Wo war Adrian? Eine Antwort, die Tanuri noch bekommen würde, wenn sie die richtigen Fragen stellte.
Das Licht der Morgensonne drang durch die Fenster des Arbeitszimmers inmitten der Gärten von Silberstreif. Adrian saß in einem der opulenten Sessel und schnippte mit den Fingern, nur um einen Funken zu entzünden. Ein leichtes Aufzüngeln an seinen Fingerkuppen, das er spielerisch über seine Hand tanzen ließ, während er es betrachtete.
Sein Blick ruhte auf der Flamme, deren Wärme keinen Einzug in das eisige Blau seiner Augen fand. Kontrolliert führte er das Feuer, ließ es wachsen, bis er die Hitze spürte, nur um sie im entscheidenden Augenblick in einer wegwerfenden Geste in den offenen Kamin zu entlassen, bevor er das Spiel von vorn begann.
„Ob ich sie gefunden habe?“ Seine Stimme klang samtig, doch im Nachhall vibrierte unüberhörbar der Nerv, den diese Frage freigelegt hatte. Ein kaum merkliches Zucken ging über seine Kiefermuskeln, bevor er kurz die Lider senkte.
Gefunden hatte er sie. Doch es war zu spät. Er hätte sich von niemandem abhalten lassen dürfen. All die Verzögerungen und fadenscheinigen Argumente waren der Grund dafür, dass er nur noch mitansehen konnte, wie Naheniel Freya mit sich nahm. Ihre Hand, die sich nach ihm ausgestreckt hatte.
Alles, was Adrian nach Hause brachte, waren die sterblichen Überreste seiner Schwester. Alyssa, die nun frei war.
Vor ihm erhob sich der Scheiterhaufen aus sorgfältig aufgeschichteten Eichenstämmen und trockenem Kiefernholz, hoch genug, dass die Flammen weit in den Himmel reichen würden.
Alyssa lag auf dem Holz, in ein einfaches weißes Leinen gehüllt, das er selbst um ihren Körper gewickelt hatte.
Ihre Hände ruhten gefaltet auf der Brust, der Ehering an ihrem Finger.
Adrian trat näher. Seine Stiefel knirschten leise auf dem Kies.
Die Schatten um ihn herum lagen ruhig, doch sie waren dicht und schwer, als hielten sie den Atem an.
Er hob die rechte Hand. Ein einzelner Funke sprang von seinen Fingern auf das Holz über.
Die Flammen züngelten zuerst zögernd, dann fraßen sie sich gierig in das trockene Holz.
Er stand regungslos da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Kiefer fest aufeinandergepresst.
Die Hitze schlug ihm ins Gesicht, doch er wich nicht zurück. Das Feuer knisterte laut, knackte, als die ersten Äste barsten.
Rauch stieg auf, schwer und beißend, und trug den Geruch von verbranntem Holz und Fleisch in die Nacht.
Adrians Blick blieb auf Alyssas Gestalt gerichtet, bis die Flammen sie ganz umschlossen.
Ein einzelner Muskel an seiner Schläfe zuckte. Er sagte kein Wort. Kein Gebet. Kein Abschied.
Nur das Prasseln des Feuers und das leise, tiefe Summen der Schatten existierten, die sich um seine Beine legten und langsam höher krochen, als wollten sie ihn stützen oder festhalten.
Die Flammen stiegen höher. Funken stoben in den dunklen Himmel wie verlorene Seelen.
Adrian blieb stehen, bis das Feuer alles verzehrt hatte, bis nur noch Glut und Asche blieben.
Alyssa hatte nun ihren Frieden gefunden.
Mit einem Blinzeln wandte er sich ab. Mehr hatte er nicht tun können.Weder für seine Schwester noch für Freya.
Er war zu spät gekommen.
Er hätte Naheniel aufhalten können, hätte er sich nicht auf die Argumente anderer eingelassen und unnötig Zeit verschwendet.
Doch nun hatte sein Freund endgültig Grenzen überschritten und dafür würde den Preis bezahlen.
Abermals schnippte Adrian und ein Funke sprang auf, ehe er mit scheinbarer Gelassenheit sah er zu Rosalind. Weder brauchte er ihren Zuspruch noch war ihm danach darüber zu sprechen. Es war lang genug geredet worden.
Geduldig und ruhig wanderte die Flamme über seinen Handrücken, ehe sich seine Finger drehten, bis sie im Zentrum seiner Handfläche lag.
„Ich bin nicht hier, um Fragen zu beantworten, sondern um Antworten zu erhalten.“
Kalt griff sein Blick nach Rosalind und hielt sie durchbohrend fest, während sich seine Hand zur Faust schloss und die Flamme darin erstickte. Keine Regeln mehr. Keine Widersprüche.
„Ich wiederhole mich ungern, also? Wo ist das Nordmädchen?“






