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Die dunkle Prophezeiung

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Naheniel
Geschichtenschreiber / Geschichtenschreiberin
Beiträge: 224
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#1751

Beitrag von Naheniel »

Die Verbindung zu der Leiche brach, als die Flammen sich um den Leib des Toten züngelten und ihn nicht nur von außen, sondern auch von innen heraus verbrannten. Naheniel schnalzte mit seiner Zunge und ließ seinen Blick aber noch einige Sekunden in die Ferne gerichtet.
"So wütend, so ungezügelt, so voll der dunklen Magie. Pass nur auf, dass Deine eigenen Schatten Dich nicht bald verzehren." Ein eisiges Grinsen hob eine seiner Mundwinkel, bevor er sich herumdrehte und sich wieder auf sein Pferd zog. 


Der Tod des Bischofs besaß auf eine Weise etwas Tragisches. Es war der erste Mensch aus der wirklichen Welt gewesen, den er an seine band. Ein Unterfangen, von dem er damals nicht wusste, ob es gelang. Sozusagen ein Experiment.
Eines, das geglückt war und dem daraufhin noch einige andere folgten. Der Bischof und jene, die er nach ihm in seine Schöpfung einsperrte und die noch hier waren, bewiesen, dass sie genauso überlebten und sich den gleichen Regeln zu unterwerfen hatten wie seine Kreaturen.
Erst als er sich dessen sicher war und wusste, dass ihr nichts geschah, nahm er Alyssa mit sich.

 
Eine Schande, dass nun der Erste sterben musste und das ausgerechnet durch die Hand seines Freundes.
Ob Adrian sich an die Lehreinheiten des Bischofs erinnerte, als sie alle noch in die Schule gingen, die Naheniel niederbrannte? Der Bischof war nie besonders feinfühlig gewesen. Ein grausamer Mann mit grausamen Taten und dem unbedingten Willen, das Gesetz Ogrimars in aller Härte durchzusetzen. Einer vom alten Schlag. Den Tod hatte er lange erwartet und lange darauf gehofft. Wahrscheinlich war er Adrian sogar dankbar darum, dass er diesen endlich über ihn gebracht hatte.

 
Noch gab Naheniel seinem Tier nicht das Signal, seinen Ritt fortzusetzen. Stattdessen strich er sich über die mittlerweile pochende Stirn und sog die eisige Luft in seine Lungen. Einem Toten so nah zu sein hinterließ Spuren.
Die anderen, die Freya verfolgten, hatte er nur ausgeschickt, um seinem Befehl zu folgen. Aber sie handelten auf gewisse Weise eigenständig. Bei dem Bischof war es ihm jedoch ein Anliegen gewesen, Adrian in die Augen zu sehen. Diesem Verräter am Glauben und der einzig richtigen Auslegung der Prophezeiung.

Es würde der Tag kommen, an dem er sein Knie beugte und um Gnade bettelte, für sich, seinen Namen, seinen Bruder, seine Tochter und seine Frau. 
Bekommen würde er sie nicht, denn jegliche Chancen darauf waren verspielt. Er wollte Krieg und so sollte er seinen Krieg haben. 


Naheniel streckte seine andere Hand von sich und krümmte seine Finger angestrengt zusammen. Es war nicht auf seinem Plan gestanden, sich nun zusätzlich gegen einen ungebetenen Gast zur Wehr zu setzen. Aber nun gut, auch er wuchs schließlich mit seinen Aufgaben.

Wie aus dem Nichts und ohne irgendeine Vorankündigung begann der Berg, auf dem das Kloster des roten Bischofs errichtet worden war, zu beben und zu zittern, als wäre darin etwas Altes aus einem langen Schlaf erwacht und regte und streckte sich nun gegen den Fels, in dem es lebte.
Mit einem Knirschen zogen sich erste Risse durch die dicken Steine, die den Boden jenes Raumes bildeten, in dem die Leichen des unbekannten Kindes und die des Bischofs lagen.
Über die fein säuberlich gezeichneten Symbole und die Lache aus Blut legte sich ein feiner Staub, der aus den Ritzen der Decke hinab rieselte. Kleine Steinchen lösten sich aus dem Wandgefüge und rollten zu Boden, während das Grollen von Lidschlag zu Lidschlag lauter und fordernder wurde. 

 
Auch aus der Ferne spürte Naheniel den Widerstand des Berges und die Festheit des Gesteins, welches versucht wurde, seinem Erschaffer entgegenzusetzen. Etwas, das ihm nicht mehr als ein von Amüsiertheit gezeichnetes Lächeln abrang. 
"Brich." Flüsterte er leise mit sanfter, fast schmeichelnder Stimme, während das Blau seiner Augen sich intensivierte. 

Mit einem ohrenbetäubenden Bersten gab das Fundament des Klosters nach und gab einen Schlund frei, in welchen die beiden toten Körper fielen. Donnernd lösten sich gleich darauf einige der Felsen des Berges und prallten auf das Bauwerk, wodurch der prachtvolle Turm, der aus dem Berg hinauf in die Höhe ragte, einbrach und das Innere des Kirchenschiffs unter sich begrub.
Auch wenn er weit von dem eigentlichen Geschehen entfernt war und nichts davon direkt sah, gab es ihm eine unbeschreibliche Befriedigung zu spüren, wie seine Schöpfung ihm nach wie vor gehorchte und er den ihm entgegen gebrachten Widerstand zerbrach. 

 
Als es geschehen war, zog Naheniel seine Hand zurück, korrigierte seinen Sitz und strich sich über sein Gewand. Die pochende Stirn beruhigte sich langsam, während der Rausch seiner Macht langsam abebbte.
Es war nur eine kleine Demonstration dahingehend gewesen, Adrian wissen zu lassen, dass Naheniel bereit war, den vor langem ausgesprochenen Krieg auf eine neue Ebene zu heben.

Mit einem kurzen, harten Ruck an der Mähne wendete er sein Pferd. Das Tier schnaubte nervös, spürte es doch die unpassende Grobheit, die von seinem Reiter ausging. Er warf einen letzten Blick in jene Richtung, in welcher das Kloster mittlerweile in Schutt und Asche liegen sollte und setzte seinen Ritt in Richtung des Mädchens daraufhin fort. 


Er wusste genau, dass sein Gast den Einsturz ohne größere Blessuren überlebt hatte. Denn ihn so zu töten, das wäre zu gnädig, ja, zu banal. Was er wollte, war, ihn zu brechen. Er wollte, dass Adrian dabei zu sah, wie alles, was er liebte, unter Naheniels Schatten verkümmerte. Vernichtung konnte eben auf so viele Weisen geschehen.

 
Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst.
Bist es immer noch Du? Oder bin es nun ich?


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Spürst Du den Hunger nach der Dunkelheit, schreit er bereits in Dir? 
Sag, mache ich Dir Angst oder fühlst Du Dich erst lebendig wegen mir?
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Etoh
Geschichtenschreiber / Geschichtenschreiberin
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#1752

Beitrag von Etoh »

Im Tempel zu Lichthafen - Königreich Goldmond - Arakas - Althea
 
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In der Ruhe liegt die Kraft heißt es. Für Etoh gab es keinen Grund der Ungeduld mit dem Jungen, der sich einsam und verloren zu fühlen schien. Die Fragen und das Gebaren des Jungen ließen den Priester spüren dass er einen inneren Kampf ausfocht. Die Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, das gesehen werden und die Anerkennung im Kleinen. Etoh kannte dieses Gefühl, wenn man glaubte nicht gesehen oder gehört worden zu sein. Wenn eine gewünschte Reaktion nicht eintraf. Dies alles konnte einen an einem selbst Zweifeln lassen.
Jemand anderes sein, das wäre dann wieder eine Lüge. Eine Lüge die schwer ist lange aufrecht zu halten. Ich glaube das ist keine gute Idee. Mit ruhigen Blick und ohne Tadel sah er den Jungen weiterhin ruhig an. Es war wohl eher die noch Kindliche Naivität die aus dem Jungen sprach und weniger Kalkül. Im Hause Artherks ist die Lüge nicht gerne gesehen, das weißt du. Stehe Aufrecht dafür, wer du bist. Mit allen guten wie schlechten Seiten. Alles ist ein Teil von dir. Nur dadurch das es den Schatten gibt, kann das Licht um so heller erstrahlen.
 
Sehr viel mehr konnte er dem Jungen dazu nicht mehr sagen. Doch der Junge schien bereit zu sein es in Erwägung zu ziehen seine Zelte erneut abzubrechen. Etoh greift neben sich zum Buch, das der Junge dort abgelegt hatte. Er sieht darauf, dreht es einmal in der Hand um es von beiden Seiten anzusehen. In einer fließenden Bewegung stand Etoh auf um in der gleichen Bewegung neben der Bankreihe zu stehen. Mit einer einladenden Geste reicht er dem Jungen die Hand. Bot ihm eine Hilfestellung an, dass er nicht alleine den Weg nach Hause antreten musste. Vielleicht würde sich der Junge eines Tages auch damit vor anderen Rechtfertigen wollen, müssen oder können; dass er keine andere Wahl hatte, als dem Priester zu folgen.
 
Komm, hab keine Angst. Du bringst niemanden in Gefahr. Ich glaube, der Fuchs trägt seinen Namen nicht umsonst. Es muss ihn in dem Moment, in dem er dich zu mir schickte klar gewesen sein, dass potentiell die Gefahr bestand, dass ich dich davon überzeugen werden zu bleiben.
 
Dabei reichte er Flynt das Buch wieder, deutet den Weg rechts am Altar vorbei zur Seitentür. Mit der Hand im Rücken des Jungen führt er ihn zum Jungen-Wohnheim. Ob der Junge bleiben würde, oder bereits am nächsten Tag wieder das Weite suchen, konnte Etoh in diesen Moment nicht wissen. Für den Moment jedoch, schien er das Kind halten zu können. Vielleicht würde der Junge auch 'ihn' noch weiter Testen. Wie weit er wird gehen können bis ihm die versprochene Hilfe verwehrt werden würde.
 
Ein junger Novize, in den frühen seiner 20er Jahre, kam den beiden zur späten Stunde noch ankommenden entgegen. Er zeigte ihnen den Weg zu den Schlafsälen. Etoh begleitete den Jungen noch bis zur Türe des Zimmers das Flynt zugewiesen wurde. In dem Zimmer befanden sind vier Betten, von denen zwei bereits belegt waren. Die beiden Jungen saßen auf einem der Betten und spielten Karten. Neugierig ging ihr Blick zur sich öffnenden Türe. Als sie den Priester hinter Flynt sahen, standen sie auf und verneigten sich leicht. Guten Abend Pater. Etoh nickt den beiden Jungen zu und beschwichtigte sie mit einer Geste. Neugierig fällt seinen Blick auf die Karten. Was spielt ihr? Bscheißen! Wollt ihr mit spielen? Etoh lachte ein wenig. Heute nicht mehr, aber ich will sehen das ich es morgen einrichten kann.
 
Bevor er das Zimmer wieder verlassen würde, wendet sich Etoh Flynt direkt zu. Er legt ihn die Hände auf beide Schultern, sieht ihn dabei in die Augen. Es wird dir hier gut gehen mein Junge. Hab Mut und Vertrauen. Anschließend legt er ihn eine Hand auf sein Haupt. Artherk segne dich.
 
Kurz darauf verließen der Priester und der Novize das Zimmer und ließen die Jungs unter sich.
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Heiler zum Beruf - Priester aus Berufung
"Du weißt nicht, wie schwer die Last ist, die du nicht trägst"
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Der Fuchs
Bauer / Bäuerin
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#1753

Beitrag von Der Fuchs »

Das Gespräch hing Kadir noch die ganze Strecke bis nach Sturmkante nach. Landru war ein interessanter Mann. Schon alleine deshalb verstand der Fuchs den Wert des Handels, den sie beide miteinander geschlossen hatten. Es ging dabei nicht nur um den Ring oder das Gold. Es war wesentlich mehr. Kadir hatte so einiges erfahren aus dem Gespräch, Informationen, die keine materielle Bezahlung aufwiegen konnte. Er hatte nichts gegen die Legion, genauso wenig gegen die verstorbene Priesterin. Schließlich war sie lange genug in aller Regelmäßigkeit sein Gast gewesen. Etwas, das er ein wenig bedauerte, da sie keine war, die er gerne allabendlich in den Abgrund ihres eigenen Kontrollverlusts begleitete. Aber das war das Geschäft. Würde er mit jedem, der in seinen Bau kam, Mitgefühl empfinden, wäre er an seinem Posten falsch. 

Mit den Händen tief in seiner Tasche und dabei das Stück Gold betastend, das er von Landru erhalten hatte, ging er seinen Weg bis zu den Toren von Sturmkante. Das geschah natürlich nicht in wenigen Minuten, die Strecke zwischen Sturmkante und Lichthafen dauerte zu Fuß schon einige Stunden. Aber es brächte nichts, nun jeden kleinen Gedankengang und jeden Stein bis ins Detail zu beschreiben. Wichtig war ohnehin nur, dass der Vampir bei dem Fuchs etwas hinterlassen hatte. Eindruck und Interesse. Und beides war dieser Tage ziemlich selten geworden.

Die Menschen wurden alle jeden Tag gleich und gleicher, etwas, das ihn langweilte. Natürlich hielt er das seinen Gästen nicht unter die Nase, das wäre von ihm dumm. Aber seinen Teil denken, das konnte er. Was Kadir gefiel war, dass Landru sehr offen und direkt mit ihm gesprochen hatte. Kein unnötiges Rumgedruckse, keine Zeitstehlerei. Klare Ansagen, mit genauso klaren Worten und, und das war es, was ihm besonders gefiel: Ehrlichkeit. Zumindest soweit er das sagen konnte.

Und eigentlich tat er sich recht gut damit, die Menschen einzuschätzen. Ob sein Talent bei dem Vampir genauso verlässlich war, würde sich womöglich erst noch zeigen, aber nach seiner Einschätzung gab es keinen Grund für Landru, ihm etwas vorzumachen. Wozu auch? 


Als er das Tor der Stadt passierte, nickte er der Wache kurz zu und ließ sich erzählen, was sich die letzten Stunden zugetragen hatte. Das Meiste war unwichtig, so wie jeden Abend. Leute kamen, Leute gingen. In der Dunkelheit dachten viele von ihnen, unbeobachtet zu sein. Aber auch eine Stadtwache konnte besonders gut sehen und aufmerksam sein, wenn sie dafür nur gut genug bezahlt wurde. Fürst Sonnenfels war schon sehr großzügig, um seine Mauern zu beschützen, schließlich galt die Handelsstadt als sicher und diesen Ruf wollte er sich nicht nehmen lassen. Zusätzlich verdiente die Wache sich aber noch etwas dazu, zurecht, wenn man Kadir fragte. 

Jener verabschiedete sich kurz darauf schon wieder und stattete der Taverne noch einen Besuch ab. Seine Routinen waren ihm wichtig und diese vollzog er jeden Tag auf die gleiche Weise, auch wenn nicht immer zur selben Uhrzeit. Auch wenn die Nacht bereits voran gerückt war, befanden sich noch ungewöhnlich viele Besucher in dem vom Feuer gewärmten Raum. Ob sie allerdings noch alle nüchtern waren, war eine andere Frage. "Ein guter Abend, hm?"

Der Wirt trat an den Tresen, putze einen Kupferbecher mit einem feuchten Tuch und zuckte knapp mit der Schulter. "Morgen ist ein Feiertag, da kommen sie gern und länger. Kann ich dir was zu trinken anbieten?" Kadir schüttelte den Kopf und sah sich aufmerksam in dem Gastraum um. "Ein andermal, ich muss noch arbeiten." 


Der Wirt murmelte etwas von "keine Feiertage für welche wie uns", stellte den Becher ab und nahm sich den nächsten, um auch diesen trocken zu polieren. "Wo hast den Kleinen gelassen?" Der Fuchs hob eine seiner roten Brauen und richtete seinen Blick in Richtung des Wirts. "Mhm?" Er wusste sehr genau, von wem der Wirt sprach, aber das musste er sich ja nicht direkt ansehen lassen. 
"Der Junge, der seit einigen Wochen bei den Dieben ist und dich anhimmelt, als wärst etwas Besonderes."

Ein heiteres Schmunzeln zeichnete sich unter Kadirs dichten Bart ab und mit gespielter Erschütterung musterte er das Gesicht des Mannes hinter dem Tresen. "Du brichst mein Herz. Ich bin nicht besonders?" Der Wirt erwiderte das Schmunzeln auf seine Weise und wartete ab, ob er eine weitere Erklärung erhalten würde. Lange genug lebte die Taverne in Symbiose mit dem Gewölbe, das sich unter den Räumen befand und in welchem der Diebeskönig regierte, weshalb ein langes Vertrauensverhältnis es zuließ, wie beide miteinander umgingen. "Er verdient sich seine Sporen."

Kadir richtete seinen Blick wieder in die Taverne hinein, tippte dann mit seinen Fingern kurz auf den Tresen und stieß sich von diesem ab. "Schaff dir eine ordentliche Aushilfe an, dann kannst du auch einen Feiertag haben." Der Wirt grinste und schüttelte seinen Kopf, während er nach einem Tonkrug griff und den gerade polierten Becher mit einer goldenen Flüssigkeit füllte. "So wie du meinst?" 


Der Fuchs zwinkerte ihm verschmitzt zu und trat, ohne sich weiter zu verabschieden, durch die Taverne hinaus in die kühle Nacht. Dort zog er sich nun die Kapuze seines Mantels über den Kopf, da ihm nicht danach war, an irgendeiner Ecke erkannt zu werden. Schließlich hatte er noch das ein oder andere zu erledigen, bevor er den Tempel besuchen wollte, um zu sehen, ob Flynt seiner Aufgabe gerecht geworden war. 
  

 
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Es ist nicht wichtig, wer das Spiel beginnt, sondern wer es beendet.
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-Freya-
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#1754

Beitrag von -Freya- »

Zuerst war da nur das Fallen. Nicht schnell, nicht endlos – sondern schwer. Als würde etwas Unsichtbares an ihr ziehen, sie tiefer zerren, Schicht um Schicht, bis selbst der Gedanke an Richtung bedeutungslos wurde.

Freya wusste nicht, wann sie den Boden verloren hatte. Nur, dass ihr Körper irgendwann nicht mehr gehorchte und die Dunkelheit sie auffing wie ein kaltes Versprechen.

Eine Kälte, die von innen kam. Langsam breitete sie sich aus, kroch durch ihre Brust, ihre Glieder, bis selbst ihr Atem sich fremd anfühlte …
 
Eine Erinnerung... eine Vision.. ein gemeinsamer Traum...oder vielmehr nur ein kleiner Teil dessen... hat geschrieben:   
   
„Mhm.“ Es war ein genüssliches Brummen, das Naheniels Lippen entfuhr. „Sehe ich da die Macht des Schlüssels in Dir?“ Leicht zuckte seine Oberlippe und seine Nase krauste sich als er mit gesenkter und doch auch gieriger Stimme sprach. „Mir gefällt diese Seite an Dir. Du solltest sie wesentlich häufiger zeigen.“ Mit einer leichten Bewegung seines Ringfingers tanzte der Schatten weiter an ihren Beinen hinauf.
  


   
„Du hast es immer gewusst, oder?“
Es war eine Feststellung gewesen, mit der sie mit ihrer Vermutung zumindest in dieser Vision recht behalten hatte. Ein Traum oder ein Alptraum, von dem Freya angenommen hatte, dass er sich bewahrheiten könnte. Dass sie alle die Wahrheit gesehen hatten, nur sie nicht. Die Wahrheit, dass er es nur auf die Macht abgesehen hatte, von der sie selbst bislang noch nicht annähernd selbst gekostet hatte. - leicht nur senkte sie ihre Lider und konzentrierte sich auf die Stimme allein. Leicht nur hob sie ihre Hand, um im nächsten Moment nur durch das Kreisen ihrer Finger die Schatten an sich zu binden. Als wären jene Motten, die zum Licht gezogen wurden, ließ sie jene von ihm weichen und zog die Macht seiner Magie förmlich an sich heran. Fast als konnte sie es spüren, wie sie danach griff, hob sie ihre Lider, um seinem Blick wortlos zu begegnen.
   


  
Naheniel beobachtete sie dabei genau, wie sie ihm die Schatten abnahm und mit ihnen spielte. Sie konnte jedoch seine Gedanken nicht genau ablesen. Seine Stimme war frei von wahrnehmbaren Emotionen. Eine Frage, die so beherrscht, wie pragmatisch erschien. „Würde es denn irgendetwas für Dich ändern, wenn Du es wüsstest?“

Leicht hob Naheniel seine rechte Augenbraue und legte seinen Blick herausfordernd auf sie. „Sei ehrlich zu Dir selbst, Freya, hätte es selbst damals irgendetwas geändert? Ja, sie haben Dich alle vor mir gewarnt, sie wollten Dich mit aller Macht fernhalten. Tief in Dir drin wusstest Du es. Und doch Es war nur das Zucken einer seiner Mundwinkel. Ein selbstüberzeugtes Lächeln, welches ihr deutlich vor Augen führte, dass sie seit jenem Moment verloren gewesen war, seit sie sich zum ersten Mal im Orakel getroffen hatten, hast Du immer wieder zu mir gefunden.“
   

Fast abfällig ließ sie ihren Blick über ihn hinwegstreichen. Es war keine Frage gewesen, aber seine Worte bestätigten in diesem Moment nur für sie ihre Gedanken, den Verrat, die Heuchelei, die tief in ihr bereits etwas entfacht hatte. 
Es ändert einiges.“ All die aufgestaute Wut, die in ihr tobte, drang in ihre Aura ein. Ein dunkler Schatten, der ihr Licht einhüllte, während ihre Augen beinahe emotionslos auf ihm ruhten, bereit sich Luft zu machen und all die angesammelten Gefühle mit einem Mal zu entfesseln. Ihre Finger ballten sich mit einem Mal zu einer Faust. Umgeben von einem Geflecht seiner Finsternis, wirkte es fast wie ein Kinderspiel für sie, als sie mit ihrer Macht seine Magie an sich zu reißen. So geringfügig ihre Bewegung anmuten mochte, so kraftvoll sollte sie nach ihm greifen. Nach dem, was ihn erfüllte, was sie teilte. Ein Band, welches sich nun um seine Dunkelheit schlingen sollte, um diese ihrer eigenen Macht zu unterwerfen.
  


  
Es kümmerte ihn nicht, mit welchen Blicken sie versuchte ihn zu strafen. Sie war damals ein Kind gewesen, leicht zu lenken und nicht weniger leicht nach seinem Willen zu manipulieren. Und so sehr hatte sie sich danach gesehnt, einen Freund zu finden, der sie verstand und an ihrer Seite war, dass sie völlig blind gegenüber dem gewesen war, was so deutlich vor ihren Augen gewesen war. „Oh, ich bitte Dich. Projiziere die Wut, die Du auf Dich selbst hast, nicht auf mich.“


Langsam folgten seine Augen ihrer geballten Faust, die plötzlich mit solch einer Leichtigkeit den Schatten beherrschte, den er ausgesandt hatte.
Jetzt, jetzt erkennst Du sie, die Macht, die in Dir lebt und vor der sich alle fürchten.
Nicht auf mich solltest Du wütend sein, ich habe Dir immer gesagt, dass Du sie überflügeln wirst. SIE waren es, die versuchten Dich und das
er deutete mit einem leichten Nicken
auf die schwarzen Schlingen, die sich so anmutig um sie bewegten,
zu beherrschen, einzuschließen und vor dir verborgen zu halten.“
  


  
„Ich projiziere nicht, - ich erkenne es. Dank dir sogar
.“
Sie hob ihre Hand vor ihre Augen, um welche die Schatten wie dunkler Rauch um ihre Finger herumschwebte und auf jede Bewegung zu reagieren schien, als warte er nur darauf seine Bestimmung zu finden.

„Ein Konstrukt aus Lügen. Dumm wie ich war, dachte ich, ich sei dir wichtig.“ Fast hauchdünn war das Lächeln auf ihren Zügen, als sie ihre Hand vollständig öffnete und die Dunkelheit mit einem brennenden Zwielicht einhüllte, welches glühend die Schwärze durchsetze und sich wie ein schwelendes Feuer hindurch an ihr satt fraß. „Doch nun seh ich endlich klar.“
  


  
Mit der Spitze seiner Zunge strich er sich über seine Lippen und betrachtete ihr Tun mit sich steigernder Freude.
„Du missinterpretierst meine Worte. Du warst mir immer wichtig. Auf eine Art und Weise, wie mir niemals etwas anderes wichtig war und wichtig sein wird. Denn Du, Freya, Du bist einmalig.“
Mit einem leisen Schnippen seiner Finger bildete sich Finsternis um sie, tanzte an ihr hinauf und umschlang das brennende Zwielicht,
um mit diesem zu eins zu werden, nur um umso stärker in ihrer Hand zu brennen und ihr die Macht zu demonstrieren, die sie festhielt.
  


 

... Hitze, Flammen...

Mit einem scharfen Atemzug fuhr Freya hoch – nur um sofort wieder nach vorn zu sacken, als ihr Blick sich aus der Leere riss. Das Feuer. Sie konnte es fühlen. Eine sengende Hitze, als würden Flammen über ihre Haut züngeln und ihr Fleisch wie wachs schmelzen. Ein grausamer Schmerz, der ihren Körper flutete und sie aufschreien ließ. Erschrocken sah Freya auf ihre Hände, nur um für einen Moment verschwommen auf große knochige Klauen zu blicken, die zu Staub zerfielen.


Freya schloss die Finger um die Tischkante, während ihre Brust sich schmerzhaft verengte zusammen und ihr die Luft zum Atmen nahm. Ihre Gedanken überschlugen sich, während sie den Stuhl nach hinten stieß und wankend auf die offene Tür zu taumelte, ehe sie in die Knie ging. Zitternd stützte sie sich mit ihren Händen auf dem Boden ab, während die Hitze noch immer auf ihrer Haut brannte.

Atemlos spürte Freya , wie ihr Herz unkonrolliert schneller schlug. Sie hatte keine Angst vor ihm, sondern vor der Erkenntnis, die sich in ihrem Geist aufbaute. Ein Puzzle aus Erinnerungen, das sich neu zusammenfügte, um eine vollkommen neue Bedeutung zu bekommen. Die Dunkelheit, ein Ritual, Trommeln, Blut, Naheniel. Worte, die nur ihr gebührten. Ein Ende, das sie freiwillig wählte. War alles nur eine Lüge? Eine Manipulation, die sie an diesen Punkt führen sollten?


Bilder drängten sich auf, während der Schmerz ihre Adern flutete. Stimmen, die sie riefen. Hände, die sie festhielten – oder festhalten wollten. Blut, das nicht ihr gehörte und doch an ihr haftete. Ihre Finger waren rot. Warm. Echt. Freya senkte ihren Blick und presste die Hände gegen den kalten Stein.

… Du hast doch nicht geglaubt, dass er sich für ein dummes kleines Mädchen interessiert … Selbst Syndra hatte es ihr gesagt, sie gewarnt. So tief der Gedanke sich in ihre Seele schnitt, so war es die Wahrheit. Eine Wahrheit, die sie nicht hatte sehen wollen. Ihre Macht, die Naheniel bewundert hatte, obwohl er der Schöpfer einer ganzen Welt war. Ein Schöpfer, der ihr Hilflosigkeit vorgegaukelt hatte und sie war darauf hereingefallen. Alles war nur ein Schwindel, auch als er mit ihr zum ersten Mal hier gewesen war. Von wegen, er brauchte sie. Nein Naheniel beanspruchte sie. Wahrheit wurde zur Lüge und die Lüge zur Wahrheit.

„Du bist das, was mein Schicksal erfüllt. Du bist das, was mir gehört.“


„Ich gehöre dir nicht… Ich gehöre hier nicht hin ...“, brachte sie hervor, während ihre Finger sich verkrampft an den Steinen abstützten. Ihre Augen sahen auf ihre Hände, auf das nervöse Beben, das einzig in ihrem Geist existierte. Nein, weder gehörte sie hierher noch wollte sie es sein. Mühselig kroch sie auf die Tür zu, ohne wirklich zu wissen, wohin. Immerhin alles endete in der Dunkelheit. Im Nichts... 

Und doch bist du hier.

Die Worte waren kein Klang, sondern ein Gedanke, der sich unausweichlich in sie schob. Freya hob den Kopf. Der Raum schien näher gerückt, als würde er sich um sie schließen. „Gegen meinen Willen.“

Du bist der Schlüssel.

„Aber ich kann es nicht kontrollieren.“, flüsterte sie. Sie hatte vielleicht die Macht, ihm die Stirn zu bieten, doch weder konnte sie diese kontrollieren noch gegen ihn einsetzen Die Wahrheit darin tat mehr weh als jede Wunde. Allein der Gedanke, dass er sie verraten hatte und jagte, zerriss sie innerlich. Wie dumm war sie gewesen, ihm zu vertrauen und wie dumm war ihr Wunsch noch immer genau in dieses Leben zurückkehren zu wollen. Einen Atemzug lang war da nur das Echo ihrer eigenen Stimme, ehe eine bedeutsame Stille folgte. Ein Schweigen, in dem sie einzig und allein ihren Herzschlag hören konnte. Nein, vielleicht war sie verloren. So wie in der Vision, die sie mit Jeremias gehabt hatte. Vielleicht war sie zu schwach und ihr Scheitern vorherbestimmt.

Stärke ist kein Geschenk.

Die Kälte kehrte zurück. Nicht vollständig – aber sie wurde anders. Schwerer. Tragend. Wie ein Mantel, den man noch nicht gewohnt war. Doch er löschte das Feuer, das in ihren Adern brannte und ließ den Schmerz verblassen.

Stärke ist eine Entscheidung.

Langsam hob Freya den Kopf, doch da war niemand, der zu ihr sprach. Suchend blinzelte sie gegen die Sonne. Das Brennen war fort, und nur die laue Wärme der Sonne berührte sie zaghaft. Erneut senkte sie ihren Blick und schloss ihre Lider, darauf hoffend, dass sie in der Dunkelheit eine Antwort finden würde. Doch die Finsternis schwieg.

„Eine Entscheidung.“ Flüsterte sie leise. Was sollte es bedeuten. Wie in aller Welt sollte es ihr helfen? Doch blieb ihr weder Zeit, um auf eine Antwort zu warten, noch um sie selbst zu finden, als ein Knacken die Stille selbst erschütterte und Freya augenblicklich wie versteinert den Atem anhalten ließ. 
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Geboren aus dem Wissen einer dunklen Vergangenheit - verblasst mein altes Leben im Schatten einer neuen Zeit.
~ Einfach Freya ~

In den Momenten, in denen nichts mehr bleibt, sieht man die unsichtbaren Fäden, die uns wirklich halten.
Ein Name allein hat dabei keine Bedeutung. Er kann verblassen, wie Tinte auf einem Pergament - wie ein leeres Versprechen.
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Etoh
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#1755

Beitrag von Etoh »

Auf dem Weg von Lichthafen nach Sturmkante

Der Abend war weiter voran geschritten als es für Etoh üblich war um noch einen Blick in die Gemeindehalle zu werfen. Auslassen wollte er diesen Schritt dennoch nicht. Ruhig lagen die Räumlichkeiten im halbdunkel. Allein einer der Gardisten drehte seine nächtliche Runde. Ein paar Meter begleitet der Priester den Gardisten bei seinem Rundgang. Er kannte Ever schon sein ganze Leben, irgendwie schien an diesen Mann die Zeit stehen geblieben zu sein. Seinen junggebliebenen Augen entging nichts. Während sie die Straße vor dem Tempel querten, deutet der Gardist die Straße runter. „Drunten bei der Legion rührt sich was. Lang ists ruhig gewesen.“ Der Gardist war nie ein Mann der großen Worte, verstand der Priester jedoch genau was Ever ihm sagen wollte.
 
Es war wohl an der Zeit das Etoh sich auch wieder vermehrt um die Machenschaften der Legion kümmern musste. Zumindest war es nicht verkehrt auch ein Auge darauf zu haben. Wenn Etoh es genau Überblickte, war er auf der Seite der Kirche Artherks wohl der einzige der sich immer wieder auch in die Höhle dieses Löwen wagte. Er war sich nie zu fein dafür gewesen den offenen Konflikt, nein, nennen wir es die offenen Gespräche mit der Obrigkeit der Legion zu suchen. Die einen mochten Empfänglicher dafür gewesen sein, andere nicht so sehr. Es war immer eine Frage der Zeit und der Umstände.
 
Da die Stunde bereits vorangeschritten war, wählte der Priester das Pferd um nach Sturmkante zu gelangen. Ruhig ging das Pferd neben ihn durch die Straßen der Stadt bis zum Stadttor. Vorbei an den Mauern der Legion der Schatten. Etoh hatte nichts zu verbergen. Der Weg führte nun einmal an eben jenen Mauern vorbei. Da schadete es auch nicht noch einen schnellen Blick in den Hof zu werfen, ehe er seinen Weg fortsetzen würde. Was auch immer der Hauptmann gesehen hatte, die Schatten schienen wieder in ihrer nächtlichen Ruhe dazuliegen.
 
In der Nacht waren alle Katzen grau. So erkannte Etoh die Person die unweit vor ihn um eine Häuserecke bog nicht. Niemals hätte er damit gerechnet die tot geglaubte Priesterin bei Nacht und Nebel auf der Straße spazieren zu sehen. Hätte er nur den Hauch einer Ahnung, würde er seine eigene Mission noch einmal aufschieben. Doch der Fuchs hatte sehr geschickt um Etohs Aufmerksamkeit gesucht. Er musste Wissen was der Gauner wusste, was ihm selbst verborgen geblieben war.
 
Den Weg nach Sturmkante kannten Ross und Reiter. Es war eine täglich wiederkehrende Strecke um nach Hause zu kommen. Schon früh, in jungen Jahren, hatte der Priester sein Domizil dort aufgebaut. Er kannte die Stadt, mit all seinen Ecken und Kanten. Selbst die Diebesgilde war ihm ein Begriff, auch wenn sich in deren Reihen wohl kaum einer noch an ihn erinnern mochte. Einst kannte er selbst die Angebote vom Schattenmarkt. Bis er sich darauf besann einen lauteren Weg zu gehen. So richtig los gelassen hatet ihn seine Vergangenheit jedoch nie. Vielleicht war auch das der Grund warum es Etoh möglich war eher unorthodoxe Wege einzuschlagen.
 
Als Etoh das Stadttor erreicht, schiebt er sich die Kapuze in den Nacken, so das die Wache ihn erkennen konnte. Sie wechseln ein paar Worte, ehe der Priester seinen Weg Richtung Tempelanlagen fort setzt. Auch wenn der Junge sich in gewählten Worten ausgedrückt hatte, so hatte der Priester durchaus verstanden das es wohl ratsam wäre, mit den Priesterkollegen über die Spendeneinnahmen zu sprechen.
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Heiler zum Beruf - Priester aus Berufung
"Du weißt nicht, wie schwer die Last ist, die du nicht trägst"
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Boo
Landstreicher / Landstreicherin
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Registriert: Fr 7. Nov 2025, 03:29

#1756

Beitrag von Boo »

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In einem dicken Mantel gehüllt mit festen Stiefeln an den Füßen, drückt sich das knapp ein Meter große 4 jährige Mädchen gegen einen Baum. Sie beobachtet das Haus wie schon so oft. Sie war schon ein paar mal hier gewesen um mit Nymeria, die dort lebte, zu spielen. Für das Mädchen machte es keinen Unterschied ob es Tag oder Nacht war. Sie lebte nach ihren eigenen Rhythmus und wollte noch nicht so recht verstehen dass für andere andere Regeln galten. Wobei, wenn sie diese Nacht so beobachtete, wie viele Menschen zu dieser Stunde selbst noch auf der Straße waren, konnte ihr nächtlicher Ausflug nicht so falsch sein.
 
Dort schlich sich eine Frau aus dem Anwesen der Legion, kurz danach eine Wache ihr hinter her. Dann kam ein Mann mit einem Pferd vorbei. Keiner sah das kleine Mädchen.
Als wieder etwas ruhe einkehrte auf der Straße, flitzt sie so schnell ihre Füße sie tragen konnten auf die anderen Seite. Durch das Tor um die Ecke herum. Wie eine kleine Katze huscht das Mädchen von einem Baum zum anderen, bis sie das große Gebäude erreicht.
 
Sie schleicht sich um das Gebäude herum, bis sie unter dem richtigen Fenster stand. Wie von Geisterhand wurde das Mädchen in die Luft gehoben. Die Ranken der Äste an der Hauswand bogen sich etwas durch und knacken leise in der Nacht. Es war ihr unsichtbarer Freund, der mit dem Kind auf dem Arm die Ranken empor kletterte. 'ER' wusste genau welches Fenster das richtige war. Oben angekommen kniet sich Boo auf das Fensterbrett. Sie hält sich beide Hände vor das Gesicht um besser rein sehen zu können.
 
Dort auf dem viel zu großen Bett lag Nymeria alleine. Allein zurück gelassen von ihrer Mutter.
 
Sachte klopft Boo mit einem Finger gegen die Scheibe. „Nymeria, wach auf.“ flüstert das Mädchen leise vor dem Fenster. Dabei klopft sie immer wieder gegen die Scheibe.

„Tock-tock“
 
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Gesichtsloser Erzaehler
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#1757

Beitrag von Gesichtsloser Erzaehler »

Die Leiche schleppte sich vorwärts, durch eine Stadt, die, gleich, wohin der Blick fiel, frei von Leben war. Kein Laut, kein Atem, kein Zeichen von Bewegung. Mit seiner bleichen, aufgedunsenen Hand strich er über eine rissige Mauer, ließ die Finger in den Fugen ruhen und hielt sich für einen flüchtigen Moment daran fest. Etwas flackerte in ihm auf. Eine Erinnerung, kaum mehr als ein Nachhall. Er sah keine Gesichter, hörte keine Stimmen, nur das dumpfe Gefühl von Nähe, von Wärme. Ein Markt vielleicht. Farben. Seine Eltern.
 
Doch das Bild verschwand, noch ehe es Gestalt annehmen konnte, verschluckt von einem dichten Nebel, der alles Vergangene verhüllte. Die Beschwörung des Schöpfers hatte nicht das Leben des Jugendlichen zurückgebracht und auch nicht seine Vergangenheit. Sie hatte lediglich eine Hülle gefüllt, eine, die darauf ausgelegt war, einem Willen zu folgen und danach wieder zu zerfallen.

Sein milchiges Auge tastete die Umgebung ab, suchend, wachsam, während sich die Worte in seinem Inneren wiederholten. Immer wieder. Sie waren kein Gedanke, sondern ein Druck, der mit jeder Bewegung stärker wurde, ein Zerren an seinen Gliedern, ein Schmerz, der ihn vorantrieb. Bringt sie mir.

Getrieben von den Worten, hinkte er weiter. Aus der Kleidung, die nach Jahrzehnten im feuchten Grab nur noch aus Fetzen bestand, tropfte Wasser auf den steinernen Boden. Das Geräusch seiner Bewegungen, seiner Glieder und des Wassers war das einzige in der gesamten Stadt und verursachte nicht einmal ein Echo, das sich zwischen dem Stein der Häuser hin und her warf, sondern der Schall wurde einfach von dem Boden, den er betrat, verschluckt. 

Dann sah er sie.

Die offene Tür. Der reglose Körper zwischen dem drin und dem draußen. Das Mädchen.

Obwohl sein Blick trüb war und die Welt nur verschwommen zu ihm durch drang, verstand er augenblicklich, dass sie hier nicht hingehörte. Diese Stadt war tot, erstarrt wie eine unfertige Malerei, deren Schöpfer nie zu einer Vollendung gekommen war. Sie jedoch war anders. Nicht nur lebendig. Es mehr als das. Sie trug etwas in sich, das die Leere um sie herum auszufüllen schien.

Unkoordiniert taumelte der an unsichtbaren Fäden der Beschwörung gezogene Tote auf sie zu, bis er direkt vor ihr stehen blieb, reglos, wartend, als wartete er auf einen neuen Befehl, der ihm sagte, was zu tun war.
 
Ein dicker Tropfen brauner Brühe löste sich aus seiner leeren Augenhöhle, rann an den verfärbten Strähnen seines von Algen durchzogenen Haares herab und fiel direkt vor Freyas Füße. Mit seiner schwarz verrotteten Zunge fuhr er sich über die aufgedunsene Lippe, während er sie mit seinem verbliebenen Auge eingehend betrachtete.

Das Kind wirkte schutzlos. Allein. Und auf eine Weise, die er nicht benennen konnte, faszinierend. Es war lange her, dass er eine wie sie gesehen hatte. Eine, die lebte. Eine, die atmete. Eine, die echt war.

Doch er konnte nicht fragen und schon gar nicht begreifen, wie es möglich war, dass sie beide hier waren. Die Magie, die ihn aus seinem nassen Grab gerissen hatte, ließ keine eigenen Gedanken zu. Und auch kein Zögern. 

"Bringt sie mir."

Leise formte er die Worte und abgestandenes, faulig riechendes Wasser stieg dabei aus seinen Lungen auf und sickerte zähflüssig aus den Mundwinkeln. In einer ruckartigen, marionettenhaften Bewegung beugte er sich tief zu der auf dem Boden Liegenden hinunter. Sein rechter Arm schnellte vor, und seine Finger, die kalt und von einer glitschigen Schicht überzogen waren, schlossen sich um ihr Handgelenk. 

"Bringt sie mir."
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-Freya-
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#1758

Beitrag von -Freya- »

Das Knacken verklang unmittelbar, ohne ein Echo zu hinterlassen. Einzig in ihren Gedanken hallte es nach. Warnend – doch Freya hörte ihr Herz schlagen. Eine Entscheidung. Worte, die so einfach klingen mochten – doch war es wirklich so simpel? Freya spürte, wie ihr Körper einfach loslaufen wollte. Weg von dem Geräusch, das an diesem surrealen Ort ebenso falsch klang, doch wo würde sie überhaupt sicher sein? Wenn er so etwas wie ein Gott war, würde er sie überall finden können.

Ihr Atem wurde schnell und unruhig. Jeder Muskel zog sich fest zusammen, als würde er gleich reißen. Der Impuls, wegzulaufen, drängte so stark in ihr, dass ihr Körper zu zittern begann. Doch war es ihr Entschluss – welche Wahl hatte sie auch, wo sollte sie hin?

Selbst wenn es nur ein Traumgebilde war, eine Illusion der Gräfin, um ihren Geist zu brechen, dann war es unmittelbar in ihren Gedanken und würde ihr folgen, egal wohin sie auch ging.

Flatternd hoben sich ihre Lider, ehe Freya auf ihre Hände sah und sie langsam vor sich drehte, um sie von allen Seiten zu betrachten. Ihr Blick glitt über jede Linie, jede Falte der Haut. Das Brennen hatte sich so real angefühlt. Aber da war nichts. Nichts. Keine Blasen, keine verbrannten Stellen, nicht einmal eine leichte Rötung. Wie konnte das alles nur sein?

Ihre Finger zitterten, während sie die Hände spreizte und erneut prüfte, ob sie etwas übersehen hatte. Doch ihre Haut war glatt, unverletzt, als wäre nichts geschehen.

Ein harter Kloß bildete sich in ihrem Hals, als die Erkenntnis in sie sickerte. Wenn all das nur in ihrem Kopf existierte, wie sollte sie davor fliehen? Weiter kamen ihre Gedanken jedoch nicht, als plötzlich ein dicker Tropfen brauner Brühe vor ihre Füße fiel. Unmittelbar hielt sie in ihrer Bewegung inne. Erst jetzt fiel ihr der Schatten auf, der vor ihr stand. Eine Silhouette, die sich über sie gelegt hatte. 

Unsicher sah sie auf die tropfnassen Beine. Eine faserige Hose, unter der eine aufgedunsene, grünliche Haut durchschien. Wasser tropfte immer weiter hinab und sammelte sich zu einer bräunlichen Pfütze vor ihren Füßen, die nach Verwesung und Fäulnis roch.

Für einen Moment wusste Freya nicht, ob ihr Körper richtig reagierte oder ob etwas in ihr einfach nur durchdrehte. Bis eben hatte dieser Ort nichts gehabt. Keine Luft, die nach etwas schmeckte. Nichts, das einen Duft oder nur die Spur dessen trug. Weder von Staub noch von Holz noch von Erde. Alles war leer gewesen, glatt, still — wie ein Raum ohne Welt.

Umso heftiger traf sie der Geruch. Ein Gestank, der sich durch die Leere schnitt. Ihre Nase brannte, ihre Kehle zog sich zusammen, und ihr Magen reagierte sofort, als hätte etwas in ihr nur darauf gewartet, endlich wieder etwas wahrzunehmen. Es war, als würden ihre Sinne gleichzeitig aufwachen und überreagieren. Zu stark. Zu schnell.

Der Drang, wegzulaufen, zu fliehen, wuchs von einem Herzschlag auf den anderen zu einem immensen Impuls. Doch was würde es bringen? Es gab keinen Ausweg. Unbewusst formten ihre Hände sich zu kleinen Fäusten. Nein, wohin sollte sie gehen?

„Bringt sie mir …“ Auch wenn die Worte nur leise waren, konnte Freya sie hören. Ein einzelner Atemzug, ehe kalte glitschige Finger sich um ihr Handgelenk schlossen. Reflexartig zuckte ihr Körper zusammen und ein scharfer, panischer Atemzug riss durch ihre Brust. Es war keine Einbildung. Die Kälte seiner Haut brannte sich in sie, so real, dass ihr Magen sich verkrampfte, als sie begriff, dass er sie wirklich berührte.
Instinktiv sah Freya hinauf und blickte in das aufgeschwemmte Gesicht, das umgeben war von grün-gelblichen Strähnen oder Algen. „Lass mich los!“

Unter einem Zerren versuchte Freya ihren Arm loszureißen. Ihr Herz schlug so hart, dass es schmerzte und ein Zittern in ihren Gliedern entfachte, das sich langsam aber unkontrollierbar ausbreitete. Alles, was er ihr antwortete, war jedoch nur der eine Satz. Ein Mantra, das zähflüssig wie das faulige Wasser über seine Lippen kam. „Bringt sie mir …“

„Fass mich nicht an!“ Ruckartig riss Freya sich los und taumelte unter ihrer eigenen energischen Bewegung nach hinten, als ihr Handgelenk aus dem festen, aber glitschigen Griff hinausglitt. Langsam ging sie immer weiter rückwärts, ohne dass sich das Blau ihrer Augen von dem milchigen Blick löste, der sie fixiert hielt, als wäre sie das Zentrum seiner Existenz. Dass es in diesem Augenblick vielleicht so sein mochte und diese Leiche oder Kreatur nur aus einem Zweck heraus mit Leben gefüllt worden war, darüber dachte Freya jedoch nicht nach. Sie kämpfte gegen ihre Angst – eine Entscheidung.

Leicht zog sich ihr Kinn zurück, während sie ihren Kopf erst zur einen Seite wandte und dann zur anderen. Kein hastiges Schütteln, sondern langsame Bewegungen, unter denen Freya gegen den eigenen Fluchtgedanken ankämpfte, während das Blau ihrer Augen panisch schimmerte. Freya versuchte sich jedoch krampfhaft zu beherrschen.

„Zu wem sollst du mich bringen?“ Freyas Stimme zitterte unbewusst, doch sie zwang sich dazu, ihm in die Augen zu sehen. Sie wäre jedem, der ihr eine Hand entgegengestreckt hätte, gefolgt. Doch darum ging es demjenigen, der sie jagte, nicht. Oder? „Sag es mir. Hat er dir das angetan?“

Ein stilles, unmissverständliches Nein lag in ihrem Blick, das seinem Mantra Widerstand leistete, auch wenn der Glanz darin die Angst widerspiegelte. Eine Bitte, ein Befehl, mit dem sie sich zwang, die Kreatur anzusehen, die ihr mit schlurfenden Schritten folgte. Nein, sie wollte Antworten, während das Blau ihrer Augen fordernd glänzte. „Antworte mir!“

Der Schatten in der Tür baute sich weiter auf, doch wurde er zunehmend kleiner und blasser. Ohne es selbst wahrzunehmen, verdunkelte sich draußen der Himmel. Nicht, dass die Sonne selbst sich bewegte oder verschwand. Es waren Wolken, die sich langsam aus dem Nichts heraus formten und mit jedem Atemzug immer mehr zusammenzogen.

Ein schwindendes Licht, das auch die Silhouette des aufgedunsenen Untoten unschärfer werden ließ.  Dennoch, die Tropfen blieben. Eine braune, nasse Spur auf dem Stein und ein stetes Geräusch, das unheilvoll klang.
Es war neben ihrem eigenen Atem das Einzige, das existierte, bis sie mit dem Rücken gegen einen Tisch stieß und im nächsten Moment ein Stuhl krachend umfiel.

Erschrocken zuckte Freya geradewegs zusammen, während ihre Finger sich Halt suchend an die raue Platte klammerten. Die Wand im Rücken. Kein Ausweg. Nein. Sie spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog — ein inneres Aufbegehren, das sie nicht mehr ordnen konnte, als die Panik hochschoss und alles andere überrollte. Ihr Kopf begann sich zu bewegen, schneller, unruhiger, ohne dass sie es noch steuern konnte. „Ich werde nirgendwo mit dir hingehen.“

Was wollte die Kreatur von ihr? Leichen konnten nicht laufen, nicht sprechen, außer sie wurden von einer Magie kontrolliert. Was würde ihr Schöpfer mit ihr tun, wenn die Kreatur sie zu ihm brachte? Es war nur ein winziger Wimpernschlag, ein panisches Blinzeln — gerade lang genug, um das teuflische Lächeln der Gräfin. Und dahinter, wie ein zweites Gesicht, das eisige Zucken auf Naheniels Lippen. Blaue Augen, grüne Augen. Alle auf sie gerichtet und so real.

„Verschwinde!“ Ein einzelnes Wort, das wie ein entschiedener Befehl klang und zugleich pure Angst beinhaltete. Krampfhaft klammerten sich Freyas Finger in die Tischplatte, wobei sie die Fasern und Splitter unter ihren Fingern nicht länger wahrnahm, sondern einzig den Halt. Die Panik übermannte sie, als im selben Moment ein harter, trockener Knall den Raum erschütterte, der in den Ohren schmerzte und ein helles Licht sie blendete. Ein weißes, gleißendes Aufleuchten, das alles überstrahlte — Formen, Farben, sogar ihre eigenen Gedanken. Für einen Atemzug war die Welt nur Licht. Zu hell. Zu nah. Zu brutal.

Dann kam die Dunkelheit zurück, aber nicht als Erleichterung. Eher wie ein Nachbild, das sich über ihre Augen legte. Schwarze Flecken tanzten vor ihr, flirrten, verschoben sich, als würden sie sich weigern, wieder zu verschwinden.

Schlagartig wurde die Luft im Raum heiß, während ein scharfes Reißen durch das Gebälk des Dachstuhls sprang. Ein feiner Druck legte sich auf ihre Haut und raubte ihr den Atem, als hätte der Einschlag die Luft zusammengepresst. Einen Herzschlag lang fühlte sie sich, als würde der Boden unter ihren Füßen nachgeben. Doch ihr Körper reagierte schneller als ihr Verstand. Freya stand wie festgenagelt, die Muskeln angespannt, während ihr Körper noch immer versuchte zu begreifen, dass sie nicht getroffen worden war.
Freya blinzelte heftig. Einmal. Zweimal. Ihre Lider fühlten sich schwer an, als müsste sie sie durch zähen Nebel bewegen. Tränen traten ihr in die Augen, nicht aus Schmerz, sondern weil ihr Körper versuchte, das grelle Nachleuchten auszuspülen und in dem aufgewirbelten Staub und dichter werdenden Rauch die untote Kreatur zu finden. 

Erst kam ein fahles Grau zurück, dann verschwommene Umrisse, die sich wie Schatten bewegten. Alles wirkte verzerrt, als würde die Welt noch überlegen, ob sie sich ihr wieder zeigen wollte. Freya kniff die Augen zusammen, zwang sich zu atmen, zwang sich, nicht in Panik zu verfallen.

Dumpf und rollend, wie ein schwerer Stein, der durch die Balken polterte, verklang das Krachen ohne ein Echo, als sie eine Bewegung der Kreatur schemenhaft erkennen konnte. Offenbar war sie ebenfalls von dem Druck erfasst worden. Benommen hielt die lebendige Leiche sich am Türstock und der Mauer fest, um sich scheinbar auf den Beinen halten zu können. Über dem Untoten knackte jedoch das Holz weiter. Einzelne Splitter lösten sich, fielen zu Boden.

Ohne weiter nachzudenken, stieß Freya sich von dem Tisch ab, um loszulaufen. Kaum hatte sie den Türrahmen erreicht, spürte sie, wie die kalten toten Finger erneut ihren Arm streiften. Es war nur noch ein Impuls, unter dem das Mädchen mit aller Kraft dagegenhielt und ihren Arm befreite. Freya spürte das reißende Gefühl von Stoff, als der Ärmel von dem Hemd abriss, in den sich die grünlichen Klauen gekrallt hatten. Einen Arm, dessen kaltes Fleisch sie von sich stieß, um an ihm vorbei ins Freie zu gelangen, nachdem der Instinkt ihre Gedanken übernommen hatte.

Alles war dunkel. Keine Sonne, nur ein düsteres, bedrohliches Grau, das sich immer weiter unheilvoll aufbaute und dunkler wurde, als würde es das Licht verschlingen. Jedes Licht, bis auf die Flammen, die aus der Decke der Taverne schlugen. Eine Wärme, die Freya spüren konnte, als sie die Straße hinunterlief, ohne ein Ziel vor Augen zu haben oder sich auch nur einmal umzudrehen. Es war nicht zu leugnen, dass sich etwas veränderte …

Das Feuer erhob sich immer weiter und breitete sich aus. Flammen, die wüteten und die wachsende Dunkelheit nicht nur erhellten, sondern die Schatten mit Leben erfüllten. Jeder Funken, der aus dem Dachstuhl stob, ließ sie kurz aufflackern, als würden sie atmen. Auch Freyas Silhouette tanzte in dem zerstörerischen Schein. Doch alles, was sie sah, war nur verschwommen. Ihre Augen brannten von dem Rauch, während Freya orientierungslos durch die leeren Straßen rannte. Immer weiter.

Nicht, weil sie glaubte, entkommen zu können. Nicht, weil sie wusste, wohin. Sondern weil etwas in ihr sich weigerte, sich brechen zu lassen.
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Geboren aus dem Wissen einer dunklen Vergangenheit - verblasst mein altes Leben im Schatten einer neuen Zeit.
~ Einfach Freya ~

In den Momenten, in denen nichts mehr bleibt, sieht man die unsichtbaren Fäden, die uns wirklich halten.
Ein Name allein hat dabei keine Bedeutung. Er kann verblassen, wie Tinte auf einem Pergament - wie ein leeres Versprechen.
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Naheniel
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#1759

Beitrag von Naheniel »

Als die kalten Finger der Leiche Freyas Haut berührten, kroch ein eisiges Frösteln Naheniels Unterarme hinauf und ließ die feinen Härchen aufstellen. Das tiefe Blau seiner Augen flammte für den Bruchteil einer Sekunde hell auf, bevor sich  eine tintenschwarze Dunkelheit über seine Iris legte.
„Hab ich Dich."
Flüsterte er und ein kaltes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Langsam glitt sein Blick nach unten auf den von Eis bedeckten Boden, wo das Licht, welches sich immer noch einen Kampf mit der Dunkelheit am Himmel ausfocht, den Umriss seines Rosses zeichnete.
Naheniels eigener Schatten war nach wie vor nicht bei ihm, da er dort geblieben war, wo Rosalind sich aufhielt, um sie still und unbemerkt zu bewachen. Sie war eine weitere von Adrians Schlüsselfiguren, die Naheniel im richtigen Moment eigenhändig vom Spielbrett stoßen würde. 


„Mein treuer Freund," murmelte er und tätschelte den Hals seines Pferdes, dessen Nüstern beunruhigt bebten. „Ich muss dich vorerst zurücklassen. Aber dein Schatten … er wird mir weiterhin dienen.“
Naheniel hob die Hand. Mit einer eleganten, fast zärtlichen Kreisbewegung schien er die Schwärze auf dem Boden berührungslos zu streicheln. Er spürte die Textur der Dunkelheit, wie sie auf ihn reagierte und schenkte ihr einen sachten Blick. Dann jedoch schlug seine Sanftheit in brutale Härte um und er ballte die Finger zur Faust und riss den Arm mit einem heftigen Ruck nach oben.

Ein lautloses Reißen schien durch die Luft zu gehen und dem Tier wurde im gleichen Atemzug seine Silhouette entrissen. Ohne noch länger an die Form des Pferdes gebunden zu sein, bäumte sich der Schemen wie eine schwarze Welle auf, verlor seine Konturen und ergoss sich als dicker, öliger Nebel über den Boden.
Jetzt, da Naheniel wusste, wo er suchen musste, war es nicht mehr nötig, seine letzten Kraftreserven aufzusparen. Freya war zum Greifen nah, weshalb er alles daran setzen musste, sie zu erreichen. Von nun an würde es nicht mehr lange dauern, bis er zur Ruhe kommen konnte, um sich zu regenerieren. Alles was im Moment zählte, war, schnell zu sein und diese Chance nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. 


Ohne deshalb noch länger zu warten, ließ er sich vom Rücken seines Pferdes aus fallen. Hinein in die wallende Schwärze, die das Licht um ihn herum aufzusaugen begann. Für einige Augenblicke wurde die Welt um ihn herum zu einem Tunnel aus grauen Schlieren, durch den er mühelos glitt, bis die Dunkelheit vor ihm wieder aufriss und die unvollendete Stadt Lichthafen vor ihm preisgab. Die Atmosphäre der Leere schlug ihm entgegen und brachte die Erinnerung zurück, als er begann, sie zu erschaffen.
Es war eigentlich nur ein Versuch, ein Austesten seiner Möglichkeiten, gewesen, als er noch ein Junge war und einen Ort suchte, in den er flüchten konnte.
Jenen wenigen, denen er zuerst davon erzählte, lachten ihn aus, dachten, es entspränge alles nur seiner kindlichen Fantasie. Doch nichts von seiner Welt war erfunden.

Lichthafen hatte er, wie einige andere Landstriche, nie vollendet, was er nun mit einem kritischen Heben seiner Braue quittierte. Er hatte die Stadt irgendwann nicht mehr als Ort der Flucht gebraucht, weshalb sie leer und fehlerhaft geblieben war.
Wie viele Jahre wohl vergangen waren, seitdem er sie zuletzt betrat? Naheniel konnte sich nicht erinnern. Es war auch nicht weiter wichtig, denn seine Aufmerksamkeit galt bereits den Flammen und dem dichten, dunklen Rauch, der sich aus einem der Gebäude nach oben wand. 


Mit einer arroganten Gelassenheit schritt Naheniel von dort, wo er aus dem Schatten getreten war, durch eine der Hauptstraßen Lichthafens. Jetzt verspürte er keine Eile mehr, denn das Kind war für ihn zum Greifen nah und gleich was sie tat, aus der Stadt würde sie nicht entkommen.
Hier gab es keine Wege mehr nach draußen, denn rundherum herrschte nur das Nichts, das ihr kein Weiterkommen und erneute Flucht ermöglichen würde. Dass er die Stadt einst unvollendet zurückgelassen hatte, wurde nun zu seinem Vorteil. 


Er ging immer noch in Richtung der Tavene, als ein vibrierendes Gefühl in der Luft ihn innehalten ließ. Es war nicht der Hauch eines Windes oder ein weiteres Zittern und Beben der Erde, wie es bei den Vulkanen geschehen war. Vielmehr war es der Nachhall einer Macht, die so rein und unverbraucht war, dass es einem fast den Atem rauben konnte. Ein langsames, gefährliches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Freya. 

Sie entfaltete die Macht des Schlüssel. 
Statt Beunruhigung empfand Naheniel in diesem Moment eine tiefe, fast berauschende Genugtuung. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es so früh geschehen würde, schließlich war ihr Blut noch nicht geflossen. Aber anscheinend setzte sie immer mehr ihrer Macht unter dem Druck der Angst frei, was ihm durchaus für seine weiteren Zwecke zu Gute kam. Zumindest jetzt, da sie nicht mehr fliehen konnte. 

Als Naheniel die Taverne erreichte, bot sich ihm ein Bild der Zerstörung, das ihn jedoch weder überrascht noch erschütterte. Flammen fraßen sich gierig durch das Gebälk und so brannte das Gebäude lichterloh. Inmitten des Türrahmens, aus dem dichter beißender Qualm quoll, stand die Leiche. Sie war von gesplitterten Holzbalken regelrecht aufgespießt worden und schwarz von Ruß. 
"Möchtest Du erneut durch meine Hand sterben?"
Mit Geringschätzung ließ Naheniel seinen Blick über den Toten fahren, der nach seiner Meinung mehr als gerechtfertigt den Tod gefunden hatte. Die Leiche antwortete nicht, sondern starrte ihn nur aus seinem milchigen Auge an, während aus dem anderen weitere braune Wassertropfen hervortraten, über das aufgequollene Gesicht ronnen und unterhalb seines Kinns zu Boden fielen. "Vielleicht ein andermal." Ein flüchtiges, beinahe amüsiertes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er verspürte keinerlei Regung des Mitleids. Genau wie damals, als er dem Jungen das Leben nahm. 
 
Mit einer fließenden Bewegung wandte er dem Toten gleich darauf den Rücken zu und sah sich um. In beide Richtungen dehnten sich die Häuserreihen aus, die mal mehr, mal weniger von den Fehlern der Unvollkommenheit geprägt waren. 
 
Geduldig ließ er die Umgebung auf sich wirken, während er mit den Fingern seiner rechten Hand einen lautlosen Rhythmus gegen die Fingerkuppe seines Daumens schlug.
"Lauf nur, Freya." Seine Stimme war ein leises, raues Flüstern, das sich kaum gegen das laute Knistern des Feuers und den brechenden Balken des Dachstuhls hinter ihm abhob. "Je mehr Du Dich wehrst, desto heller brennt Dein Licht. Und desto leichter wird es für mich, Dich zu finden."
Mit wehendem Mantel setzte er sich in Bewegung und bog in eine schmale Gasse ein, in der die Schatten bereits gierig nach den Resten des Feuerscheins griffen. 
 


 
Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst.
Bist es immer noch Du? Oder bin es nun ich?


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Spürst Du den Hunger nach der Dunkelheit, schreit er bereits in Dir? 
Sag, mache ich Dir Angst oder fühlst Du Dich erst lebendig wegen mir?
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Der Fuchs
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#1760

Beitrag von Der Fuchs »

Kadir bog zunächst in die Gasse der Weber ein, wo der Geruch von feuchter Wolle und Färbemittel schwer in der Luft hing. Es brauchte nur ein kurzes, zweifaches Schnalzen mit seiner Zunge und aus dem Schatten der Häuser löste sich eine Gestalt, mit der Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ohne anzuhalten setzte der Fuchs seinen Gang fort und hielt seinen Blick aufmerksam nach vorn gerichtet. "Das Handelsschiff mit Waren für die Weber und Schneider wurde von Piraten überfallen, wie es heißt." Flüsterte die Gestalt nachdenklich, während sie mühelos mit dem Schritt Kadirs mithielt.

Jener hielt nun inne und sah seinen Begleiter an.
"Piraten? In den Gewässern Altheas? Hm." Er rieb sich über das Kinn und ging weiter. "Ungewöhnlich. Hohl dir Duan, Maril, Taran und Niall und beobachtet die Hehler an den hiesigen Häfen. Lasst mich wissen, wenn die Waren dort auftauchen. Piraten lechzen nach Gold und können nur wenig mit Handelsgütern anfangen." Ein kurzes Nicken und die Gestalt verschwand so lautlos, wie sie erschienen war. 


Kadirs Weg führte ihn weiter zu einer kleinen Spelunke in eine der verruchten Gassen, die weitaus weniger gemütlich und einladend war, als die Taverne zuvor. Hier trafen sich jene, die nicht mehr viel zu verlieren hatten und zu häufig alles riskiert hatten. Der Fuchs trat nicht ein, sondern klopfte in einem spezifischen Takt gegen das verrammelte Fenster des Hinterhofs. Ein kleiner Schieber öffnete sich und ein blutunterlaufenes Auge starrte heraus. "Aaaaah, der Fuchs." Krächzte eine von billigem Alkohol geschwängerte Stimme und verschwand für wenige Minuten.

Als er wieder auftauchte, reichte er einen klimpernden Beutel durch den Schlitz. Prüfend wog Kadir diesen in seiner Hand.
"Sag deinem Herrn, er soll nicht so viel von dem billigen Fusel saufen, den er auf die Inseln schmuggelt, dann würde auch das Gold in meinem Beutel richtig gezählt sein." Er wartete kurz, bevor er den Beutel in seinem Mantel verschwinden ließ.
"Die Patrouillen am Nordtor von Silberstreif werden morgen Nacht… unaufmerksam sein. Aber nur zwischen dem dritten und vierten Glockenschlag." Ohne eine weitere Erklärung abzugeben, drehte er sich um und ging weiter, vorbei auch an seinem Haus, in dem der Zungenlose noch immer gefangen war. Was für eine Schande, dass der Schlüssel, den er an das Blümchen verliehen hatte, nie zum Einsatz gekommen war und die Schulden, die an ihn zu begleichen waren, von Tag zu Tag mehr wurden.


Sein Weg führte ihn noch an einem kleinen Schrein für die namenlosen Toten vorbei, der etwas abseits im Schatten des großen Tempels lag. Es war ein fast vergessenes Eckchen, das hinter einigen Bäumen und kniehohen Gewächsen verborgen lag. Kadir blieb davor stehen, sah sich kurz um, ob er allein war und zog dann ein getrocknetes Bündel Kräuter aus einem Lederbeutel, der an seinem Gürtel befestigt war. Er zündete es nicht an, da das zu viel Aufmerksamkeit erregen würde, sondern legte es einfach nur auf den Stein und gab sich einige Momente der Ruhe. Kein Gebet, sondern eine Geste des Respekts an jene, die wie er im Verborgenen gelebt hatten, ihre Namen und ihr vorheriges Leben zurück ließen und nun ohne Stein und Vergangenheit hier ruhten. 

Schließlich erreichte er den Tempel Artherks, legte seine Hand auf den schweren Ring des massiven Holzes der heiligen Pforte und drückte diese unter einem lauten Knarren auf. Kadir trat ein und ließ zunächst seinen Blick wachsam schweifen, bevor er sich nach rechts wendete, wo an eine der massiven Säulen ein aus Eisen geschlagener Opferstock mit dicken Ketten befestigt war, der im schwachen Licht der hohen, weißen Kerzen glänzte. Er war kein gläubiger Mann, doch er besaß genug Verstand, um die Mächte zu respektieren, die über das Leben wachten. Aus seiner Tasche holte er ein Goldstück, selbstverständlich nicht jenes, das er von Landru erhalten hatte, und ließ es in den schmalen Schlitz gleiten. Als das metallische Geräusch der fallenden Münze verklungen war, schob er seine Kapuze zurück, lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Säule und wartete ab. Wozu sich in irgendeiner Form verstecken oder verbergen, schließlich wollte er gefunden werden.

 
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#1761

Beitrag von Gesichtsloser Erzaehler »

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Norbert
  
  
Nachdem Asja den Gast zu den Gästezimmern begleitet hatte, hatte Norbert sein Soll für den Tag erfüllt. Irgendwann musste auch ein Mann Feierabend haben. Allerdings hatten die Umstände ihn nicht in sein wohliges Heim zu seiner Frau und seinen zwei Kindern geführt. Etwas ging hier vor sich. Nichts Gutes, so viel war ihm klar, ebenso, dass die Herrschaften nicht alles nach außen dringen ließen, was passierte. Doch das wenige reichte aus, um Lord var Aesir durchaus recht zu geben, dass es kein Ort für ein kleines Mädchen wie Nymeria war. Nachdem er jedoch das Blut in der Halle gesehen hatte, gab es daran kaum einen Zweifel. 

Was war er froh, ein einfacher Mann zu sein! Uninteressant für all die machtbesessenen Menschen und Kreaturen. Er hatte ein Leben. Eines, das mehr wert war, als jedes Gold der Welt. 
Norbert war zu den Stallungen gegangen. Der Ort, wo die Wachen sich heimlich trafen, um ein paar Würfel zu werfen und sich bei einem Becher Met zu wärmen. Zu einem Becher guten Mets sagte auch er nicht nein. Außerdem konnte er so in Erfahrung bringen, was tatsächlich in der Halle geschehen war. 

Der Geruch von Heu, Leder und Pferden hing schwer in der Luft, als Norbert sich auf einen umgedrehten Eimer setzte und seinen Becher Met zwischen den Händen wärmte. Die Stallungen waren an diesem Abend voller Leben – nicht wegen der Tiere, sondern wegen der Soldaten, die sich hierher zurückgezogen hatten, um beim Würfeln und Trinken dem frostigen Wind zu entkommen. Das Klacken der Würfel auf Holz mischte sich mit gedämpftem Gelächter, dem Schnauben der Pferde und dem gelegentlichen Scheppern eines Bechers.

Norbert ließ sich zwischen zwei der Männer nieder, die Würfel klackerten bereits über das alte Fass, das ihnen als Tisch diente. Der Met wärmte seine Kehle, und obwohl er sich zurückhalten wollte, griff er schließlich selbst nach den Würfeln. Ein paar Runden mitzuspielen war die beste Tarnung, um ungestört zuzuhören.

„Na los, Norbert“, lachte einer der Soldaten, „zeig uns, ob du mehr Glück hast als Verstand.“

„In dem Fall könnte ich dir gleich den Einsatz reichen, oder?“ Er grinste nur und rieb sich über das bärtige Kinn, bevor er mit der anderen Hand die Würfel griff und warf. Zwei Fünfen. Ein Raunen ging durch die Runde, und jemand schob ihm einen vollen Becher Met zu.

Während die Männer ihre Einsätze erhöhten, drifteten ihre Stimmen wieder zu den Ereignissen des Tages ab.

„Der Schatten hat das Schwert gezogen und ihn einfach angestochen. Ganz ehrlich, ich habe vieles gesehen, aber sowas? Wie soll man gegen so etwas kämpfen? Ogrimar sei seiner Seele gnädig“, murmelte einer, ohne den Blick vom Fass zu heben.

Norbert tat, als würde er seine Würfel sortieren, doch seine Ohren waren hellwach.

„Erinnert ihr euch daran, dass er vor Freyas Verschwinden oft in ihrer Nähe war? Die kleine Adeptin hat diesen Naheniel förmlich angehimmelt, bevor sie verschwand.“ 

„Ich sage euch, er will die Kirche stürzen. So einer hat keine Hemmungen. Und dann diese Drohung dem General gegenüber. Hat jemand von euch geahnt, dass das Mädchen seine Tochter ist?“

„An seiner Stelle hätte ich diesen Naheniel dafür ausbluten lassen“
, knurrte der Mann neben Norbert und würfelte so hart, dass die Pferde im hinteren Teil der Stallung unruhig schnaubten.

„Das hätte jeder von uns. Aber er hatte die Lady Liadan als Geisel.“

„Oh ja“, sagte ein anderer, während seine Augen sich im schummrigen Licht unheilvoll weiteten, „sie war übel zugerichtet.“

Norbert verzog keine Miene, doch sein Griff um den Becher wurde fester. Er hatte Liadan gesehen. Und er wusste, dass die Soldaten nicht übertrieben.
„Der Erwin hat dann den General geholt“, fuhr der Mann fort, „und dann wurde es düster. Nicht nur die Stimmung.“

Norbert warf erneut, während er einfach nur schweigend lauschte. Eine Sechs und eine Drei. Gut genug, um im Spiel zu bleiben. Er nickte beiläufig, als hätte er jedoch nur halb zugehört.

„Kannst du dir vorstellen“, sagte einer leiser, „dieser Naheniel ist der Bruder der Priesterin. Und er hat ihren Tod gefordert. Das ist doch Ketzerei.“

„Ich sag doch, er plant etwas. Aber anscheinend hat der General in die Suppe gespuckt und sie war nicht so tot, wie er es sich erhofft hatte.“

„Weiß man es? Tot war sie. Ich habe an ihrer Kammer einmal Wache gehalten. Nein, ich sag‘ euch, diese Fingerfuchtler können einiges. Und wenn man bedenkt, dass Priester den Göttern am nächsten stehen …  vielleicht hat Ogrimar selbst seine Finger im Spiel gehabt.“

„Meinst du wirklich?“

„Tot ist sie jedenfalls nicht mehr. Ich habe sie gesehen. Ich shwöre es euch.“, sagte der Mann mit einem Schauder. „Sie trug zwar ihr Leichengewand, aber sie war sehr lebendig.“

Norbert ließ die Würfel in seiner Hand kreisen, als wären sie das Einzige, worauf er sich konzentrierte. Doch innerlich arbeitete es weiter in ihm. Die Gerüchte, die Andeutungen, die Angst der Soldaten – alles ergab ein Bild, das ihm ganz und gar nicht gefiel.

Magie konnte vieles erklären, und dass der General seinen Teil davon meisterhaft beherrschte, wusste er seit Nymerias Geburt. Oder vielmehr: ihrer Wiedergeburt. 

Norbert nahm die Würfel und warf. Zwei Einsen. Die Männer jubelten, woraufhin er seinen Beutel Gold rüberschob und gequält lächelte und mit den Schultern zuckte. „Wie sagt man so schön? Pech im Spiel, Glück in der Liebe.“

Einen Teil seines Lohns hatte er verloren, aber es war sowohl kalkuliert als auch nicht umsonst gewesen. „Das war's für mich.“ 

Er stützte seine Hände auf die Knie, während er sich gemächlich von dem Eimer erhob. „Jetzt schon? Komm eine Runde noch.“

„Du hast schon mein Gold, also gönne mir wenigstens das Glück in meinem Bett.“ Sein Blick wanderte kurz über die Gesichter der jungen Soldaten, ehe er sich mit einem Zwinkern von ihnen verabschiedete. Eine Geste, deren Leichtigkeit jedoch aufgelegt war. „Lasst euch die Nacht nicht zu lang werden und passt auf eure Schatten auf.“

Der Hof des großen Anwesens lag still da. Nur schwach beleuchtet von ein paar flackernden Fackeln, die an den hohen Mauern hingen, sowie einigen Feuerkörben, die wiederum den patrouillierenden Nachtwachen auch als Wärmequelle dienten.  

Immerhin war es kalt geworden. Der Boden war mit einer dünnen, knirschenden Schicht Raureif überzogen, der im Mondlicht glitzerte. Die Bäume warfen im Mondlicht lange, knorrige Schatten, und irgendwo in der Ferne raschelte ein Nachtvogel im Geäst. 

Es roch nach feuchter Erde, ein bisschen nach Pferdemist aus dem entfernten Stall und nach dem Rauch der erloschenen Kamine, der noch in der Luft hing.
Mitten über diesen Hof, der fast schlafend erschien, schlenderte Norbert. 

Selbstverständlich wusste er, dass die Soldaten übertrieben, Gerüchte ausschmückten, Dinge hinzudichteten. Aber er wusste auch, dass in jedem Gerücht ein Körnchen Wahrheit steckte und so manches Korn wog schwerer als ein anderes. Er selbst hatte Liadan nur kurz gesehen. Es war ein erbärmlicher Zustand, in dem sie gewesen war – ein deutliches Zeichen dafür, welch skrupelloses Wesen sich hinter dem Mann an Syndras Seite verbarg. Und je mehr er darüber nachdachte, desto berechtigter erschien ihm seine Sorge um ihr Verschwinden. 

Wärmend rieb er sich die Hände, als er auf das Hauptgebäude blickte. Es war fast zu friedlich, wenn man überlegte, was vorgefallen war. Leise knirschte der Kies unter seinen Stiefeln.
Gerade als er um die Ecke des Hauptgebäudes bog, blieb er stehen.

Da war doch …  ein Geräusch gewesen. Ein ganz leises Tock-tock-tock, wie wenn ein Specht betrunken an einer Scheibe pickt.
Norbert kniff die Augen zusammen und näherte sich langsam den Bäumen, die Teile der Fassade in einen Schatten hüllten. 

Und dann sah er sie die kleine Silhouette.

Auf dem Fensterbrett im ersten Stock, kaum größer als ein Sack Kartoffeln, hockte ein kleiner Schatten. Ein Kind in einem viel zu großen Mantel. Die Stiefelchen baumelten in der Luft und die winzigen Hände waren scheinbar gegen die Scheibe gepresst. War das Nymeria? 

Seine Augen weiteten sich bei dem Verdacht, dass das Mädchen mitten in der Nacht heimlich aus dem Fenster geklettert war. Sicherlich - Kinder machten Blödinn, testeten ihre Grenzen aus, brachen sich hin und wieder einen Arm oder büxten auch mal heimlich nachts aus. War er auch in jungen Jahren.

Unter anderen Umständen hätte er vielleicht sogar auch weggesehen oder hätte sie einfach machen lassen, um ihr zu folgen un zu sehen, was sie vorhatte, aber nach all dem, was in letzter Zeit und insbesondere in den letzten Stunden geschehen war, konnte er kein einziges Auge zu kneifen. Bei allen Göttern und Nicht-Göttern. Noch mehr Dramen brauchten sie gerade wirklich nicht. Erst recht nicht, dass nun auch noch Nymeria verloren ging. Ein Risiko, das er nicht eingehen wollte.

Norbert blinzelte. Einmal, zweimal, während er sich kurz umsah, ob irgendwo eine Leiter oder ein Fass war. Immerhin, wenn er das Kind anherrschte, konnte es sich erschrecken und wenn es sich erschreckte, verlor es vielleicht den Halt und fiel geradewegs vom ersten Stock aus hinunter und brach sich womöglich die Knochen. Nein, das konnte er nicht riskieren.

Weiter suchend streiften Norberts Augen umher, aber weder stand irgendwo eine Kiste noch ein Fass, auf das er klettern konnte, um eventuell an das Kind heranzukommen. Es war nichts außer dem Baum, der sich am Rande des Fensters erhob und die Äste würden sein Gewicht gewiss nicht tragen.  Wie kriegte er also das Kind darunter und was machte es da überhaupt mitten in der Nacht? 

Seufzend sah er mit gekrauster Stirn hinauf und machte einen lautlosen Schritt in die Richtung. Ganz nah stellte er sich an die Hauswand, beinahe direkt unter das Fensterbrett, bevor er leise pfiff. Nicht zu laut, um einen Aufruhr zu provozieren, aber auch nicht zu leise, sodass das Kind ihn durchaus hören sollte. „Hey du kleiner Nachtkobold, was machst du da?“
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Etoh
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#1762

Beitrag von Etoh »

So wie die Stadt selbst, schlief auch der Tempel zu Sturmkante nie. Irgendwer war hier immer unterwegs. Immerhin wurden von hier aus die Truppen koordiniert um dem Übel auf den Straßen zumindest ein wenig entgegen treten zu können. Erzbischof Jurnistakr Kira hatte es sich persönlich auf die Fahne geschrieben gegen die Horden der Goblin vorzugehen und gegen sie anzukämpfen. So war im Tempel zu Sturmkante auch ein ständiges kommen und gehen. Die einen holten sich ihren Segen ab um gestärkt in die Schlacht ziehen zu können, andere kamen um sich ihre Wunden versorgen zu lassen.
 
Etoh war kurz vor dem Fuchs im Tempel angekommen. Er hatte seinen Reisemantel noch nicht abgelegt gehabt. Im Seitenschiff sprach er kurz mit Malaar über die seltsame Drohung die ihm Flynt hat ausrichten lassen. Malaar versicherte den reisenden Priesterkollegen jedoch dass die Kirchengelder bisher noch immer sicher den Ort ihrer Bestimmung erreicht hätten.
 
Aus dem Augenwinkel konnte Etoh den Mann mit den roten Haaren und dem markanten Gesicht wahr nehmen. Etoh erkannte ihn sofort. Ein Mann wie er wusste um seine Macht und um seinen Wert. Männer wie ihn gab es schon immer. In seiner Jugend gab es andere wie ihn, andere Namen, andere Gesichter. Doch das Geschäft blieb immer das gleiche. Es wurde mit allem gehandelt. Mit Waren, Informationen und mitunter mit Menschen oder anderen Wesen. Alles hatte auf die eine oder andere Art seinen Wert.
Mit ruhigen Schritten geht der Priester vom Seitenschiff zu dem Mann an der Säule herüber. Schräg hinter dem Fuchs bleibt er in seinem Rücken stehen.
„Ihr werdet doch sicherlich mehr wie ein Goldstück für die heiligen Hallen hier übrig haben?“ spricht er ihn mit leicht herausfordernder Stimme an. Um dem Mann vor ihm ein Bild davon zu geben das er genau wusste mit welchen Schlag von Menschen er es zu tun hatte, schlägt er ihn sogleich im geschäftlichen Ton noch einen weiteren Handel vor. „Ich kann euch aber auch gerne einen Ablassbrief zur Vergebung eurer Sünden ausstellen und ein gutes Wort beim Allmächtigen für euch einlegen.“ Der Geschäftsmann würde mit sicherheit sofort verstehen mit was für eine Art von Priester und Mensch er es hier zu tun hatte. Gegen einen angemessenen Obolus wurden manche Dinge dann auch einfach übersehen. 
 
Etoh wartete bis der Fuchs sich zu ihm umdrehte. Mit neutraler Freundlichkeit sah ihn der Priester, mit langen weißen Haaren und gestutzten weißen 5 Tage Bart, an. Leicht nickt er seinen Gegenüber noch einmal zum Gruß zu, ehe er eine Geste mit der Hand in Richtung Kirchenportal einladend andeute. „Ich habe eure Nachricht erhalten. Gehen wir ein paar Schritte? Ihr werdet doch hoffentlich keine Scheu davor haben dass man euch mit einem Priester auf der Straße unterhalten sieht?“
 
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Boo
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#1763

Beitrag von Boo »

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Vergeblich klopfte das Mädchen noch einmal an die Scheibe und drückte ihre Nase an selbiger platt. Mit den Händen formte sie weiter einen Tunnel vor ihren Augen um besser in das Innere sehen zu können. Ihre Freundin schien fest zu schlafen und hörte sie nicht. Dafür hörte Boo nun eine Stimme hinter sich von unten herauf rufen. Sie drehte sich mit dem Oberkörper zur Seite. Mit den Händen auf das Fensterbrett gestützt, schiebt sie ihren Kopf über den Fenstersims um nach unten zu sehen, wer sie dort ansprach. Die Akrobatik die sie dort vollführte sah gefährlich nahe an einem Absturz aus. „Ich bin kein Kobold“ widerspricht sie dem Mann unter sich.
Wie dieser sie dort oben hat entdecken können war dem Kind ein Rätsel. Missmutig sah sie zu dem Mann unter sich. Was sollte sie nun machen? Vielleicht war Angriff die beste Verteidigung. „Was machst du Nachtgieger da? Pass auf dass dich keine Wache erwischt wie du um das Haus schleichst!“ Genau, Angriff ist die beste Verteidigung. Soll sich doch erst einmal der Mann selber an die Nase fassen.
 
Noch während das Mädchen den Mann unter sich beäugt geht sie ihre Optionen durch die sie nun hatte.
Wo war 'ER' eigentlich hin verschwunden? Hatte 'ER' nicht gesagt 'ER' würde auf sie aufpassen?
Tapsig wie 4 jährige nun waren, dreht sich das Kind auf dem Fensterbrett bis es sich setzen konnte. Wieder schien ihre Akrobatik nahe eines Absturzes. Die Füße ließ sie nun herunter baumeln. Noch schien ihr der Platz auf dem Fensterbrett im 1. Stock der sicherere Ort zu sein. Angst hatte sie vor der Höhe keine.
Im Baum gegenüber konnte sie 'ER' in der Baumkrone zum Sprung bereit sitzen sehen. Eine falsche Bewegung von Norbert und er würde das Zeitliche segnen. Selig mochten jene sein die sich der Gefahr nicht bewusst waren in der sie sich befanden. 

'ER' war ihr großer dämonische Freund, den nur das Mädchen sehen konnte. Eines Tages vor noch nicht all zu langer Zeit kam 'ER' das erste mal zu ihr. Das war der Tag an dem Boo verstanden hatte das ihre Mutter sie aus der Kinderbetreuung nicht mehr abholen würde. 'ER' versprach ihr von nun an auf sie aufzupassen. Seinen Namen hatte 'ER' Boo noch nicht genannt, weshalb das Mädchen dazu übergegangen war ihn einfach nur 'ER' zu nennen. 'ER' erklärt ihr die Welt und zeigt ihr wie sie ihre Magie die sie in sich trug bündeln und einsetzen konnte. Darum war sie an diesen Abend auch zu dem Haus gekommen. Sie wollte ihrer neuen Freundin Nymeria zeigen was sie gelernt hatte. Das die Abend oder Nachtstunden dafür nicht die beste Zeit wären hatte 'ER' ihr jedoch nicht gesagt. 'ER' ließ sie ihre Welt selbst entdecken, ließ sie durch Erfahrungen lernen. Zugleich beschütze 'ER' das Mädchen vor zu großen Gefahren. Wehe dem, der ihren Begleiter zu sehen bekam, für dieses Wesen kam jede Hilfe zu spät.

 
Die Nacht wurde kälter und erste Schneeflocken tanzten vom Himmel herab. Begeistert sieht sie den kleinen Sternen zu wie diese zu Boden gleiten, nur um wieder in das Gesicht des Mannes zu sehen.
War der noch immer da!
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Der Fuchs
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#1764

Beitrag von Der Fuchs »

Kadir rührte sich nicht sofort. Er ließ die Worte Etohs einen Moment lang in der vom dichten Weihrauch geschwängerten Luft hängen, während sein Blick sich auf den Altar gerichtet hielt. Ein angemessen leises Lachen entwich seiner Kehle, bevor er sich mit der Schulter von der Säule abstieß, um sich langsam zu Etoh herum zu drehen. 

Erst jetzt musterte er den Priester Artherks von den weißen Haaren bis hinunter zu den Schuhen. Persönlich zu einem Gespräch begegnet waren sie einander nie, aber das war auch nicht immer nötig, um sich zu kennen. Man hörte dies und das und der Fuchs hörte zumeist ziemlich viel.

Jetzt aber legte er den Kopf leicht schief und hob einer seiner rotbraunen Brauen in die Stirn. "Ablassbriefe, hm? Sehr verlockend." Er trat einen Schritt auf Etoh zu, seine Finger nun locker in den Gürtel eingehakt und folgte der Geste in Richtung Portal. "Ihr verkauft Vergebung wie andere Leute ihre Waren auf dem Markt. Das ehrt Euren Geschäftssinn, Vater, aber meine Sünden sind weitaus teurer, als dass ein bisschen Tinte auf kratzigem Pergament mich reinwaschen könnte. Da müssten wir schon über ganz andere Summen reden und noch dazu über einen Gott, der beide Augen zudrückt." Ein Schmunzeln huschte über seine Lippen und sein Gesicht nahm dabei einen Ausdruck an, der irgendwo zwischen Amüsement und gefährlicher Berechnung schwankte.

Ohne noch weiter Zeit mit Höflichkeiten zu verschwenden, trat er in Richtung des Portals, öffnete die schweren Türen erneut und deutete eine Verbeugung an. Mit seinem Arm machte er dabei eine ausladende Geste in Richtung Nacht und ließ Etoh den Vortritt.
"Scheu besitze ich keine. Die Leute wissen ohnehin, dass ich meine Finger überall drin habe. Ein Priester in meiner Gesellschaft lässt mich höchstens so aussehen, als hätte ich den Anstand zu beichten oder als würde ich zumindest versuchen, meine Seele zu retten. Das ist gut für den Ruf. Es macht die Bekannten womöglich ein wenig mehr ehrfürchtig und die Konkurrenz unvorsichtig." In seiner tiefen Stimme schwang ein deutlicher Unterton mit, der von seinem kaum sichtbaren Lächeln unterstrichen wurde. 


Gemeinsam verließen sie daraufhin den Tempel und traten in die nächtliche Kühle von Sturmkante. Der Fuchs passte dabei seinen Schritt dem des Predigers an, hielt aber instinktiv einen kleinen Abstand, der ihm genug Raum zum Handeln ließ. "Eine imposante Kirche, die Ihr führt, Priester." Beiläufig warf er dem Mann neben sich einen seitlichen Blick zu, während sie den Vorplatz überquerten. "Viel Gold und noch mehr Hoffnung zwischen Euren Mauern. Dabei ist letzteres nichts, worauf man zu sehr bauen sollte, schließlich hat sie den Menschen schon oft genug das Rückgrat gebrochen."

Kadir hielt inne, um sich einen imaginären Flusen vom Ärmel seines Mantels zu zupfen, während sein Blick weiterhin auf dem Priester verhaften blieb und er ihn von der Seite erneut aufmerksam musterte. "Aber lassen wir uns nicht von einem so beschwerlichen Gesprächsthema diese friedlichen Stunden stehlen. Wobei…" Als er sich selbst unterbrach zuckte einer seiner Mundwinkel kaum merklich auf. "... ich mich schon häufiger gefragt habe, wie es der Kirche gelingt, auf ihre Schäfchen zu achten und sicher zu gehen, dass nicht eines abtrünnig wird und sich einen neuen Schäfer sucht. Oder, vielleicht sogar noch schlimmer, von einem Wolf geholt wird. Ihr behaltet doch den Überblick, nicht wahr, Etoh?"


 
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Es ist nicht wichtig, wer das Spiel beginnt, sondern wer es beendet.
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Etoh
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#1765

Beitrag von Etoh »

 
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Bei dem leisen Lachen Kadirs, entweicht auch Etoh ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen. Es war klar das sie beide das Geschäft des anderen Verstanden. Ja, auch das freikaufen der Sünden war letzten Endes nur der Glaube daran etwas gutes getan zu haben um sein schlechtes Gewissen zu erleichtern. Und wenn man die Vergebung der Sünden mit Gold aufwiegen konnte, mochte dies doch die schnellste und zum Teil bequemste Art und Weiße sein. Wer sollte es der Kirche verdenken sich nicht genau an diesem Geschäftsmodel zu beteiligen.
 
Auch Etoh mustert den Fuchs unverhohlen von oben bis unten. Er musste feststellen das Kadir einen durchaus sympathischeren Eindruck machte als er sich diesen Mann immer selbst vorgestellt hatte. Im Grunde waren sie beide Männer die vom Leben gelernt haben und sich jeweils in ihren gottgegebenen Fähigkeiten spezialisiert haben.
 
„Ablassbriefe!“ bestätigt er das leicht skeptische Nachfragen, welches mit einem schmunzeln begleitet wurde. Auch der Priester konnte sich um das schmunzeln nicht erwehren. „Ganz recht. Wir können ja bei den kleinen Dingen anfangen und uns langsam Steigern. Um das Augenmerk Artherks auf euch, macht euch in diesen Fall dann keine Sorgen mehr. Ich könnte euch zu einem ehrbaren Mitglied der Gesellschaft machen.“ während Etoh spricht wird seine Tonlage etwas ernster, so dass Kadir verstehen würde das Etoh es durchaus ernst meinte. Zugleich müsste es dem Fuchs auch klar sein, und dessen war sie Etoh sicher, das er den Tenor verstand. Geschäft ist Geschäft.
 
Als Kadir das Portal öffnete und Etoh den Vortritt ließ, nahm er diesen wie selbstverständlich auch an. Der Priester legte seine Hände in den Rücken und ging scheinbar Ziellos die Straße runter. Er sorgte dafür das Kadir links von ihm ging, damit er ihn besser mit seinem noch guten Auge sehen konnte. Ein weiteres Schmunzeln zierte seine Lippen, als Kadir ihn seinen Gedankengang erklärte. „Ihr wärt nicht der Erste eures Geschäftsstandes, der genau diesen Weg wählen würde. Es ist schon ein paar Dekaden her als die Gegend in der Hand einer berühmt-berüchtigten mafiösen Familie war. Sie verstanden den Wert des rein gesprochen werden durchaus für sich zu Nutzen.“ lässt er den Fuchs wissen.
 
Wieder nickt der Priester leicht, hebt dabei aber kurz abwehrend eine Hand an. „Oh, ich bin nur ein einfacher Priester. Dazu noch einer der wenigen Reisenden. Es gibt nicht viele von uns die versuchen auf irgend eine Art und Weiße in allen Ecken der bekannten Welt präsent zu sein. Die Hoffnung jedoch ist nicht das einzige worauf sich die Gläubigen meines Gottes stützen und verlassen. Es ist auch die Zuversicht, dass jede Tat, jedes Ereignis, seinen Sinn und Wert hat. Es ist die Überzeugung, das jeder Schritt den wir gehen von Artherk gewollt ist. Im guten wie im schlechten, um selbst daraus zu wachsen und am Ende selbst der Überzeugung zu gelangen Gutes getan zu haben.“ Während Etoh spricht lässt er seinen Gesprächspartner nicht aus den Augen. Beobachtet dabei jede Regung. Kadirs Gedanken dabei zu deuten versucht er erst gar nicht. Etoh ist davon Überzeugt das er diese auch aussprechen würde.
Kurz kippt er den Kopf zur Seite und schmunzelt wieder nach seiner etwas ernsteren Ausführung. „Und ja, Gold hilft dabei manchmal.“
 
Auch Etoh hielt inne, als Kadir ein neues Thema ansprach. Noch waren die beiden Männer dabei sich kennen zu lernen und versuchten wohl gegenseitig sich einzuschätzen. Kurz schiebt sich sein Mundwinkel zur Seite und er legt die Stirn kraus. Etoh legt den Kopf in den Nacken, löst den Blick von Kadir und sah nach oben in den Wolken behangenen Himmel. Erste Schneeflocken tanzten leise zu Boden. Langsam wendet er seinen Blick Kadir wieder zu, dabei nickt er etwas. „Was genau ist der Überblick? Es kommt immer wieder vor das der eine oder andere Abtrünnig wird. Sollte mir das zu Ohren kommen, versuche ich natürlich schon das Gespräch zu suchen um heraus zu bekommen was geschehen ist. Auf der anderen Seite ist aktiver Glaube auch ein aktives Mitwirken des Einzelnen. Wer nicht gewillt ist sich dem Glauben zuzuwenden, egal wie schwer es einem selbst auch fallen mag, für denjenigen werde ich persönlich, wie die Kirche im ganzen nicht mehr viel tun können.“ Es schienen harte Worte und auch ein hartes Vorgehen zu sein. Gleichzeitig war Glaube oft eine sehr persönliche Sache. Nicht jeder Gläubige besuchte die Gottesdienste und nicht jeder der im Gottesdienst saß fand die Wärme und das Vertrauen welches von Artherk aus und zu ihm hin ging.
 
Er macht eine kleine Pause um seine Gedanken weiter sortieren zu können und um zu verstehen was Kadir ihn eben sagen wollte. „Wenn besagter Wolf jedoch einen gläubigen Artherks gegen dessen Willen festhält und dies der Kirche bekannt wird, würde die Aufgabe mir zu Teil werden mich dessen mit allen Mitteln anzunehmen.“ Etoh mustert den Mann vor sich noch einmal gründlich von oben bis unten. „Ihr scheint in dieser Hinsicht über Informationen zu verfügen?!“ stellt er in einem eher ruhigen fast geschäftlich wirkenden Ton fest.
 
„Sagt, was würdet ihr tun, wenn einer der euren euch ….sagen wir.... untreu werden würde? Sich für einen anderen Weg entscheiden. Habt ihr den Überblick über alles und jeden? Ab wann merkt ihr das einer fehlt?“
 

Jede Frage konnte auch dem ersten Fragegeber zurück gestellt werden. Nur so konnte ein ehrlicher Austausch statt finden. Verstecken mussten sie sich beide voreinander wahrlich nicht.
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"Du weißt nicht, wie schwer die Last ist, die du nicht trägst"
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Adrian
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#1766

Beitrag von Adrian »

Die Flammen spiegelten sich wie Schatten in dem Dunkel seiner Augen wider. Ohne im Entferntesten eine Miene zu verziehen, sah Adrian zu, wie der Körper des Bischofs sich krümmte und das Fleisch von den Knochen schmolz.

Es war ein Tod, den der Geistliche nicht verdiente. Eine Erlösung und Befreiung aus einem Gefängnis, in dem er bis ans Ende aller Tage hätte verrotten sollen. Die Finsternis in seinen Augen sah auf die Überreste des Geistlichen hinab. Zu der Asche, die von den Knochen fiel. Asche zu Asche – Staub zu Staub. Adrian wollte, dass Naheniel wusste, dass er da war. Er wollte, dass er seinen Zorn in jeder Faser seines Körpers spüren konnte.

Es war überraschend, dass er für den Bruchteil eines Augenblicks die Aufmerksamkeit seines Freundes mit einem so geringfügigen Tod auf sich lenken konnte. Eine Genugtuung zum einen, doch möglicherweise eine Offenbarung auf der anderen.

Was Naheniel ihm jedoch ungewollt enthüllt hatte, war etwas, das Adrian ein kaltes Lächeln abrang. Der Bischof war eines der Wesen, das sein Freund versklavt hatte. Eine Kreatur, die Naheniel an seine Welt gebunden hatte und dessen verkommenes Herz vermutlich nicht nur die Signatur jener Magie in sich trug, sondern möglicherweise auch ein Fragment der Ketten, die den Bischof an ihn gebunden hatte.

Allerdings hatte Adrian weder die Zeit, diese Erkenntnis auszukosten geschweige denn darüber zu sinnieren. Nicht nur, weil er Freya suchen musste, sondern weil der Boden unter seinen Füßen aufbrach. Ein Reißen hallte durch die Wände. Der Berg begann zu zittern und zu beben.  

Oh, war er wütend? Das war doch nicht alles, was der Schöpfer zu bieten hatte, oder? Mit einem Lidschlag wandte Adrian sich herum, während seine Finger durch die Dunkelheit fuhren und nach den Schatten griffen.

Ein stummer Befehl des Magiers, dem die Schatten folgten. Lautlos lösten sie sich von den Wänden und erhoben sich aus dem Boden. Eine körperlose Dunkelheit, die sich wie Nebel sammelte und immer mehr verdichtete, bis sie zu einem pulsierenden Knoten aus Schwärze wurde. Ein Zentrum aus Finsternis, das sich in seinen Augen widerspiegelte.

Naheniel glaubte nicht ernsthaft, er würde sich von ihm lebendig begraben lassen. Aber nur zu, er durfte seine Macht gerne für derartige Muskelspiele vergeuden.

Doch das war erst der Anfang. Entschlossen zog Adrian seine Finger zusammen, als würde er an unsichtbaren Fäden zerren. Eine Geste, unter der die Luft zu vibrieren begann, ehe ein bodenloser Riss die Dunkelheit teilte. Die Schatten strömten hinein und zugleich aus ihm heraus, bis sich inmitten von dunklem Nebel und Rauch ein vollkommen schwarzes Portal formte.

Seine Hand griff in die Tasche und umschloss Freyas Ring, während Sand und Staub von der Decke rieselten.

„Sie hat alle ermordet… und nur wegen einem Stern und einem Spiegel… Der Spiegel ..." Wenn Liadan die Wahrheit gesagt hatte, ahnte er, vermutlich im Gegensatz zu Naheniel, was Freyas Ziel sein sollte.

Knapp senkte Adrian die Lider. War es wirklich möglich? War die Stimme in seinen Gedanken am Ende doch keine Einbildung gewesen? „Hast du mich vergessen?“

Ruhig atmete Adrian ein und aus, ehe er seine Lider hob und in die Dunkelheit eintrat. Ein beherrschter Schritt, während sich Gesteinsbrocken aus den Wänden lösten und Risse den Boden teilten, bis der Berg in sich zusammenstürzte und die Kirche unter sich begrub.

Adrian hatte nicht vergessen. Wie könnte er?

Auch nach all den Jahren konnte das junge Mädchen sehen, das gegen die Sonne blinzelte. Das weiße Kleid seiner Schwester, das sich im Wind aufbauschte, als sie auf der Schaukel saß und die schwarzen Strähnen um ihre zarten Züge tanzten, während sie verträumt in den Himmel sah. Es hatte etwas Beruhigendes gehabt, sie zu beobachten und einfach nur der leisen Melodie zu lauschen, die sie flüsterte.

Er hatte im Gras gesessen und gelesen, als das leise Summen auf ihren Lippen von einem Augenblick auf den anderen verstummte. Als er aufsah, klammerten ihre Hände sich haltsuchend an die Seile und ihre Augen weiteten sich angsterfüllt. Anzeichen, die Adrian bereits kannte, auch wenn sie leiser geworden waren. Unmittelbar war er aufgestanden und an sie herangetreten und hatte mit beiden Händen nach den Seilen gegriffen, um die Schaukel zu stoppen.

„Ich bin bei dir. Atme ruhig und wehre dich nicht dagegen.“

Mit einem sanften Druck hatte er ihre Schultern gepackt, damit sie spüren konnte, dass er da war, dass jemand da war, ohne dass es viele Worte dafür brauchte. Stattdessen strichen seine Daumen sanft und beruhigend über ihre Arme, um ihr die Furcht zu nehmen, die in ihren weit aufgerissenen Augen geschrieben stand. Eine Todesangst, die er nur einmal in ihren Augen gesehen hatte bislang.

„Adrian…“ hauchte sie, kaum hörbar, doch dann verlor sie ihren Halt. Ihr Blick glitt nicht ins Leere – er wurde gezogen. Weggerissen. Als würde etwas Unsichtbares hinter ihren Augen aufbrechen. Ihr Körper verkrampfte sich und er konnte die Tränen erkennen, die sich in ihren Wimpern sammelten, als ihre zierlichen Hände seine Armen packten und ihre Finger sich in seine Haut krallten. Adrian sah, wie ihre Pupillen flackerten, als ihre Stimme fern von der Welt zu flüstern begann. Worte, die nicht ihre waren, auch wenn ihre Lippen sie hörbar formten. 

 

Am Ort, wo Anfang und Ende sich berühren,
wo die Geburt im Schatten des Todes steht,
wird ein Funke erwachen.


In den Schatten geboren,
von Dunkelheit genährt,
entfesselt er den Pfad,
der den ersten Schritt wie den letzten trägt.

Doch der Funke ist mehr als Erwachen – er ist der Schlüssel,
verborgen im Atem der Nacht, wartend auf die Hand, die ihn zu führen wagt.


Wo Leben beginnt, wartet der Tod,
und wo der Tod ruht, kehrt der Anfang heim.
Der Kreis wird sich schließen.
und im Schatten eines erloschenen Sterns
wird das Schicksal neu geknüpft .
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✟ Oberhaupt der Familie Al Saher ❖ Gemahl der PriesterinTanuri Al Saher
❖ Bruder des Verlion Al Saher ❖
Gnade oder Mitleid haben noch nie einen Feind besiegt. ❖
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Der Fuchs
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#1767

Beitrag von Der Fuchs »

Der Fuchs blieb stehen, sah dabei aber nicht zu Etoh, sondern fixierte einen Punkt in der schummrigen Dunkelheit der Straße, die nur an einigen Stellen von Fackeln an den Hausmauern beleuchtet war. "Wollt Ihr etwa einen Ratschlag von mir und lernen, wie man mit jenen verfahren kann, die sich den Regeln nicht anpassen?"

Nachdenklich hob sich eine seiner Brauen in die Stirn, während er den Kopf nur so weit zur Seite drehte, dass er Etoh aus den Augenwinkeln beobachten konnte. "Ich habe nicht den Überblick über alles und jeden. Niemand hat das. Nicht einmal die Götter. In meiner Welt gibt es keine Abtrünnigen, Vater. Es gibt nur Leute, die noch atmen und Leute, die eine falsche Entscheidung getroffen haben. Wer bei mir fehlt, wird nicht vermisst. Er wird ersetzt. Hin und wieder, je nach meiner Laune, auch entfernt." Kadir machte eine kurze Pause, bevor sich ein Schmunzeln auf seinen Lippen abzeichnete. 

"Wenn allerdings einer verschwindet, bevor ich es merke, war er nie wirklich einer von mir." Kaum merklich zuckte er mit den Schultern und ging daraufhin weiter. "Beantwortet das Eure Frage?" Der Schnee fiel nun dichter und begann die Straßen mit einem leichten Schleier zu bedecken, genauso wie den Mantel, den der Fuchs trug. Er mochte den Schnee. Immer schon. Denn die Weichheit, die von diesem ausging, verlangsamte die Welt und machte sie zu einem stilleren Ort. Beides etwas, das auch in dieser Zeit viel zu selten geworden war.

"Wisst Ihr, was mich von der Familie unterscheidet, über die Ihr sprecht? Sie trafen dumme Entscheidungen, ich bisher nicht. Viele Jahre waren sie gut in dem, was sie taten. Noch dazu brutal und diszipliniert in ihrer Form der Durchsetzung. Es mag erst einmal als kluger Zug erscheinen, die Kirche einzubinden. Wer sich reinwaschen lässt, wird gesellschaftsfähig. Und wer gesellschaftsfähig ist, wird unterschätzt. Unterschätzt zu werden wiederum kann…," er wog seine Worte ab und schenkte dem Priester ein Lächeln, das jedoch jegliche echte Wärme vermissen ließ,"... ein Geschenk sein. Allerdings kam das innerhalb der Familie, wie ihr sie nennt, nicht besonders gut an. Erzählt man sich so." Über die Jahre waren natürlich immer wieder neue Versionen hinzugekommen, was damals genau geschah. Manches daran war ziemlich abenteuerlich, aber der Kern blieb immer der gleiche. 

"Es kann sehr schnell als Verrat an den eigenen Leuten und Werten gedeutet werden. Weshalb der Dolch, der sie von hinten aus den eigenen Reihen in den Rücken traf, eigentlich vorhersehbar war." Kadir legte seine Stirn in Falten und ließ seinen Blick prüfend, dennoch auch wachsam, über das Gesicht des Priesters streichen. "Ist das nicht das beste Beispiel dafür, dass man sich nicht von seinen Sünden freikaufen kann? Weder mit Gold, noch mit Gebeten."

Der Schnee knirschte unter seinen Lederstiefeln, als sie den Weg ohne ein bestimmtes Ziel durch die Gassen Sturmkantes fortsetzten. "Eins interessiert mich an Eurem Gott und dem Glauben aber doch. Wenn jede Tat und jedes Ereignis seinen Sinn haben soll und Artherk all Eure Schritte unterstützt, unterstützt er dann auch Lüge, Mord, Hunger und Krieg?" Erneut hob er eine Braue, blickte aber mittlerweile wieder nach vorn auf die Straße, über die sie gingen. "Ein Gott mit einem sehr eigenwilligen Empfinden für Wachstum innerhalb seiner Gemeinschaft, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf." Leicht zuckte er mit seiner Schulter, wohlwissend, dass seine Worte als Provokation aufgenommen werden konnten. Was er allerdings nicht so meinte. Für ihn war es nur eine reine Feststellung der Tatsachen und eine Aussage darüber, dass er die Inhalte des Glaubens und der Götter, die dahinter standen, nicht immer als logisch empfand.

"Doch ich verstehe den Wert solcher Überzeugungen. Menschen brauchen diese, genauso wie die Geschichten, auf die sie aufgebaut sind." Am Ende beruht irgendwie doch die gesamte Existenz auf einer Geschichte, wie wahr oder unwahr diese ist, konnte man dahingestellt lassen. "Aber lassen wir die Götter Götter und den Glauben Glauben sein. Ihr seid vielleicht dafür da, ich allerdings nicht." Kadir trat noch einen Schritt nach vorn, nur um gleich darauf direkt vor Etoh stehen zu bleiben. "Informationen besitze ich viele. Welche davon für Euch aber von Relevanz sind, wird sich zeigen."

Er suchte in des Priesters Augen aufmerksam nach einer Form der Regung, nach Interesse, Neugier oder irgendwas, was ihm einen ersten Hinweis darauf gab, wie weit er mit seinen Forderungen, die er als Bezahlung für sein Wissen erheben würde, gehen konnte. "Ich weiß, an welchem Ort sich der Käfig Eures Schäfleins befindet. Jedoch wäre ich an Eurer Stelle sehr vorsichtig, wenn meine Vermutung, wessen Hand das Schloss betätigt hat, korrekt ist." Er müsste sich schon schwer täuschen, wenn sein Rückschluss auf denjenigen, der die Weiße gefangen hatte, falsch war. So einige aus der Legion hatte er bisher kennen gelernt und nur wenige von ihnen machten den Anschein, solche Schritte zu gehen.

Auch wenn er die Beweggründe bisher nicht kannte, was aber nicht hieß, dass er es dabei beließ. Gut möglich, dass Rosalind mehr darüber wusste und vielleicht würde sie sich bei einem guten Wein zu der ein oder anderen Aussage hinreißen lassen. 


Noch während er sprach, fuhren seine Finger über die Münze in seiner Manteltasche. Das Geschäft, das er zuvor mit Landru geschlossen hatte, war eigentlich genau das, was sich perfekt für sein Wissen anbot. Etoh den Ring der Priesterin stehlen lassen? Nein, bestimmt nicht. Diese Herausforderung würde Kadir sich nicht nehmen lassen. Aber er war interessiert daran, warum der Vampir unbedingt dieses Schmuckstück in seinen Besitz bringen wollte. 

 "Zunächst aber sollten wir uns über die Bezahlung einig werden. Ihr wollte eine Information von mir, ich bekomme eine von Euch. Das klingt doch gerecht, nicht?" Seine Worte nochmals überdenkend richtete er seinen Blick hinauf in den Himmel und beobachtete dabei die tanzenden Schneeflocken, die auf die Erde fielen. "Sagt, seid Ihr verheiratet?" 


 
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Es ist nicht wichtig, wer das Spiel beginnt, sondern wer es beendet.
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-Freya-
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#1768

Beitrag von -Freya- »

Es war tot. Oder er. Oder was auch immer es gewesen war — und zu wem auch immer es sie hatte bringen sollen. Doch Freya rannte weiter. Durch die Finsternis, durch den Rauch, der sich wie ein lebendiges Wesen durch die Gassen und Straßen schob. Vorbei an flimmernden Gartenzäunen und Bäumen, deren Schatten regungslos auf den sandigen Weg fielen, als hätten sie aufgehört, Teil der Welt zu sein.

Es war nur Instinkt. Eine Furcht, die sich verändert hatte. Es war nicht die Angst vor dem Ding, das nach ihr gegriffen hatte oder vor demjenigen, zu dem es sie bringen sollte, sondern vor dem, was sie selbst getan hatte. Oder vielmehr vor dem Gefühl, das sie dabei durchströmt hatte.

Dieser eine Augenblick, in dem sie die Hitze in ihren Adern gespürt hatte. Das Kribbeln auf ihrer Haut, die Wärme, die ihren Körper geflutet hatte, bevor das Licht des Tages von einem Atemzug erloschen war, um sich mit brachialer Gewalt und einem einzigen Gedanken vernichtend zu entladen.

Eine Macht, die sie in diesem Moment berührt hatte — roh, ungezähmt, unheimlich vertraut. Freya konnte es noch immer fühlen. Wie sie der Welt das Licht genommen hatte, um es auf diesen widerlichen, untoten Berg aus Fleisch niederfahren zu lassen. Ein Licht, das nun, irgendwo hinter ihr, in der Dunkelheit loderte. Ihr Wille. Zerstörerisch. Unkontrolliert. Und doch ein klares Zeichen, das ihr Angst machte.

Angelehnt an einen der Bettpfosten saß Freya auf dem nackten Holzboden. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie es in den Fingerspitzen spürte. Es war so ein unwirkliches Gefühl, das überwältigend und furchteinflößend zugleich war. Und es pulsierte noch immer unter der Haut – so lebendig, als würde etwas in ihr atmen. Unfähig, den Blick von ihren Händen zu lösen, betrachtete sie das zarte Schimmern in ihren Adern. Ein sanfter Schein, der sich nicht nur in ihren Augen widerspiegelte, sondern auch den Raum um sie herum einnahm.

So oft hatte sie es gehört. Schicksal. Bestimmung. Vorhersehung. Worte, die immer wie ferne Prophezeiungen geklungen hatten. Doch was bedeutete es wirklich? Welche Art von Macht war es, die selbst denjenigen, den sie für einen Freund gehalten hatte, nur das in ihr sehen ließ — die Kraft, nicht sie selbst.


War überhaupt jemand da draußen, der mehr in ihr sah als ein Gefäß? Ein Körper, in dem eine ungezähmte, gefährliche Magie schlummerte? War es das, was er in ihr gesehen hatte? Oder wer auch immer sonst? Eine Waffe, die er seinem Willen unterwürfig machen wollte?

Selbst Stellan hatte ihr gesagt, dass es die Machthungrigen wie Motten anziehen würde. Sie konnte die Magie fühlen. Warm. Schimmernd. Unbeschreiblich. Ein Gefühl, das ihr leise zuflüsterte, dass sie nie wirklich schwach gewesen war — nur verängstigt.

Wovor fürchtete sie sich? Weshalb versteckte sie sich noch?

Stärke war eine Entscheidung …
Langsam drehte Freya ihre Hand und beobachtete das Flimmern, das sich wie lebendiges Licht über ihre Haut legte. Es war kein Zufall. Keine Laune. Keine Bürde. Es war sein Wille. Sie war der Schlüssel.

Freya winkelte ihre Beine an und lehnte ihre Arme gegen ihre Oberschenkel, während sie ihren Kopf zur Seite neigte. Wie half ihr diese Macht jedoch, von diesem Ort zu fliehen?

„Schreckhaftes Dummerchen. Denk nach. Schlüssel öffnen etwas.“ Leise klang die Stimme vom Bett hinter ihr. Doch Freya wollte sie nicht länger hören oder ihr einen Raum geben, nur um immer mehr den Halt an der Realität zu verlieren. Sie war nicht wirklich, das wusste sie. Doch die Worte waren wahr.

Nachdenklich lehnte Freya an dem harten Holz am Fußende und legte ihren Kopf in den Nacken, ehe sie die Augen schloss. Schlüssel öffnen etwas. Das wusste jedes Kind. Aber wie sollte es ihr am Ende helfen? Hier an diesem Ort, der umringt war von einem Nichts. Hier waren keine verschlossenen Türen.

Hörbar entließ sie die Luft aus ihren Lungen, während ihre Gedanken weiterwanderten. Was in aller Götter Namen sollte sie damit öffnen? Und was wollte Naheniel damit aufsperren?

Bilder blitzten vor ihren Augen auf. Die Dunkelheit, der Dolch, ein Strudel aus Dunkelheit und Seelen. Schlüssel öffnen etwas. Gefängnisse, Tore … Barrieren – eine endlose Finsternis, die sich über sie legte.

„Fangen wir vielleicht doch erstmal mit einer Tür an? Erinnere dich an die Worte des Katers. Eine Tür, ein Wille, ein Ziel ...“

Unter einem unwirschen Blinzeln streifte Freya die Erinnerungen von sich fort. Sie hatte versucht, die Stimme zu ignorieren und sich nur auf die Geräusche zu konzentrieren, die um sie herum waren – oder eben auch nicht. Doch in den Worten lag etwas Wahres. Etwas, das wie ein Splitter in ihrem Bewusstsein hängen blieb.

Eine Erinnerung. -  Der Kater.
Ein scharfer Stich fuhr ihr durch die Brust. Sie hatte ihn in all dem Chaos beinahe vollkommen vergessen. War er noch immer bei der Gräfin? Oder hatte sie sich seiner längst entledigt, so mühelos wie all der anderen Dinge, die ihr im Weg standen oder sich nicht brechen ließen?

Vor ihrem inneren Auge tauchte ein Grinsen auf. Nicht das der Gräfin. Nicht das irgendeines Menschen. Haedinns Grinsen, das immer breiter wurde, bis seine spitzen Reißzähne zum Vorschein kamen. Ihr erstes Aufeinandertreffen … in den Tunneln …

Haedinns Worte... hat geschrieben: Fr 25. Jun 2021, 21:38
.......

Nun begann auch der bisher fehlende Körper Form anzunehmen, zuerst zeigten sich die blutroten Zeichnungen, die sich sogleich in Bewegung setzen und um Freyas Bein herumstrichen. „Für wahr, keine leichte Wahl, die Du zu treffen hast.“ Sein Blick wanderte zu Naheniel. „Du scheinst es Dir ja nun etwas bequem damit zu machen, das Ding hier entscheiden zu lassen.“ Sein Körper war nun vollends zu sehen und langsam drehte er einige lautlose Runden um Naheniel. „Da bist Du aber auch einen äußerst interessanten Handel mit Fungus eingegangen. Ich hätte Dich eigentlich für klüger gehalten.“ Direkt vor ihm kam Haedinn zum Stehen und musterte den nun doch etwas in Mitleidenschaft gezogenen Mann. „Ein kleiner, völlig kostenloser Hinweis aus meiner eigenen Erfahrung: Er wird es nie vergessen.“ Das Grinsen, welches seine teils brüchigen Zähne und die dafür umso schärferen Reißzähne zeigte, zog sich nun bis zu seinen Ohren hinauf. „Aber was kümmern mich Fungus Geschäfte? Das Kopfgeld des purpurnen Palastes ist für mich eigentlich ansprechend genug. Aber…“ Haedinn zeigte ein ausladendes Gähnen, wobei er den Blick auf seine schwarze Zunge freigab. „… irgendwie langweilt mich das immer gleiche Spiel.“ Er erhob eine seiner Pfoten und begann an diesen den Prozess seiner Arbeit abzuzählen. „Jemand setzt Kopfgeld aus, ich bringe ihm den verlangten Kopf, mit oder ohne dazugehörigen Körper, und erhalte meinen Lohn. Eine ziemlich eintönige Sache, wenn man die Jahre bedenkt, in denen ich das jetzt schon mache. Außerdem ist der Kaiser nicht sonderlich gut auf mich zu sprechen und würde mich am liebsten selbst in einen seiner Verließe verrotten lassen. Ein unangenehmer Zeitgenosse."

Kurz hielt er in seinen Ausführungen inne, bevor sich ein wissendes Lächeln in seine leuchtenden Augen stahl. "Was es für mich allerdings durchaus verständlicher macht, warum Du das Menschenkind die Entscheidung treffen lassen willst, sie ist unvoreingenommen und kann nicht wissen, was auf sie hinter den Türen wartet, die da vor euch liegen. Du hingegen, Du hast schon alles gesehen, was diese Welt zu bieten hat. Und das was man bereits gesehen hat, das kann auch erscheinen, nicht?“ Diese Welt war eben voll wundersamer Gesetze, eines unverständlicher wie das andere und fernab von dem, was ein Fremder zu fassen möglich war. Haedinn bedachte Naheniel mit einem vielsagenden Zwinkern. Zu viel wollte er davon nicht aussprechen, denn das was er sagte, würde sich in dem Kopf des Kindes festsetzen und ihr dadurch das Nehmen, worauf Naheniel wohl so erpicht war: Ihr Unwissen. Er wendete sich somit wieder von ihm ab, setzte sich direkt vor Freya hin und war dadurch mit ihrem Gesicht fast auf Augenhöhe. Dann neigte er seinen Kopf etwas zur Seite und mit unverhohlener Neugier in seinem Blick sah er zu ihr auf. „Also kleines Menschenkind, wonach steht Dir der Sinn?“


 
Freyas Augen weiteten sich bei der Erinnerung. Sie spürte, wie ihr Atem stockte. Wieso hatte sie es damals nicht bereits bemerkt? Naheniel. Er hatte in jeder Situation gewusst, was er tat. Und Haedinn – er hatte es sogar ausgesprochen. Oder war es eine falsche Erinnerung?

Nein! Sie hatte die Tür öffnen sollen, weil Naheniel bereits alles gesehen hatte. Das waren die Worte vom Kater gewesen. Und zwar, weil Naheniel ganz genau gewusst hatte, wo sie warenund was er wollte. Von wegen, er brauchte ihre Hilfe. Nichts hatte er gebraucht.

„Vielleicht hast du recht“, antwortete Freya leise, als sie mit bedeutsamer Ruhe ihre Wimpern anhob. Ob Naheniel sie angelogen hatte und lediglich benutzen wollte, durfte jetzt keine Rolle spielen. Nicht, wenn sie ihn irgendwann dafür die Konsequenzen aufzeigen wollte.

Nein. Sie brauchte eine Tür. Ihre Hand stützte sich auf den Boden, ehe sie sich erhob und ihr Blick auf die offene Zimmertür fiel.


Aber konnte sowas wirklich funktionieren? Eine simple Tür öffnen? Es war vielleicht nur ein Hirngespinst, aber dran zweifeln, dass es möglich sein konnte, das durfte sie nicht. Vorsichtig und lautlos zog sie die Tür zu, bevor sie ihre Lider senkte. Sollte sie hoffen oder zweifeln? Nein, besser nichts von beidem - sie musste eine Entscheidung treffen. Eine Entscheidung zu glauben.Tief holte sie Luft, um sich das Spiegelbild vor Augen zu rufen. Die Facetten des Hintergrunds, auch wenn ihr davon nicht viel im Gedächtnis geblieben war. Doch umso entschlossener konnte sie die Augen der Frau vor sich sehen.

„Ich will zum Anfang und Ende“, flüsterte sie leise, während ihre Finger unruhig den Türknauf berührten und Freya all ihre Gedanken auf das Bild in ihrer Erinnerung konzentrierte, um keinen Raum für einen Zweifel zu lassen. „Bring mich dorthin.“

Vorsichtig umschloss ihre Hand den Griff und drückte den Mechanismus hinunter, ehe Freya die Tür langsam öffnete. Unter einem leisen Knarren offenbarte sich nach und nach ein kleiner Spalt aus Dunkelheit. Ein Kegel aus dunklen Schatten, die auf den zweiten Blick den leeren Flur, die Treppe und die Silhouetten des Kinderheims selbst zeigten.

„Die Idee war nicht schlecht. Allerdings wusstest du , was hinter dieser Tür lag. Das ist das Problem. Genau wie Naheniel damals. Erinnerst du dich? Darum hat er dich damals entscheiden lassen. Damit der Weg nicht dahin führen würde, wo er eigentlich sollte, sondern dorthin, wo deine Gedanken lagen. 
Worte, die ihr vor Augen führten, dass er sie nur benutzt und studiert hatte.
  

Haedinns Worte hat geschrieben: Fr 2. Jul 2021, 21:40
. „... Egal, für welchen der beiden Wege Du Dich entscheiden wirst, hinter diesen befindet sich eine Tür. Nachdem Du sie durchschritten hast und sie sich hinter Dir schließt, wirst Du nicht mehr die Möglichkeit haben, zurückzukehren und einen anderen Weg zu wählen. Geschlossene Türen sollen nicht wieder geöffnet werden, dafür sind sie nicht gedacht. Deine Entscheidung ist somit endgültig und unwiderruflich.“ Seine leuchtenden Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, aus welchen er Freyas Reaktion genau zu beobachten versuchte. „Es gibt immer nur einen Weg. Welcher wird also der Deine sein?“
 
„Und was soll ich deiner Meinung nach dann machen?“ Jede Tür, die sie gesehen hatte, war entweder offen oder nicht vorhanden gewesen. Wo sollte sie also nun eine finden? Sollte sie ich eine malen? Frustriert wanderten ihre Augen umher ohne einem wirklihen Ziel zu folgen. Sie musste hier weg und konnte nicht ewig suchen. Die Zeit lief ihr davon. Der einen Kreatur würden sicher weitere folgen, und sicherlich würde eher früher als später auch ihr Meister oder Schöpfer. Wenn sie so ein Leuchtfeuer war, war es nur eine Frage der Zeit. Sicherlich konnte sie darauf warten und sich ihnen stellen. Womöglich könnte sie sich auch zur Wehr setzen, aber was war, wenn man ihr dabei die letzten Wege zur Flucht nehmen würde und sie für immer hier gefangen sein würde?

Nein. Es musste eine Möglichkeit geben? Schließlich musste auch derjenige, der all das geschaffen hatte, dem auch wieder entkommen sein – außer derjenige war das Ding aus der Taverne gewesen. Was natürlich Quatsch war.


Suchend wandte Freya sich herum und sah sich um. Der Schrank hatte Türen – aber nein, den hatte auch geöffnet. Nachdenklich strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und verbannte sie hinter ihr Ohr, während sie ihren Blick weiter schweifen ließ. Das  konnte doch nicht sein, dass nirgendwo eine Tür gewesen war,  von der sie niht wusste, was hinter ihr lag.  Und wenn der Kater die Wahrheit gesagt hatte, würde es ebenso wenig mit ihnen funktionieren, wie mit der Tür in ihrem Rücken.

Langsam nur sah Freya in den menschengroßen Rahmen, am Ende des Zimmers, der jede ihrer Bewegungen zeigte, auch wenn seine Oberfläche ermattet war. Das Blau ihrer Augen verengte sich skeptisch, als sie ihren eigenen Blick einfing. Wieso war er ihr vorher nicht aufgefallen? War er nicht da gewesen oder hatte sie einfach nicht darauf geachtet? Unsicher bewegten sich ihre Schritte auf ihn zu. Bedacht und vorsichtig, während ihr eigenes Spiegelbild immer deutlicher wurde.

Das Blau ihrer Augen weitete sich, als ihr Körper etwas erkannte, das ihr Verstand noch nicht greifen konnte. Zögerlich setzte sie einen Fuß vor den anderen, jeder Schritt ein leises Schaben auf dem Boden, während ihr Spiegelbild klarer wurde.

Freyas Atem stockte, als sie stehen blieb. Da war sie selbst. Lange, schwarze Haare umrahmten in wilden, ungebändigten Strähnen ihr schmales Gesicht, das nicht nur die Rötungen der Sonne zeigte, sondern von dunklem Staub belegt war, der sich auf ihrer Wange und Stirn verteilte. Das Hemd und die Hose, alles trug einen grauen staubigen Schleier. Doch ihre Augen fixierten etwas vollkommen anderes. Etwas, das direkt dahinter lag. 
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Geboren aus dem Wissen einer dunklen Vergangenheit - verblasst mein altes Leben im Schatten einer neuen Zeit.
~ Einfach Freya ~

In den Momenten, in denen nichts mehr bleibt, sieht man die unsichtbaren Fäden, die uns wirklich halten.
Ein Name allein hat dabei keine Bedeutung. Er kann verblassen, wie Tinte auf einem Pergament - wie ein leeres Versprechen.
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Stellan
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#1769

Beitrag von Stellan »

Seine Lippen formten sich zu einem schmalen Strich. Ihre Gedanken blieben verborgen, doch er konnte es hinter ihren Schläfen arbeiten sehen. Sie dachte nach. Das war gut. Es war jedoch nicht so, dass er ihr wirklich eine Wahl ließ. Es war auch nicht so, dass er darüber bestimmt, was sie tun wird. Vielmehr war es das Schicksal selbst, dass sie dazu nötigte. Sie hatte die Gabe und selbst wenn sie entschied, diese zu ignorieren und ihn nicht zu begleiten, wird das Schicksal es fügen. Nur die Umwege könnten viel verherrender sein. Viel grausamer und viel mehr kosten als es im Moment der Fall war. Das göttliche Gefüge war simpel, wenn man sich vom bildlichen entfernt. Wenn man begriff, dass die Götter zwar weit aus mächtiger und größer waren als sie, aber dennoch auch Energie waren. Energie konnte man kontrollieren. Die großen Dämonen, die Erscheinungen, die unzähligen Manifestationen ihrer Göttlichkeit, alles Energie. Magie war auch Energie, also war die Göttlichkeit im Grunde eine Macht und Stärke von Energie, welche der gewöhnliche Mensch nicht zu tragen vermag, noch zu verstehen. Es gab unzählige Avatare der Götter, unzählige Echos ihrer Macht und ihres Willens. Selbst jene die Insignien tragen sind Echos ihres Wollens. Sie sind gestorben um wieder unter dem Segen des Gottes weiter zuexistieren. Gezeichnet mit offensichtlichen Schwingen. Schwarz und weiß. Der ewige Kreislauf, die liegende Acht, die Unendlichkeit. Die Energie zweier Gegenpole die sich anziehen und gleichzeitig abstoßen. Das kosmische Gefüge. Vielleicht war er wahnsinnig. Vielleicht. Die meisten Genies waren ihrer Zeit weit voraus und wenn er kein Genie war, dann wird er untergehen bei dem Versuch.

"Du misst mir zu viel Einfluss zu. Ich habe hier keine Macht. Ich schätze die meisten würden mich nicht mal als den Vater der Priesterin sehen. Eher als Erzeuger vielleicht, aber das ist nicht das gleiche. Es muss unterschieden werden. Ein Vater war ich nie." Schonungslos ehrlich kam es über die Lippen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit. 

Er hob leicht die Hand. "Kein Mutterersatz, dass braucht das Kind nicht. Tanuri mag vieles nicht von mir haben, aber eine gewisse Abstinenz zu ihren Leibesfrüchten durchaus. Das liegt in der Familie von denen böse Zungen behaupten, es wäre keine." Nach normalen Maßstäben waren sie vermutlich auch nicht das was man sich unter einer Familie vorstellt. In welcher normalen Familie bringen sich schon Kinder im Mutterleib um. Diese Liebe war wenn ziemlich verkorkst. "Wer verlangt das ihr willenlos dient? Ah.. ist es das was man erwartet? Oh.. ich möchte die Magd das sie mich begleitet, weil sie eine gute Sklavin abgibt und mir das Bett wärmt während sie das Kind bespaßt? Nein, mein Grund ist viel simpler. Ihr seht Dinge anders als ich es tun würde und damit mir das Kind nicht schon auf der Hälfte des Weges verloren geht, werdet ihr die Waage sein, die es ausgleicht. Ja auch zum Teil mit weiblicher Wärme. Das hat aber nichts mit Demut oder Gehorsamkeit zu tun." Er schüttelte den Kopf. "Wenn es aber eurer Wille ist überlege ich mir das zumindest mit dem Bett wärmen noch mal." Der zynische und sarkastische Unterton war nicht zu überhören. Er war kein leichter Charakter das dürfte sie begreifen. 

Die Sache wurde deutlich pikanter. "Sie sind nicht gefangen, sie suchen sich ihre eigenen Instrumente, dafür sind es Götter. Sie wählen ihre Gefäße selbst. Wie genau das funktioniert ist nicht ergründet, niemand kam je soweit. Aber durch ihre Gefäße sind sie eingeschränkter das ist richtig. Ich versuche es anders zu erklären. Das kosmische Gefüge besteht aus Urgewalten. Es gibt das Urgedächtnis, dass Wissen das über Generation, zu Generation weiter getragen wird und jede neue Generation nimmt einen Teil in sich auf noch bevor es geboren wurde. So lernen wir selbstständig laufen und sprechen ohne das aktiv dafür gelernt wird. Urinstinkte und das Urwachstum sind Grundbedürfnisse des Universums sich auszubreiten. Alles strebt nach Wachstum. Auch die Götter. Die Götter sind im Grunde Urgewalten. Wir haben Ogrimar als die Urmacht des Chaos. Ohne Chaos Stillstand, keine Veränderungen, keine Mutationen, keine Grenzüberschreitungen und dagegen steht das was wir Artherk nennen. Die Urordnung. Ein Rahmen, der begrenzt, aber auch sortiert, der alles einen geregelten Ablauf gibt. Naturgesetze und Regelmässigkeiten sind alles in seiner Energie. Ogrimar folgt keiner dieser Ordnungen. Sie sind wie die Pole die unsere Welt durchziehen. Sich anziehend, aber auch abstoßend. Sie sind Geschwister denn sowohl der eine trägt etwas Chaos in sich, weil er sonst nicht sortieren kann, wie der andere die Ordnung besitzt, so chaotisch willkürlich sie einem erscheinen mag, ist auch das immer währende Chaos eine Ordnung. Kannst du mir folgen?" Er zog die Augenbraue hoch. 

"Ich würde mir nicht Anmaßen mich über sie zu stellen, aber ich will sie entfesseln, die Urmächte die in ihnen schlummern. Befreit man sie von ihren Hüllen ordnet die Welt sich neu. Neue Definitionen für Naturgesetze, für Urmächte für Gewalten und für Instinkte. Für Chaos und Ordnung. Also im Grunde möchte ich, die Welt zurück setzen auf einen ursprünglichen Definitionsprozess." Das klang sehr verrückt. Sehr abstrus. Vielleicht war er doch ein Fall für Madrigan. Naheniel war eine Konstante in den Plan, schon immer gesehen. War der eigene Sohn am Ende auch nur ein Opfer eines Geistesstörten? Oder war es doch Schicksal? "Wenn die Mächte befreit sind und sich neu definieren ist die Konsequenz das sie neue Hüllen suchen. Neue Götter entstehen und das nicht weil ich das wollte, sondern weil das nun mal passiert. Nach einem Knall erholen sie sich. Der Blitz entläd, der Donner grollt und es ist einen Moment still." Er machte eine Pause.

Er lächelte leicht. "Nein es ist mir einfach egal. Wieso mit der Möglichkeit des Scheiters befassen? Es demotiviert nur. Die Prophezeihung wird sich erfüllen unweigerlich. Du hörst es dir mit Engelsgeduld an. Nicht einen Moment zuckt du zusammen, während ich davon Rede die Welt zu sprengen?" Er lächelte bedeutsam."Außerdem glaube ich du fürchtest es nicht, weil du in den Träumen schon lange darauf vorbereitet wurdest. Das Gefüge erkennt."
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....
Das Chaos wird entbrennen und aus diesem die ewige Dunkelheit geboren.
Und dann, wenn das Heer des Meisters sich erhebt, wird niemand ihm noch widerstehen können.
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Naheniel
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#1770

Beitrag von Naheniel »

Lichthafen war groß, das Mädchen konnte sich in jedem Haus und jeder Gasse verbergen. Dennoch verspürte Naheniel keinerlei Hast oder den Drang zur Eile. Sie war hier und aus diesem Hier gab es kein Entrinnen, ganz gleich, wohin sie zu fliehen glaubte.
Während er bedächtig einen Schritt vor den anderen setzte, zogen die unvollendeten Fassaden der Stadt an ihm vorbei. Manche Fenster waren ohne Glas, und sah man hinein in den Wohnraum, konnte man erkennen, dass Treppen einfach ins Nichts führten.
Eine Stadt ohne Leben, geschaffen von dem Kind, das er irgendwann einmal gewesen war.


Kurz blieb Naheniel stehen, legte den Kopf leicht schräg, atmete die kalte Luft tief ein und strich sich eine lose, blonde Haarsträhne aus der Stirn, bevor er seine Finger wie zu einem lautlosen Tanz durch die Luft gleiten ließ. Kaum merklich hoben sich seine Mundwinkel, als er das Zittern von Freyas Macht auf seiner Haut spürte. Sie war nicht weit, ganz im Gegenteil, fast war es ihm, als könne er ihren aufgeregten Herzschlag hören.
Die Energie, die von ihrem Werk in der Taverne geblieben war, warf sich wie ein niemals enden wollendes Echo zwischen den Häuserwänden hin und her und sickerte in einem gleichbleibenden Pulsieren durch die Strukturen der Stadt. Alles an der Macht des Schlüssels war noch so unreif, so wild und unkontrolliert. Und dennoch beeindruckend.


Ob Freya mittlerweile vollends nachvollziehen konnte, was sie war? Und was sie in Zukunft sein konnte?
Naheniel sah auf seine Hand, die die Luft berührt hatte und rieb die Fingerkuppen langsam aufeinander. Ein Schlüssel in einem kindlichen Körper. Es war amüsant, wo die Macht sich zu verstecken suchte, um geschützt zu sein.


Als ein dumpfes Grollen den Boden erschütterte, wurde er aus seinen Überlegungen gerissen. In der Ferne erklang das endgültige Bersten von Holz, und der Geruch des Feuers, das sich durch die Reste der Taverne fraß, breitete sich beißend in den Gassen aus. In dichten, schwarzen Wolken stieg der Rauch auf und verschwand im Nichts, das sich über Lichthafen erstreckte.

Ohne dem Geschehen noch irgendeine Beachtung zu schenken, setzte seinen Weg fort, berührte hier und da den Stein der Mauern, als wolle er erfühlen, ob die Wärme eines fremden Körpers sich dahinter verbarg. Manchmal zuckte ein Schatten auf, wenn er eine neue Gasse betrat, ohne jedoch eine konkrete Form anzunehmen. Es waren bloße Schemen derer, die im wirklichen Lichthafen lebten,  und die bei seinem ersten Versuch, einen Ort allein für sich zu schaffen, nicht ganz vermeidbar gewesen waren. 

Naheniel bog nach rechts ab und als er ein Haus erreichte, dessen Tür einen Spaltbreit offen stand, hielt er inne, stieß sie ein kleines Stück weiter auf und ließ seinen Blick durch das schummrige Innere gleiten. Verstand das Mädchen, dass die Jagd nur ihr allein galt? Das jahrelange Schauspiel war zu Ende und der Gedanke daran, dass sie nun begriff, dass er schon immer ihr eigentlicher Feind gewesen war, erheiterte ihn auf eine kühle, recht distanzierte Weise. Wie blind sie ihm doch einst gefolgt war und ihn sogar vor ihrer Mentorin und den Mitgliedern ihrer Gilde verteidigt hatte. Wie traurig für Freya, dass die anderen alle recht gehabt hatten, als sie sie warnten. 

Langsam schwebte seine Hand knapp über dem Türstock, woraufhin sich ein dünner Faden aus Dunkelheit von seinen Fingern löste, über das Holz kroch und sich durch die Mauern bis nach oben schlängelte, bis er das gesamte Gebäude wie ein Netz überzog. 
Er zog die Hand zurück und trat einen Schritt nach hinten. Die Dunkelheit aber blieb und trieb feine Risse in den Stein, die sich mit jedem Atemzug den er tat weiteten, bis das Haus schließlich unter der Gewalt der Dunkelheit zerbarst und einstürzte.

Staub und Schutt ergossen sich in einer dichten grauen Wolke auf die Straße, doch Naheniel machte keine Anstalten zurückzuweichen.
Ungerührt blieb er stehen, als das Holz zersplitterte, Stein auf Stein fiel und sich Staub in einer feinen Schicht auf sein helles Haar und seine Kleidung legte. Mit Gleichgültigkeit betrachtete er das Resultat seiner eigenen Zerstörung und zog seine Brauen abschätzend zusammen. 


"Hm." Mit einer knappen Bewegung klopfte er sich den Staub von seinem Mantel und wandte sich ab, ohne der Ruine einen weiteren Blick zu würdigen. 
"Hier bist Du also nicht."
Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst.
Bist es immer noch Du? Oder bin es nun ich?


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Spürst Du den Hunger nach der Dunkelheit, schreit er bereits in Dir? 
Sag, mache ich Dir Angst oder fühlst Du Dich erst lebendig wegen mir?
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Etoh
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#1771

Beitrag von Etoh »

Irgendwo auf den Straßen von Sturmkante

Kadirs Ausführungen und Auffassung um den Verbleib seiner Leute überraschte ihn nicht wirklich. Im Grunde hat er sich eine solche Einstellung bereits gedacht. Die Leute waren nützlich so lange sie gewinnbringend eingesetzt werden konnten. Jede Information, jedes Gerücht hatte seinen Wert. Auf der anderen Seite, war es nicht etwas nachlässig von einem Mann der sich ein Monopol aufgebaut hat nicht über jeden Handlanger seiner Handlanger ebenso Bescheid zu wissen? Etoh wollte es dabei belassen und nicht weiter Nachhaken. Auch zum Schutz von Flynt. Vielleicht würde er den Jungen auch schon bald vergessen haben. Zumindest so lange wie auch der Junge nicht wieder die Nähe zu den Dieben suchen würde. Etoh drehte sich wieder ein um weiter zu gehen. Zu Kadirs Frage ob seine Fragen nun beantwortet seien nickte er nur.
 
Der Schnee unter ihren Fußsohlen begann leise zu knirschen. Etoh mochte dieses Geräusch, immer schon. Was er am Schnee auch mochte waren die Spuren die darin zu sehen waren. Niemand konnte sich derer erwehren. Zumindest eine Zeit lang, bevor die Armee der kalten Flocken sich auch über diese legen würde. Etoh sah nach vorne, nie zurück. Die Flocken legten sich in seinem Haar ab. Jedoch störte er sich nicht daran. Er hatte gelernt Dinge die nebensächlich waren auszublenden. Sein Fokus lag bei Kadir und dem Gespräch das sie führten. Immer dann wenn Kadir den Blick von Etoh abwand, tat er es ihm gleich. In diesen Momenten sah sich auch Etoh in den Straßen um. 

Sturmkante. Er kannte jeden Winkel, jede Seitengasse. Diese Stadt war sein zu Hause. Mit all ihrer Lasterhaftigkeit und dunklen Gassen. Zugleich war die Stadt aber auch das blühende Leben, mit großen Plätzen und einen florierenden Handel. Aus allen Teilen der Welt kamen hier die Handelsschiffe an. Viele Matrosen zog es in den Tempel um Artherk für die sichere Überfahrt zu danken. Sturmkante war auch die einzige Stadt in welcher die Obrigkeit der Diener Ogrimars es nie schaffte mit einem eigenen Raum der Huldigung an ihren Gott Fuß zu fassen. Kein seelischer oder moralischer Beistand für jene die in den Schatten lebten. 
 
Kadir schien über die Familie von der sie sprachen gut Informiert zu sein. Sachte nickt er zu seinen Ausführungen. „Ich denke es passiert immer wieder bei einem Generationenwechsel, das die Werte und das Augenmerk neu ausgewürfelt werden. Selbiges erleben wir sogar innerhalb der Kirche. Was dem einen zu lasch und inkonsequent erscheint, mag für den anderen zu brutal und dem eigenen Glauben nicht gerecht erscheinen. Ihr wisst doch wie es ist, die Jungen glauben oft den Älteren überlegen zu sein“ Das er sich selbst dabei nicht Ausnehmen konnte, behielt der Priester für sich. Auch er handelte in einigen Bereichen mit einer anderen Sicht auf die Dinge als sein Mentor es tat. Er war offener was die Beziehungen und die Gesprächsbereitschaft zu gewissen Gruppen anging. Was auch innerhalb der Glaubensgemeinschaft gerne zu einer Grundsatzdiskussion führte, oder warum er zu Malaar ein eher unterkühltes Verhältnis hatte.
„Was eine Reinsprechung auf die eine oder andere Art und Weiße für die Seele jedes einzelnen bedeuten kann, überlassen wir dann doch den Gläubigen selbst. Es ist der Glaube an die Möglichkeit, welcher der Sache Kraft verleiht.“
Etoh presst dabei seine Lippen aufeinander um damit ein weiteres schmunzeln zu unterdrücken, was ihm jedoch nicht so recht gelingen mag. Kadir würde wohl erkennen das Etoh auch schnell mal 5 gerade sein lässt.
 
Kadirs leicht provokante Fragen waren an sich sehr tiefgründig. Ruhigen Schrittes folgt er dem Einschlag seines Gesprächspartners. Weiterhin hielt er seine Hände im Rücken verschränkt und sah auf den glitzernden Schnee vor ihnen. „Vielleicht sollten wir über dieses Thema an einem anderen Tag sprechen. Es ist zu komplex und geht tiefer als das ich es euch bei einem nächtlichen Spaziergang erklären könnte. Vielleicht wollt ihr mich ja zu einem weiteren Gespräch zu euch einladen?“
 
Als Kadir plötzlich vor ihm stehen blieb um ihn in die Augen zu sehen, erwidert Etoh seinen Blick. Er löst die Hände aus seinem Rücken und richtet sich etwas gerader auf. Natürlich war auch er an jeder Information interessiert die er bekommen konnte. Wer war das nicht? Schlagartig wurde seine Aufmerksamkeit ernster. Kamen sie so langsam an den Kern ihres Treffens?
Leider blieb Kadir sehr wage mit seinen Hinweisen, was den Priester leicht verstimmte. Anmerken lassen wollte er es sich jedoch nicht. War die Beziehung die sie gerade am aufbauen waren noch sehr fragil. Allerdings schien der Fuchs einen gewissen Redebedarf zu haben, warum sonst hatte er nach ihn schicken lassen!? Mit festen Blick sah er Kadir in die Augen.
 
 „Ist es eine Vermutung oder habt ihr das Wissen darüber wessen Hand den Schlüssel drehte? Vielleicht komme ich auch selber darauf, wenn ihr mir den Ort nennen könnt wo sich jene Person die verlorengegangen scheint sich aufhält.“  Gleich darauf wird Etohs Blick etwas milder, fast zu freundlich wirkend. Das er den Fuchs nicht einfach um den Finger wickeln konnte war ihm klar, aber vielleicht doch ein bisschen an seiner eigenen Neugierde kratzen. „Wenn wir es genau nehmen, seid ihr auf mich zugekommen um mir eine Information zukommen zu lassen. Das es nicht umsonst ist, war mir klar. Also was wollt ihr wissen?“
 
Etoh legt die Stirn kraus. Eine Information gegen eine Information. Ja, so laufen Geschäfte ab. Dennoch sträubte sich alles in ihm sein Privatleben als Einsatz preis geben zu sollen. Es hatte wohl einen Grund warum nicht jedermann über seine privaten Verhältnisse Bescheid wusste. Einen Moment sinnierte der Priester über die Frage, überlegte wie er dem Fuchs eindeutig klar machte das sein Privatleben nicht zur Verhandlung stand. Er entschied sich dazu es dem Geschäftsmann vor sich so klar wie möglich zu Erklären.
Wisst ihr, Kadir,“ in diesen Moment nutzt er das erste mal den Namen seines Gegenüber. Es mag ein kleines Zeichen davon sein, das ihn der Namen des Concierge des Altheanischen Verbrecherbundes geläufig war. „es gibt einen Grund warum über mein Privatleben wenig bekannt ist. Ganz einfach weil es Privat ist. Doch böse Zungen behaupten ich wäre mit meinem Gott verheiratet und daher nicht in der Lage eine beständige Beziehung zu einem irdischen Wesen einzugehen.“ Dabei musste der Priester ein wenig schmunzeln und kippte seinen Kopf mit einem Schulternzucken zur Seite. Es mag ein wenig Entschuldigend wirken, dass er seinem Gegenüber keine bessere Antwort darauf geben konnte....oder wollte.
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Heiler zum Beruf - Priester aus Berufung
"Du weißt nicht, wie schwer die Last ist, die du nicht trägst"
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Landru
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#1772

Beitrag von Landru »

Sie war erwacht. 
Um es zu beenden.
Was genau? Seine Existenz? 
Ihre Qual? 
Ihre Erinnerungen?
Ihre Sehnsüchte? 


Doch so angeschlagen sie war, war es ihr offenbar gelungen - fast - ungesehen sich davon zu schleichen. Verfolgt von einem achtsamen und pflichtbewussten Wächter, dessen Kopf auf dem Spiel stand. Der Einzige der wirklich noch keine Ahnung hatte was da vor sich ging, war Landru selbst, der noch vom Tod seines Ziels ausging. Welch' Überraschung es doch werden würde. Doch Blut flüstert. Er besaß keine Fähigkeit sie zu rufen aus der Ferne. Sonst hätte er es wohl längst getan. Er besaß dafür andere Eigenschaften und die hatte er nur aufgrund ihres Todes nicht wirklich zur Anwendung gebracht. Wer verschwendet Ressourcen an totes Fleisch. Der Ring war allerdings eine Möglichkeit für seine Ziele noch nützlich zu sein. Es war keine Fedhe gegen Tanuri nur persönlich, vielleicht zu einem gewissen Teil auch, aber nicht nur. Er verband das nützliche nur mit dem praktischen. Die persönlichen Unzulänglichkeiten durch praktische Anwendung zufällig mit abzuarbeiten war doch perfekt. Ihr Tod hatte ziemlich viel durcheinander geworfen. Auf einem Schlag die Abendunterhaltung dahin. Wie bedauerlich. 

Aber auch er hatte natürlich seine Quellen und Spione. Nicht nur einen Schneider. Sondern auch Tiere, Tiere die mal Tiere waren, jetzt eher eine groteske Abwandlung ihrer ursprünglichen Rasse darstellten. Langeweile Projekte, oder einfach Frustabbau. Was auch immer, beides sicherlich nicht falsch. Auch jenen Tieren dürfte das Fortlaufen einer vermeidlichen Leiche aufgefallen sein. Rattengroß waren sie recht unscheinbar. Sie wirkten wie entstellte missgebildete Ratten, aber noch waren sie weit von ihrem Herrn entfernt und so blieb es bei dem leisen quiecken aus dem Busch und den schwarzen großen Augen in denen sich erst kurz das Antlitz der Priesterin als sie den Weg entlang huschte, dann kurz nachhier vom Verfolger spiegelte. Die Tierchen waren dumm, sie wussten noch nicht welche brisante Neuigkeit sie dort sahen. Nein, da war der alte verschimmelte Käse am Wegesrand noch interessanter. Kein eindrücklicher Befehl bedeutete diese Information blieb erstmal bei der Mahlzeit des Tierchens stecken. 

Islaf unterdessen schneiderte brav. Bei schwachen Licht, mit Nadel und Faden, einsam in seinem Haus in Lichthafen. Einst bewohnt von Frau und Kind, jetzt nur noch er und Staub. Das Haus wirkt nicht mehr so aufgeräumt und Islaf wirkt nicht mehr sonderlich gesund. Auch wenn er sich bester Gesundheit erfreute. So zeichnen Ringe seine Augen und von Traurigkeit nicht von Erschöpfung. Ein wenig bleich wirkte er, ihm fehlte es an dem kostbaren Saft der Stark und Munter machte, so leistungsfähig und fast immun gegen alle Krankheiten. Ein Wundermittel. Was hätte er damit für Geld verdienen können. Aber der Preis der Droge war hoch. Zu hoch. Bis er das verstanden hatte war es zu spät und all die Pläne sich und der Familie ein besseres Leben zu ermöglichen dahin. Also nähte er und lebte von dem was ein Unhold fallen ließ. Irgendwie bereits tot obwohl er noch atmete. Verkrüppelt obwohl er so fit wie nie zu vor war. Der Schatten ließ den Kopf heben. "Ihr seids." Stellte er fest. Er konnte seinen Herrn fühlen. Als würde das Blut in seinen Venen stärker ziehen, wenn er in der Nähe war. "Wer sonst, erwartest du jemanden?" Eine nicht ernst gemeinte Frage, denn der Schneider hatte niemanden mehr. Dafür hatte er gesorgt. Jegliche Freundschaften gekappt, jegliche Bindung und Verpflichtung enthoben. Perfekt, ein Diener nur für seine Belange. "Nein." Raunte er zustimmend. "Gräme dich nicht, alles was du brauchst bekommst du von mir." Das süsse Geflecht eines toxischen Herrschers. Natürlich die Abhängigkeit fördern. Schuld wachsen lassen um dann wieder zu retten. "Ich weiß, dafür bin ich dankbar." Das schmale Lächeln auf den Lippen des Unholds verriet das er genau weiß, dass Islaf nicht mehr dankbar war. Sondern eher pflichtbewusst. Nicht aus Wille sondern aus Gehorsam heraus. Die knochige Hand legte sich auf den Schopf des Schneiders. Die kalten Finger spielen einen Moment mit den Haaren und obwohl Islaf es nicht will, schloss er durchaus zufrieden die Augen. Als würde er nach langem Durst wieder einen Tropfen Süsswasser erhaschen. Ein Teil schämt sich dessen, der andere weiß, es war das Band. Die Knechtschaft. Das Sklavenhalsband das ihm auferlegt wurde. Die Hand zog sich wortlos zurück und sofort trat bedauern auf die Züge des Schneiders. Aber er sagte nichts. Er wehre sich dagegen, danach zu verlangen oder zu bitten. Weil es sich so falsch in seinem Kopf anfühlte. "Einmal am Tag will ich das du zu Halam gehst. Frag ihn ob der Fuchs was hinterlassen hat." 

Islafs Augen weiten sich einen Moment. "Dd...der Fuchs.?" Scheinbar kennt er diesen Namen. Na gut, ein zwielichtiger Dieb mit besten Verbindungen in den Untergrund, da wird sicher viel gemunkelt. "Angst?" Islaf schüttelte den Kopf. "Nein.. nur Überrascht. Den Fuchs kennt jeder." Meinte er bestimmt und begann grimmig weiter zu nähen. "Mal auf die gute und mal auf die schlechte Art." Intesse spiegelte sich in den rötlichen Iriden. "So? Ich glaube du möchtest mir eine Geschichte erzählen Islaf." Natürlich war er begeistert, wenn er mehr gegen den Gansräuber in der Hand hält. Nur für alle Fälle und für den Fall, dass der Fuchs doch entschied seine Geduld auf die Probe zu stellen. "Vielleicht sind es auch nur Gerüchte." Gerüchte waren so wie Plätzchen, einmal zugehört kann man nicht aufhören weiter zu zuhören. "Erzähls mir." Raunte es eindringlicher und seufztend legte Islaf Nadel und Faden bei Seite. 
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Sohn seiner Lordschaft Kain und der Lady Enoia Vykos
"Es widerspricht meiner Moral, mich an eure zu halten!"
Asja
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#1773

Beitrag von Asja »

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Asja spürte die Hitze des Feuers auf ihrem Gesicht, während sie weiterhin unbeirrt die glühenden Scheite im Kamin ordnete und Stellans Worten aufmerksam zuhörte. Natürlich hörte sie den zynischen Unterton in seiner Stimme, als er von Bettwärme  sprach und ein unwillkürliches Schaudern lief über ihren Rücken. Sie presste ihre Lippen zusammen und fasste noch stärker nach dem Schürhaken, um das leichte Zittern in ihren Fingern zu verbergen. Sie war keine von den Dirnen, die sich des Nachts in den düsteren Gassen umher trieben und für ihre Dienste Kupfer, Silber und Gold forderten. Genauso wenig war sie eine von den lüsternen Weibern, die einem jeden Mann hinterher hechelten, nach Aufmerksamkeit und Zuwendung suchend und für beides alles taten, Hauptsache sie wurden wahrgenommen. 

Das, was Stellan tat, war ein Machtspiel, das sie durchaus begriff. Denn gleich, wer oder was sie war, sie würde immer die Unterlegenere bleiben. Man blieb das, als was man geboren wurde, benutzen würde sie sich aber nicht lassen. Ihre Gedanken ließ sie jedoch unausgesprochen, schluckte sie hinunter und betrachtete weiter stur das Feuer. 

Die Forderungen oder auch Erwartungen Stellans, gerade über das, was das Kind der Priesterin betraf, waren eindeutig und sie verstand, dass sie, gleich was sie sagen oder tun würde, ohnehin nicht mehr auskam. Denn sie hatte in ihrem Leben ganz genau gelernt, was Zwang bedeutete. Die Hand ihrer Großmutter an ihrem Hinterkopf, als sie versuchte, sie als junges Kind im Badezuber zu ertränken, der Griff des Stallmeisters ihres alten Dienstherrn, als er sie ins Stroh warf, ihre Knie auseinanderschob und seinen Gurt öffnete, der Blick der Leute auf dem Markt, wenn sie das blinde Auge und das rote Haar sahen und unverhohlen über sie urteilten. Trotzdem war das hier anders. Niemand hielt sie fest. Niemand schrie sie an. Der Zwang, mochte er noch so unterschwellig sein, lag einzig in der Art, wie er sprach. Als hätte er längst den Weg mit ihr dorthin beschritten, bevor sie ihren eigenen Fuß gesetzt hatten. 

Nach einer schier endlos wirkenden Zeit, stellte Asja den Schürhaken zur Seite und versuchte, ihrer Stimme eine gewisse Festigkeit zu geben, damit Stellan ihre Unsicherheit nicht hörte. "Ich verstehe wovon Ihr sprecht und deshalb folge ich Euch." Über ihre Schulter hinweg sah sie zu ihm und sprach nun etwas lauter, da sie von dem, was sie sagte, eigentlich ziemlich überzeugt war. "Bis ich einen Grund habe, es nicht mehr zu tun." Auf eine Weise hatte sie Angst vor ihm, nicht vor seiner Hand oder seinem Zorn, sondern vor etwas anderem, das von ihm ausging. Etwas, das für sie noch nicht fassbar war. Noch dazu fühlte sie sich nackt vor seinem Blick, als könne er nicht nur ihre Gedanken, sondern auch das Pochen ihres viel zu schnellen Herzens sehen und so richtete sie ihre Augen schnell wieder auf das Feuer. 

"Ihr habt recht. Ich zucke nicht zusammen, auch fürchte ich mich nicht." Sie hielt kurz inne und schüttelte leicht ihren Kopf, so dass sich eine Strähne ihres roten Haares in ihr Gesicht verirrte. "Zumindest nicht vor dem, wovon ihr sprecht. Nicht aber, weil ich besonders mutig bin. Sondern weil ich weiß, dass der Glaube an ein Entkommen töricht ist. Außerdem: Warum sollte ich vor einem Ende einer Welt fliehen, in der ich ohnehin nur den Staub von den Stiefeln derer wische, die sich für wichtig und für besser halten?" Asja überlegte, weiterhin die tanzenden Flammen betrachtend, bevor sie sich erhob und erneut auf den Mann zuging, getrieben von einer Mischung aus Ehrfurcht und Selbsterhaltungstrieb. Wenn er die Welt in seine Einzelteile zerlegen wollte, nur um sie danach neu zusammenzusetzen, war der sicherste Ort mit Gewissheit an seiner Seite. 

"Alles was ihr beschreibt, die Urgewalten der Götter, das Chaos, die Ordnung, für andere mag es wie Wahnsinn klingen. Aber für mich klingt es wie das ehrlichste Wort, das ich seit Jahren gehört habe. Das Brechen des alten Lebens, wie wir es kennen und die Zerstörung von allem, in was wir leben, ist keine Bedrohung. So wie Ihr davon sprecht, ist es eine Notwendigkeit. Die Gefäße der Götter sind zu eng geworden, vielleicht sogar wegen uns Menschen, weil wir in unserer Überheblichkeit dachten, sie in diese zwängen zu können." Sie ging einen weiteren Schritt auf ihn zu und die Aufregung färbte mittlerweile ihre Wangen rot und zeichnete einen fast kindlich unschuldigen Glanz auf ihr gesundes Auge, ganz so, als hätte sie ihr Leben bisher noch nicht gezeichnet. 

"Wenn das so ist, dann ist es die Bestimmung der Götter, dass die Zeit für das Zerspringen ihrer Gefäße gekommen ist." Ihr Brustkorb hob und senkte sich, als sie all die Möglichkeiten und die Bedeutung dessen, was sein Vorhaben auch auf lange Sicht bedeutete, durchdachte. 

"Und ich will….", sie hielt ihren Atem für einige gespannte Augenblicke an, ballte ihre Hände zu Fäusten und vergrub ihre Nägel in ihre Haut. Aber selbst dieser sachte Schmerz hielt sie nicht zurück, "ich will dabei sein, wenn es geschieht." Asja senkte ihren Blick für einen Moment, überwältigt nicht nur von der Schwere seiner Ehrlichkeit ihr gegenüber, sondern von ihrer eigenen, eigentlich sehr freiwilligen, Bereitschaft, ihm zu folgen. "Ich sehe vieles, Lord var Aesir, manches will ich sehen, vieles nicht. Mein Blick reicht von der Vergangenheit bis in die Zukunft. Nur meine Eigene, die sehe ich nicht. Vielleicht eine weise Entscheidung des Schicksals, als es mir dieses Leben und diese Gabe gab. Es stellt sich die Frage, ob ich zögern würde, wenn ich sehen könnte, dass Ihr im Unrecht seid und Ihr mich in den Abgrund reißt und ich schon bald am Scheiterhaufen ende." Als sie ihn wieder ansah, legte sich ein feines, fast unmerkliches Lächeln, auf ihre Lippen.

Für einen Moment sah sie Stellan nicht mehr als den mächtigen Fremden an, sondern als einen Menschen, mit dem sie zum ersten Mal in ihrem Leben etwas teilen konnte. Mit dem nächsten Atemzug war der Augenblick wieder vorbei und sie senkte eilig ihren Kopf. Sie dachte an Nymeria. Ein kleines Mädchen, das bereits in viel zu jungen Jahren ihre Kindheit verlieren würde, wenn alles sich Stellans Plan erfüllte. Auch wenn sie nur wenig davon verstand, glaubte sie daran, dass Kinder Kinder sein und bleiben sollten, solange es ging.


"Wenn Ihr es fordert, werde ich die Waage für Nymeria sein. Ob ich ihr aber Wärme geben kann, damit sie an Eurem Vorhaben nicht zerbricht, das kann ich Euch nicht garantieren. Aber verlangt von mir nicht, dass ich ihre Zukunft sehe." Denn die Frage, die unausgesprochen blieb, war jene danach, ob das Mädchen es überleben würde. 


 
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Adrian
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#1774

Beitrag von Adrian »

Vor langer Zeit
 
 
Damals hatte Adrian in ihren Worten nur eine Philosophie gesehen. Eine kühle Logik der schöpferischen Ordnung. Was auch sonst. Leben und Tod als fließende Zustände und ein Funke, der den ewigen Wechsel antrieb. Geboren aus Stille, genährt von Dunkelheit, bis die Finsternis selbst zum letzten, notwendigen Schritt wurde, bevor etwas Neues beginnen konnte.

Schweigend hatte er vor ihr gestanden und ihre Schultern gehalten. Alyssas Blick glitt jedoch leer an ihm vorbei in eine unsichtbare Ferne, die sich einem Zugriff entzog. Tränen liefen still über ihre Wangen, ohne dass sie versuchte, sie wegzuwischen. Ihre Lippen zitterten kaum merklich. Aber Adrian registrierte sie, auch, wenn er sie nicht begreifen konnte.

Was Alyssa tatsächlich sah oder durchlebte, darüber konnte er nur spekulieren. Ihre Worte waren mal kryptisch, mal bruchstückhaft und widersprüchlich. Sie zu entschlüsseln war die Herausforderung des Schicksals.
Prophezeiung oder Fiebertraum – er wusste es nicht. Doch ihr Gesicht verriet mehr als ihre Sprache. Die feinen Linien um ihre Augen, die Spannung in ihrem Kiefer. Ihre Visionen hinterließen Spuren. Und sie wurden tiefer. Ein Anblick, der ihm nicht gefiel und doch musste er versuchen, so viel wie möglich über das zu erfahren, was sie gesehen hatte, selbst wenn es sie aufwühlte.
 
„Wenn der Himmel zerbricht und die Erde schweigt,
wird das Licht in der Dunkelheit den Weg offenbaren.
Nicht um die Finsternis zu vertreiben, sondern um sie zu führen und seine Tore zu öffnen.
Die Schatten werden sich vor dem Licht sammeln wie Krieger.
Sie werden sich winden, sie werden sich beugen,
denn dieses Licht ist kein Feind der Dunkelheit, sie ist eine Hälfte von ihr.
Der Funke ist der Schlüssel. Sein Wille.
Bewahre, was nicht fallen darf. Hüte, was nicht sterben darf.
Denn der Pfad, der einmal rot gefärbt ist, kennt keinen Morgen mehr.
"
 

Langsam war Adrian in die Hocke gegangen, bis sich ihre Augen auf einer Höhe befanden. Ruhig und tröstlich hatte er seine rechte Hand an ihre Wange wandern lassen, um die eine Träne nach der anderen behutsam fortzuwischen.

„Was macht dir Angst?“ Seine Stimme senkte sich zu einem warmen, dunklen Klang, von dem er wusste, dass er zu ihr durchdrang. Einnehmend und dennoch mit einer stillen Autorität,die ihr nicht erlaubte sich ihm zu entziehen. „Sag es mir.“

Mit sanfter Beharrlichkeit hatte er ihren Blick eingefangen, bis sie ihn wieder wahrnahm. Zwei Finger glitten unter ihr Kinn und hoben es an, damit sie ihm weder entgleiten noch ausweichen konnte, auch wenn der Ausdruck auf ihren Zügen noch immer verschwommen war.

„Du darfst ihn nicht töten, Adrian.“ Alyssas Stimme war nur ein leises Flüstern, doch in ihm lag etwas Eindringliches verborgen. Etwas, das über eine Bitte hinausging, auch wenn er es nicht greifen konnte.
Adrian neigte seinen Kopf zur Seite, während sein Daumen ihren Wangenknochen nachzeichnete und sie fragend ansah. „Wen soll ich nicht töten?“

„Wenn ich es dir sage, versprich mir, dass du ihm nichts tun wirst.“ Ein flackernder Ausdruck lag in ihren Augen. Nicht nur aus Angst. Adrian antwortete nicht direkt, sondern ließ die Forderung im Raum schweben. Seine Lider senkten sich einen Atemzug lang, ehe sein Blick ruhiger und weicher wurde. Beschwichtigend hob er die Hand ein Stück, hielt jedoch inne, bevor sie sich zu einem Versprechen formen konnte. Nur ein kaum merkliches Ausatmen, ein sanftes Neigen des Kopfes – genug, dass sie es als Zustimmung lesen konnte. Doch in seinen Augen lag keine Zusage, nur Aufmerksamkeit.

„Er sagte, er macht mich zu einem Stern. Dann wäre ich frei … frei von allem, und er könnte mich immer ansehen.“ Ihr Blick befreite sich, nur um ihn warnend zu fixieren. „Er ist so wütend. So wütend. Alles ist so dunkel."

„Sprichst du von Naheniel?“ Adrian hatte die Brauen leicht zusammengezogen. Es sah ihm ähnlich, auch wenn er zornig war. Doch die Wut galt ihm und nicht Alyssa. Naheniel hatte immer gewusst, dass der Tag kommen würde und er würde lernen, es zu akzeptieren. Alte Regeln – Traditionen und stillschweigende Gesetze –, existierten nicht ohne Grund. Gründe, die man nicht ignorierte, nur weil sie unbequem waren. Ob seinem Freund das gefiel oder nicht. Ihn jedoch töten? Warum sollte er das tun? „Ich rede mit ihm.“

„Nein.“ Hastig blinzelte sie mehrmals hintereinander, als würde sie aus der Tiefe auftauchen. Unmittelbar griff ihre Hand fester um seinen Arm, während ihr Blick sich abrupt klärte und sie ihm direkt und eindringlich in die Augen sah. „Du musst es mir versprechen: was auch immer geschieht ...“

„Alyssa…“ Ein schmales, vorwurfsvolles Lächeln zog kurz über seine Lippen, während er den Kopf leicht schief legte. In Wahrheit hatte er schon damals mit einigen von Naheniels Überzeugungen gebrochen. Seine Schöpfung, wie Naheniel es nannte, war faszinierend und anmaßend zugleich. Doch der Drang zu erschaffen, zu formen, zu besitzen – er war gefährlich. Er veränderte. Damals hatte Adrian jedoch geglaubt, alles unter Kontrolle halten zu können.

Ruhig hatte er eine feuchte Strähne aus ihrer Stirn gestrichen und ihre Züge betrachtet. Ihre Vision hatte also etwas mit Naheniel zu tun gehabt. Aber was war die Botschaft dahinter, was hatte Alyssa darin gesehen. „Soll ich Vater sagen, dass wir die Zeremonie verschieben?“

Sicher wäre diese Bitte nichts, was der alte Mann gutheißen würde. Er würde toben über eine so kurzfristige Änderung. Doch in Anbetracht einer möglichen Warnung, die damit einherging, würde sich sein Vater überzeugen lassen.

„Nein, das darfst du nicht. Nein, nein, nein. Alles muss so geschehen.“ Fast schon forsch hatte sie ihren Kopf in einer vehement verneinenden Geste geschüttelt.

„Ich meine es ernst, Adrian.“ Alyssas Augen hatten sich verengt, bevor sie sich verschwörerisch zu ihm vorgebeugt hatte. Ihr Gesichtsausdruck war ungewohnt scharf, fast fremd auf ihren Zügen. Eine ungewöhnlich klare Entschlossenheit, die Besitz von ihren Augen ergriffen hatte und keinen Widerspruch duldete. „Schwör es mir!“
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✟ Oberhaupt der Familie Al Saher ❖ Gemahl der PriesterinTanuri Al Saher
❖ Bruder des Verlion Al Saher ❖
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-Freya-
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#1775

Beitrag von -Freya- »

Freyas Atem hielt inne, als sie abrupt zum Stillstand kam. Skeptisch wanderten ihre Augen über die Oberfläche. Vor ihr erhob sich ihr eigenes Abbild, das jede ihrer Bewegungen nachahmte. Langes, schwarzes Haar fiel wie ein ungezähmter Schatten um ihr schmales Gesicht, dessen sonnenwarme Haut Spuren von feinem, dunklem Staub auf ihren Wangen und Stirn zeigte. Auch Hemd und Hose trugen diesen grauen Schleier aus Asche und Rauch. Aber es war nicht ihr eigenes Spiegelbild, das sie innehalten ließ.

„Was …“ Das war unmög… Nein, sie durfte es nicht aussprechen. Auch wenn der Gedanke, dass es nicht sein konnte, Zweifel weckte, ob sie es wirklich sah. Sie musste sich überzeugen. Mit einer leichten Drehung sah Freya über die Schulter hinweg auf den düsteren Flur, der hinter dem Türrahmen hinausführte, ehe sich ihr Blick der spiegelnden Oberfläche zuwandte. „Aber wie soll das möglich sein?“

Ein Schauer drängte sich über ihren Nacken, als sie vorsichtig ihre Hand ausstreckte und mit ihren Fingerspitzen das glatte Glas berührte. Wie? Wie konnte es sein? Die Tür war geschlossen. Tastend strich sie über den Türgriff, doch konnte sie ihn nicht berühren. Alles, was sie spürte, war die glatte Kälte des Glases.

War das wirklich? Oder wollte jemand sie verhöhnen? Spiegel konnten an einen anderen Ort führen. Wäre es anders, wäre sie niemals hier gelandet. Sie hatten eine Magie. Selbst Naheniel, Yasin, aber auch Haedinn und Ardyn hatten etwas gesehen. Eigentlich war es egal, denn wenn sie es nicht versuchte, würde sie wahrscheinlich nie erfahren, ob etwas dahinter verborgen lag.

Ihre Augen verengten sich, als sie ihre Nase krauszog und ihren Blick hastig herumwandte. Wie konnte sie die Tür öffnen? Suchend sah sie sich im Raum um. Irgendwas musste es doch geben, was ihr helfen konnte.
„Denk nach. Schlüssel öffnen etwas. Fangen wir vielleicht doch erstmal mit einer Tür an? Erinnere dich an die Worte des Katers. Eine Tür, ein Wille, ein Ziel ...“

Was hatte sie also noch zu verlieren, wenn sie den Worten glaubte? Nichts. Nein, sie musste sich entscheiden – zu handeln oder sich tatenlos zu ergeben. Aber wie sollte sie es anstellen? Ihr eigener Herzschlag dröhnte in ihren Ohren, während ihr Blick den Raum erneut absuchte.

Es musste einen Weg geben. Freyas Augen fixierten eine der Kisten. Ohne einer klaren Logik zu folgen, kniete sie sich vor die Truhe und hob den Deckel an. Eine alte Puppe, der bereits ein Auge fehlte und ein Paar löchrige Socken. War das alles? Vorsichtig tastete sie den Boden ab und klopfte zaghaft dagegen. Doch weder klang es hohl, noch fühlte es sich uneben an. Kein zweiter Boden. Nur Staub und Mäusekot.

„Verdammt!“ Leise fluchend ließ sie den Deckel fallen und wandte sich ohne weitere Umschweife der nächsten Truhe zu. Nur sinnloser Plunder. Eine alte Decke, eine tote Maus, aber nicht das, was sie suchte. Tief holte Freya Luft, nur um mit einem zarten Wimpernschlag auf die Kiste zu sehen, die am Ende des Raums stand.

„Bitte Ogrimar…“ flüsterte sie leise, bevor sie darauf zuging. Langsam strichen ihre Handflächen über das Holz. Ihre Augen schlossen sich, als sie vorsichtig den morschen Deckel anhob. Ausnahmsweise konnte doch einmal etwas zu ihren Gunsten geschehen, oder? Zögerlich hob Freya ihre Wimpern, bevor sie sich hinabkniete und das unerwartete Sammelsurium darin näher betrachtete, das vieles war, aber nicht ihr eigenes.

Hastig, aber sorgsam hob sie die Bücher heraus, deren Einbände sie nur beiläufig streifte. Lehrbücher, Geschichtsbücher und … eine Doktrin Ogrimars. Alt, aber gut erhalten im Gegensatz zu der Decke und dem Spielzeug. Zärtlich strich sie über das Buch, während sie den Atem anhielt. Auch wenn der Glaube sie nie verlassen hatte, war er seit langer Zeit zum ersten Mal wieder greifbar. Freya konnte es spüren. Ein Kribbeln unter ihren Fingerspitzen, die sich nur langsam und ehrfürchtig davon lösten. Es war vielleicht ein Zeichen und nur ein winziger Schritt trennte sie davon zurückzukehren.

Vorsichtig legte sie die Doktrin beiseite, bevor sie sich dem restlichen Inhalt zuwandte. Wem auch immer all das gehört hatte, war sehr sorgfältig gewesen. Unter ordentlich zusammengefalteten warmen Unterhosen kam ein dunkelblaues seidenes Band zum Vorschein, neben dem eine Kohlezeichnung lag.


Beiläufig fingen ihre Augen das Bild ein, das ein Mädchen mit einem wehenden Band in den Haaren von hinten auf einer Schaukel zeigte. Scheinbar war es ein Junge, der sie gemalt hatte. Ein Junge, der nicht nur das Band, sondern auch eine Locke von ihr gesammelt hatte, die aus einem kleinen Buch zum Vorschein kam. Unter anderen Umständen wäre sie vielleicht neugierig geworden und hätte das Buch aufgeschlagen, doch ihr Blick glitt hektisch auf den Spiegel, da sie bisher nicht ansatzweise das gefunden hatte, was sie suchte. Aber die Tür war noch da! Erleichtert entließ sie die Luft aus ihren Lungen. och durfte sie keine Zeit vertrödeln

Unmittelbar packte sie Schleife, Buch und Zeichnung zur Seite. Vielleicht hätte sie doch in die Küche laufen sollen. Ein Gedanke, deran ihr nagte, währned ihre Hand den Boden der Kiste abtastete. Da war noch etwas. Es fühlte sich ein wenig uneben an. Eine leicht raue Oberfläche, durchzogen von winzigen Rillen und Vertiefungen-

Vorsichtig streckte sie ihre Finger danach aus und holte einekleine Schiefertafel hervor. Die Kreide war verblasst und nur noch eine dünne Schicht von weißem Staub zeichnete sich darauf ab.

Scharf sog Freya die Luft ein, während ihre Augen das die blaßen Linien fixierten. Das konnte nicht sein! Wütend schlug sie die Tafel gegen den Bettpfosten. Der Schiefer zerbrach in viele Splitter, ebenso wie das, was darauf gezeichnet gewesen war. Lauter kleine Scherben, bis auf jenes Stück, das Freya in den Händen hielt. Ein Überrest, der scharfkantig schimmerte.

„Lügner!“ kam es beinahe kalt über ihre Lippen, während sie an der Scherbe entlang hinab auf ihr Handgelenk sah, bevor sie ihre Augen schloss. Es war alles eine Lüge. Jeder hatte es ihr gesagt, jeder hatte sie gewarnt. „Verräterischer Heuchler!“

Wild schüttelte sie den Kopf. Auch wenn sie wusste, es würde nichts ändern. Doch mit diesem Betrug konfrontiert zu werden, es zu sehen und nicht länger geblendet zu sein, hinterließ einen unbarmherzigen Schmerz aus Leere. Eine Leere, die sich zunehmend mit Wut füllte, wenn sie darüber nachdachte, wie blind und dumm sie gewesen war. Wie viele Menschen sie hintergangen hatte, um seinem Ruf immer wieder zu folgen und ihn zu schützen, von dem sie dachte, er wäre ihr Freund.

Tränen aus Zorn und alter Verletztheit schimmerten in ihren Augenwinkeln wie winzige Funken im Halbdunkel. Er wollte sie haben? Sie benutzen? Mit zitternden Nasenflügeln holte sie Luft, während ihre Hände sich zu Fäusten ballten, bis sie die Spitzen des Schiefers in ihrer Handfläche spüren konnte. Nur zu. Dann sollte er kommen. Auch wenn er der Schöpfer sein mochte. 


Ohne weiter an ein Scheitern zu denken, legte Freya die Scherbe beiseite und nahm das Band aus der Kiste. Ihre Finger glitten durch das lange Haar, um es zu bändigen und im Nacken zu einem Zopf zusammenzubinden.

Für einen flüchtigen Moment streifte ihr Blick zum Spiegel – ihre eigenen Augen darin zu sehen. Selbst das Band war eine Lüge, oder? Wahrscheinlich hatte er es selbst geschaffen, um sie zu kontrollieren. War es das, was er wollte? Dass sie seinem Willen folgte? Es war alles nur eine Täuschung. Eine Lüge.


Das Blau ihrer Augen glänzte, als würden sich die Sterne in ihnen widerspiegeln. Ganz sicher würde sie niemals sein wie er. Niemals. Weder würde sie sich brechen noch von irgendjemandem einsperren lassen. Sie gehörte niemandem.

Unbeirrt griff Freya nach dem Splitter der Tafel, der noch im Rahmen hing und ging auf den Spiegel zu. Ganz gleich, ob es funktionierte oder nicht, sie hoffte, dass er den Schmerz spüren konnte.
Mit einer klaren Entschlossenheit fuhr sie mit dem Splitter über ihre rechte Handfläche. Es war kein Dolch, keine Klinge. Die Kanten waren uneben, teils spitz, teils stumpf, aber auch wenn es unangenehm war, zögerte Freya keinen weiteren Augenblick.

Schmerzerfüllt verzog sich ihr Gesicht, während sie die spitze Kante durch ihre Haut drängte. Es war gleich, wie weh es tat. Sie konnte nicht einfach gehen und nach einem richtigen Messer suchen oder in den Tempel eilen. Nein. Wer wusste, ob das Bild, das sich ihr zeigte, nicht verschwinden würde. Außerdem war es eine Genugtuung, wenigsten daran zu glauben, dass er es ebenso fühlen konnte.

„Ich hoffe, du kannst es spüren!“ Ein Gedanke, der unbemerkt über ihre Lippen kam. 
Ihre Augen sahen auf die helle Haut und das rote Blut, das hervorquoll. Fest pressten sich ihre Lippen zusammen. Blut. Sie hatte es gesehen. Im Spiegel. Ein roter Schatten. Er war dort gewesen, ebenso wie Sie. Ein Zeichen. Ein Symbol. Freyas Nasenflügel bebten verunsichert, doch erlaubte sie sich weder einen Zweifel an dem, was sie gesehen hatte, noch an dem, was sie tat. Es war ein Instinkt, dem sie folgte.

Ihre Hand legte sich auf den Spiegel, ehe sie die Luft anhielt und den Zuspruch ihres eigenen Abbilds suchte. Doch nichts geschah. Es herrschte eine bedrückende Stille. Ein Herzschlag. Zwei Herzschläge. Mehr als scheitern konnte sie nicht. Oder?

Unruhig holte Freya Luft. Verdammt, sie war der Schlüssel. Irgendwas musste doch passieren, oder nicht? Sie hatte diese Macht gerade eben erst benutzt. Wieso konnte sie bewusst nach ihr greifen?

Kurz weiteten sich ihre Augen. Ein leises Knacken war zu hören, als würde ihre Hand auf einer dünnen Eisfläche ruhen, die selbst dem sanftesten Druck nachgab. Wehe dir. Nein, es durfte nicht splittern, nicht brechen. Freya spürte, wie ihre Hand zu zittern begann, während einige rote Tropfen über die Oberfläche rannen.
 
„Ganz ruhig, Freya.“ Eine Mahnung, die einzig ihr selbst galt, während sie ihre Lider senkte. Nur keine hastigen Bewegungen. Vorsichtig führte sie ihre Hand über die Oberfläche. Seichte Kurven, die das Symbol beschrieben, welches sie vor ihrem inneren Auge sah. Eine Rune, die sich wie ein Schleier vor die Tür legte. Erneut knackte es unter ihren Fingerspitzen. Nervös zuckte sie zusammen, doch zog sie ihre Hand nicht zurück, sondern öffnete langsam ihre Augen.


Ihr Blick wanderte über den Spiegel. Sie hatte es gehört, aber nirgendwo konnte sie einen Riss im Glas erkennen. Nur ihr eigenes Blut, das langsam an den von ihr gezogenen Linien hinabrann. „Nein! Komm schon!“
Die Tür, sie war da und verdammt nochmal sie musste sich öffnen! Ein Gedanke, den sie nicht vollenden konnte, als sie ein seichtes Vibrieren spürte. Ein Zittern im Glas, während ihre Hand selbst zu schimmern begann. Ein düsteres Licht, unter dem das Rot unter ihren Fingern nicht länger zu Boden rann, sondern in feinen Bahnen im Spiegel selbst verschwand.

Erneut hörte sie das Geräusch, während eine Wärme unter ihren Fingern spürbar wurde. Ein Gefühl, das sie schwer schlucken ließ. Ein Reißen, unter dem sich Sprünge im Glas abzeichneten. Risse, die sich jedoch nicht wie ein Netz über die Oberfläche verteilten, sondern wie ein Rahmen um die Tür zogen. Immer lauter wurde das Geräusch. Ein Zittern, das sie unter der Handfläche fühlen konnte, während das düstere Licht immer mehr durch die Risse hindurchdrang und ihre Finger den Türknauf plötzlich spüren konnte … „Bei Ogrimar …“

Zaghaft umschloss Freyas zierliche Hand den Griff, während etwas in ihr es noch immer nicht glauben konnte. Aufgeregt schlug ihr Herz gegen ihre Brust, während die Anspannung immer mehr wuchs . Was wenn dahinter nicht das wartete, was sie sich erhoffte oder es am Ende doch scheiterte und der Spiegel in tausend Scherben zerbersten würde. Nein. Ihr Wille zählte. Ein Wille - ein Ziel. Langsam senkte sie ihre Wimpern , ehe sie langsam an den Knauf drehte, bis sie spüren konnte, dass der Bolzen darin nachgab.
Ein leises Geräusch, das Freya die Luft anhalten ließ. Zögerlich hob sie ihre Wimpern und sah in den Spiegel, der nicht länger sie zeigte. Ihre Mundwinkel hoben sich, während ein Glanz sich über das Blau ihrer Augen legte. Es hatte funktioniert ...tatsächlich... Ein Ausweg. Der Weg, der sie womöglich sogar zu ihrer Familie zurückbringen würde. Berauscht und doch ein wenig skeptisch sah sie auf den schmalen Spalt, der langsam immer größer wurde. 
Bild

Geboren aus dem Wissen einer dunklen Vergangenheit - verblasst mein altes Leben im Schatten einer neuen Zeit.
~ Einfach Freya ~

In den Momenten, in denen nichts mehr bleibt, sieht man die unsichtbaren Fäden, die uns wirklich halten.
Ein Name allein hat dabei keine Bedeutung. Er kann verblassen, wie Tinte auf einem Pergament - wie ein leeres Versprechen.
Antworten

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