An den Gildenlord der Dunklen Vollstrecker,
Hipo Chryl,
Beginnen wir ohne Umschweife damit, dass Ihr mir Euer Leid bezüglich der Handlungsweisen der Vasallen offenbart. Ich versuche bemüht, Euer Klagen über meine Verbündeten von der mich amüsierenden Seite zu sehen.
Jeder von Ihnen ist ein eigenständiges Individuum, sie handeln nach ihrem eigenen Ermessen, nach ihren Prinzipien und aus eigenem Antrieb. Es brauchte nicht mich, um sie dazu zu bewegen, das Recht unseres Glaubens durchzusetzen, sondern es waren Eure Zeilen, die dies bewirkten.
Ihr habt eine Entscheidung getroffen - eine, die gegen jedes Verständnis unseres Glaubens geht - und wollt die Konsequenzen, die sich daraus zurecht ergeben, nicht tragen, sondern versucht noch dazu, sie mir zur Last zu legen. Wenn Ihr eine Anklage gegen jene anstrebt, die ihre Überzeugungen und das, was Ogrimar in die Wiege legte, ohne Furcht und mit einer Unerbittlichkeit - die an anderer Stelle doch sehr zu wünschen übrig lässt - durchsetzen, wendet Euch an Inquisitorin der dunklen Gemeinde, Lorena Zar. Sie wird Euer Gesuch gewiss mit der gebührenden Aufmerksamkeit prüfen.
Vergesst bei Euren Vorwürfen aber eines nicht: Ihr und Eure Gilde seid es, die sich davor scheuen, das Schwert, das Er uns in die Hände gab, für ihn in die Höhe zu recken und es gegen die Diener Artherks einzusetzen. Das ist es, warum Ihr und Eure Gilde von Ihnen nicht als Brüder betrachtet werdet und sie deshalb mit Waffe und Feuer richten. Und die Schuld daran trage nicht ich und auch nicht meine Worte, die ich Euch mahnend hinterließ, sondern nur Ihr allein, indem Ihr Euch gegen den Zusammenhalt der dunklen Gemeinde entschieden habt.
Und weil wir über die Inquisition sprachen, noch eine weitere kleine Anmerkung bezüglich des Flüsterns und Lauschens der Eurigen im Tempel: Dass man nicht heimlich bei Gesprächen horcht, lernen bereits Kinder. Anstatt Euch bei mir über die Inquisitorin zu echauffieren, stünde es Euch besser an, sie direkt und unmittelbar zu konfrontieren.
Scheint es Euch schließlich ein Bedürfnis zu sein, Euch und Eure Gilde vor Ihr zu verteidigen. Stattdessen kommt Ihr zu mir - wie auch bei der Thematik um meinen Bündnispartner - um sie, meine Tochter würde es "zu verpetzen" nennen. Ein wahrlich erwachsenes Gebaren.
Auf der einen Seite lebt Eure Gilde in einer Vergangenheit, hängt fest an alten Taten, die Ihr irgendwann vollbracht habt. Wohl auch in der Hoffnung darauf, diese erneut zu erleben. Auf der anderen wiederum passt es Euch nicht, wenn wir, jene Gilden, die seit Jahren hier sind und die Welt mit Leben, Erlebnissen und dem Glauben füllen, gerade letzteres strikt durchsetzen.
Es sei der Richtigkeithalber gesagt, dass es mir ganz gewiss nicht daran ist, Euch dabei zuzusehen, wie ein jeder Eurer Vollstrecker das Wappen niederlegt und über das weite Meer davonsegelt. Der dunkle Lord hätte davon sehr wenig, wenn seine Gemeinde sich schmälert und würdet Ihr mich wirklich kennen, so wüsstet Ihr, dass ich stets nur für ihn und die Erfüllung seiner Glaubensgrundsätze einstehe. Damals wie auch heute.
Und da wir nun bei dem damals sind, aus dem Ihr Eure Worte schöpft, möchte ich doch gerne an jenes Schreiben erinnern, das auch mein Mann bereits erwähnte. Wie es mit der Treue derer stand, die den Familiennamen trugen, überlasse ich, wenn Ihr Euch nochmals das Schreiben von damals ins Gedächtnis ruft, Eurer eigenen Einschätzung.
Nach meinem Verständnis, sind wir vor Gott alle gleich. Gleich unseren Verfehlungen, gleich unseren Taten, gleich den Beweisen unserer Treue. Oder etwa nicht? Muss ich Personen, nur weil sie einen Familiennamen oder ein Wappen tragen, anders behandeln und darüber hinwegsehen, wenn sie für ihr eigenes Wohl gegen die Gebote Ogrimars handeln? Das Einzige was Ihr in diesem Abschnitt könnt, ist, aufgrund Eurer emotionalen Bindung an diese nicht mehr existente Familie mich von weit oben herab zu betrachten und Euch und jene ganz weit außen vor zu lassen in Eurer Kritik.
Trotzdem schafft Ihr es nicht, ein konkretes Argument das gegen mein damaliges Handeln und mich spricht zu liefern. Stattdessen verliert Ihr Euch in den alten Geschichten zu Leuten, die sich versteckten und verschwanden.
Dass sie untergegangen sind, weil sie „müde wurden“, beweist nur eines: Meine Methode – die kompromisslose Einforderung von Wahrheit, Treue, Bekundung zum einzigen Glauben und Stärke – funktioniert. Wer daran ermüdet, war für den Dienst an Ogrimar ohnehin nie geschaffen.
Da wir aber über Familien und Gemeinden sprechen, die ich in Euren Augen auseinander treibe, müsst Ihr für alle, die diesen Austausch verfolgen auch die Familie Chakai miteinbeziehen. Auch gegen jene führte meine Gilde gemeinsam mit den Vasallen einen Krieg. Doch diese Familie besaß die Stärke zu bleiben, sich zu stellen, zu erkennen und an den Geschehnissen zu wachsen. Wir reichten uns die Hand und schlossen Freundschaft.
Bin also wirklich ich es, die eine Gemeinde zersetzt, um selbst größer zu wirken?
Ich klage an, das stimmt, aber nicht, weil Gilden oder Anhänger des Glaubens zu wenig beten oder die Doktrin nicht exakt wiedergeben können. Ich klage an, wenn die Grenzen unserer Gebote übertreten werden. Ich bin keine verweichlichte Priesterin, die dem Verfall ihrer Gemeinde mit einem milden Lächeln zusieht und es duldet, wenn die Grundsätze, nach denen wir leben, zum eigenen Vorteil ins Maßlose ausgedehnt werden.
Oder gilt etwa für bestimmte Namen ein: Wir sind gleicher als gleich?
Es ist deshalb kein Muster, nach welchem ich handle, es ist eine Beständigkeit, die anscheinend heute nicht mehr jeder so sein Eigen nennen kann und sich lieber windet, wenn es einen selbst betrifft.
Wie oft hörte ich unter vorgehaltener Hand und hinter den verschlossenen Türen der Familien und Gilden, dass nichts mehr ist wie damals, die Bewohner Altheas waren besser, die Kirchen waren besser, die Priester waren besser, waren gläubiger. Wo ist er nur hin, der Wille, den Glauben mit aller Härte, aller Radikalität durchzusetzen?
Nun, ich persönlich - selbstverständlich lasse ich mich in meiner eigenen Einschätzung aber gerne von Euch korrigieren und mir aufzeigen, auf welche Weise man den Glauben besser und den Geboten konformer auslebt - sehe es so, dass wir genau dies tun.
Oder muss auch hier wieder gelten, dass das Maß nur für bestimmte Personengruppen gilt, während andere Narrenfreiheit besitzen sollen und die Messlatte dessen, wie man zu handeln hat, je nach Bedürfnis, Name und Gilde neu justiert wird? Gleich ob es darum geht, sich einem Krieg gegen den Feind zu entziehen oder wie es einige vor Euch schon taten sich mit dem weißen Abschaum einzulassen, damit man von einem beschmutzten Segen und Heilung profitieren kann, wahrscheinlich unter dem altbekannten Deckmantel des "wir benutzen sie nur"?
Ogrimar beobachtet seine Diener genau, immer und überall. Und ich denke nicht, dass er zwischen Namen, Gildenwappen und Familien unterscheidet und so tue ich dies auch nicht. Ihr etwa schon? Wenn ja, kennt Ihr nun die Antwort auf die Frage, wer sich selbst größer wirken lassen möchte.
Überraschend passend ist es da, wenn Ihr schreibt: "Wir vollstrecken, wenn wir es für richtig halten. Nach unserer Einschätzung. Zu unserer Zeit. Mit unseren Mitteln." Und da kritisiert Ihr mich tatsächlich, ich würde mich als Richterin aufspielen?
Ich zitiere erneut: Nach unserer Einschätzung. Zu unserer Zeit. Mit unseren Mitteln.
Ich hoffe, Ihr seht selbst, wer sich zu einem Richter erhebt. Denn nach Euren Worten seid nur Ihr und Eure Gilde es, die anscheinend die Entscheidungsgewalt darüber hält, was richtig ist. Die Spaltung, von der Ihr sprecht und die Ihr ebenfalls mir vorwerft, vollführt Ihr gerade selbst und bleibt dabei in noch dazu in einer herrlich bequemen Unverbindlichkeit. Brüder und Schwestern im Glauben sind jene, die den einzig Wahren zu jeder Zeit gegen das Weißblut verteidigen - vor allem dann, wenn diese auf diese Art versuchen aufzubegehren und die schwarze Gemeinde bedrohen - und nicht erst dann, wenn ihnen der eigene Sinn danach steht.
Aber wie mir scheint gilt Folgendes für Euch:
Ihr wollt Zusammenhalt - aber nur wenn Ihr bestimmt wann und wie.
Ihr wollt Leben nach dem Glauben - aber nur nach Eurem eigenen!
Lasst mich abschließend Eure Frage danach beantworten, was ich beschütze. Ich beschütze die Reinheit des Glaubens und all jene, die diesem Glauben mit Überzeugung folgen.
Jene Menschen in meinen Hallen, die Ihr so durchschaubar gegen mich aufzuhetzen versucht, wissen dies genau. Sie stehen seit dem ersten Tag neben mir, dicht an meiner Seite. Wenn Euch das in den kommenden Jahren auch gelingt, dann Hipo Chryl, habt Ihr mich vielleicht sogar doch noch beeindruckt.
Gezeichnet,
Tanuri Al Saher