zeigten zu diesem Zeitpunkt kaum Anzeichen von Verwitterung, obwohl der Tempel schon viele Jahre zwischen den hohen Bäumen auf einer Lichtung stand.
Es war ein gespenstisches Bauwerk und doch strahlte es eine Anziehungskraft auf alle aus, die sich ihm näherten. Auch wenn Naheniel von dem Vater von Adrian längst nur noch geduldet wurde, genoss er es nach wie vor, den Tempel aufzusuchen. Er gefiel ihm, wie an diesem kleinen Ort alles mit dem Glauben und Ogrimar durchflutet wurde. 
 
Naheniel war nicht geladen gewesen zu der Zeremonie, die sie heute in dem Innenraum des Tempels, welches seit jeher in einem ewigen Halbdunkel gehüllt war, zutrug.
Und doch war er erschienen, denn was kümmerte es ihn, ob er gewollt war oder nicht.
 
Das Flackern der Flammen von unzähligen Kerzen, die in kunstvoll geschmiedeten Eisenleuchtern standen, gaben auch heute dem Tempel eine besondere Atmosphäre, die sonst bereits eindringlich genug war, allein durch die massiven Säulen, die sich wie verdrehte, knorrige Bäume emporschraubten, um das massive Dach, welches verziert war mit Malereien aus den Geschichten der Doktrin und anderen Büchern, zu halten. 
 
Auf der Wand, die sich hinter dem Altar befand, waren alte Symbole und Runen gezeichnet, die sich jetzt, da die Gläubigen zusammenfanden und unter dem Schein der Kerzen, in einem pulsierenden Rot schwach leuchteten, ganz so, als hätten sie ihr eigenes Leben, das darauf wartete, entfesselt zu werden. 
 
Auf einer der letzten Bänke hatte Naheniel sich einen Platz gesucht, gehüllt in einem dunklen Umhang, mit einer weiten Kapuze über das Gesicht gezogen, so wie es alle Gäste getan hatten, um ihre Gesichter zu verbergen. Dabei ging es nicht darum, zu verstecken, wer sie waren und aus welchen Häusern sie kamen.
Aber Hier und jetzt, in diesem Tempel aus Dunkelheit und Schatten, zählte nicht der Einzelne, sondern nur das Ritual, welches kurz davor war, vollzogen zu werden. 
 
Ein Sprechgesang, geführt von den Frauen und Männer die sich stehend vor den Bänken verteilten, war zunächst nur ein gemeinsames Flüstern gewesen, Worte einer fremden Sprache, jedoch erfüllt mit Glaube und Inbrunst gegenüber der dunklen Majestät, seinem Wort und seinem Gesetz.
Auch wenn Naheniel derartigen Zeremonien schon häufig beigewohnt hatte, zog es ihn immer wieder in einen Bann und er war fasziniert von der spürbaren Macht, die auf alle Gäste einwirkte.

Hinter dem Altar, der gefertigt war aus dunklem Marmor, der bei genauerer Betrachtung den Anschein hinterließ, als wäre er aus flüssiger Dunkelheit geschaffen worden, stand ein Mann, gekleidet in eine schwarze, schwere Robe.  
Wachsam beobachtete Naheniel jede Regung des Priesters, der für diese Stunden geladen worden war. Natürlich war es nicht irgendein Geistlicher, den die Familie Al Saher zu diesem Ereignis rief. Unwürdig waren sie, die Würdenträger der dunklen Kirche. Seit Jahrzehnten waren sie nicht mehr das, wofür sie einst bekannt waren und warum man sie fürchtete.
Heutzutage waren sie alle verweichlicht und mehr dem Frieden als dem unbedingt nötigen Krieg zugewandt. Nicht selten hörte man Worte in ihren Predigten, die nur wenig mit dem zu tun hatten, was der wahre Glaube sein sollte und wodurch er einst geboren wurde. 
Gleich verhielt es sich mit den Taten. Die harte Hand der Kirche zeigte sich häufig als viel zu nachgiebig und einlenkend, anstatt einzuschreiten und auch über jene zu richten, deren Ziel es einzig war, sich auf der eigenen Vergangenheit auszuruhen. 
 
Eine Handlungsweise, die so einigen Familien der schwarzen Dienerschaft seiner einzigen Majestät nicht gefiel, weshalb es vorgezogen wurde, Gleichgesinnte unter sich zu suchen und sich mit jenen zu umgeben, die den Glauben noch als das verstanden, was er einst gewesen war.
Unnachsichtig. Gnadenlos. Absolut.
 
Der Priester, der keinen Namen tragen musste, um jemand zu sein, erhob gebieterisch seine Hand und senkte sie sogleich wieder, woraufhin die Sprechenden verstummten und sich in einem gleichen Fluss auf ihre Knie ließen. Für einige Augenblicke herrschte eine Stille, die weitaus mächtiger war als jedes Wort, das gesprochen werden konnte. 
 
"Wir sind zusammengekommen, hier in diesen Tempel, im Schoß der Macht des einzig Wahren, in der Wiege des Chaos und in seiner Allgegenwärtigkeit, die uns alle umgibt und durchdringt, fernab von den Worten, die im Felsendom trügerisch an die Ohren der Gläubigen dringen.
Die Zeiten haben sich geändert. Wir haben uns verändert. Die Kirche und deren Anhänger sind gespalten und verkommen unter ihrer Führungslosigkeit. Lassen wir uns davon aber beirren? Unseren Geist beschmutzen von dieser Schwäche unserer sogenannten Glaubensfamilie? Nein!" 
 
Die Stimme des Priesters hob sich und schallte mit einem lauten Echo zwischen den Mauern hin und wieder zurück.
Die Zuhörer zuckten trotz der Eindringlichkeit des Klangs nicht zusammen, sondern hielten voller Ehrfurcht ihren Blick gesenkt, während sie schweigend den Worten lauschten. 
"Wir folgen den alten Werten und den alten Gesetzen, denn wir wissen, dass nur daraus die Stärke des Glaubens entsteht. Und ist der Glaube stark, ist es auch der dunkle Vater." Er hielt inne und sein stechender Blick, der unter seiner Kapuze hervortrat, streifte gebieterisch über die Anwesenden hinweg, als suchte er in ihren Auren nach dem kleinsten Funken Verrat oder Zuwiderhaltung. "Wer sind wir?" 
 
Worte, die Naheniel schon in jüngster Kindheit in Fleisch und Blut übergegangen waren und die einer wie er, aufgezogen in der härtesten und schonungslosesten Form der Glaubensinterpretation, in ihrer wahren Bedeutung sehr früh begriffen hatte. Im Gleichklang mit all den anderen Gästen, erhob sich deshalb auch seine Stimme. 
"Wir sind die Einen, wir sind die Reinen! Wir sind das Schwert Ogrimars, das Jene, die nicht glauben, zerschmettern wird." 
 
Dass das "nicht glauben" weitaus mehr umfasste als das, was man im ersten Moment hörte oder in der Doktrin las, war etwas, was die Glaubensbrüder und -schwester, die hier zusammengekommen waren, mitunter verband. 
 
"Ihr, die Reinen, seid hier, um Zeuge zu werden, wie dieses Paar den alten Pfad des Glaubens betritt und ihn durch ihr Tun beschützt.
Das Blut bleibt beim Blut und läuft nicht Gefahr, sich mit jenen zu mischen, die zwar denken, sie würden treu dienen, aber bereits wanken, wenn sie sich erheben müssen aus ihrer Bequemlichkeit und den Nestern aus längst verdorbenen Familien." 
 
Der Priester senkte seine Stimme, griff nach einem schwarzen Seidentuch und nach einem Dolch mit einer Klinge aus geschwärztem Stahl. Sein Blick sowie auch seine Worte waren nun dem Brautpaar vor sich gewidmet. "Ihr seid rein gezeugt worden und auch eure Nachkommen werden es sein. Bekennt Euch nun zu dem, was Ogrimar euch vorherbestimmt hat." Niemand sprach vorerst und Naheniel hob seinen Kopf ein wenig. Auch wenn er weit hinten saß, konnte er die Rücken jener erkennen, denen zu dieser Stunde die gesamte Aufmerksamkeit gehörte. Es war bestimmt gewesen, dass es eines Tages so weit kam. Und doch hatte etwas in ihm gehofft, dass es nicht passierte. 
 
"Adrian Al Saher,
Alyssa Al Saher,
ihr habt Euren Pfad gewählt und seid bereit, eure Leben zu vereinen und diese an den wahren Glauben zu binden. Sprecht nun euer Gelübde und bringt euren Schwur dar, damit wir eure Verbindung bezeugen und der dunkle Lord sie, euch und eure gemeinsame Zukunft segnen kann." 
 
Naheniel senkte seinen Blick und ein kaltes Lächeln schimmerte auf seinen Lippen auf. Hoffnung. Sie war trügerisch und zumeist sehr enttäuschend.
Es war die Hoffnung, dass einer von ihnen klug genug wäre, seinen Worten Folge zu leisten, denn sie beide, Alyssa wie auch Adrian, hatte er vor die Wahl gestellt. Aber beide hatten dem gehorcht, was von ihnen verlangt wurde.
Schade. Somit hatten sie ihr Schicksal, das nun unausweichlich war, selbst gewählt. 
 
"Ich schwöre Dir, Alyssa, Treue. Ich gebe Dir meine Stärke und beschütze Dich mit meinen Schatten, bis der dunkle Meister uns als würdig erachtet und wir im Kampf für ihn sterben dürfen." 
 
"Ich schwöre Dir, Adrian, Entschlossenheit. Ich binde mein Leben an das Deine, folge Dir und…" 
 
Ohne noch weiter zuzuhören, schüttelte Naheniel belustigt seinen Kopf und erhob sich von der hintersten Bank. Lautlos waren seine Schritte in Richtung der Flügeltüren, die hinaus auf die Lichtung führen sollten. Doch noch bevor er diese öffnen konnte, hielt eine Hand ihn am Oberarm fest.
Naheniels Blick strich an dem, ebenfalls in einer dunklen Robe, gehüllten Mann entlang und zuckte verächtlich seine Nasenflügel auf.
"Ihr hattet mir noch nie etwas zu sagen, Lord Al Saher." 
 
"Du wirst nicht zwischen dem stehen, wofür meine Familie seit Jahrhunderten steht und wofür sie bestimmt ist."
Die Stimme von Adrians Vater war flüsternd, jedoch deshalb nicht weniger warnend und durchdringend, während die Finger seiner Hand sich immer noch fest in den Oberarm Naheniels drückten.
"Werde ich nicht?" Langsam verzogen seine Lippen sich zu einem amüsiert freudlosen Lächeln. 
 
Zwischen den beiden Männern verstrichen Sekunden einer bedrohlichen Ruhe, in welcher sie sich nur unerbittlich ansahen. Währenddessen fuhr der Priester längst mit der Zeremonie fort, indem er mit dem Dolch Wunden in die Handflächen beider Partner ritzte und das Blut zunächst in einen schimmernden Kelch und dann auf das schwarze Tuch tropfen ließ. 
 
"Blut ist die Essenz des Lebens. Durch dieses Opfer bindet ihr euch nicht nur aneinander, sondern auch an die Macht seiner wahren Lordschaft.
Eine Macht, die dieses Bündnis schützen und stärken wird." 
Als seine Worte verklungen waren, knotete er das schwarze, mit Blut befleckte Tuch um die Hände des Paares. "Mit diesem Band erkläre ich euch zu Verbündeten, zu Gefährten, die im Namen des Meisters die alte Tradition leben und diese, sowie auch ihn die alten Gesetze über alles stellen.
Von heute an wandelt ihr gemeinsam durch die Finsternis, die er erschuf. Zweifelt nie an euch, denn dann zweifelt ihr an ihm.
Dient und folgt dem Weg, den er euch weist!" 
 
Ohne seine Aufmerksamkeit auf das Geschehen im Eingangsbereich des Tempels zu lenken, sprach er mit lauter, sie alle erinnernder Stimme weiter. "Vergesst nie, reiner Glaube ist mehr als nur Taten und schwache Worte. Glauben heißt Leben! Glauben heißt sterben! Der Glaube steht über jedem von euch! Glaube achtet keine Namen oder vergangene Taten. Es zählt nur das Hier und Jetzt und das, wofür wir bereit sind, damit wir für Ogrimar wahre und treue Diener sind!"
Er tunkte seine Finger in den Kelch, zeigte diese dem Paar vor sich und zeichnete auf die jeweilige Stirn ein Symbol aus dunkelrotem Blut. "Euren Pfad der Treue setzt ihr heute fort." Mit einem lauten Rascheln der dunklen Gewänder und dem Knarzen von hölzernen Bänken, erhoben sich die Anwesenden aus ihrer knieenden Position. 
 
Naheniel wand sich aus dem Griff von Adrians Vater und deutete mit einem knappen Nicken in Richtung des Paars am Altar. "Seid so nett und richtet ihnen meine aufrichtigsten Glückwünsche aus." Leicht neigte er sich nach vorn und murmelte mit leiser, warmer Stimme.
"Und dass sie gut aufeinander acht geben sollen." 
 
 
 
Am gleichen Abend, einige Stunden später 
 
 
Alyssa saß auf der Schaukel, die sanft unter dem gewaltigen Baum pendelte. Die silbrig schimmernden Strahlen des Mondes durchbrachen das dichte Blätterdach, welches ein beruhigendes Geräusch von sich gaben, als hin und wieder der Abendwind durch dieses hindurch strich. Immer noch trug sie ihr Brautkleid, welches von einer besonderen Schönheit war, so wie die Trägerin auch.
Die schwarze Spitze, welche durchzogen war von blutroten Stickereien, die wie feine Adern wirkten, umschmeichelte ihre schlanke Gestalt und hob die zarte Blässe ihrer Haut wirkungsvoll hervor. Das dunkle, in lockere Wellen gelegte Haar fiel über ihre schmalen Schultern, während einzelne Strähnen sich von dem sachten Spiel des Windes tragen ließen. 
 
Als hätte sie alle Zeit der Welt und als würden weder Gäste noch ein Ehemann auf sie warten, der von ihr schon bald die Pflicht der Hochzeitsnacht einfordern würde, schwang sie auf ihrer Schaukel nach vorn und wieder zurück und zeigte dabei in ihrem Gesicht ein nahezu unmerkliches Lächeln, obwohl ihr Antlitz gezeichnet war von einer Mischung aus Trauer und Unruhe, ganz so, als ob sie bereits das, was auf sie zukommen würde, vorausahnte. 
 
Womöglich tat sie das auch. Alyssa wusste schon immer mehr. Sie sah und sie verstand. Das allein schon machte sie für Naheniel zu etwas Ungewöhnlichem. Und das Ungewöhnliche war es, was seine Aufmerksamkeit erweckt hatte. 
 
Wieder holte sie mit ihren Beinen aus und schwang sich erneut in die Luft, als am Horizont sein langgestreckter Schatten erschien. Für einen kurzen Moment hielt er an und beobachtete, wie sie, genauso wie damals, als sie noch ein kleines Mädchen war, unbekümmert ihr Dasein genoss. Der Schein aber trügte, das wusste er, genauso wie er sich darüber bewusst war, dass sie nicht lange hier alleine bleiben würde.
Lautlos schritt er somit weiter über die Wiese und erreichte die Braut Adrians nach kurzer Zeit. Seine hellen Augen richteten sich zunächst stumm auf sie, um ihr genau das zu offenbaren, wofür er gekommen war: Er wollte sie für sich besitzen und einlösen, was er versprochen hatte. 
 
Mit einem leisen Seufzen wartete Alyssa, bis die Schaukel langsamer wurde und ließ sich gleich darauf von den Schatten einfangen, die Naheniels Körper auf sie warf.
"Du bist nicht fort."
Ihre Stimme war getragen von einem leisen Klang, der kaum wirklich zu sein schien. "Das war ich nie, Alyssa."
Er überbrückte die letzte Distanz zu ihr und stoppte die Schaukel, indem er in eines der Seile griff. Der Blick der Braut flackerte und sie strich sich vorsichtig über das schwarze Band, welches der Priester im weiteren Verlauf der Vermählung von ihr und Adrian löste, um es in zwei Teile zu schneiden und dann jeweils um ihre Wunden zu binden. 
 
Mit einem lockenden Blick betrachtete Naheniel Alyssa und ließ noch weitere kühle Schatten nach ihr greifen, während ein sanftes Lächeln sich auf seine Züge schlich, das etwas von seiner über die Jahre ihn stets umgebenden Dunkelheit zurückdrängte. 
"Es ist soweit." Er streckte seine Hand nach ihr aus und bot ihr diese einladend an. "Ich bin hier, um Dich mit mir zu nehmen." 
 
Alyssa hob ihre Augen und begegnete seinem Blick. Schweigende Momente zwischen ihnen vergingen und das helle Mondlicht zeichnete ein Spiel aus Zweifel, Angst und doch einer tiefen Neugier und eines Wollens auf ihrem Gesicht ab.
Naheniel lehnte sich zu ihr hinab, so dass sie seinen warmen Atem auf ihrer Wange spüren konnte, was einen starken Kontrast zu der Kälte, die von seiner Aura ausging bildete.
Seine Hand schwebte weiterhin vor ihr und sie spürte, wie sich die Schatten um sie herum verdichteten und wie die Welt um sie stiller und stiller wurde, als würde die Natur ihren Atem anhalten. 
 
...

.... Als sie ihre Hand in seine legte, löste sich das schwarze Tuch, welches sie an Adrian band und fiel in einem lautlosen Tanz zu Boden ... 
 

 

Sein Kopf dröhnte, als er angestrengt seine Augen wieder öffnete. Die Welt um ihn herum war verschwommen und die Bilder der Erinnerung, genauso wie die Schwärze der Ohnmacht wirkten noch einige Zeit nach.
Es war so lange her und trotzdem hatte er nie vergessen, wie Alyssa damals war. Und auch nicht, was er aus ihr gemacht hatte. 


Er hatte keine Zeit für die Vergangenheit und versuchte nochmals, sich trotz seines geschwächten Körpers zu erheben. Das Licht am Himmel, welches heller und wilder wurde erinnerte ihn sehr deutlich daran, dass er sich beeilen musste.
Es schien derzeit die Oberhand über das Dunkel zu haben und das ganze Gefüge seiner Ordnung durcheinander zu bringen. Dem musste er Einhalt gebieten und das ging nur, wenn er der Macht, die das Mädchen in seiner Schöpfung auszuleben begann, Grenzen setzte. Wie er das tat, war ihm mittlerweile gleich.

Von seinem einstigen Freund und Weggefährten und genauso von seiner Schwester, war er betrogen worden. Warum also nicht selbst zu einem Betrüger werden?
Selbstverständlich würden sie ihren Schlüssel zurück bekommen, dessen konnten sie sich alle sicher sein. Wortbrüchig war er schließlich nicht. Jedoch würde sich Adrians Wunsch nach Unversehrtheit Freyas nicht mehr erfüllen lassen. 

Ein berechnendes Lächeln zog sich über sein von Erschöpfung gezeichnetes Gesicht, als er sich endgültig erhob und Halt an seinem toten Pferd suchte, das aufgrund seines neu aufgezwungenen Daseins verstört mit seinen Augen rollte, als sein Reiter es berührte.

Naheniel gab sich zunächst einige Momente, um zu Kräften zu kommen. Seine Reserven waren nahezu vollkommen aufgebraucht, aber dem konnte er jetzt keine Beachtung schenken. Für Rast und Ruhe würde genug Zeit sein, sobald er Freya gefunden hatte. Aber wo sollte er suchen? Sein Blick richtete sich unvermittelt auf das Wesen, das er zuvor grob gegen den Felsen geworfen hatte.
Lautlos schickte er einen undeutlichen Schemen zu dem immer noch am Boden liegenden Strandsammler, hob ihn mit diesem mit einem unsanften Ruck nach oben und zog ihn an sich heran.
"Deine Antwort auf meine vorherige Frage war nicht zufriedenstellend. Versuchen wir es also nochmal." 


Der Schemen schlang sich um den kleinen Körper und hinterließ dabei eine dunkle Verfärbung auf der hellen Haut. Das Wesen wollte aber nicht aufwachen und so befahl Naheniel den dunklen Schlieren einzig mit einem kurzen Zucken seines Zeigefingers, in Mund, Nase und geschlossene Augen zu kriechen. 
Es dauerte nicht lange, bis der Schmerz, den er im Inneren des Wesens verursachte, intensiv genug war, so dass dieser zu Bewusstsein kam. "Was hat sie zu Dir gesagt?

 


 
Die leuchtenden Augen des Strandsammlers flackerten und es versuchte sich ängstlich zu befreien. Doch jede Bewegung zog die dunklen Schlingen nur noch weiter zu. Seine Unterlippe bibberte, als er endgültig seinen Kampf aufgab und hektisch nachdachte, worüber es mit dem Mädchen gesprochen hatte. "Sie gesagt, sie Schöpfer." Sein Gesicht verzog sich und eilig korrigierte es sich. "Nein, eigentlich ich gesagt, sie Schöpfer. Aber sie darauf nicht nein gesagt!"

Entschuldigend schaute es zu Naheniel, als können diese Worte ihren Glauben daran, dass Freya die Schöpferin war, irgendwie verteidigen. "Sie wollte Hilfe und ich Hilfe gegeben!" Aber das alles war für das Wesen überhaupt nicht so gelaufen, wie es das vorgehabt hatte. Seitdem Freya aus der Wolke gefallen war, war alles schief gelaufen. So richtig schief. 


 


 
Ungeduldig flammte der Blick Naheniels auf und er krümmte seine Finger zusammen, was sogleich einen Effekt auf den Schatten hatte, der den Strandläufer festhielt. Das Wesen japste nach Luft und seine Augen weiteten sich panisch.
"Ich habe keine Zeit für Details." Trotzdem war es äußerst interessant, dass Freya versuchte, durch das unterschwellige Vorgeben zu sein wie er, weiterzukommen. Sein wie er.
Ein eisiger Ausdruck breitete sich bei diesem Gedanken auf seinen Zügen aus. Bewahrheiteten sich seine Worte also doch.
Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst. Bist es Du? Oder bin es längst ich? 


"Sie suchen Pfad. Der, der zum Ende führt." 

Naheniel wusste genau, was dort am Ende war, schließlich war er es, der es geschaffen hatte. "Verdammt."

Ohne dem Wesen noch weiter Beachtung zu schenken, löste sich die schwarzen Schlieren von ihm und ließ es auf den vulkanischen Boden fallen. Weiterhin war Naheniel kaum fähig, sich auf seinen Beinen zu halten, weshalb es einem großen Kraftakt gleich kam, sich auf den Rücken seines Pferdes zu ziehen.
Wenn sie vor ihm dort ankam… nein, das durfte nicht sein.

Irgendwo war sie hindurch gerutscht, hatte sich durch die Explosion ihres Lichts und der Macht des Schlüssel, die in ihr erwachte, einen Weg geschaffen und war verschwunden.
Wo sie jetzt, genau in diesem Moment war, war für ihn unmöglich herauszufinden, weshalb er nur darauf hoffen konnte, dass die Armee der Toten und seine Dämonen sie zu fassen bekamen, bevor sie ihr Ziel erreichte. Allein darauf konnte er sich aber nicht verlassen. Er musste einfach schneller sein als sie. 


Auch wenn er wusste, dass er seine Kräfte längst überstrapaziert hatte, musste er es versuchen. Und so erfüllte ein leises, kaum merkliches Knistern erfüllte die Luft, das vertraute Geräusch, das sein Wandeln durch die Schatten ankündigte. Doch als er die Hand hob, um die Finsternis zu greifen, zogen sich die Schatten zurück. Sie wichen ihm aus…
Überrascht sah er auf seine Hand und zog seine Stirn kraus. Das war für ihn neu und nur schwer hinzunehmen. Mit sichtlicher Anspannung, schloss Naheniel seine Augen, senkte seinen Kopf und vergrub seine Hände in verkrampft in die Mähne seines tänzelnden Tieres.
Es blieb ihm also nichts anderes, als den langen Weg zu nehmen, um sie zu finden. 


Trotz seiner anwachsenden Wut drückte er seinem Pferd sanft die Fersen in den Bauch. Sogleich fiel es in einen Galopp und ließ innerhalb weniger Minuten den Strandsammler und die Dämonen hinter sich. Auch diese würden nicht aufhören, nach dem Mädchen zu suchen, ein Befehl blieb ein Befehl. Aber wiederholen musste er diesen nicht. 

Wachsam versuchte er seinen Blick in die Ferne zu richten, aber es war anstrengend, ein klares Bild zu sehen, da ihn immer wieder ein Gefühl der Ohnmacht überkam, die er gerade noch so kontrollieren konnte.
Fatal wäre es, wenn er nun das Bewusstsein verlor, vom Pferd fiele und ihm für eine unbestimmte Zeit die Kontrolle über sich entgleiten würde. Wobei, viel davon hatte er ohnehin nicht mehr, wenn nun auch die Schatten ihren sonst treuen Dienst verweigerten. Noch bevor er sich einen Plan, über sein weiteres Vorgehen zurechtlegen konnte, wurde er aus seinen Überlegungen gerissen.


"Die Vergangenheit holt Dich ein, Naheniel."

Das an seinen Beinen bereits skelettierte Pferd scheute, als sich zu der glockenhellen Stimme ein Körper aus dem Nichts manifestierte. Jener war gehüllt in ein weißes, nahezu durchsichtiges Gewand, das sich in einem Wind bewegte, der nicht vorhanden war. Gesichtszüge waren nicht zu erkennen, denn alles an ihr schien aus kaltem, leblosem Stein zu bestehen. Auf ihrem Kopf trug sie einen schlicht geflochtenen Kranz aus alten Weidenästen, an denen braune, trockene Blätter hingen, die bereits drohten, abzufallen. 


Naheniel hielt sich an der Mähne seines Pferdes fest und beruhigte es mit rauer, leiser Stimme, so dass es mit geblähten Nüstern und schwer schnaubend zum Stehen kam. 
"Weberin. In meiner Welt hast Du keinen Einfluss auf das Schicksal."
Es musste ein Trugbild sein, das sich vor ihm zeigte, geschuldet seinem derzeitigen Zustand, denn die Schicksalsweberinnen existierten hier nicht. 


Vollkommen reglos blieb sie stehen, wo sie war, doch an seiner Wange spürte er ihre kalte, unsichtbare Berührung und hörte dicht an seinem Ohr ihre flüsternde Stimme.
"Bist Du Dir da sicher?"




 
Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst.
Bist es immer noch Du? Oder bin es nun ich?


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Spürst Du den Hunger nach der Dunkelheit, schreit er bereits in Dir? 
Sag, mache ich Dir Angst oder fühlst Du Dich erst lebendig wegen mir?
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Adrian
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#1741

Beitrag von Adrian »

In einer geschmeidigen Bewegung wandte Adrian sich der Tür zu, die unter einer leisen Geste krachend aufschlug. Jeder hier konnte wissen, dass er da war. Ein dunkler Glanz überschattete seine Augen, bei dem Gedanken, Naheniels Schöpfung einen Stich zu versetzen, als er langsam durch einen aus grob gehauenem Stein erbauten schmalen Gang hindurchschritt, der nur dürftig von schwachen Tageslichtfetzen erhellt war.

Seine Stiefel berührten den Marmor mit einem dumpfen, endgültigen Klang – gleichmäßig und entschlossen, während sein Mantel wie ein weiterer Schatten über den Boden glitt. Die Finsternis folgte ihm wie eine lautlose Welle, die den Raum sowie jeden Lichtstrahl, den sie streifte, geräuschlos verschlang, bis er das Kirchenschiff erreichte.

Zielstrebig stieg Adrian die Stufen zur Kanzel hinauf. Stufe für Stufe, wobei seine Schritte ein deutliches Echo hinterließen, während die Schwärze sich weiter um ihn ausbreitete. Eine Düsternis, die mit jedem Atemzug wuchs und sich schleichend über die Kirche legte.

Sein Blick streifte die Bänke, in denen Schüler und Anhänger saßen – gebunden an diesen Ort, manche freiwillig, andere weniger. Niemand von ihnen trug jedoch eine rote Kutte. Ihre Identität war somit irrelevant und ihre Titel und Ränge bedeutungslos. Ein Mittel zum Zweck – nicht mehr.

Wo war ihr Hüter gerade? Pläne schmieden? Beten? Ein dünnes Lächeln formte sich schmal und freudlos auf seinen Lippen, als seine Hände nach den Schatten griffen. Eine knappe, kontrollierte Bewegung, unter der er dennoch das unwillkommene Zittern seiner Finger spüren konnte.

Magie hatte ihren Preis, und sie forderte ihn mit unnachgiebiger Härte. Adrian brauchte mehr Macht, um Naheniel entgegentreten zu können. Zu viel hatte er für das Leben Tanuris investieren müssen, ohne sich danach erholen zu können. Ein Luxus, den er sich nicht erlauben durfte. Die Zeit lief ihm nicht nur davon, sie war vielmehr sein Feind. Jeder verschwendete Moment gab seinem einstigen Freund nur die Gelegenheit, Freya vor ihm zu finden.

Die Finsternis flammte in seinen Augen auf, während die Dunkelheit aus den Winkeln gekrochen kam und sich über den Raum schob, der mit jedem Herzschlag kälter wurde.

Einige der Betenden hoben ihre Köpfe und sahen zu ihm auf. Sie blickten in das dunkle Zentrum seiner Augen, doch es war zu spät, um das Unvermeidliche zu begreifen, als Adrian seine Arme anhob. Eine Kontrolle, die ihn forderte, während seine Muskeln bebten.

Ein Atemzug, und die Welle aus lebendiger Dunkelheit schlang sich um die Kuttenträger und riss sie gleichzeitig empor, als wären sie unsichtbare Marionetten, die seinem Befehl folgten.

Ein einziger Herzschlag, in dem Adrian die schwebenden Gestalten fokussierte, ehe er seine Finger zu Fäusten schloss und die Finsternis gehorchte und sich über sie senkte. Lautlos kroch die Schwärze durch ihre Kutten, zerfraß den Stoff, ehe sie die Haut vom Fleisch und das Fleisch vom Knochen schälte. Erbärmliche Schreie hallten durch den Raum. Ein grausamer Klang, der von der Dunkelheit erstickt wurde und im Nichts verhallte, während die Schatten sich gefühllos nährten und nicht einmal eine Erinnerung zurückblieb, als die Körper zu schwarzem Staub zerfielen. Eine Opferung, die ein eisiges Aufblitzen im Dunkel seiner Augen hinterließ. Ihr Leben – seine Kraft.

Ohne Eile ließ er seine Arme sinken, ehe er den Kopf leicht neigte. Das helle Blau seiner Augen flackerte, verdunkelt von den Schatten, die ihn umgaben. Ogrimar würde ihm vergeben – oder auch nicht. Es war geweihter Boden, ja – doch der Zweck heiligte die Mittel, und wählerisch konnte Adrian nicht sein. Vielleicht war es Schicksal oder sein Untergang. Ein frostiges Zucken huschte über seine Lippen, als er seine Fäuste öffnete. Was spielte es für eine Rolle? Knapp hob sich seine Braue, während die Schatten sich um ihn herum sammelten. Doch nicht, weil er die Antwort darauf kannte.

„Feigheit ist keine Tugend des Lords.“ Adrians Stimme war kühl, durchdrungen von einer greifbaren Finsternis, als sein Blick sich langsam hob und er sich unmittelbar herumwandte, um in die Augen eines Priesters zu sehen. Zitternd kauerte jener hinter dem Altar, verborgen unter dem trügerischen Schutz eines verschlissenen Vorhangs. Eine dumme Idee, glaubte der Mann wirklich, dass er ihn übersehen hatte? Er konnte ihn fühlen. Seine Angst.

Unter einem bemitleidenden Kopfschütteln hielt er an seinem Blick fest, der spürbar auf ihm lag. Es war am Ende gleich, ob er sein Schicksal mit offenen Armen empfangen oder versuchen würde, davor wegzulaufen. Das Resultat blieb dasselbe.

Ein dünnes Lächeln umspielte Adrians Lippen. Keines von ehrlicher Freude, sondern eher bedauernd im Angesicht dessen, dass jemand dem naiven Glauben folgte, sich vor ihm verstecken zu können.

„… und Geduld ist derzeit nicht unbedingt eine der meinen.“ Eine unmissverständliche Warnung. Ebenmäßig hallten die Schritte des Magiers an den Mauern wider, als er mit einer bedrohlichen Seelenruhe auf ihn zuging. Das Dunkel seiner Augen fixierte den Mann – ein Blick, der tiefer griff als Worte und sich wie ein unsichtbarer Griff um die Seele legte.

„Wo ist er?“ Die Frage war kaum mehr als ein Atemzug, tödlich leise, wie ein Urteil, während die Dunkelheit den Priester packte und ihn auf die Beine riss. Niemand legte ungestraft Hand an seine Familie. Niemand an sein Blut.

Ob der erbärmliche Kerl, den er zu fassen bekam, vielleicht weder irgendetwas damit zu tun hatte noch davon wusste, interessierte Adrian nicht. Er war Teil des Ordens und am Ende eine Kreatur seines Schöpfers, dessen Welt in Blut und Chaos versinken sollte.

Eisig musternd betrachtete Adrian das von Flammen gezeichnete Gesicht, das kaum noch Kraft zum Atmen besaß und offenbar auch keine Zunge zum Sprechen. Natürlich. Eine Kirche voller Gottesdiener und er erwischte den Krüppel unter ihnen. Knapp hob der Magier eine Braue über diesen bedauernswerten Umstand, der den Priester fast nutzlos werden ließ.

Verzweifelt versuchte dieser dennoch, Adrians Blick auszuweichen. Doch ohne Erfolg, da der Dunkelmagier ihm keine Wahl ließ. Unheilvoll glänzte das finstere Zentrum seiner Augen, in denen das Blau einer Schwärze gewichen war und widerspiegelte, dass es keinen Spielraum für Verhandlungen gab und das kleinste Anzeichen eines Widerspruchs nur eine einige Konsequenz kannte.

Mit schonungsloser Härte sah er ihm in die Augen, während die Finsternis tiefer tastete und nach dem griff, was hinter der vernarbten Fassade seiner angsterfüllten Züge lag. Seiner Essenz, seiner Seele und jener Macht, die ihn am Leben hielt und darin gefangen hielt, während der Mann immer mehr in sich zusammensackte.

„Der Bischof.“ Adrians Tonfall wurde schneidend kalt, während er sehen konnte, dass sein Gegenüber die Kälte und die Leere spüren konnte, die ihn umschlungen hielten. Sie waren eine Warnung, ein Versprechen. Ein Urteil.

„Du hast genau drei Herzschläge, ihn herzubringen.“ Er ließ den Priester fallen, doch sein Blick gab ihn noch nicht frei. Er untermalte seine Worte, ehe er sich mit einem Lidschlag abwandte. Unverzüglich stolperte der Priester los. Adrian konnte hören, wie seine unsicheren Schritte nach Halt suchten und der Mann, oder in seinen Augen vielmehr die Kreatur, nicht wusste, was um sie herum geschah.

Eine Erklärung hätte dem Geistlichen allerdings auch nicht weitergeholfen. Das Wissen jedoch, dass Adrian seine Aufmerksamkeit auf den Bischof konzentrieren würde, wenn er ihn herbrachte, und sich ihm dadurch eine Option bieten konnte, zu entkommen, war daher die einzige Motivation, die es brauchte. Er hatte eine Chance. Mochte sie noch so gering sein. Ob er sie nutzte, lag an ihm allein, denn für den Dunkelmagier selbst war er schlichtweg unbedeutend.

Adrian schenkte ihm keine weitere Beachtung. Mit einem emotionslosen Lidschlag glitt sein Blick über die leeren Kirchenbänke, die wie stumme Zeugen im Schatten verharrten. Er hatte ein klares Ziel vor Augen.

Fordernd, fast wie ein Befehl, hallte seine Stimme durch den leeren Gebetsraum. Sein Blick ruhte scheinbar gelassen, doch in ihm lag ein unerbittlicher Wille. Keine Diskussion. Keine Verhandlung. Keine Gnade. Keine Geduld. „Eins!“
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✟ Oberhaupt der Familie Al Saher ❖ Gemahl der PriesterinTanuri Al Saher
❖ Bruder des Verlion Al Saher ❖
Gnade oder Mitleid haben noch nie einen Feind besiegt. ❖
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#1742

Beitrag von Landru »

"Halt! Wer seid ihr?" Der Mann auf dem Pferd riss an die Zügel und bremste abwehrend und den Weg verstellend vor der in dunkler Robe gehüllte Gestallt. Unter dem schwarzen Stoff quollen die weißen Haare hervor, leicht wellig auf die Brust bedeckt mit einer Lederrüstung. Schlicht und doch wirkte das Leder fremdartig. Fast schon als könnte man die Poren menschlicher Haut erkennen. Es war kein Tier gewesen. "Niemand. Nur auf der Durchreise." Raunt die Gestalt dem Wächter entgegen. Der die Kutsche hinter sich abschirmte.  "Es ist gefährlich die Straßen nachts zu bereisen." Fügte der Mann an, eine Hand am Schwertknauf. Die Andere versuchte sein nervös tippelndes Pferd zu beruhigen. Er wirkte unsicher, weil das Tier so nervös war. "Was ihr nicht sagt. Ich kann auf mich acht geben." Entgegnete die Gestalt. Das Gesicht im dunklen Schatten der Gugel verborgen. "Tretet zur Seite, damit wir passieren können." Befahl der Wächter und wurde selbst nervöser, weil das Pferd sich einfach nicht beruhigen ließ. "Natürlich." Flüsterte die schwarze Gestalt und trat zur Seite. Einen Blick auf die Kutsche dabei erhaschend. Ein rosiges Gesicht eines Edelfräuleins, dass neugierig ihre Nase an die Scheibe der Kutschentür drängte. Große neugierige Augen, blondes gepflegtes wallendes Haar. Das Mädchen hatte noch nie arbeiten müssen. Wohlhabend geboren und zum Dekorativen Gegenstand erzogen. Adel verpflichtet. Es genügte einen Augenblick in dem sie in seine rötlichen Iriden geblickt hatte, dass sie sich verlegen vom Fenster zurück zog. Er zog den Duft in die Nase, selbst mit einer Tür zwischen ihnen, kann er ihre Nuance von dem Blut wahrnehmen das unter ihrer zwarten weichen Haut schlummerte. Ein lächeln legte sich auf die Lippen, als die Kutsche an ihm vorbei zog. Er würde sie wieder finden. Sie wusste das in dem Moment. Ein aufgeregtes Herz in der Brust als hätte sie dem Raubtier ins Antlitz gesehen. Sie wusste es und ein Teil von ihr verlangte sogar danach. 

Und er fand sie. Sie gab sich hin. Es bedarf keine Manipulation, es bedarfte keine Zauber, nur ein lesender Blick in ihre Augen, was das junge Herz begehrte. Liebe, geliebt werden. Erfüllung, begehrt werden, verehrt werden, beachtet werden und Aufmerksamkeit geschenkt bekommen. Sie schmiegte ihre Wange an seine kalte Hand, sie legte ihren Kopf zur Seite und gab sich hin. Keine Gegenwehr, keine Angst, nur Vertrauen. Selbst als sie begriff, dass es ihr Ende war, wehrte sie sich nicht. Sie schenkte sich komplett, gab sich auf und in seine Hände. Der Natur die er in sich barg brachten sie tief in die Eingeweide seines Nestes, sie wurde Teil des kollektiven Brutkastens. Diese Verbindung war intensiv. Noch intensiver als der Biss an sich als seine Hände in ihr Fleisch tauchten. Eine Berührung so rein und klar, dass sie begriff das diese Art der Zärtlichkeit ihre Zerstörung beinhaltete. Trotzdem war die Wahrheit in ihrem Schrei viel klarer als jeder der glaubt wahr zu sprechen. Der reine Schmerz als ihre Nerven und Sinne verrückten spielten, als sich ihr Fleisch seinem Befehl unterwarf und einfach von ihren Muskeln floss. So viele gaben sich hin und ahnten nicht wie tiefgreifend diese Berührung sein würde.
 

Jedenfalls bis zu dem Tag als Adrian es zerstört hatte. 
Seis drum. Schoss ihm durch den Kopf.

"Tiefgreifend, wohl wahr. Dieser Ring an sich ist wertlos für mich, aber er wird mir helfen." Also war es nicht nur Trophäe oder ein Zierwerk, oder ein Erfolg den er verbuchen will. Er brauchte diesen Gegenstand. "Die Priesterin war eine interessante Person. Sie hatte durchaus meinen Respekt." Es klang aufrichtig, auch wenn Respekt nicht bedeutete, dass er sie deshalb in Ruhe ließ. Er vermochte es Feinde durchaus zu respektieren. Er gestand ihnen auch ihre Siege zu, ihre Erfolge, aber gleichsam war er schrecklich nachtragend und vergaß nie. Wieso auch, er hatte viel Zeit um sich darüber klar zu werden und zu planen, sich selbst die Genugtuung zu verschaffen. Er vergaß nicht. Verzieh nicht. Nicht wirklich jedenfalls. 

Er schmunzelte leicht. "Ich weiß Halam ist geschwätzig. Aber irgendwo muss man seine Vögelchen haben. Wo wenn nicht einer Taverne." Er war lange Zeit selbst unterwegs gewesen, denn Ghule waren befangen, sie dachten weniger nach als andere durch ihre verblendete Sucht, die sie kontrollierte. Doch an sich war die Taverne für ihn kein Ort, außer eine der Dirnen weiß Dinge. Er war sich dafür nicht zu schade. Nirgends gab es besser Informationen als im Freudenhaus. Er zahlte nur weniger für den Liebesdienst als dafür das sie redete. Das taten die meisten. Spätestens wenn sie in die Trance des Bisses fielen und völlig befreit von Sperren waren. Kein nachdenken, nur ein schweben in absoluter Glückseligkeit. Bis jetzt ist ihm keiner begegnet der dagegen immun war. 

Bei der Aufzählung ging ein Blitzen durch die Augen. Durchaus eine Reaktion. "Die Wahrheit ist von allem etwas. Gerüchte sind nicht immer falsch, nur manchmal verdreht und aus dem Kontext gerissen. Ich würde lügen würde ich behaupten ich wäre Unschuldig, gewiss nicht. Der Ruf hat seine Berechtigung. Worüber man streiten kann ist die Absicht dahinter. Sind die Motive ethisch oder nicht, je nach dem wen man fragt, nicht wahr?" Er lächelte verschmitzt. "Für den einen ist ein Diebstahl ein Akt der persönliche Lebensbereiche verletzt, für Andere ist er die Hilfe andere zu erleichtern um die Bürde ihrer Habe. Je nach Betrachtung. Also bin ich wohl von allem etwas, je nachdem wer euch erzählt." Er wiegte den Kopf leicht, je näher der Fuchs kam und so deutlicher die Züge im Schatten der Kapuze. Scharfkantige Züge, strenge Züge, alte bleiche Züge, die schon lange das hinter sich gelassen haben. Er erinnerte eher an den klassischen Nekromanten der zu viel Zeit mit dem Tod verbracht hatte. Nur ohne die Magie dahinter. Die roten Augen zeugen von dem Hunger der sie beherrschte. Sie waren stets wild, fast glühend, je nach Verfassung seines Durstes oder Wut. 

"Die Wahrheit hat viele Gesichter, aber wem sage ich das." Er lächelte schmal. Magie. Er hatte sich eine Weile damit beschäftigt und war glorreich gescheitert. Magie war nichts was er gut beherrschte. Wo andere mühelos einen Lichtzauber wirkten, so simpel und einfach hatte er sich als Mensch schon schwer damit getan. Vielleicht war einfach unmagisch. Er besaß das Talent einfach nicht und hatte sich damit abgefunden. Das galt aber nicht für Blutrituale. Für die Fähigkeiten seines Blutes, die für manchen wie Magie wirken konnten. Hatten aber damit recht wenig zu tun. Sie waren nicht elementarer Natur. Es hatte ihn vielleicht sogar selbst überrascht das sein Eindringen ohne Konsequenzen geblieben war. Vielleicht aber haben sie gedacht, er wäre zu unbedeutend um sich näher damit aufzuhalten. Wie ein lästiges Insekt das kurz einmal vorbei geschaut hat, aber dann nicht weiter Beachtung findet. Mittlerweile dürfte sich diese Ansicht geändert haben.

Er folgte den Ausführungen des Fuchses. "Ich bin gespannt auf euren Bericht. Wenn ich etwas habe ist es Zeit, aber bedenkt. Nach dem Ableben eines Würdenträgers wird die Insignie weiter gegeben. Befürchte ich, vielleicht auch nicht, aber ich kann es mir vorstellen. Sollte jemand anderes diesen Ring tragen, ist er wertlos. Ach.. und ja vielleicht lasst ihr den Finger an dem er hängt noch dran." Vielleicht kann er doch nicht ganz aus seiner Haut. Der Fuchs wandte sich zum Gehen und hörte das leise Rauschen von ledrigen Schwingen. 

Sollte er sich noch mal umwenden war der Platz leer, nur das wiegen der Bäume im Wind verrieten das etwas vorbei geflogen war. 

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Tanuris Alptraum
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Die Umgebung veränderte sich. Vielleicht war es die Dunkelheit nur in einem hellen Gewand. Gab es Unterschiede oder waren nur die Perspektiven andere? Das ewige Abwägen zwischen gut und böse. Landru hatte es ihr erzählt, beiläufig, nicht verurteilend, aber es blieb in ihrem Gedächtnis vergraben. Das er einst Artherks Weg gegangen war. Das er überzeugt von dem Guten war und von der Ordnung. Aber hintergangen wurde. Natürlich nicht von Artherk selbst, aber die Enttäuschungen führten zu Frust und Frust zu Schmerz, Trotz und vermutlich Hass. Gab er die Schuld anderen, sicherlich. Er war nachtragend geworden und er würde vermutlich keine solchen Rachefeldzüge unternehmen, wenn er nicht die Schuld bei anderen suchte. Allerdings nicht unbedingt aus narzistischen Gründen, eher aus den für ihn wichtigen Kontext des Prinzips. So viele Enttäuschungen, Entbehrungen und Schicksalsschläge, dass am Ende nicht viel übrig blieb als Rachedurst und Verbitterung. Ja, durchaus war er verbittert und flüchtete sich in die Streitigkeiten. Das eigene Wesen verlangte mehr und mehr nach dem Leben. Er wurde zerstörerisch. Am Ende blieb nichts übrig was dem restlichen Gefühl von Zuneigung und Güte zugetragen werden konnte. Er rutschte ab immer mehr in die Nähe des puren natürlichen Instinktes, dass Tier wurde eins mit dem was einst mal menschlich war. Das hatte natürlich Folgen. Dunkle und grausame Folgen. Machten ihn sadistisch und unfair. Nachtragend und verschlagen. Sie hatte ein Teil seiner Geschichte gehört im Kerker, nur ein Bruchteil, aber ein Teil. 

"Warum glaubst du, dass ich sterben will? Weil ich so lange wandle? Nein. Der endgültige Tod ist nicht mein Verlangen. Das Licht ist nicht mein Verlangen. Nicht mehr. Wie steht es mit dir? Trägst du nicht auch ein Teil Licht in dir, egal wie sehr man dies leugnen will. Die Ordnung und Chaos sind Teil jedes Wesens oder nicht? Die Frag ist nur wem gibt man mehr Raum." Er breitete die Arme auf. Ungewohnt hell. Auch die Gestalt wirkt befremdlich egal ob man weiß das es nur eine Projektion war. Ein – so könnte er einst gewesen sein. "Befreiung von was?" Die Hände strecken sich ihr entgegen, wie eine Einladung. "Oder ist es nicht eher so, dass ich der Schlüssel zu deiner Freiheit bin. Du willst es nur nicht wahr haben. Du sträubst dich gegen das was du bereits weißt mit aller Macht. Zerrissen zwischen Loyalität und Sehnsucht. Die Wahrheit ist einfach Tanuri."

Schweigen breitete sich einen Moment auf. Wie eine Schwere Blase die sich um sie legte. Erdrückend. Kroch langsam sowas wie Furcht in ihr hoch, dass die nächsten Worte sie bis ins Mark erschüttern könnten? Oder war sie sicher? Ein surreales Umfeld, mit surrealen Bedingungen. Anfang oder Ende vielleicht aber auch beides. Was war noch Wahrheit und was nur ein Traum. Eine Kombination aus den Gedanken, Sehnsüchten und Ängsten in ihrem Verstand. 

Standhaft? Kann man das Licht aufrecht erhalten selbst wenn man weiß das es eine Lüge ist? Bricht es schnell langsam? Wie war es mit ihrem Willen, wenn diese Erinnerung sie quält an dem Moment an dem die Leere von ihrem Verstand Besitz ergriff. Der Moment der Leere war auch ein Moment der Klarheit, Losgelöstheit und vollkommen unvergleichlich mit jeglicher Droge. Ein Gefühl nachdem sich mancher verzehrt und es wieder und wieder erleben möchte. Das süsse Flüstern im Dunkeln. Die Bewegungen im Schatten, gleichzeitig die Angst, dass es wahr sein könnte. Licht das abblätterte wie alte Farbe von einer Wand. Langsam frei gibt was sie fürchtet und doch kennt. Was sie weg stößt, aber doch verlangt. Ein anderes Verlangen, eines das eher einer Abhängigkeit gleich kommt. Wie jemand der zu viel Äther geschnüffelt hatte und wieder und wieder in den Genuss der Schwerenlosigkeit treten will. 

"Du weißt wo du mich findest. Du hörst doch meinen Ruf. Wieso also warten."

Die Lichtgestalt zerblättert. Kleidung zerfällt, Gold wird trübe. Er saugt aus, er nimmt weg, er zersetzt und zerstört. Ob er will oder nicht. Am Ende siegt es immer. Das Kreuz an der Geschichte ist, dass diese Zerstörung so unglaublich gut tut. Das sie wie Gift war, langsam tödlich, aber so langsam das sie erscheint wie Medizin.

Der Hunger.
Der Instinkt.
Das Tier. 

Und seine Gier nach ihrem Leben.

 
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Sohn seiner Lordschaft Kain und der Lady Enoia Vykos
"Es widerspricht meiner Moral, mich an eure zu halten!"
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#1743

Beitrag von Tanuri »

"Die Wahrheit ist einfach." Die Stimme Landrus hallte noch nach, umschlang sie förmlich, als die Lichtgestalt bereits zerblätterte und ihre Kleidung zerfiel. "Die Wahrheit ist einfach. Die Wahrheit ist einfach. Die Wahrheit ist einfach."

Mit einem tiefen Atemzug riss sie ihre Augen auf und starrte auf das Dunkel des Baldachins, der sich über ihrem Bett erstreckte. Doch obwohl sie wach war, berührte der Nachklang seiner Worte sie weiterhin und ließ ihr das Herz in ihrer Brust fast zerspringen. "Du weißt wo du mich findest…" 
 

Dem Ganzen musste ein Ende gesetzt werden und zwar eines, das sie bestimmte. Nicht er. Nicht er, der ihren Geist aufwühlte und dachte, eine Macht über sie zu haben und sie lenken zu können. Landru vernichten, das konnte sie nicht. Es wäre dumm auch nur anzunehmen, dass sie ihm körperlich irgendetwas entgegen zu setzen hatte.

Wenn nicht auf diese Weise, konnte sie ihn womöglich anders vernichten? Aber wie? Darüber war sie sich noch nicht im Klaren, jedoch würde sie alles daran setzen, dass er nicht bekam, was er wollte. Seinen Sieg. Auch wenn sein Versprechen noch so süß war. Dieses eine Versprechen, das, das schon einmal lauter war als ihre Vernunft: Das Versprechen nach Freiheit. 
 
Sie wollte nicht daran denken und sofort verscheuen, was die Erinnerung in ihr hervorbrachte. Tanuri kniff ihre Augen wieder zusammen und ballte ihre Hände zu Fäusten, so dass ihre Nägel sich tief in ihre Haut gruben. Freiheit. Sie hatte sie besessen. War gegangen, hinaus aus dieser Welt und hatte die schweren Ketten gelöst, die man ihr angelegt hatte.

Alles war geregelt gewesen, alles vom Schicksal so gedacht. Doch was war nun? Sie war wieder hier, gegen ihren Willen. Und die Ketten, so schwer und so kalt, spürte sie nun mehr als je zuvor. Sie war frei gewesen von diesem Leben, frei von ihren Bürden, frei von den Pflichten, frei von ihrem Scheitern und frei von dem Unhold, der sie verfolgte. Der Vampir, der ihr so viel versprach und ihr einst vor gar nicht allzu langer Zeit in seinem Versteck einen Vorgeschmack darauf gab, wie Freiheit sein konnte. 
 
Ihr Hunger.
Ihre Sehnsucht. 
Und ihre Gier nach ihrem Tod. 
 
Sie drehte sich zur Seite, wollte sich mit ihrem Gesicht tief in ihrem weichen Polster vergraben, als könne sie sich in diesem verstecken. Aber mit Schrecken fühlte sie den warmen, zarten Atem eines kleinen Kindes, der gleichmäßig auf ihre Haut pustete. Nymeria! Wieder öffnete sie ihre Augen und sah in das friedliche Gesicht des kleinen Kindes, welches wohl tief in einer ganz eigenen Traumwelt umher wanderte und gerade ihre Nase rümpfte. 
 
So lautlos wie es ihr möglich war, hob sie ein wenig ihren Kopf und versuchte sich in der Dunkelheit, die über dem Raum lag, umzusehen. Der Platz neben Nymeria war frei und auch nachdem sie ein wenig abgewartet hatte, konnte sie kein weiteres Geräusch hören, außer dem sachten Atem ihrer Tochter. Adrian war also nicht hier und wo auch immer er war, es wäre besser, wenn er dort bliebe.

Niemals konnte sie ihm verzeihen, dass er sich über ihren ausdrücklichen Wunsch hinweg gesetzt hatte und daraufhin einen Handel mit dem Tod und der Finsternis eingegangen war, um sie nicht gehen zu lassen. Wie auch immer er das getan hatte, die Antwort darauf würde er ihr geben müssen. Geschwiegen hatte er lange und oft genug, diesmal würde sie ihm es nicht mehr gestatten, sich in seine Schatten zu hüllen und sie um Dunkeln tappen zu lassen. Freya war nun mehr in Gefahr denn je, hatte er daran denn überhaupt nicht gedacht?
 
Vorerst aber war es gut, dass Adrian nicht hier war, denn es erhöhte ihre Chancen, ungesehen und ungehört aus dem Zimmer schleichen zu können. Wie hätte sie erklären können, dass Landru in ihrem Kopf war, zu ihr flüsterte und nicht ging? Sie hatten nie darüber gesprochen, was einst in Landrus Unterschlupf geschah, bevor Adrian kam, um sie zu befreien. Tanuri verscheuchte die Kette an Gedanken, die sich auftat und die sie vielleicht doch noch daran erinnern hätte können, dass ihr Vorhaben nicht sonderlich klug war.
 
Für sie galt: Er tat, was auch immer er wollte, um seinen Willen durchzusetzen und sie tat es ihm gleich. Eheweib hin oder her, aber als er den Ring an ihren Finger steckte, hatte sie nicht abgelegt, wer sie war. Und damals wie auch heute musste sie versuchen, die Zukunft zu beschützen und dazu gehörte nicht nur Freya, sondern auch ihre Tochter. 
 
Vorsichtig hob sie ihre geballte Hand unter der Decke hervor, löste ihre Finger und strich Nymeria kaum merklich über ihre Stirn und Schläfe. "Mein Kind, träum von einer Welt, die so viel mehr für Dich zu bieten hat, als die Finsternis, die Deine Familie schon so lange begleitet."

So vorsichtig, wie es ihr in ihrem immer noch geschwächten Zustand möglich war, glitt sie aus dem Bett und stellte ihre nackten Füße auf den Boden. Immer noch trug sie ihr Totenkleid, das sich kalt und falsch anfühlte, denn schließlich war sie nicht mehr tot. Zumindest nicht nach außen hin. 
 
Mit zitternden Knie hob Tanuri sich aus dem Bett und ging einige zögerliche und wankende Schritte in den Raum hinein. Über ihre gesamte Haut zog sich ein Schauer, als würde sie soeben von einer unsichtbaren Hand berührt. War es der Tod, der seine Finger nach ihr ausstreckte, um sie wieder zurückzufordern? Tanuri drehte sich herum und flüsterte, trotz ihrem eigentlich besseren Wissen, dass jener seine Seelen auf ganz andere und schnellere Weise holen konnte. "Noch nicht."

Langsam tastete sie sich nach vorn und suchte dabei den Weg, der sie zu ihrem Schrank führte, aus dem sie sich die Kleidung nahm, die sie zumeist anzog, wenn sie einen längeren Ausflug auf ihrer Stute unternahm und dabei versuchte, unerkannt zu bleiben. Eine schlichte braune Hose, ein genauso unauffälliges, jedoch helleres Hemd, welches sie mit einer Schnürung vor ihrer Brust verknotete und Lederstiefel, die bis knapp unter ihre Knie reichten, die sie jedoch vorerst nur in die Hand nahm, um auch außerhalb des Zimmers kein zu lautes Geräusch zu hinterlassen. Außerdem legte sie sich einen weiten Umhang um ihre Schulter, unter dessen Kapuze sie ihren dunklen Schopf verbarg.

Wahrscheinlich wäre es einfacher und schneller, wenn sie versuchte, durch das Fenster nach draußen zu gelangen, aber sie brauchte sich selbst nichts vormachen. Derzeit konnte sie froh sein, wenn es ihr gelang, alleine geradeaus zu gehen. Ihr Zustand war ihr aber gleich. Er war so nah, viel zu nah. Das Gesehene, die Stimme, die Worte. Es war viel zu real gewesen, um es zu ignorieren. Jetzt konnte Tanuri es noch verhindern. Verhindern, dass Landru sich als nächstes seine Tochter nahm und mit ihr das gleiche tat, was er bei ihr hinterließ. 
 
Ihr Hunger. Ihre Gier. 
 
Wieder schloss sie fest ihre Augen und hielt sich für einen Moment an der geöffneten Schranktür fest. Sie durfte es nicht gewinnen lassen, weder das, was sie tief in sich verbarg, noch den Vampir, der versuchte, all das wieder hervorzuholen. 
 
"Er hat keine Macht über uns." Über ihre Schulter sah sie aus den Augenwinkeln zu Nymeria und schlich lautlos zu ihr, um die Decke, die auf ihrem schmalen Körper lag, etwas nach oben zu ziehen. "Dafür sorge ich." 
 
Ohne sich noch weiter durch das eigene Chaos, das laut donnernd in ihrem Inneren wütete, aufhalten zu lassen, schlich sie hinaus und schloss die Tür hinter sich. Es gelang ihr, trotz des vom Tode geschwächten Körpers, dessen Beine immer wieder nachgaben und der es kaum schaffte, ihr mit ihren Augen eine wirkliche Orientierung zu geben, sich ungesehen durch das Gebäude der Legion und hinaus in den hinteren Garten zu schleichen, über den sie wiederum etwas geschützter den Hof erreichen konnte.

Anscheinend war es spät genug, so dass niemand aus der Gilde mehr wach war oder sich außerhalb der eigenen Räume bewegte. Zu ihrem Glück begegnete sie nicht einmal den letzten Soldaten, die durch die Flure wanderten und Wache hielten. 
 
Noch größer war wohl, so dachte sie zumindest, ihr Glück, ihrem Mann nicht zu begegnen. Dass er längst fort war, konnte sie nicht wissen. Noch weniger, wo er sich aufhielt. Wüsste sie es, wäre er spätestens dann seines körperlichen Wohlbefindens nicht mehr sicher.

Dass er sich nun in der Welt Naheniels bewegte, dorthin gegangen war, ohne mit ihr darüber zu sprechen und erneut eine Entscheidung traf, die sie niemals geduldet hätte, war, sobald sie davon erfuhr, ein weiterer Bruch in dem noch zarten Vertrauen, welches erst  kurz vor ihrem Tod, erblühen konnte. 
 
Nach einiger Zeit trat sie aus einer der Seitentüren aus dem Gildenhaus und sogleich traf sie die frische Luft des Abends. Eilig zog sie den Mantel fester um sich und schlang ihre Arme um ihren Körper. Mit der plötzlichen Kälte hatte sie nicht gerechnet. War sie etwa so lange tot gewesen? War es Herbst? Oder schon längst tiefster Winter?

Sie blickte nach oben, zu dem teilweise mit Wolken verhangenen Himmel, auf dem sich hier und da der Schein des Mondes zeigte. Es war eine Nacht wie jede andere und wie sie noch millionenfach geschehen würde. Für Tanuri fühlte es sich aber an, als wäre es die erste, die sie jemals erblickte. Vergaß man etwa, wenn man starb? Das nicht. Aber die Wahrnehmung begann sich zu verändern. 
 
Bemüht darum, ihr Gleichgewicht zu halten, stolperte sie rechts von sich die hohen Obstbäume, an der Mauer entlang, bis sie in den Innenhof der Gilde gelangte. Wachsam sah sie sich um, war sie schließlich aufs Äußerste darauf bedacht, von niemandem gesehen zu werden. 
 
Der Hof war leer, zumindest soweit sie es überblicken konnte und so schlich sie durch diesen hindurch und hinaus durch das Tor, das sie auf die Straßen von Lichthafen führte. "Du weißt wo du mich findest." Flüsterte sie leise die immer noch präsenten Worte und ließ ihre Augen unstet auf den von dicken Steinen gepflasterten Straße auf und ab wandern. Wusste sie es tatsächlich? Oder war es etwas ganz anderes, was sie in eine Richtung führte? Ohne zu zögern schlug sie einen Weg ein.

Sie würde es beenden. 
Stärker sein als ihre Gier und ihr Hunger.

 

Ja, mein Herr und Meister, ich bin Deine Dienerin!
Lege Deine Finger auf meine Lippen und berühre mit Deiner Hand meine Zunge
auf dass ich Deinen Willen und Dein Wort verkünde!


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~~ Priesterin der dunklen Kirche und Mentorin ihrer Adeptin Freya ~~ 

Anführerin der Legion des Schattens
Frau des Adrian Al Saher 
Mutter der Nymeria Al Saher 
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-Freya-
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#1744

Beitrag von -Freya- »

Gab es eine Antwort darauf, ob man bereit war? Ganz gleich, worum es sich handelte? Einige würden die Frage, egal in welchem Kontext, direkt mit einem ‚Ja‘ beantworten. Aber sie war nicht wie einige oder andere, die mit absoluter Entschlossenheit über alles, was sich ihnen in den Weg stellen würde, hinwegsahen. Nein, sie war Freya und sie konnte nicht einmal die Tragweite dessen erfassen, was es wirklich bedeuten sollte. Aber auch für jeden anderen war es, wenn man ehrlich zu sich selbst war, nur ein guter Vorsatz - eine Überzeugung und ein Wille, der nicht selten einen vollkommen anderen Verlauf nahm … 

Schweigend erwiderte Freya den Blick ihres eigenen Abbilds, um ihrem eigenen Willen Nachdruck zu verleihen und keine Schwäche zu zeigen, auch wenn das unnötig war, denn ihr Gegenüber kannte sie genau und wusste, wie flau sich ihr Magen anfühlte und dass nicht nur ihre Angst und ihre schwindende Hoffnung sie innerlich aufwühlten.

Leicht verengten sich ihre Augen im Schatten der dunklen Strähnen, bevor sie sich in einer langsamen Bewegung erhob. Wollte es sie weiter verunsichern oder am Ende provozieren? War es wichtig? Immerhin war sie überhaupt wirklich da oder nur ein imaginärer Halt, den sie suchte?

 „Soll ich mich weiter fürchten? Weglaufen?“ Leise kamen die Worte über ihre Lippen. Ein Gedanke, bei dem sie sich selbst hinterfragte, ob sie wirklich den Mut hatte, sich dem zu stellen. Doch ebenso lag darin ein wachsender Trotz. Der Sand glitt aus ihren Fingern heraus, als sie ihren Blick unter einem entschlossenen Wimpernschlag abwandte und sich dem Nichts hinter dem Horizont zuwandte. Der Dunkelheit, in der dieser Ort schwebte, als wäre er nur ein unbewegter Traum. Doch was lag dahinter? Wer oder was lauerte dort? 

Wie lange konnte sie das alles noch ertragen? Die Ungewissheit, die schwindende Hoffnung und der Schmerz, der ihre Seele quälte.
War sie stark genug oder würde es sie zerbrechen? - Ohne die Lider zu senken, kam die Erinnerung über sie.

Vor langer Zeit, die sich weit entfernt anfühlte... damals im Hörsaal - Stellan hat geschrieben: Mi 25. Jan 2023, 14:36
Spoiler
"Für Selbstmitleid habe ich kein Verständnis. Ich ertrage kein Gejammer, keine Tränen und keine Schwäche." Mit seinem Stock fuhr er in das Feuer und verteilte auf diese Weise einige der Holzscheite, die bereits Feuer gefangen hatten.

"Du hast nicht die Wahl zu sein, wer du vielleicht lieber sein möchtest. Für dich wurde entschieden. Genauso wie für mich entschieden wurde, wer ich zu sein habe." 

Über seine Schulter hinweg sah er zu ihr hinüber und bedachte sie mit einem strengen und durchdringenden Blick. "Ich wäre dir also äußerst dankbar darüber, wenn du es in Zukunft unterlässt, mich zu belehren." 

"Einst tötete ich die Mutter Tanuris nur deshalb, weil ich dachte, sie hätte einen Fehler begangen." Es gelang ihm nicht, die Faszination, die er für den Schlüssel hegte, in seinen Augen vollständig zu verbergen, doch war ihm das ohnehin nicht besonders wichtig. 
"Eins sei dir deshalb gesagt: Auch wenn du zu den mächtigsten Wesen gehören magst, die jemals auf den Inseln lebten, erliege nicht dem Irrglauben, ich würde zögern, dich in deine Schranken zu weisen." 


Mit einem leisen Raunen auf seinen Lippen löste er seinen Blick von ihr und starrte wieder hinab in das Feuer. Würde sie es lernen, sich zu zügeln, nur um dann aus ihren gebündelten Gefühlen heraus, umso stärker zu werden und aus diesen heraus irgendwann ihre vollkommene Macht zu beziehen?

"Ich soll dich also etwas lehren?" 
Ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, fuhr er mit seinem Stock durch die Asche des Feuers. Als wäre diese zum Leben erwacht, schlang sie sich um eben diesen, bis hinauf zu Stellans Handgelenk.


"Wir beginnen mit Kontrolle, Freya." 


„Ich bin bereit. Bereit zu sein, wer ich sein muss.“ Worte, die zwar bestimmt über ihre Lippen kamen, aber mit denen sie sich vielleicht selbst etwas vormachte. Wer sollte sie denn sein? Was oder wer musste sie sein, und wer entschied darüber? Das Schicksal? Die Götter? Warum überhaupt war die Wahl auf sie gefallen? Wer von ihnen war auf die Idee gekommen, sie zu einem Schlüssel zu machen?

Ihre Augen wandten sich auf ihre Beine, während sie beiläufig den Staub von der Hose strich, bis ihr Blick an ihren Fingern hängen blieb. Ihre Hände. Sie hatte Menschen das Leben genommen und eine Karawane zu Asche und Staub vergehen lassen. Eine Macht, die sie auch jetzt spüren konnte – und sie würde lügen, würde sie behaupten, sich nicht zu fürchten. Nein, vieles machte ihr Angst. Der Prinz, der sie sicherlich richten würde, zumindest, wenn es ihn wirklich gab. Ebenso die Gräfin und ihre Dämonen, die vielleicht noch immer ihren Geist und Willen zu brechen versuchten, damit sie ihre Hoffnungen aufgab. Was immer hinter allem verborgen lag,  wer auch immer die Kontrolle über all das hatte – über diese Welt, diesen verwunschenen Ort.

Langsam hob Freya ihren Arm und betrachtete ihren Handrücken. Kein Schimmern, kein Blut, und doch wusste sie, dass es wahr war. Sie hatte gespürt, wie die Lichter des Lebens unwiederbringlich erloschen waren. Nicht nur eins, zwei oder drei.

Leicht senkte sie die Wimpern, während nicht nur die Gesichter Yusafs, Ardyns und Hayas vor ihrem inneren Auge aufblitzten, sondern ebenso das des Gänseblümchens, die Fratzen der Dschinns und auch das gehässige Lachen der Harpyie. Erinnerungen, die einen eisigen Schauer über ihre Haut streichen ließen. Sie hatte Angst vor sich selbst.

„Höre ich da Reue?“ Die Stimme ihres Abbilds war ruhig, mit einem mitleidigen Unterton, der Freya nicht hinsehen lassen musste, um den Ausdruck zu kennen – ein leichtes, wissendes Lächeln, als hätte sie all das schon durchlebt.

Blinzelnd wandte Freya sich der Taverne zu – oder dem, was wie Halams Taverne wirkte. Ganz gleich, wo sie war und wie viel Zeit ihr blieb, bis der nächste Albtraum sie einholen würde, sie musste auch hier etwas essen und trinken, um einen klaren Gedanken zu finden. Einen, in dem sie Antworten fand und keine dummen Anspielungen.

„Nein, ich hatte keine andere Wahl.“ Worte, die vielleicht nicht wahr waren, aber eine beruhigende Wirkung hatten. Sie hatten alle die Möglichkeit gehabt, ihr zuzuhören, ihr zu helfen oder sich ihr nicht in den Weg zu stellen. Doch jeder von ihnen hatte sich entschieden.


Langsam ging Freya durch die Straßen – oder sie glaubte zumindest zu gehen. Sie spürte den Sand, das Gras, die kleinen Steine, doch der Boden reagierte nicht auf ihre Schritte. Kein Widerhall, kein Abdruck. Still senkte Freya die Lider, um die Furcht in ihrem Inneren zu verbannen. Ein Gefühl, das ihr suggerieren wollte, dass sie durchdrehte. Doch was half es am Ende? Sobald sie die Augen wieder öffnete, sah sie dieselbe surreale Welt vor sich. Ein Ort, der vom Fluss bis ans Meer reichte, während dahinter ein unstetes Dunkel lauerte. Ihre Augen verharrten erneut auf dem schwarzen Horizont, der wie das Ende einer Welt wirkte. Eine Grenze, ein Gefängnis, in dem dazwischen alles nur ein unbewegter Traum war — ein fehlerhaftes, unvollkommenes Bild, als wäre sie in einem einzelnen Gedanken eingesperrt.

Sacht strich ihre Hand über das kühle Metall des Zauns, um das leere Gehege Finsterzahns, das die Menschen von dem Drachen ferngehalten hatte. Immerhin war es ein Irrglaube, dass ein so altes und mächtiges Wesen wie ein Drache sich darin einsperren lassen würde. Aber es gab genügend Menschen, die das einfach dachten. Nein, ein so mächtiges Geschöpf ließ sich nicht so einfach einkerkern.

Glatt und ohne einen Funken Rost zeichneten sich die Streben unter ihren Fingerspitzen ab, ehe Freya mit ruhigen Schritten weiterging. Es war so fremd, so merkwürdig. Eine ganze Stadt mit Straßen und Häusern, die gefüllt waren mit Möbeln, Kleidern, Büchern – nein, eigentlich mit vielen Geschichten zu ihren Bewohnern – und doch war sie menschenleer. Keine Grille, kein Vogel, keine Ratten, keine Schmetterlinge. Die Welt hier hielt ihren Atem an, während die Taverne vor ihr lag – die Tür offen, als wartete sie bereits.

 „… und ich würde es wieder tun.“ Freyas Stimme war ein leises Flüstern. Eine abwesende Stimme, während sie in den leeren und verlassenen Schankraum trat.

Die Luft war staubfrei und unwirklich. Kein Duft nach gebratenem Fleisch, kein Gestank nach verschüttetem Bier oder Alkohol und kein Mensch saß an den Tischen. Nein, die Stühle waren ordentlich daruntergeschoben.

Ihr Abbild saß bereits am Tresen, das Glas in der Hand – nun halb leer, die bernsteinfarbene Flüssigkeit schwappte leicht, als es sich zu ihr umwandte. Ein dünnes, wissendes Lächeln auf den Lippen, die Augen ein wenig älter, ein wenig müder, als hätte sie all die Antworten schon gefunden – und sie nur belächelnd zurückhielt.

„Wird uns das weiterhelfen, Freya? Sieh dich doch um.“ Das ältere Ich schritt gemächlich am Tresen entlang und strich über die geordneten Flaschen und Krüge, ehe sich ihre Blicke kreuzten.
Freya schüttelte leicht mit dem Kopf, ehe sie an den leeren Tischen vorüberging. Nein, es würde ihnen nicht helfen, solange sie nicht einmal wusste, wie sie es kontrollieren konnte. Verflixt, warum war Stellan damals verschwunden, ohne ihr zu erklären, was seine Worte bedeuten sollten oder wie sie die Magie beherrschen konnte.

 
"Nutze die Macht, die bereits in dir lebt. Es ist jene, die ein jeder fühlt, der in deiner Nähe ist und nach der die weiße Brut trachten wird, sobald sie davon erfährt, wer du bist.
Wenn du durch sie erkennst und tatsächlich begreifst und akzeptierst, was du bist, ist das der Beginn deiner Vorbereitung."
 
Nach einem kurzen Schweigen hörte sie das leise Echo wie aus weiter Ferne in ihrem Geist, dass sie aus ihren Gedanken holte. „Ich meine, riechst du das?“

Nein, noch nie hatte sie die Taverne derart leer gesehen. Stumm wanderte das Blau ihrer Augen durch den Raum. Kein Gast, keine Schankmaid, kein Halam. Oder hatte sie etwas übersehen? „Ich rieche nichts.“

Ihr Abbild hatte derweil eine Flasche gewählt und das Glas füllte sich mit einer goldschimmernden Flüssigkeit. „Eben. Keine Menschenseele, kein duftendes Essen, kein Gestank nach Alkohol. Hier ist nichts.“ Es lächelte leicht, während Freya das Kribbeln unter ihrem Blick auf sich spüren konnte.

„Dennoch hat sich jemand viel Mühe gegeben.“ Freya betrachtete den von Tageslicht erhellten Raum, den sie auf die Weise noch nie in der Form wahrgenommen hatte. Doch jetzt entgingen ihr nur wenige Details. Sie konnte die individuellen Tonkrüge mit ihren Sprüngen sehen, die Tische, wo keiner dem anderen wirklich glich, da jeder von ihnen nicht nur eine einzigartige Maserung hatte, sondern ebenso auch kleine Schrammen und Splitter. Feinheiten, auf die jemand scheinbar sehr viel Wert gelegt hatte. „Es ähnelt Lichthafen so sehr … doch es ist es nicht. Wo sind wir und wie sind wir hierhergekommen?“

Das Abbild hob eine Braue, nahm einen Schluck – bevor das Glas fast leer auf dem Tisch das Sonnenlicht spiegelte und prismatische Funken an die Wände zeichnete. „Wo wir sind?“

Ein dünnes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie den Schankraum durchschritt und ihren Blick wandern ließ, ehe sie einen Stuhl zurückzog und sich setzte. „Du kennst die Antwort. Spielt es wirklich eine Rolle, wo wir sind? Wie dieser Ort heißt? Du denkst einfach zu viel. Ist nicht die einzige Frage, die uns kümmern sollte, wie wir den Ort wieder verlassen können?“

Schweigend erwiderte Freya den Blick ihres eigenen Abbilds. Das ältere Ich saß mit elegant übereinandergeschlagenen Beinen am Tisch, während die bernsteinfarbene Flüssigkeit vor ihr, warm und einladend schimmerte.

Freya senkte ihren Blick auf die Stühle. Hier hatte sie gesessen. Während sie blinzelte, konnte sie die Szenerie vor ihren Augen sehen. Sie hatte neben Tanuri und Adrian gesessen, zusammen mit dem Rest der Legion, während die Flammen der Feuerstelle sowie eine Vielzahl von Kerzen den Raum in ein warmes Licht gehüllt hatten. Alles war erfüllt von Geräuschen, von Gerüchen und einer Lebendigkeit. Erinnernd glitt ihre Hand über die rustikal geschliffene Lehne hinweg, als könnte sie die Wärme in dem Holz noch immer spüren. Es schien so lange her. Schweigend senkte sie die Lider, während einige Atemzüge verstrichen, ehe sie sich in einer fließenden Bewegung setzte. Es war so weit entfernt, dass man sie sicherlich bereits vergessen hatte.

Seufzend hob sie ihren Blick, wobei das Glas erneut bis zum Rand gefüllt war und das Abbild ihre elegant geschwungene Augenbraue in die Höhe hob.

„Immerhin verfolgen sie uns, und wenn wir hier sitzen und warten, wird uns irgendwann jemand finden. Ist es dann wirklich noch relevant, wo es passiert? - Nein. Ganz egal, ob der Prinz, die Gräfin oder der Schöpf …“ Es machte eine kurze Pause, schüttelte grinsend den Kopf, bevor das ältere Ebenbild neu ansetzte. „… Es ist gleich, wer uns jagt und brechen will. Keiner ist besser als der andere.  Sie alle sehen nur einen Vorteil in dir und sie werden keine Skrupel haben, sich zu nehmen, was sie wollen. Für jeden von ihnen bist du nur ein Mittel zum Zweck.“

Einen Moment lang verharrte Freya, bevor sie die Lippen nachdenklich übereinander gleiten ließ — ein leises, kaum wahrnehmbares Zeichen innerer Unruhe, wusste sie schließlich selbst, dass sie einen Ausweg finden musste. Es war eine kleine Geste, doch sie verriet mehr über ihren Zustand als jedes Wort: ein stilles Ringen, ein Abwägen, ein Versuch, Klarheit inmitten all der Fragen zu finden. 

  
 – Er

„Naheniel …“ flüsterte Freya leise, bevor sie die Lider resigniert senkte. Der Gedanke allein fühlte sich so falsch an, dass ein kühler Schauer über ihren Nacken kroch, während die Wahrheit immer greifbarer wurde. Wie oft hatte Naheniel betont, dass sie Freunde waren. Sie hatte ihm alles erzählt, sich ihm vollkommen anvertraut, wo sie bei jedem anderen geschwiegen hatte. Jeder andere, der sie vor ihm gewarnt hatte, während sie seinen Worten nicht nur geglaubt, sondern an seinen Lippen gehangen hatte, wie eine dumme Gans.

„Er hat mir die ganze Zeit nur etwas vorgespielt.“ Ein Gedanke, der wehtat – und doch die Wahrheit war. Ihre Stimme bebte selbst bei dem leisen Flüstern. Er sah mehr in ihr als die anderen. Doch er war nicht ihr Freund. Sie war nur ein Werkzeug, das er benutzen wollte, während er mit seinem Nordweib seine Ziele verfolgte. Für ihn zählte nur, was in ihren Adern floss und sie selbst war unbedeutend. Doch konnte es wirklich sein?  

Waren selbst ihre Visionen und Träume manipuliert worden? Es konnte doch nicht alles eine Lüge sein. Nein. Sie hatte vor ihrer Ernennung meditiert. Ogrimar hätte das nicht zugelassen. Aber was war es dann? Eine Botschaft, die sie erst jetzt verstand?

Wollte Ogrimar, dass sie Naheniels wahres Ich erkannte?

... Eine Vision des dunklen Vaters, die sie nun aus anderen Augen betrachtete — eine Bedeutung, die alles veränderte. -Freya- hat geschrieben: Do 3. Aug 2023, 18:27
Spoiler
Im Dämmerlicht der gespenstischen Welt, zwischen den Schleiern der Wirklichkeit und den Schatten der Träume, entfaltete sich eine düstere Symphonie von Visionen und Verlockungen. Die Gedanken, von ungeschriebenen Geschichten gesponnen, schwebten wie Nebelwesen in der unendlichen Leere. Die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwammen, während das Schicksal selbst noch nicht geschrieben stand.

Eine Seele, von Dunkelheit ummantelt, fand sich gefangen im Strudel der Macht, die sie anzog wie ein schwarzes Loch im Universum. Sie erhob ihren Blick mit zögerlicher Anmut, ihre Augen suchten denjenigen, der in ihr den Rausch der Finsternis entfachte. Der Mann mit den Augen des hellen Blaus, die wie Ozeane des Verlangens wirkten und das Zentrum ihrer Seele tauchten. Seine Berührung, sanft wie der Hauch eines Schattenflügels, führte sie tiefer in den Abgrund.

Die Macht, jene unheilvolle Essenz, gespeist von den Opfern unzähliger Seelen des Fegefeuers, schwebte in der Luft. Es strömte auf sie ein, so rein und dennoch so erdrückend. Ein Gefühl, als würde die Dunkelheit sie von innen heraus verzehren, während sie ihr Schicksal erfüllte.

„Was ich sehe, Naheniel?“, flüsterte sie mit einem Hauch von Melancholie. Ein Lächeln tanzte auf ihren Lippen, ein Echo vergangener Legenden und uralter Weisheiten. Die Worte einer alten Geschichte, welche Tanuri mit ihr geteilt hatte, hallten in ihrem Geist wider:
  

„Jeder ist sich selbst am nächsten und trägt damit die größte aller Sünden in sich.
Er liebt sich selbst mehr als seinen Gott und den Glauben an ihn, in dem er sein Leben über ihn stellt."


Worte, die einst dem ersten Nachtkrieger galten und dennoch trotz all der vergangenen Zeit nichts an Wahrheit verloren hatten.

„Ich sehe dich“, erwiderte sie leise. Ein Flüstern, in welchem ein sehnsuchtsvoller Schmerz verborgen lag.

Ihre Hand schwebte über seine, ihre Fingerspitzen tänzelten über seine Haut, als ob sie die Magie der Berührung noch immer unter ihnen spürte. Die Gewalt des Bandes, das sie immerzu beherrscht hatte und durch welches sie nicht zuletzt nun auch nach seiner Macht griff.

Ja, sie verstand jetzt, was Macht war, was sie formte, wie verlockend sie sich anfühlte. Sie spürte den Hunger danach, der sie bereitwillig die Dunkelheit annehmen ließ, während weit entfernt in ihrem Geist die Worte Stellans erklangen.
  
„Nun erhältst du die Gelegenheit, ihm zu zeigen, ob du dich mit all deinen Empfindungen als Individuum über ihn stellst oder ob du dazu bereit bist, das anzunehmen, wofür du geschaffen bist.“
  
Worte, die in diesem Moment allesamt einen Sinn ergaben, den sie vorher nicht erkannt hatte. Ja, sie war bereit. Sie spürte es mit aller Entschlossenheit.

„Und ich erkenne mich in dir.“ Ohne einen Zweifel oder Furcht, was sie zu tun hatte, sah sie in seine Augen. Ja, sie war der Schlüssel zur Erfüllung seines Schicksals. Das Gefäß, welches bereit war, die Magie in sich aufzunehmen. Die machtvolle Essenz der unzähligen Seelen, welche geopfert worden waren, um sich zu vereinen und mit der Entfesselung ihrer gebündelten Macht die Tore des dunklen Meisters zu öffnen.

Die Zierlichkeit ihrer Hand umfasste seine, voller Bedeutsamkeit. Ohne Furcht, ohne Zögern. Selbst in diesem Moment der Erkenntnis, der Offenbarung seiner Absichten, barg sie keine Angst. Es war ihr Schicksal und sie selbst hielt es fest und bestimmend in der Hand, welche Naheniel keinen Ausweg ließ, diesem zu entkommen.

„Doch siehst du auch, was ich sehe?“ Ihre andere Hand legte sich an seine Wange, während sie einen winzigen Schritt auf ihn zumachte. Ein Augenblick der vollkommenen Gewissheit, als ihre Lippen die seinen wie ein Hauch berührten. Ein Kuss so rein und unschuldig, dass er das Rot ihrer Lippen auf seine Haut malte, während die Klinge sich lautlos in ihren Körper drängte.

„Kannst du es erkennen, kannst du es spüren, Naheniel“ Die Berührung ihrer Hand auf seiner Wange fühlte sich an wie der Hauch des Todes, ein sanftes Streicheln, das eine düstere Prophezeiung trug, während ein zartes Rinnsal aus ihrem Mundwinkel quoll. Ein warmer Schwall, der sich ebenso über ihre vereinten Hände ergoss, während ihr Griff noch immer unerbittlich seine Finger umschloss.

In diesem Moment, da der Dolch tief und tödlich in ihr Fleisch bohrte, erblühte eine Macht in ihr, die jenseits von allem lag, was sie je erkannt hatte. Sie opferte sich dem Unvermeidlichen in tiefer Demut, ihr Leben und ihr Blut flossen in den Strudel der Finsternis.

„Deine Welt versinkt in Asche ... deine Macht verblasst ... deine Zeit ist abgelaufen... der Richter hat sein Urteil gefällt.“, ihre Worte hallten wie ein Fluch wider, während die Dunkelheit sich zu einem sturmgepeitschten Mahlstrom zu verdichten schien.

Ihr Körper brach zusammen, kraftlos und dennoch erfüllt von einer ungeahnten Macht, die sie ihm genommen hatte. Die Finsternis schien zu implodieren, und die Dunkelheit drang unaufhaltsam in sie ein, auf der Suche nach dem Schlüssel, der die Pforten öffnen würde. Die Macht ihrer eigenen Essenz verschmolz mit der Finsternis. Eine Symbiose der Zerstörung und des Beginns. Das Chaos einer Schöpfung.

„Er kommt ...", flüsterte die Luft, getragen von ihrem letzten Atemzug. Die düstere Stimmung der Prophezeiung hing schwer in der Luft, als die Schatten sich über die zerschmetterte Welt ausbreiteten und die Zukunft in einem ungewissen Nebel verschwand. Eine Finsternis, deren Präsenz so gewaltig wie gnadenlos sich über sie beide legte und alles mit einem Mal vor ihren Augen verschwimmen ließ.


 


Etwas, das Naheniel von ihr immer wieder in ihren Träumen verlangt hatte...
Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst. Bist es Du? Oder bin es längst ich? 

Aber sah er dieselbe Bedeutung darin wie sie? Nicht nur, wer sie sein musste, um ihrer Bestimmung zu folgen, sondern welche Wendung es für ihn nehmen könnte?
... Ein Flüstern des Schicksals am Rande einer Ahnung ... 

„Immer wieder hat er gesagt, wir wären Freunde. Er hat es mich wirklich glauben lassen.“ Flüsterte Freya gedankenverloren, während sie ihre Augen öffnete und aufsah. Sie konnte die Wut spüren, die sich mit ihrer unterdrückten Panik und Verzweiflung vermengte. Sie war ihm egal. Für Naheniel war sie am Ende nur ein dummes, naives Kind – es ging nur darum, was sie war, um sie für seine Pläne einzusetzen. Ihre Magie, die für sie bisher kaum greifbar war, die er aber von Anfang an gesehen hatte und nutzen wollte. Freya konnte die Furcht spüren. Die Angst vor dem, was er ihr nach all dem noch antun würde, um sein Ziel zu erreichen…

 „Immer wieder haben sie uns gewarnt.“ Das Abbild hob eine Braue, nahm den letzten Schluck – das Glas war nun leer, stand matt da, ohne Reflexion. Es lächelte leicht, abwartend, als kannte es jede Antwort schon. „Aber das hilft uns hier nicht raus. Oder?“

Sie hatte nur ein normales Mädchen sein wollen. Der Kirche dienen, mit Freunden zusammen sein, ein Leben haben, in dem sie einfach Freya sein durfte. Stattdessen hatte er sie in seiner Welt ihrem Schicksal überlassen. Er hatte ihr alles genommen. Ihre Familie. Ihre Hoffnung. Eine Vorstellung, die ein gnadenloses Brennen in ihren Augen hinterließ, während das Blau darin feucht glänzte.

Das Abbild schwieg, belächelte sie nur leicht, als wartete es darauf, dass sie selbst die Worte fand, während das Glas sich erneut füllte.

Geboren, um für den Untergang zu kämpfen. Lieben um Hass spüren zu können. Kämpfen, um Versagen zu lernen. Vertrauen, um am Betrug zu erstarken. Liebe wird sich wandeln, Freunde werden Feinde. Die Schöpfung aus der Zerstörung entstehen … 

Puzzleteile, die sich langsam zusammenfügten, während Tränen ungewollt in ihr aufstiegen, die Freya nur mühsam zurückhalten konnte. Ein schimmernder Schleier, hinter dem die Welt vor ihren Augen immer mehr verschwamm. 
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Geboren aus dem Wissen einer dunklen Vergangenheit - verblasst mein altes Leben im Schatten einer neuen Zeit.
~ Einfach Freya ~

In den Momenten, in denen nichts mehr bleibt, sieht man die unsichtbaren Fäden, die uns wirklich halten.
Ein Name allein hat dabei keine Bedeutung. Er kann verblassen, wie Tinte auf einem Pergament - wie ein leeres Versprechen.
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#1745

Beitrag von Gesichtsloser Erzaehler »

Naheniels Zauber, mit den Toten wie mit Marionetten zu spielen, reichte weit über die Grenzen hinaus. Bis hin zu jener Stadt, die verloren und vereinsamt wirkte. Ein Lichthafen, das nur von außen dem glich, was man kannte. Die Häuser waren intakt, die Straßen, der Marktplatz und der Hafen unversehrt, aber Laute gab es nicht. Kein Leben, egal in welcher Gasse man sich umsah. Überall nur Einsamkeit. 

Und dort, wo eine der Brücken aus der Stadt hinaus führten und der gefrorene Fluss in unbeweglichen kleinen Wellen auf das Ufer traf, begann die Starre sich zu verändern. Zuerst traten zarte Risse an der Wasseroberfläche auf, kaum wahrnehmbar, als wäre es nur ein kleiner Fehler, auf dem sonst perfekt erstarrten Glas.

Dann folgte ein Klopfen unter der Oberfläche, begleitet von einem Laut, der einem Schaben von Fingernägeln gleichkam. Und plötzlich brach gläserne Fläche und gab eine blassgraue Hand zum Vorschein. Die Finger waren lang und knochig, die Haut aufgeweicht von den Jahren in der Tiefe des Wassers und das weiß der Nägel war von einer grünlichen Algenfärbung überzogen.

Langsam und unbeholfen hob sich der Körper aus dem Fluss, wodurch mehr und mehr von der starren Oberfläche mit lautem Knacken zerbrach. Langsam und ungeschickt zog sich die Leiche nach oben, sackte hier und da wieder zurück, nur um sich erneut nach oben zu stemmen, einem Befehl folgend, der nicht von ihm selbst kam. 


Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Körper, dessen Haut ein fleckiges Gemisch aus wässrigem Grau und einem durchschimmernden, weißen Farbton war, sich aus seinem wässrigen Grab befreite und sich am Ufer an Land ziehen konnte.

Für einen Moment blieb er dort vorerst reglos liegen, um seinem Körper die Zeit zu geben, das zurückgekehrte Leben, oder das, was einem Leben nahekam, zu begreifen und damit umzugehen. Sein Mund stand dabei leicht offen, anstatt eines Atemzugs oder eines Röchelns war aber nur das Geräusch des Wassers zu hören, das aus seinen Lungen sickerte. 


Zwischen seinem Haar, das aus einem wirren, verfilzten Netz aus braunschwarzem Schlamm und Tang bestand, erkannte man das vom langen Liegen im Wasser entstellte Gesicht. Eines seiner Augen fehlte vollständig, stattdessen war die Augenhöhle gefüllt mit einer dickflüssigen, braunen Brühe, die zu tropfen begann, sobald er seinen Kopf bewegte. Das andere war noch da, blieb jedoch reglos. 

Eine Weile verging, bevor er seine Hand zu seinem Gesicht hob und ungläubig darauf starrte. Erst jetzt schien er so richtig zu begreifen, was er war. Nicht lebend, nicht tot und schon gar nicht er selbst. Ein leiser, kehliger Laut entkam seiner Kehle und mit einer Faust schlug er zornig auf den Sand ein, auf dem er lag. 

Jahrzehnte waren vergangen, seitdem er dem Tod ins Auge blicken musste. Gestorben an einem völlig anderen Ort, seiner Lebenskraft durch dunkle Magie beraubt und letztendlich davon geschwemmt von einem Fluss. Jener, der ihn tötete, der blonde Junge mit der Katze, hatte ihn einige Tage später wieder am Ufer gefunden und ihn fortgebracht. Hierher, damit die Leiche niemals entdeckt und er nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte. 

Davon wusste der Tote, der sich gerade aus dem Wasser befreit hatte, freilich nichts. Schließlich war er längst gestorben gewesen. Was er aber noch in seiner Erinnerung fand, war, dass er viel zu jung gewesen war, als es geschah. 

Gab es noch mehr von ihm und seinem alten Leben, an das er sich zurückerinnern konnte? Fraglich. Denn sein Hirn war von Schlamm und Tod durchtränkt und gehorchte nicht ihm, sondern dem fernen Befehl des Mannes, der sich zum Schöpfer erkoren hatte.

Taumelnd erhob er sich, ein Bein knickte dabei ein, das andere hing schlaf zur Seite weg. Er spürte seine Knochen, die sich Mühe gaben, ihn aufrecht zu halten und die Sehnen, die seinen teilweise zersetzen Muskeln halfen, sich zu bewegen. Eigentlich sollte nichts mehr davon miteinander funktionieren, doch hier schien alles anders zu sein. Das hier, wo auch immer das war, und was ihn wohl seit seinem Ableben festhielt, ganz so, als wäre die Zeit des Verfalls für ihn angehalten worden. 

Schließlich konnte er stehen, wenn auch schief und seinen Kopf in einem unnatürlichen Winkel geneigt haltend. So blickte er über die Brücke hinein in die Stadt, ohne wirklich zu sehen. Für ihn war das Sichtfeld nach außen verschwommen und von einem nahezu undurchdringlichen Schleier überdeckt. Nur in der Mitte konnte er teilweise etwas erkennen, was sein Hirn jedoch kaum fassen konnte. 

Über der Brücke prangte ein Schild mit Buchstaben, die für ihn keinen Sinn ergaben, da er diese nur schemenhaft sah und nicht zu einem Ganzen zusammenfügen konnte.

Doch Sinn oder Nicht machte für ihn keinen Unterschied, da der Befehl alles andere überlagerte. Und so taumelte er über die Brücke, hinterließ nasse Fußspuren auf dem Holz und betrat die verlassene Stadt.

Es war kein eigener Gedanke und kein eigenes Ziel, das ihn antrieb, sondern nur die Worte seines Mörders, die seinen Körper zur Bewegung zwangen:
Bringt sie mir. 


 
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#1746

Beitrag von Gesichtsloser Erzaehler »

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Goswin
   
   
Nicht jeder übernahm gern die Nachtwache in einem der höheren Häuser oder Gilden. Während die meisten Männer in warmen Betten bei ihren Frauen oder Mätressen lagen, einem geregelten Tagesablauf folgten und schliefen, standen die Soldaten in der Kälte der Nacht, die Augen offen für jede mögliche Gefahr. 

Wohlbemerkt – sollte sich eine nähern. Oft waren es nur heroische Geschichten, mit denen sich einige von ihnen in den Tavernen brüsteten: Ohne sie wäre der hohe Herr bereits tot oder die Lady entführt. Im Regelfall jedoch verliefen die meisten Nächte weit weniger dramatisch. Ein Karten- oder Würfelspiel verkürzte die Stunden, und nur selten verirrte sich ein streunender Dieb in die Schatten des Innenhofs, dessen Pflastersteine im Mondlicht silbrig schimmerten.

Nachtwache, hatten sie ihm gesagt, bringt einen kleinen Aufschlag und kaum Arbeit. Ein paar Münzen extra konnte er gut gebrauchen. Doch die Wahrheit in der Legion sah anders aus als die gutgemeinten Ratschläge, die ihn hergeführt hatten. Ja, es gab mehr Gold. Aber das mit der „kaum Arbeit“ war eine glatte Lüge. Unaufmerksamkeit oder Herumlungern konnten sie sich nicht leisten – niemand, der bei Verstand war.

Seit die Adeptin ohne jede Spur aus ihrem Zimmer verschwunden war, hatte die Härte zugenommen. Der General war sehr deutlich geworden. Kein erneutes Versagen. Doch als würden unsichtbare Gefahren die Legion selbst anziehen, schienen die Feinde der Priesterin und der Gilde ruhelos. Umso aufmerksamer war ein jeder, und niemand war so töricht, seine Aufgabe nicht mit äußerster Sorgfalt zu erfüllen. Keiner unter ihnen zog den Schwanz ein. Im Gegenteil.

Ob jeder allerdings wusste, was ein Versäumnis oder Fehltritt tatsächlich bedeutete? Welche Konsequenzen der General auferlegen würde? Goswin wusste es nur zu gut. Er hatte den Preis für Pflichtversäumnis mit eigenen Augen gesehen – und er trug diese Erinnerung wie eine schwere Kette um den Hals. Seine braunen Augen verengten sich unwillkürlich, als die Bilder wieder hochkamen, und er ballte die Fäuste in den Handschuhen seiner Lederrüstung.

Vor nur wenigen Stunden war er in der Eingangshalle gewesen, als der Bruder der Priesterin einen seiner Waffenbrüder mit dem Schatten seiner eigenen Klinge getötet hatte – nur weil man ihn nicht zum General vorlassen wollte. Bei allen Göttern – wie sollte man gegen so etwas kämpfen? Goswin schüttelte den Kopf, doch hatte die Nacht da gerade erst begonnen.

Sein Freund Erwin – er hatte den General holen sollen, ebenso wie es Befehl von ganz oben gewesen war, auf das aufzupassen, was Lord Al Saher in den Kellern verborgen hielt. Untereinander hatten sie schon spekuliert, was es sein mochte, da der General sonst stets seine Gefühle beherrscht zurückhielt.

Die Antwort darauf hätte er aber selbst nicht geglaubt, hätte er es nicht mit eigenen Augen gesehen. Für einen Moment waren sie alle still gewesen und hatten nur auf die zierliche Gestalt geblickt, die dem General aus dem Keller gefolgt war. Unsicher wie ein Kind bei seinen ersten Schritten hatte sie nach Halt gesucht, als wäre sie aus einem langen Schlaf erwacht oder neugeboren.

Erwin war ihr dicht gefolgt – und genau das war sein Verhängnis geworden. Goswin presste die Lippen zusammen und ein harter Zug legte sich um seinen Mund. Sein Freund hätte sie aufhalten müssen. Was für eine dumme Entscheidung. Sie war eine Frau, zudem sichtlich benommen. Auch wenn sie lebte, war sie neben der Spur. So schwer hätte es doch wohl nicht sein können. 

Was all das für Konsequenzen mit sich brachte, konnte man deutlich erahnen, als dieser Naheniel nur allzu deutlich seine Drohung aussprach. Eine Drohung, die sich gegen die entführte Adeptin richtete und Lord Al Saher sichtbar getroffen hatte. 

Sicher war der General wütend. Es ging um seine Tochter – eine beschissene Situation, in die sich Erwin selbst gebracht hatte. Hätte man ihn nur hinuntergeschickt... Er hätte schon dafür gesorgt, dass sie an Ort und Stelle geblieben wäre. Goswin seufzte leise, ein schmerzhafter Stich in der Brust, und senkte den Blick.

Das Exempel des Generals war gnadenlos gewesen. Goswin würde dieses Bild nie vergessen: wie sich die Haut vom Fleisch löste, wie die Schatten das Leben seines Freundes Erwin in Staub des Vergessens verwandelten, bis nichts mehr von ihm übrig war.

Du wirst sie schützen, ohne sie auch nur einen Augenblick aus den Augen zu lassen. Was ihnen geschieht, wird dich doppelt treffen. Haben wir uns verstanden.... Die Stimme kalt wie Stahl gewesen. Ein Klang, der keinen Widerspruch duldete.

Die Anspannung lastete noch immer schwer auf Goswins Schultern. Er würde nicht denselben Fehler begehen. Niemals. Pflicht war alles. Versagen bedeutete Auslöschung. Seufzend ging er vor der Tür auf und ab. Leise hallten die Stiefel auf dem Stein. Doch er musste sich bewegen. Der Drang in ihm wuchs und ließ sich nicht wirklich aufhalten. 

Seine braunen Augen wanderten unruhig über die leeren Flure. Was sollte er tun? Es laufen lassen? Ganz sicher nicht. Es würde ja nur einen Moment dauern und hinter der Tür herrschte Stille. Tief atmete er ein und ging zur Tür hinaus in den Innenhof. Ein paar Schritte abseits des Eingangs in Richtung der Stallungen, nur um im Schatten der Bäume für einen Augenblick zu verschwinden, obwohl es ihm zutiefst widerstrebte, seinen Posten auch nur für einen Augenblick zu verlassen. Doch der Drang hatte gesiegt. 

Es dauert ja nur einen Augenblick, hatte er sich gesagt – und doch nagte schon jetzt das schlechte Gewissen an ihm, als er seinen Gürtel wieder strammzog. Knapp sah er den leeren Hof, der nur in schummriges Fackellicht getaucht war und bis auf das Rauschen des Windes von vollkommener Ruhe überzogen war. 

Aber was sollte das schon heißen. Immerhin hatte er in den letzten Stunden gesehen, was sich allein aus Schatten formen konnte, wozu der Bruder der Priesterin oder andere Wesen fähig waren, wenn man nur für einen Augenblick wegsah. 

Puh. Er strich sich mit der flachen Hand die braunen Haare aus dem Gesicht und nahm einen tiefen Atemzug. Die Priesterin und ihre Tochter. Er war für sie verantwortlich, und er nahm es vollkommen ernst. Schließlich wollte er nicht zu Staub oder Asche – oder schlimmerem – verdammt werden.

Eilig kehrte er zurück, die Sinne geschärft, entschlossen, jede Sekunde der Abwesenheit durch doppelte Wachsamkeit wettzumachen.

Es war nur ein Blinzeln, als Goswin sich dem Eingang zuwandte. Eine Drehung im Schatten der Bäume, hinter denen er kurz verschwunden war, als er sie sah: eine geisterhafte Gestalt, die den Innenhof durchquerte. Der Wind strich durch die Bäume und ließ die Fackeln an den Mauern flackern – und mittendrin eine zierliche Silhouette.

Scheiße! Goswin erstarrte, während seine braunen Augen sich weiteten. Er hatte keinen heimlichen Krug Met angerührt, das wusste er genau. Nur eine Sekunde sah man weg und schon nutzte jemand die Möglichkeit aus?

Kurz verengte Goswin die Augen, bereit, den vermeintlichen Eindringling zur Rede zu stellen. Seine Hand legte sich unmittelbar auf den Knauf seines Schwertes, ehe seine Finger sich instinktiv fest darum schlossen - bereit, es zu ziehen.

Mit verengten Augen beobachtete er die Bewegungen, während sie das Licht streifte. Doch dann erkannte er die Umrisse. Schemenhaft zuerst, im flackernden Licht der Fackeln. 

Die Priesterin. Es war unzweifelhaft die Priesterin. Verdammter Mist! Er biss die Zähne zusammen, ein Muskel zuckte in seiner Wange. Wie konnte das sein? Sie war doch gerade erst von den Toten zurück ...  Hatte sie überhaupt eine Ahnung, was sie tat oder wohin sie wollte? 

Verfluchte Scheiße, sie konnte doch nicht ernsthaft die Legionshallen verlassen. Allein. In der tiefen Nacht.

Sollte er sie aufhalten? Der General würde ihm im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch aufreißen, wenn er es nicht tat. Goswin schluckte hart, sein Atem ging schneller, während er seine Hand vom Schwert löste. Selbstverständlich musste er das tun. Seine Pflicht gebot es ihm – sie zu schützen, sie nicht aus den Augen zu lassen und zur Not auch gegen ihren Willen in Sicherheit zu bringen. Sich jedoch auf die Distanz zu erkennen geben,  wäre ein Fehler. Die Gefahr bestand, dass sie einfach panisch loslaufen und ihm eventuell sogar entwischen würde. Ein Risiko, das er nicht eingehen konnte. Pflicht vor allem. Kein Versäumnis. Kein Risiko. 

Seine Miene verhärtete sich, während die braunen Augen der Gestalt entschlossen folgten. Was ihr geschah, würde ihn doppelt treffen. Ohne zu zögern, zog Goswin seine Kapuze tief ins Gesicht, verschmolz mit den Schatten der Mauer, nur um ihr vorerst lautlos auf die Straßen zu folgen.
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Naheniel
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#1747

Beitrag von Naheniel »

Plötzlich fiel die Temperatur und zarte Eiskristalle legten sich nicht nur auf die Umgebung, sondern auch auf Pferd und Reiter und vor den Nüstern des Tieres zeichneten sich Atemwölkchen ab. "Arrogant. Wie eh und je."
Die Weberin, die von der Veränderung unberührt blieb, begann zu lachen und breitete ihre Arme aus. "Sieh Dich um. Was davon hast Du noch unter Kontrolle?" 
Ohne seinen Kopf dabei zu bewegen, ließ er seine Augen über die Landschaft wandern, die mittlerweile von einer glitzernden Kristallschicht bedeckt war und sah dann wieder zu ihr zurück. "Das passiert, wenn man versucht, in das Schicksal einzugreifen, das seit Jahrtausenden vorbestimmt ist." Langsam ließ sie begleitend zu ihren Worten ihre Arme wieder sinken. 

"Du hast wenig begriffen, Weberin. Das Ende der Prophezeiung ist geschrieben und wird geschehen. Ich erlaube mir nur, etwas nachzuhelfen."
Naheniel spannte die Muskeln seiner Schenkel an und gebot damit seinem immer noch nervösen Pferd, sich wieder vorwärts zu bewegen. Mit einem Aufbäumen fiel es sofort in einen Galopp, direkt auf das Schicksalsweib zu. Sie wich nicht, sondern ließ es geschehen, dass das Tier sie umrannte und sie in tausend porzellane Scherben zersprang. 
Ohne sich nach ihr umzusehen, ritt er weiter, trieb sein Pferd in einen fliegenden Galopp, der donnernd über die Ebene klang. Doch egal wie weit er sich entfernte, das Lachen der Weberin verstummte nicht mit dem Zerbersten ihrer Gestalt.

Stattdessen schien es aus dem gefrorenen Boden selbst zu dringen und sich in dem Eis, welches durch die Hufe seines Pferdes in kleine Netze splitterte, zu vervielfältigen. Bereits nach wenigen Sekunden begann die Kälte schmerzhaft in Naheniels Lungen zu schneiden.
Er duckte sich weiter nach unten, um sein Gesicht schützend in der Mähne des Tieres zu verstecken, während sie Meter um Meter hinter sich ließen. Aber der tödlichen Kälte konnten sie nicht entkommen und so fielen die Temperaturen immer weiter und ließen das Leben nahezu erstarren. Trotzdem hielt der Reiter auf seinem Ross nicht ein, drängte das keuchende Tier stattdessen unerbittlich weiter nach vorn. 


"Du nennst es nachhelfen." Flüsternd drangen die Worte direkt an sein Ohr, während sich die Arme des Schicksalsweib um seinen Oberkörper legten, damit sie sich fest an seinen Rücken schmiegen konnte.
"Andere nennen es Verrat an den Göttern. Und Verrat, Schöpfer, wird überall mit dem Tod bestraft." 

"Schweig." Grollte er leise, soweit der eiskalte Wind, der ihm ins Gesicht peitschte und seine Lippen austrocknete, es zuließ. Natürlich war es unmöglich, das Schicksal hinter sich zu lassen, aber zumindest wollte er nicht zulassen, dass es irgendeine Macht über ihn besaß.
Dann, ohne Vorwarnung und ohne ein Geräusch, riss der Boden vor ihm auf und bildete einen Spalt aus purem, weißen Nichts, der sich wie ein gemalter Blitzschlag durch die Ebene zog. Schreiend scheute das Pferd und begann zu schlittern, da seine Hufe keinen Halt mehr auf dem spiegelglatten Untergrund fanden.
Gleichzeitig schlang Vergangenheit ihre Arme noch fester um Naheniel, presste ihre Hände auf seine Brust und hielt ihren marmornen Körper an seinen gedrückt.
"Deine Schöpfung wendet sich gegen Dich. Verständlich, lange genug hast Du ihr schließlich Qualen bereitet." 

Das Pferd rutschte weiter, so nah an den Abgrund heran, dass Naheniel direkt in diesen blicken konnte. Dort unten, in der Tiefe des Risses, sah er in das pure Nichts, aus dem er einst seine Welt zu bauen begann. Der Anfang, der jetzt sein Ende sein sollte. 
"Du hast Recht, Schicksalsweib. Es ist meine Schöpfung. Und deshalb gelten hier meine Regeln."

Im nächsten Moment stand die Zeit still. Genauso wie einst, als seine Welt drohte zu zerbrechen und er Freya aus dieser geschaffen hatte. Alles war erstarrt, das Pferd und auch das reißende und knackende Eis unter ihnen. Selbst die Schatten, die noch bei ihm geblieben waren, bewegten sich nicht mehr.
Ein Stillstand, den er in seinem derzeitigen bereits geschwächten Zustand nicht lange halten würde können, der ihn und sein Pferd aber vorerst vor einem Sturz in das Nichts bewahren würde.

"Du sprichst von Verrat."
Einige lautlose Atemzüge waren vergangen, bevor er, trotz der Anstrengung die ihn die Kontrolle kostete, rau seine Stimme wieder fand. "Dabei war es immer euer Versagen. Ihr Schicksalsweiber habt beobachtet, aber nie verstanden. Ihr zählt eure Fäden, haltet sie in der Hand, aber habt nie gefragt, warum sie da sind. Ihr greift nicht ein, ihr richtet nur. Was ist also der wahre Verrat?
Zu handeln oder nur zuzusehen?" 


Naheniel senkte erschöpft, aber gleichzeitig durch und durch erfüllt von der Macht, die ihn durchdrang, seinen Kopf. Er wusste genau, dass sie ihn hörte, da das Schicksal kein Teil seiner Schöpfung war und sich somit nicht seinem Eingriff in die Zeit unterwarf. 
"Also Weberin, was tust Du nun mit dem Faden, den Du gerade in der Hand hältst? Lässt Du ihn fallen, hinab in den Abgrund?
Frag Deine Schwester, das Zukünftige, was passiert, wenn ich sterbe. Ich reiße das Kind mit mir in den Tod und somit alles, worauf die Menschen hoffen. Es wird keinen Gottkönig geben, sondern die Götter werden sich in einem Kampf gegenseitig vernichten und nichts wird bleiben. Kann das Schicksal noch existieren, wenn sonst nichts mehr ist?"
 

Ihre steinernen Finger gruben sich tiefer in seinen Mantel und sein darunter liegendes Hemd, als könne sie allein durch ihre Berührung sein Herz zum Stillstand bringen. Eine Tatsache, die seine Lippen zu einem schmalen Lächeln verzogen.
Spürte ein Geschöpf wie sie Genuss und Befriedigung über den Tod an einem anderen, so wie er es tat? Mhm. Vielleicht würde er sie bei Gelegenheit fragen. 


Als sie weiterhin nichts sagte, sah er aus den Augenwinkeln über seine Schulter und im gleichen Moment ging ein dumpfer Schlag durch den Boden und der Riss schloss sich abrupt. Eis und Stein schoben sich knirschend übereinander und mit Wohlwollen konnte er beobachten, dass seine Welt wohl beschlossen hatte, ihren zuvor von der Vergangenheit angeheizten Widerstand gegen ihren Schöpfer aufzugeben und ihm wieder zu gehorchen. 

"Das Mädchen wurde nicht für Dich geschaffen. Sie ist nicht der Schlüssel zu Deiner Zukunft." Die Weberin löste ihre Arme von Naheniel und mit ihren Worten begann sich ihre Gestalt aufzulösen, Faden um Faden, bis nur ein silberner Hauch von ihr übrig blieb. 

Sein Lächeln wurde tiefer und zeichnete Fältchen bis hinauf zu seinen Augen. "Nein?" Seine folgenden Worte waren leise, aber dennoch mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel zuließ. "Ich mache sie dazu."  


 
Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst.
Bist es immer noch Du? Oder bin es nun ich?


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Spürst Du den Hunger nach der Dunkelheit, schreit er bereits in Dir? 
Sag, mache ich Dir Angst oder fühlst Du Dich erst lebendig wegen mir?
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Adrian
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#1748

Beitrag von Adrian »

Adrian schenkte ihm keine weitere Beachtung. Er hatte eine Chance. Mochte sie noch so gering sein. Ob er sie nutzte, lag an ihm allein. Mit einem emotionslosen Lidschlag glitt sein Blick über die leeren Kirchenbänke, die wie stumme Zeugen im Schatten verharrten.

Unter dem leisen Knirschen des Leders ballte Adrian seine Faust, während Fäden aus dunklem Rauch sich in feinen Bahnen auf ihn konzentrierten. Leben, Magie und Macht, die nun ihm gehörten.
Keine Diskussionen, keine Verhandlungen, keine Gnade. Keine Geduld. Kein Lebewesen, bis auf den Boten und den Hüter der Kirche. Seine Augen strichen über die leeren Bänke hinweg, während er der Stille lauschte. Eine Ruhe, die beinahe bedauerlich wirkte.

„Zwei.“ Seine Stimme wurde leiser. Auf eine gefährliche Weise. Die verbliebenen Schatten krochen näher, sammelten sich immer dichter um ihn. Musste er wirklich selbst suchen? Er zweifelte nicht daran, dass der Bischof wusste, dass er hier war. Gewiss konnte er das Chaos und die Finsternis spüren. Seine Augen verengten sich.

Es konnte rasch und schmerzlos geschehen. Eine kurze Frage, ein schnelles Ende. Oder aber sie spielten Katz und Maus miteinander. Letzteres würde jedoch jede Form von Nachsicht verweigern. Seine Position oder einen Nutzen hatte der Bischof verspielt. Eine Infiltration, eine Rebellion oder Umbruch würde es nicht länger geben. Adrians Geduld war erschöpft und seine Beherrschung hatte hauchdünn ihre Grenzen erreicht. Zerstörung war die einzige Option, um es zu beenden.

Mit einer Bewegung seiner Finger ergriff Adrian die Fäden seiner Magie, während seine Lippen sich unter einem stummen Flüstern bewegten. Lautlose Worte, unter denen sich die Schatten unmittelbar erhoben. Spiralförmig, wie Rauch, umhüllten sie seinen Körper, bis sie ihn vollständig umschlossen und die Dunkelheit ihn ganz verschlang.

Ein einziger Herzschlag blieb, der lautlos verhallte. Ein weiterer Herzschlag, in dem sich ein dunkles Gespinst über die Kirche legte und nahtlos darin ausbreitete. Immer tiefer sickerten die Schatten in die Katakomben hinab, wie ein Nebel aus Schatten, der über den Priester bei seinem Abstieg hinwegzog. Sein Schrei hallte, als Haut und Fleisch sich lösten. Knochen zerfielen zu Staub und auch von ihm blieb am Ende nichts als eine verlorene Seele in den Schatten, die immer weiter in die geheimen Tiefen vordrangen, bis sie die unterste Ebene erreichten.

Eine Ebene, die einem rituellen Ort glich. Ein Kreis aus uralten Symbolen zierte den Boden. Runen, gezeichnet aus Blut, das in der Dunkelheit glitzerte, während ein zierlicher Körper leblos in dessen Mitte in einer tiefroten Pfütze lag.
Im fahlen Schein von vereinzelten Kerzen und Fackeln wogte die Dunkelheit auf. Schwarze Schlieren, die sich am Boden sammelten, bevor sich in der Finsternis selbst seine Gestalt manifestierte. Aus dem Nichts heraus erschien Adrian unmittelbar in der Silhouette des Geistlichen. Für einen flüchtigen Moment blickte er nur zu dem Opfer, dessen Herzschlag längst verstummt war.

„Der General persönlich ...“ Das kalte Lächeln auf den Lippen des Bischofs war zu hören, als hätte er nur auf ihn gewartet. Doch in diesem Moment sah Adrian nur den kleinen leblosen Haufen in dem Blut, aber er sah nicht irgendjemanden, sondern das erkaltete Schimmern leerer blauer Augen. Ein Blick, der um Hilfe rief, der ihn anklagte und zugleich verurteilte - Freyas Augen.

Mehr Schatten als Substanz schnellte Adrians Hand nach vorn, durch die Rippen hindurch, um sich im nächsten Moment vollkommen zu manifestieren. Mit brutaler Kraft zog er seinen Arm zurück, und riss seine Hand aus der Brust des Bischofs, der ihn mit seinen kalten strengen Augen ansah, ehe ein dunkles Rinnsal über seine Lippen quoll. Ein Blick, den Adrian ohne eine Form von Reue erwiderte, als der Bischof ein einziges Wort, gurgelnd und erstickend an seinem eigenen Blut, hervorbrachte. „Drei …“

Keine Gnade und keine Gefangenen. Hatten sie eine Vereinbarung gehabt, war diese nun nichtig. Blut tropfte schwer und dunkel von seinen Handschuhen, als Adrian das verdorbene Herz emporhob und seinem Besitzer zeigte, ehe die Hülle des Bischofs in sich zusammensackte.  Der rote Bischof war für ihn nicht länger von Nutzen, doch würde jener nicht vor 'seinen Schöpfer' treten. Düster schlängelte sich die Essenz hinauf, während Adrian das Herz in seiner Hand zusammenquetschte. Das Blau seiner Augen war einer vollkommenen Dunkelheit gewichen, die auf dem kleinen Körper ruhte und den Blick des Kindes einfingen. Das Blut tropfte von seinen Fingern zu Boden, als er das unbekannte Mädchen betrachtete. Ein leises Geräusch, unter dem sich seine Faust öffnete und ein düsteres Schimmern eines kristallinen Steins zum Vorschein kam. Er würde Freya finden und jeder, der sich ihm in den Weg stellte, würde den Tod finden. Naheniel wollte ihm alles nehmen? Er hoffte, sein alter Freund konnte es nun spüren. Spüren, wie es sich anfühlte, wenn der wahre Krieg begann. 
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✟ Oberhaupt der Familie Al Saher ❖ Gemahl der PriesterinTanuri Al Saher
❖ Bruder des Verlion Al Saher ❖
Gnade oder Mitleid haben noch nie einen Feind besiegt. ❖
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Naheniel
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#1749

Beitrag von Naheniel »

Sein Triumph währte nur kurz. Er war weit entfernt und doch spürte er sofort, was geschehen war. Gewisse Dinge entgingen seiner Aufmerksamkeit nicht und alle, die er an seine Welt band, waren auch an ihn gebunden.
Als der Bischof fiel, löste sich die Zeit in diesem Teil der Schöpfung aus ihrer Starre und Naheniel drehte sich ruckartig auf dem Rücken seines Pferdes um und richtete seinen Blick in die Ferne. Das Kloster war mehr als einen Wochenmarsch entfernt und doch glitt die Kälte der tödlichen Schatten durch seine Glieder.

"Adrian." Mit Verachtung hoben sich seine Nasenflügel, während sich sein restlicher Körper anspannte.

Er war versucht, sein Tier herumzureißen und es in einem halsbrecherischen Galopp in die Richtung des Klosters zu treiben. Doch sein einstiger Kumpan würde dort gewiss nicht auf ihn warten und außerdem kostete es ihn wertvolle Zeit.
Zeit, die er nicht besaß, solange Freya in dieser Welt umher spazierte und die Macht des Schlüssels in ihr erwachte. Er musste sie unter Kontrolle bringen und durch sie Adrian und seine Schwester. Wütend ballte er seine Hand zu einer Faust.

Wie hatte Adrian es geschafft, die Welt zu betreten? Es waren Jahre vergangen, seitdem Naheniel ihn mitnahm und eigentlich, so dachte er, hätte er dafür gesorgt, dass unliebsame Besucher niemals ohne seine Hilfe eintreten konnten. Aber anscheinend hatte er sich getäuscht. Ein Fehler, der ihm mit Sicherheit nicht nochmal passieren würde. Vorerst galt es allerdings Adrian Grenzen zu setzen. 


Naheniels Möglichkeiten waren jedoch mittlerweile eingeschränkt und er fühlte sich ausgelaugt. Selbst hier, in seiner eigenen Kreation, war seine Macht nicht unendlich. Zumindest noch nicht. Nicht, solange der Schlüssel das Tor nicht geöffnet hatte, um ihn als den neuen Gottkönig über diese und alle anderen Welten herrschen zu lassen.
Noch war er nicht am Ende seiner Kräfte und solange er konnte, würde er alles ausreizen, was ihm hier als Schöpfer gegeben war.
Eine weitere Armee aus Toten war nicht nötig.
Es reichte ein einziger. 

 
Er stieg von seinem Ross und ging einige Schritte in jene Himmelsrichtung, in welcher das Heim des Bischofs lag. Er kam ihm dadurch nicht näher oder verstärkte gar seinen Einfluss. Für ihn besaß es nur einen symbolischen Charakter, sich genau dorthin zu wenden, wo sein Feind sich befand. 
Das Eis, das von Vergangenheit zurückgeblieben war, knirschte unter den Sohlen seiner Stiefel und die kalten Kristalle bedeckten sein helles Haar und seinen dunklen Mantel. Nichts davon aber nahm er noch richtig wahr, da seine Konzentration einzig auf eine Sache gerichtet war.
Die Magie der Dunkelheit zu kanalisieren und mit dieser den gerade Getöteten auferstehen zu lassen und zu seiner Marionette zu machen.
"Dein Fleisch wird erst erkalten und Dein Leib auf dem Erdboden ruhen, wenn ich es gestatte." 





 
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~~ Der rote Bischof/Naheniel ~~
 
Zuerst war es nur ein Zucken in den Fingerspitzen des Toten, dann das schmatzende Geräusch von Blut, das aus dem Brustkorb schoss und sich auf dem Boden ergoss, als der Körper des Bischofs sich aufbäumte.

Sein Rücken krümmte sich in einem unnatürlichen Winkel, als er gewaltsam an unsichtbaren Fäden emporgerissen wurde. Die Wunde, aus der Sein Herz kurz zuvor so gnadenlos entfernt worden war, schloss sich nicht, sondern füllte sich mit einem tiefschwarzen, pulsierenden Nebel.
Langsam, Gliedmaß um Gliedmaß, erhob sich die tote Hülle weiter nach oben, bis der Mann endgültig wieder auf seinen beiden Beinen stand.

Ohne richtigen Halt rollte der Kopf des Bischofs zunächst zur Seite, bis er mit einem hässlichen Rucken einrastete. Dann öffnete sich zuerst ein, dann auch das andere Lid, um jenem, der ihn getötet hatte, mit blasser werdenden Augen entgegen zu sehen. Hohl und verzerrt erklang die Stimme des Bischofs, während das Herz in Adrians Hand tot und leblos blieb.


"Al Saher. Als hätte Deine Familie nicht bereits genug Schaden angerichtet."
Der Kopf rollte auf die andere Seite, um die Ritualstätte einer genaueren Betrachtung unterziehen zu können. "Ah, ich verstehe. Dir gefällt nicht, was Du siehst." Der Bischof machte einen hölzernen Schritt auf Adrian zu und ließ seinen toten Blick wieder zu seinem Gegenüber gleiten.

"Denkst Du wirklich, dass Du mich beherrschen und besiegen kannst?" 

 

 
Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst.
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Adrian
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#1750

Beitrag von Adrian »

Die Fackeln flackerten unruhig, als Adrian sich von dem Kadaver abwandte. Schatten zuckten über die Wände, als wollten sie ihm etwas zuflüstern. Tanzende, lebendige Silhouetten, die ihn umschmeichelten, als wären sie ein Teil seiner selbst.

Das Kloster lag nicht auf seinem Weg. Eigentlich lag es sogar sehr weit entfernt von dem Ort, den er anvisiert hatte. Doch diesen Ort zu finden, war nicht einfach. Weder Anfang noch Ende waren auf einer Karte verzeichnet. Sie waren Ursprung und Endlichkeit, verborgen im Schatten eines einzelnen Sterns. Alpha und Omega.

Ein Weg, der ihn direkt durch feindliches Territorium führte, wo nicht nur die Welt um ihn herum gegen ihn stand, sondern auch die Zeit selbst ihren Atem gegen seinen richtete. Die Kreaturen, die in den Schatten lauerten, waren ihm gleichgültig. Das Einzige, was von Bedeutung blieb, war Zeit. Jede Sekunde, die ihm entglitt, jede noch so geringfügige Ablenkung spielte dem Schöpfer selbst in die Hände.

Doch nun hielt ihn niemand mehr zurück – und Naheniel wusste, dass er dieses Spiel nicht allein beherrschte.

Vergeltung war ein kurzer Prozess – ein Schlag, ein Urteil, ein Ende. Sie kam ohne Zögern, ohne Genuss. Vergeltung war eine Konsequenz, eine scharfe Klinge, die einzig ihren Tribut forderte und fiel.
Rache jedoch … Rache kostete jeden Atemzug aus. Sie war geduldig, beinahe sinnlich in ihrer Grausamkeit. Sie wuchs im Verborgenen, nährte sich von Erinnerungen, von Wunden, die nicht heilen durften. Rache war kein Akt, sondern ein Ritual. Sie verlangsamte die Zeit, dehnte den Moment, bis er brannte – und erst dann, wenn sie sich satt gesehen hatte, verlor sie einen Gedanken daran, von vorne zu beginnen oder ein Ende zu setzen.

Die Schatten selbst umwebten das Herz mit eiserner Gewalt und pressten es zusammen, bis am Ende nur ein schwarzer, glitzernder Kristall zurückblieb, auf dem Adrian schweigsam hinabsah. Töten konnte er ihn nicht und es würde ihm auch nicht länger genügen. Langsam hob er eine Braue, während er auf den schwarzen Klumpen in seiner Hand blickte.

Ein unheilvoller Glanz trat in seine Augen, als ein feuchtes, schmatzendes Geräusch die Stille zerschnitt. Keine Täuschung. Die tanzenden Silhouetten an der Wand beschrieben ihm das Szenario selbst, ohne dass er sich herumdrehen musste. Ruckartige, ungelenke Bewegungen, als würde jemand den mächtigen Leib des Geistlichen an unsichtbaren Fäden emporziehen. Ausnahmsweise musste er zugeben, dass er damit nicht gerechnet hatte.

„Genug Schaden?“ Langsam wandte Adrian sich herum, nur um den Stein in seiner Tasche verschwinden zu lassen. Das Blau seiner Augen war fort, sodass lediglich die zurückgebliebene Finsternis darin den verblassenden Blick des Bischofs einfing. „Soll ich mich für die Umstände entschuldigen oder wollen wir damit warten, bis ich mit dir fertig bin?“

Ein dünnes Lächeln spiegelte sich auf seinen Lippen, als er auf das kleine Bündel geopferten Lebens sah, ehe sein Fokus sich wieder zurückorientierte, nur um ihm mit eisiger Ruhe zu antworten. Es war nicht Freya, was er nun er nicht nur erkennen konnte, sondern sie beide auch wussten. „Alles, was du dem Kind antust, wirst auch du zu spüren bekommen.“

Worte, deren Gewicht für einige Herzschläge im Raum schwebten. Es war keine alberne Drohung oder ein Versprechen, sondern die unumstößliche Wahrheit. Segen und Fluch zugleich, der auf Freya ruhte. Wie viel Schmerz Naheniel auch immer bereit war, zu tragen, um das Mädchen leiden zu lassen, töten konnte er sie nicht, um ihm erneut etwas zu nehmen. Ein Fakt, der seinen Freund sicherlich ärgerte. Allerdings war er nicht allein damit, da Adrian selbst sich ihm gegenüber zurückhalten musste.

Mit bedeutsamer Langsamkeit schritt Adrian auf ihn zu, ohne seinen Blick von ihm zu lösen. Nein, die Dunkelheit in seinen Augen glänzte gefährlich im Fackelschein, während er an den leblosen Augen festhielt. Tatsächlich hatte Adrian nicht mit einer Reaktion gerechnet, allerdings war dies mehr als vielsagend.

„Ob ich dich besiegen kann?“ Er wog nachdenklich den Kopf, ehe er nach dem Talar des Bischofs griff und sich beiläufig das Blut von den Händen wischte. „Wir werden es herausfinden, Naheniel. Unter alten Freunden jedoch ein Rat. Es wäre ein Fehler, wenn du annimmst, ich könnte es nicht.“

Das Lächeln auf seinen Zügen erkaltete immer mehr, während er einen Schritt rückwärts machte. Er unterschätzte seinen alten Freund sicherlich nicht. Naheniel kontrollierte eine ganze Welt. Zumindest konnte er es unter einem Zwang, denn nach und nach hatte sie sich bereits gegen ihren Schöpfer gewendet. Eine Macht, die er durchaus anerkannte, während der Umstand, dass Naheniel durch den Bischof sprach, ihm nicht nur vor Augen führte, dass er es kein unbedeutender Tod war, sondern er ihm offenbar einen spürbaren Teil seiner Schöpfung genommen hatte. Keinen unbedeutenden Kollateralschaden, sondern etwas, das seine Aufmerksamkeit direkt zu ihm gelenkt hatte. Noch hatte Adrian die Magie selbst nicht entschlüsselt, aber jede Erkenntnis brachte auch einen Vorteil.  

„Du denkst noch immer die Fäden in der Hand zu halten…“ Adrians Stimme war kaum mehr als ein Hauch, doch jeder Laut schien schwerer zu wiegen als die Dunkelheit um sie herum. „… Fäden, die dir mit jedem Atemzug jedoch weiter entgleiten. Etwas, das längst begonnen hat, ohne deine Zustimmung. Dein Ende.“ Ein Versprechen, das jedoch unheilvoller als der Tod klang.

Doch ohne eine weitere Erklärung zu liefern, ließ Adrian die Worte im Raum stehen. Es war alles gesagt. Kein Verhandeln mehr. Entschlossen fuhr seine Hand nach oben. Eine Geste, unter der sich aus der Finsternis heraus schwarze Flammen um den Bischof herum entzündeten. Ein Feuer, das aufloderte und nicht nur verzehrte, sondern gnadenlos auslöschte. Züngelnd legte es sich auf den blutgetränkten Stoff und fraß sich schonungslos durch die Fasern hindurch, bis die vernarbte Haut zum Vorschein kam. Emotionslos sah Adrian zu, wie die Gestalt vor ihm sich immer mühsamer auf den Beinen hielt, wie die Flammen die verbliebene Existenz aus leblosem Fleisch und Knochen zu verzehrte. Eine Qual, deren Echo der Schöpfer hoffentlich ebenso spüren konnte. „Spürst du es, mein Freund? Den Schmerz? Die Vergangenheit vergisst nie.“
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