Vor Jahren
Noch in seiner ganzen Pracht, erhob sich mit einer kühlen Erhabenheit inmitten des Waldes auf dem Anwesen der Familie Al Saher der Tempel, welcher wirkte, als hätte das Dunkel selbst ihn geformt. Seine Außenmauern, gebaut aus schwarzem Basalt, zeigten zu diesem Zeitpunkt kaum Anzeichen von Verwitterung, obwohl der Tempel schon viele Jahre zwischen den hohen Bäumen auf einer Lichtung stand.
Es war ein gespenstisches Bauwerk und doch strahlte es eine Anziehungskraft auf alle aus, die sich ihm näherten. Auch wenn Naheniel von dem Vater von Adrian längst nur noch geduldet wurde, genoss er es nach wie vor, den Tempel aufzusuchen. Er gefiel ihm, wie an diesem kleinen Ort alles mit dem Glauben und Ogrimar durchflutet wurde.
Naheniel war nicht geladen gewesen zu der Zeremonie, die sie heute in dem Innenraum des Tempels, welches seit jeher in einem ewigen Halbdunkel gehüllt war, zutrug.
Und doch war er erschienen, denn was kümmerte es ihn, ob er gewollt war oder nicht.
Das Flackern der Flammen von unzähligen Kerzen, die in kunstvoll geschmiedeten Eisenleuchtern standen, gaben auch heute dem Tempel eine besondere Atmosphäre, die sonst bereits eindringlich genug war, allein durch die massiven Säulen, die sich wie verdrehte, knorrige Bäume emporschraubten, um das massive Dach, welches verziert war mit Malereien aus den Geschichten der Doktrin und anderen Büchern, zu halten.
Auf der Wand, die sich hinter dem Altar befand, waren alte Symbole und Runen gezeichnet, die sich jetzt, da die Gläubigen zusammenfanden und unter dem Schein der Kerzen, in einem pulsierenden Rot schwach leuchteten, ganz so, als hätten sie ihr eigenes Leben, das darauf wartete, entfesselt zu werden.
Auf einer der letzten Bänke hatte Naheniel sich einen Platz gesucht, gehüllt in einem dunklen Umhang, mit einer weiten Kapuze über das Gesicht gezogen, so wie es alle Gäste getan hatten, um ihre Gesichter zu verbergen. Dabei ging es nicht darum, zu verstecken, wer sie waren und aus welchen Häusern sie kamen.
Aber Hier und jetzt, in diesem Tempel aus Dunkelheit und Schatten, zählte nicht der Einzelne, sondern nur das Ritual, welches kurz davor war, vollzogen zu werden.
Ein Sprechgesang, geführt von den Frauen und Männer die sich stehend vor den Bänken verteilten, war zunächst nur ein gemeinsames Flüstern gewesen, Worte einer fremden Sprache, jedoch erfüllt mit Glaube und Inbrunst gegenüber der dunklen Majestät, seinem Wort und seinem Gesetz.
Auch wenn Naheniel derartigen Zeremonien schon häufig beigewohnt hatte, zog es ihn immer wieder in einen Bann und er war fasziniert von der spürbaren Macht, die auf alle Gäste einwirkte.
Hinter dem Altar, der gefertigt war aus dunklem Marmor, der bei genauerer Betrachtung den Anschein hinterließ, als wäre er aus flüssiger Dunkelheit geschaffen worden, stand ein Mann, gekleidet in eine schwarze, schwere Robe.
Wachsam beobachtete Naheniel jede Regung des Priesters, der für diese Stunden geladen worden war. Natürlich war es nicht irgendein Geistlicher, den die Familie Al Saher zu diesem Ereignis rief. Unwürdig waren sie, die Würdenträger der dunklen Kirche. Seit Jahrzehnten waren sie nicht mehr das, wofür sie einst bekannt waren und warum man sie fürchtete.
Heutzutage waren sie alle verweichlicht und mehr dem Frieden als dem unbedingt nötigen Krieg zugewandt. Nicht selten hörte man Worte in ihren Predigten, die nur wenig mit dem zu tun hatten, was der wahre Glaube sein sollte und wodurch er einst geboren wurde.
Gleich verhielt es sich mit den Taten. Die harte Hand der Kirche zeigte sich häufig als viel zu nachgiebig und einlenkend, anstatt einzuschreiten und auch über jene zu richten, deren Ziel es einzig war, sich auf der eigenen Vergangenheit auszuruhen.
Eine Handlungsweise, die so einigen Familien der schwarzen Dienerschaft seiner einzigen Majestät nicht gefiel, weshalb es vorgezogen wurde, Gleichgesinnte unter sich zu suchen und sich mit jenen zu umgeben, die den Glauben noch als das verstanden, was er einst gewesen war.
Unnachsichtig. Gnadenlos. Absolut.
Der Priester, der keinen Namen tragen musste, um jemand zu sein, erhob gebieterisch seine Hand und senkte sie sogleich wieder, woraufhin die Sprechenden verstummten und sich in einem gleichen Fluss auf ihre Knie ließen. Für einige Augenblicke herrschte eine Stille, die weitaus mächtiger war als jedes Wort, das gesprochen werden konnte.
"Wir sind zusammengekommen, hier in diesen Tempel, im Schoß der Macht des einzig Wahren, in der Wiege des Chaos und in seiner Allgegenwärtigkeit, die uns alle umgibt und durchdringt, fernab von den Worten, die im Felsendom trügerisch an die Ohren der Gläubigen dringen.
Die Zeiten haben sich geändert. Wir haben uns verändert. Die Kirche und deren Anhänger sind gespalten und verkommen unter ihrer Führungslosigkeit. Lassen wir uns davon aber beirren? Unseren Geist beschmutzen von dieser Schwäche unserer sogenannten Glaubensfamilie? Nein!"
Die Stimme des Priesters hob sich und schallte mit einem lauten Echo zwischen den Mauern hin und wieder zurück.
Die Zuhörer zuckten trotz der Eindringlichkeit des Klangs nicht zusammen, sondern hielten voller Ehrfurcht ihren Blick gesenkt, während sie schweigend den Worten lauschten.
"Wir folgen den alten Werten und den alten Gesetzen, denn wir wissen, dass nur daraus die Stärke des Glaubens entsteht. Und ist der Glaube stark, ist es auch der dunkle Vater." Er hielt inne und sein stechender Blick, der unter seiner Kapuze hervortrat, streifte gebieterisch über die Anwesenden hinweg, als suchte er in ihren Auren nach dem kleinsten Funken Verrat oder Zuwiderhaltung. "Wer sind wir?"
Worte, die Naheniel schon in jüngster Kindheit in Fleisch und Blut übergegangen waren und die einer wie er, aufgezogen in der härtesten und schonungslosesten Form der Glaubensinterpretation, in ihrer wahren Bedeutung sehr früh begriffen hatte. Im Gleichklang mit all den anderen Gästen, erhob sich deshalb auch seine Stimme.
"Wir sind die Einen, wir sind die Reinen! Wir sind das Schwert Ogrimars, das Jene, die nicht glauben, zerschmettern wird."
Dass das "nicht glauben" weitaus mehr umfasste als das, was man im ersten Moment hörte oder in der Doktrin las, war etwas, was die Glaubensbrüder und -schwester, die hier zusammengekommen waren, mitunter verband.
"Ihr, die Reinen, seid hier, um Zeuge zu werden, wie dieses Paar den alten Pfad des Glaubens betritt und ihn durch ihr Tun beschützt.
Das Blut bleibt beim Blut und läuft nicht Gefahr, sich mit jenen zu mischen, die zwar denken, sie würden treu dienen, aber bereits wanken, wenn sie sich erheben müssen aus ihrer Bequemlichkeit und den Nestern aus längst verdorbenen Familien."
Der Priester senkte seine Stimme, griff nach einem schwarzen Seidentuch und nach einem Dolch mit einer Klinge aus geschwärztem Stahl. Sein Blick sowie auch seine Worte waren nun dem Brautpaar vor sich gewidmet. "Ihr seid rein gezeugt worden und auch eure Nachkommen werden es sein. Bekennt Euch nun zu dem, was Ogrimar euch vorherbestimmt hat." Niemand sprach vorerst und Naheniel hob seinen Kopf ein wenig. Auch wenn er weit hinten saß, konnte er die Rücken jener erkennen, denen zu dieser Stunde die gesamte Aufmerksamkeit gehörte. Es war bestimmt gewesen, dass es eines Tages so weit kam. Und doch hatte etwas in ihm gehofft, dass es nicht passierte.
"Adrian Al Saher,
Alyssa Al Saher,
ihr habt Euren Pfad gewählt und seid bereit, eure Leben zu vereinen und diese an den wahren Glauben zu binden. Sprecht nun euer Gelübde und bringt euren Schwur dar, damit wir eure Verbindung bezeugen und der dunkle Lord sie, euch und eure gemeinsame Zukunft segnen kann."
Naheniel senkte seinen Blick und ein kaltes Lächeln schimmerte auf seinen Lippen auf. Hoffnung. Sie war trügerisch und zumeist sehr enttäuschend.
Es war die Hoffnung, dass einer von ihnen klug genug wäre, seinen Worten Folge zu leisten, denn sie beide, Alyssa wie auch Adrian, hatte er vor die Wahl gestellt. Aber beide hatten dem gehorcht, was von ihnen verlangt wurde.
Schade. Somit hatten sie ihr Schicksal, das nun unausweichlich war, selbst gewählt.
"Ich schwöre Dir, Alyssa, Treue. Ich gebe Dir meine Stärke und beschütze Dich mit meinen Schatten, bis der dunkle Meister uns als würdig erachtet und wir im Kampf für ihn sterben dürfen."
"Ich schwöre Dir, Adrian, Entschlossenheit. Ich binde mein Leben an das Deine, folge Dir und…"
Ohne noch weiter zuzuhören, schüttelte Naheniel belustigt seinen Kopf und erhob sich von der hintersten Bank. Lautlos waren seine Schritte in Richtung der Flügeltüren, die hinaus auf die Lichtung führen sollten. Doch noch bevor er diese öffnen konnte, hielt eine Hand ihn am Oberarm fest.
Naheniels Blick strich an dem, ebenfalls in einer dunklen Robe, gehüllten Mann entlang und zuckte verächtlich seine Nasenflügel auf. "Ihr hattet mir noch nie etwas zu sagen, Lord Al Saher."
"Du wirst nicht zwischen dem stehen, wofür meine Familie seit Jahrhunderten steht und wofür sie bestimmt ist."
Die Stimme von Adrians Vater war flüsternd, jedoch deshalb nicht weniger warnend und durchdringend, während die Finger seiner Hand sich immer noch fest in den Oberarm Naheniels drückten.
"Werde ich nicht?" Langsam verzogen seine Lippen sich zu einem amüsiert freudlosen Lächeln.
Zwischen den beiden Männern verstrichen Sekunden einer bedrohlichen Ruhe, in welcher sie sich nur unerbittlich ansahen. Währenddessen fuhr der Priester längst mit der Zeremonie fort, indem er mit dem Dolch Wunden in die Handflächen beider Partner ritzte und das Blut zunächst in einen schimmernden Kelch und dann auf das schwarze Tuch tropfen ließ.
"Blut ist die Essenz des Lebens. Durch dieses Opfer bindet ihr euch nicht nur aneinander, sondern auch an die Macht seiner wahren Lordschaft.
Eine Macht, die dieses Bündnis schützen und stärken wird."
Als seine Worte verklungen waren, knotete er das schwarze, mit Blut befleckte Tuch um die Hände des Paares. "Mit diesem Band erkläre ich euch zu Verbündeten, zu Gefährten, die im Namen des Meisters die alte Tradition leben und diese, sowie auch ihn die alten Gesetze über alles stellen.
Von heute an wandelt ihr gemeinsam durch die Finsternis, die er erschuf. Zweifelt nie an euch, denn dann zweifelt ihr an ihm.
Dient und folgt dem Weg, den er euch weist!"
Ohne seine Aufmerksamkeit auf das Geschehen im Eingangsbereich des Tempels zu lenken, sprach er mit lauter, sie alle erinnernder Stimme weiter. "Vergesst nie, reiner Glaube ist mehr als nur Taten und schwache Worte. Glauben heißt Leben! Glauben heißt sterben! Der Glaube steht über jedem von euch! Glaube achtet keine Namen oder vergangene Taten. Es zählt nur das Hier und Jetzt und das, wofür wir bereit sind, damit wir für Ogrimar wahre und treue Diener sind!"
Er tunkte seine Finger in den Kelch, zeigte diese dem Paar vor sich und zeichnete auf die jeweilige Stirn ein Symbol aus dunkelrotem Blut. "Euren Pfad der Treue setzt ihr heute fort." Mit einem lauten Rascheln der dunklen Gewänder und dem Knarzen von hölzernen Bänken, erhoben sich die Anwesenden aus ihrer knieenden Position.
Naheniel wand sich aus dem Griff von Adrians Vater und deutete mit einem knappen Nicken in Richtung des Paars am Altar. "Seid so nett und richtet ihnen meine aufrichtigsten Glückwünsche aus." Leicht neigte er sich nach vorn und murmelte mit leiser, warmer Stimme.
"Und dass sie gut aufeinander acht geben sollen."
Am gleichen Abend, einige Stunden später
Alyssa saß auf der Schaukel, die sanft unter dem gewaltigen Baum pendelte. Die silbrig schimmernden Strahlen des Mondes durchbrachen das dichte Blätterdach, welches ein beruhigendes Geräusch von sich gaben, als hin und wieder der Abendwind durch dieses hindurch strich. Immer noch trug sie ihr Brautkleid, welches von einer besonderen Schönheit war, so wie die Trägerin auch.
Die schwarze Spitze, welche durchzogen war von blutroten Stickereien, die wie feine Adern wirkten, umschmeichelte ihre schlanke Gestalt und hob die zarte Blässe ihrer Haut wirkungsvoll hervor. Das dunkle, in lockere Wellen gelegte Haar fiel über ihre schmalen Schultern, während einzelne Strähnen sich von dem sachten Spiel des Windes tragen ließen.
Als hätte sie alle Zeit der Welt und als würden weder Gäste noch ein Ehemann auf sie warten, der von ihr schon bald die Pflicht der Hochzeitsnacht einfordern würde, schwang sie auf ihrer Schaukel nach vorn und wieder zurück und zeigte dabei in ihrem Gesicht ein nahezu unmerkliches Lächeln, obwohl ihr Antlitz gezeichnet war von einer Mischung aus Trauer und Unruhe, ganz so, als ob sie bereits das, was auf sie zukommen würde, vorausahnte.
Womöglich tat sie das auch. Alyssa wusste schon immer mehr. Sie sah und sie verstand. Das allein schon machte sie für Naheniel zu etwas Ungewöhnlichem. Und das Ungewöhnliche war es, was seine Aufmerksamkeit erweckt hatte.
Wieder holte sie mit ihren Beinen aus und schwang sich erneut in die Luft, als am Horizont sein langgestreckter Schatten erschien. Für einen kurzen Moment hielt er an und beobachtete, wie sie, genauso wie damals, als sie noch ein kleines Mädchen war, unbekümmert ihr Dasein genoss. Der Schein aber trügte, das wusste er, genauso wie er sich darüber bewusst war, dass sie nicht lange hier alleine bleiben würde.
Lautlos schritt er somit weiter über die Wiese und erreichte die Braut Adrians nach kurzer Zeit. Seine hellen Augen richteten sich zunächst stumm auf sie, um ihr genau das zu offenbaren, wofür er gekommen war: Er wollte sie für sich besitzen und einlösen, was er versprochen hatte.
Mit einem leisen Seufzen wartete Alyssa, bis die Schaukel langsamer wurde und ließ sich gleich darauf von den Schatten einfangen, die Naheniels Körper auf sie warf.
"Du bist nicht fort."
Ihre Stimme war getragen von einem leisen Klang, der kaum wirklich zu sein schien. "Das war ich nie, Alyssa."
Er überbrückte die letzte Distanz zu ihr und stoppte die Schaukel, indem er in eines der Seile griff. Der Blick der Braut flackerte und sie strich sich vorsichtig über das schwarze Band, welches der Priester im weiteren Verlauf der Vermählung von ihr und Adrian löste, um es in zwei Teile zu schneiden und dann jeweils um ihre Wunden zu binden.
Mit einem lockenden Blick betrachtete Naheniel Alyssa und ließ noch weitere kühle Schatten nach ihr greifen, während ein sanftes Lächeln sich auf seine Züge schlich, das etwas von seiner über die Jahre ihn stets umgebenden Dunkelheit zurückdrängte.
"Es ist soweit." Er streckte seine Hand nach ihr aus und bot ihr diese einladend an. "Ich bin hier, um Dich mit mir zu nehmen."
Alyssa hob ihre Augen und begegnete seinem Blick. Schweigende Momente zwischen ihnen vergingen und das helle Mondlicht zeichnete ein Spiel aus Zweifel, Angst und doch einer tiefen Neugier und eines Wollens auf ihrem Gesicht ab.
Naheniel lehnte sich zu ihr hinab, so dass sie seinen warmen Atem auf ihrer Wange spüren konnte, was einen starken Kontrast zu der Kälte, die von seiner Aura ausging bildete.
Seine Hand schwebte weiterhin vor ihr und sie spürte, wie sich die Schatten um sie herum verdichteten und wie die Welt um sie stiller und stiller wurde, als würde die Natur ihren Atem anhalten.
...
.... Als sie ihre Hand in seine legte, löste sich das schwarze Tuch, welches sie an Adrian band und fiel in einem lautlosen Tanz zu Boden ...