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Angelique
Schmied / Schmiedin
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#1

Beitrag von Angelique »

Das Dorf ohne Namen im Nirgendwo des Berghanges bestand nur aus ein paar niedrigen, ärmlichen Hütten.
Angelique hatte längst aufgehört Dörfer und Tage zu zählen.

Sie wusste nur noch, dass sie gegangen war.

Fort von allem, was einmal ihr Leben gewesen war.

Die Waisenhausmauern ihrer Kindheit. Die Dunklen Vollstrecker. Ihre Familie. Freunde. Weggefährten.
Namen, die sie früher getragen hatte wie einen Mantel. Jetzt waren sie nur noch Steine in ihrem Gepäck.
Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, sie zu hassen.
Sie ging, weil Stehenbleiben schwerer geworden war als Gehen.

───

Die Hütte lag dort, wo der letzte Pfad zwischen knorrigen Wacholderbüschen endete. Dahinter war nur noch Fels.
Sie war klein.
Windschief.
Das Dach mit dunklen Schindeln gedeckt, an denen Moose und Flechten hafteten. Vor der Tür hingen getrocknete Kräuter kopfüber unter einem schmalen Vordach. Ein paar Ziegen suchten zwischen den Steinen nach etwas Essbarem.

Die Alte saß auf einem niedrigen Schemel und flocht einen Korb.
Ihr Haar war schneeweiß und fiel ihr in einem dicken Zopf bis auf die Hüfte. Die Haut ihres Gesichts erinnerte an altes Leder – von Sonne, Wind und einem langen Leben gezeichnet. Ihre Augen dagegen waren klar. Erschreckend klar. Nicht jung. Aber wach, als hätten sie längst aufgehört, nur die Oberfläche der Dinge zu betrachten.

Später erfuhr Angelique, dass niemand im Dorf ihren eigentlichen Namen wusste.

Für die Kinder war sie einfach die Bruja. Die Erwachsenen nannten sie nur die Alte. Manche behaupteten, ihre Großmütter hätten sie schon genauso gekannt. Andere erzählten, sie habe bereits hier gewohnt, bevor die ersten Hütten gebaut worden seien. Niemand wusste, ob das stimmte. Und niemand schien es wissen zu wollen.
Sie hob den Blick, noch bevor Angelique den Hof betreten hatte.
Lange musterte sie die Seraphim.
Die schwarzen Flügel.
Die staubigen Stiefel.
Die aufgesprungenen Hände.
Den Blick eines Menschen, der aufgehört hatte, irgendwo anzukommen.
Schließlich nickte sie nur.
„Du hast Hunger.“
Es war keine Frage.
Angelique wollte antworten.
Stattdessen bemerkte sie erst jetzt, wie ihre Zunge am Gaumen klebte und wie sehr ihre Hände zitterten.

Die Alte erhob sich langsam, als hätte sie alle Zeit der Welt.
„Dann komm.“

Kein Wer bist du?
Kein Woher kommst du?
Kein Warum bist du hier?
Nur eine Schüssel dampfendes Chili, ein Stück grobes Brot und ein Platz am Feuer.
Als Angelique den Löffel ansetzte, liefen ihr Tränen über das Gesicht.
Nicht weil das Essen besonders gut gewesen wäre.
Sondern weil seit langer Zeit niemand mehr etwas gegeben hatte, ohne vorher eine Gegenleistung zu verlangen.

───

Sie blieb.
Nicht weil sie darum gebeten wurde.
Und nicht weil sie wusste, wohin sie sonst hätte gehen sollen.
Weil der Weg hier zu Ende war.

Am nächsten Morgen holte sie Wasser vom Brunnen.
Am Tag darauf flickte sie einen Zaun.
Später hackte sie Holz, jätete den kleinen Gemüsegarten oder trug Körbe mit Kräutern auf den Dachboden.

Die Alte lobte sie nie.
Sie tadelte sie auch nie.
Wenn etwas getan werden musste, tat sie es.
Es war ein stilles Einverständnis.

Fast täglich kamen Menschen zur Hütte.
Ein alter Hirte brachte ein lahmendes Lamm auf den Armen. Die Alte rieb dessen Bein mit einer dunkelgrünen Salbe ein und schickte ihn wortlos wieder fort.

Eine junge Frau saß stundenlang vor der Feuerstelle und starrte schweigend in die Glut. Als sie ging, hielt sie ein kleines Kräutersäckchen an ihre Brust, als wäre es mehr wert als Gold.

Ein kleiner Junge mit hohem Fieber wurde von seiner Mutter getragen. Die Alte kochte einen bitter riechenden Sud, legte ihm kalte Tücher auf die Stirn und summte dabei ein Lied, dessen Worte Angelique nicht verstand.

Manche baten um Heilung.
Andere um Rat.
Wieder andere hielten der Alten schweigend ihre Hand hin.
Sie fuhr mit den Fingerspitzen über die Linien, nickte manchmal, schüttelte manchmal den Kopf und sagte nie mehr, als der andere offenbar hören durfte.

Fast unmerklich begann sich etwas in Angelique zu verändern.

Nicht die Erinnerungen.
Die blieben.
Aber sie wachten nicht mehr jeden Morgen vor ihr auf.

───

Die Kinder des kleinen Bergdorfes waren die Ersten, die ihre Einsamkeit durchbrachen.

Sie hatten keine Scheu vor den schwarzen Flügeln.
Sie fanden sie wunderbar.
Sie wollten wissen, ob man darauf schlafen könne. Ob jede Feder einzeln nachwachse. Ob Seraphim im Regen fliegen oder lieber zu Fuß gingen.
Eines der Mädchen streckte einfach die Hand aus und strich vorsichtig über eine der schwarzen Schwungfedern.
„Weich“, stellte sie überrascht fest.
Ein Junge fragte ernsthaft: „Kannst du mit den Flügeln Leute umarmen?“
Angelique wusste nicht, was sie antworten sollte.
Ein anderer hatte sich längst unter einem ihrer Flügel versteckt.
„Hier drin ist es warm!“, rief er lachend.
Die anderen wollten sofort ebenfalls darunter kriechen.
Angelique stand regungslos da.
Sie wusste nicht mehr, wie man mit Kindern sprach.
Sie wusste nicht einmal mehr, ob sie das jemals gekonnt hatte.
Doch Kinder geben sich mit Schweigen nicht zufrieden.
Sie zerrten sie auf die Wiesen. Versteckten sich zwischen den Felsen. Erfanden Spiele, deren Regeln sich alle fünf Minuten änderten.

Wochen vergingen.
Eines Nachmittags versteckte sich eines der kleineren Kinder so gut zwischen den Wacholderbüschen, dass niemand es finden konnte.
Die anderen liefen ratlos durcheinander.

Da breitete Angelique plötzlich ihre Flügel aus.
Mit wenigen kräftigen Flügelschlägen erhob sie sich über die Hügel. Von oben entdeckte sie den kleinen Ausreißer sofort und landete wenige Augenblicke später neben ihm.
Als sie mit dem lachenden Jungen auf den Schultern zurückkam, jubelten die Kinder, als hätte sie einen Drachen besiegt.
„Noch mal!“, riefen sie.
Und ohne darüber nachzudenken, nickte Angelique.
Erst später bemerkte sie, dass sie selbst das Spiel begonnen hatte.

Und dass sie lachte.
Nicht höflich.
Nicht gezwungen.
Ein echtes, helles Lachen.

Es erschreckte sie fast.
Am Abend saß die Alte vor der Hütte und beobachtete sie lange.

„Es kehrt Farbe in deine Seele zurück.“
Angelique sah verwundert auf.
„Ich dachte, Seelen hätten keine Farbe.“
Die Alte lächelte.
„Nur die Blinden behaupten das.“
Sie schwiegen eine Weile.

Der Wind trug den Duft des Meeres den Berg hinauf.
Schließlich hielt Angelique der Alten ihre Hand hin.
„Was siehst du?“

Die Alte betrachtete ihre Handinnenfläche lange. Mit ihren knochigen Fingerspitzen fuhr sie langsam jede Linie nach, als würde sie einer vergessenen Schrift folgen.
Dann schloss sie Angeliques Hand behutsam und sah sie lange an.

„Ich darf es dir nicht sagen.“
„Warum?“
„Auch meine Welt kennt Regeln.“

Sie schwieg.

„Aber vielleicht findest du Antworten in den Nebeln des Berges der Verlorenen."
Sie schwiegen beide.

Dann sagte die Alte:

„Aber für dich ist die Zeit der Nebel noch nicht gekommen.“

Eine Pause.
„Geh zurück nach Althea.“
„Warum?“
„Dein Weg ist dort noch nicht zu Ende."

_____

Einige Wochen später stand Angelique wieder im Felsendom.
Nichts hatte sich verändert.
Oder vielleicht doch.
Aber sie hatte es nicht eilig.
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Angelique
Asche. Verloren. Nebelmeer.
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Angelique
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#2

Beitrag von Angelique »

Angelique nahm ihre Aufgaben auf Althea gemächlich wieder auf und ließ die Eindrücke wirken.
Eines Tages nach getaner Arbeit zögerte sie vor dem Betreten des Tempels.
Die spielenden Kinder in dem Bergdorf kamen ihr in den Sinn.

Sie blieb stehen und schaute sich nach einem Stein um. Sie probierte verschiedene aus, ob man Striche mit dem Stein auf den Vorhofplatten erkennen konnte.

Dann kniete sie sich vor dem Tempel auf den Boden.
Mit dem Stein zog sie einige Linien.
Ein Kästchen.
Dann noch eines.
Zwei nebeneinander.
Wieder eines.

Als sie fertig war, betrachtete sie das Muster einen Augenblick.

„Himmel und Hölle“, murmelte sie.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Dann nahm sie den kleinen Stein, warf ihn in das erste Feld und begann auf einem Bein zu hüpfen.
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Tagora Chryl
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#3

Beitrag von Tagora Chryl »

Es war ein heißer Sommertag. Die Sonne brannte unnachgiebig. Sie hätte sich einfach einen anderen Tag aussuchen sollen, dachte Tagora, während sie sich eine Strähne aus dem Gesicht strich. Sie war auf Steinbergen unterwegs gewesen, um einen riesigen Wurm – die Blutgier – zu jagen. Die wertvollen Blutgieressenzen fanden sich in deren Eingeweide. Es war ein recht unangenehmes Unterfangen an diese heranzukommen.

Seufzend schaute sie an sich herab. Der Saum ihrer Robe hatte es nicht unbeschadet überstanden. Staub und Spuren von Blutgier-Eingeweiden bildeten einen starken Kontrast zu dem weißen Stoff. Ihr Familienwappen jedoch war deutlich an ihrer Brust zu sehen.

Sie war gerade auf dem Weg in den Felsendom, da sie sich dort eine kühle Auszeit erhoffte, ehe sie ihre Jagd fortsetzte. Kurz bevor sie das Eingangsportal erreichte, wurde ihre Aufmerksamkeit von einer ungewohnten Bewegung eingefangen. Auf dem Vorhof hatte eine schwarze Seraphim kleine Kästchen auf den Boden gemalt und hüpfte nun von Kästchen zu Kästchen.

Tagora hob eine Augenbraue und betrachtete schmunzelnd das Schauspiel. Während sie mit langsamen Schritten näher trat, sagte sie: „Ich bin mir nicht sicher, ob Vargus das gefällt.“ Ihre Stimme war sanft und nicht anklagend. Sie musterte die Seraphim auf der Suche nach Familien- oder Gildenwappen.

 
 Bild
 Schattenheilerin
Mutter von Nevir al Ad, Noesis al Ad, Tjanah al Ad und Othilia Tyr.
Es herrsche Chaos, es lebe die Finsternis. Sanguis vincit – Chryl!
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Angelique
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#4

Beitrag von Angelique »

Es war schwieriger als erwartet, als erwachsene Frau auf einem Bein zu hüpfen.
Anstrengend und schwerfällig.
Angelique kam ins Schwitzen und legte erst einmal Rucksack und Robe ab, nicht ohne sie durch einen Zauber derart zu beschweren, dass kein Dieb sie würde wegtragen können.

Beim ersten Versuch hatte sie jeden Sprung berechnet. Welcher Fuß zuerst? Wie weit? Wo musste sie landen? Mit jedem Gedanken wurde sie schwerer, jeder Satz unsicherer.

Rhythmus. Balance. Leichtigkeit.

sagte sie sich immer wieder.
Erst als sie aufhörte, über die Bewegung nachzudenken, veränderte sich etwas.
Der Körper erinnerte sich schneller, als der Verstand begreifen konnte.

Sie musste nicht mehr lernen.

Sie musste vergessen.

Und sich trauen.

Lernen. Vergessen. Können.

Sie sprang.
Landete.
Drehte sich.
Hob den Stein auf.
Und sprang weiter.

Die Welt um sie herum trat in den Hintergrund.

„Vielleicht ist es mit der Liebe genauso“, schoss es ihr durch den Kopf. „Man muss vergessen.“
Doch der Gedanke war schon wieder fort.

Seraphen und Pilger kamen und gingen. Manche warfen ihr einen irritierten Blick zu. Andere schauten bewusst weg. Ein älterer Seraph blieb sogar stehen, schüttelte missbilligend den Kopf und setzte seinen Weg fort.
Angelique bemerkte nichts davon.

Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte sie an nichts.

Und genau darin lag für diesen kurzen Augenblick alles.

Erst als eine Stimme sie ansprach, erschrak sie leicht.
Sie geriet aus dem Takt, ruderte kurz mit den Armen, fing das Gleichgewicht wieder ein und beendete den Durchlauf, ehe sie sich der dunklen Seraphim zuwandte.

„Hallo“, sagte sie noch etwas außer Atem.
Ihr Blick glitt über die Frau.
Zerzaustes Haar. Staub und dunkle Blutflecken auf einer weißen Robe.

Dann blieb ihr Blick für einen Augenblick auf dem Wappen der Familie Chryl ruhen.
Ja. Das erklärte ihre ruhige, selbstverständliche Präsenz.

Kein Abzeichen der Vollstrecker.

Kein Zeichen des Syndikats.

Irgendetwas an der Frau kam ihr vertraut vor. Der Gedanke war da und entglitt ihr im selben Moment wieder.

„Dann hoffe ich, dass Vargus heute für einen Augenblick wegsieht.“

Angelique warf einen kurzen Blick zum Portal des Tempels.
Ein flüchtiges Lächeln erschien auf ihren Lippen.

„Vielleicht.“

Sie sah die Seraphim wieder an.

„Stört es Euch?“
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Angelique
Asche. Verloren. Nebelmeer.
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