Nymeria neigte den Kopf leicht zur Seite, während sie die Erscheinung weiter betrachtete. Ihr langes Haar schimmerte im Sonnenlicht und um ihren Hals glänzten immer wieder die Glieder der zarten silbernen Kette, welche Nymerias Aufmerksamkeit unbewusst auf sich zogen.
Ja, sie sah sie. Sie konnte sie hören, auch wenn es für die anderen nur wie das sanfte Rauschen des Windes oder das Flüstern alter Wände klang. Dennoch war es für Nymeria real.
„Sie hören beide nicht zu.“, wisperte sie lautlos. Die Worte formten sich stumm auf ihren Lippen. Allerdings reihte Nymeria sich damit in diesem Moment in ihrer Ahnenlinie ein. Auch sie hörte nicht richtig hin, was die Erwachsenen sagten.
„Ist sie hier, um ihn zu schützen?“ Neugierig sah das Mädchen zu ihr. Die Frau hatte Stellan nicht gehen lassen, genau wie Nymeria ihre Mutter nicht hatte gehen lassen wollen. Dass sie jedoch alles fast noch schlimmer gemacht hatte und die Schuld daran trug, dass ihre Mutter beinahe fortgegangen wäre, sorgte dafür, dass ihr ganz flau im Magen wurde. Fast hätte sie ihre Mutter verloren und zwar für immer. Eine Erinnerung, die sich überhaupt nicht gut anfühlte, aber durch die Stille um sie herum allgegenwärtig war, nachdem nun alle anderen Stimmen verschwunden waren. Auch ihr Bruder. Leicht schüttelte sie die Locken aus ihrem Gesicht und schluckte kurz.
Dass Stellan die Frau ebenfalls sehen oder hören konnte, kam für sie nicht einmal in den Sinn. Während es für sie ganz normal war, jene Zurückgebliebenen zu sehen, schien bisher niemand sonst um sie herum irgendetwas davon wahrzunehmen. Weder Syndra noch ihre Mutter hörten scheinbar die Stimmen, die zu ihr sprachen, genauso wenig wie Adrian. Warum das so war, wusste Nymeria nicht. Aber oft genug sah man sie erwartungsvoll an, wenn sie mit ihren Gedanken woanders war und all jenen zuhörte. All jenen, die seit jener Nacht nicht mehr aufgetaucht waren.
Eine kleine Falte erschien auf ihrer sonst so glatten Stirn, als sie ihren Namen hörte und im nächsten Moment das Brot näher zu ihr geschoben wurde. Ihre Augen lösten sich von der unbekannten Gestalt. Das tiefblaue Schimmern wanderte zu ihrem Großvater. Er hatte sie etwas gefragt, da war sie sich sicher. Aber was? Leicht neigte das Mädchen den Kopf zur Seite, doch weil ihre Mutter bereits antwortete, statt endlich selbst zu essen, blieb Nymeria vorerst still.
Sie blickte auf den noch immer leeren Teller ihrer Mutter, bevor sie unter einem Blinzeln den Blick ihres Großvaters einfing. Er hatte sie etwas gefragt. Aber weder hatte sie den Wortwechsel aufmerksam verfolgt noch etwas davon mitbekommen, dass er sie mit sich auf eine Reise nehmen wollte.
„Sie muss auch essen.“ Etwas, das Großvater Mutter hoffentlich auch gesagt hatte. Erwartungsvoll wanderten ihre Augen zur Seite, ehe Nymeria fordernd zu Tanuri aufsah. Wenn nicht, dann sah er vielleicht, dass sie auf ihre Mutter achten musste, da sie nicht einmal eine Scheibe Brot aß. Ein Brot, das sie selbst gebacken hatte. Ihre Augen verengten sich leicht, als ihre Hände nach ihrem Brot griffen, ohne es anzuheben. „Wir gehen nirgendwohin, bevor sie nicht aufgegessen hat. Er wird wirklich sehr wütend sein, wenn sie gar nichts essen will.“
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Die dunkle Prophezeiung
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Bei Verstoß dagegen erfolgen folgende Strafen :
1. Verstoß
Verwarnung des Users, sowie Löschung der auf das Urheberrecht bezogenen Texte
2. Verstoß
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3. Verstoß
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Dieses betrifft nur eure Accounts hier im Forum und nicht eure Spielaccounts für Die 4te Offenbarung.
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- Adrian
- Geschichtenschreiber / Geschichtenschreiberin
- Beiträge: 203
- Registriert: Di 1. Feb 2011, 15:18
- Hat sich bedankt: 3 Mal
- Danksagung erhalten: 4 Mal
#1877
Lautlos wehten die Vorhänge am offenen Fenster. Blasses Morgenlicht fiel in das menschenleere Zimmer. Die Schatten auf dem Boden bewegten sich gemächlich, bevor von einer Sekunde auf die andere eine unsichtbare Kraft nach ihnen griff. Eine Dunkelheit, die nach ihr rief. Ein Befehl, dem sie geräuschlos folgte.
Rauchige Fäden stiegen auf und wanden sich, bevor sie sich langsam verdichteten. Ein Schritt. Zuerst formten sich die Beine, dann sein Körper. Jede Linie entstand zögernd. Der Rauch löste sich von ihm und zog sich zurück. Noch ein weiterer Schritt, und Adrians Silhouette schälte sich vollständig aus der Dunkelheit.
Atemlos sog Adrian die Luft ein. Sein Kopf dröhnte, während seine Umgebung nur verschwommen Gestalt annahm. Schon im nächsten Atemzug spürte er, wie die Kraft in seinen Beinen nachließ.
Instinktiv stützte er sich mit den Händen auf den Tisch, die Finger gruben sich tief ins Holz. Es war nicht die Zeit, einer Schwäche nachzugeben. Die Adern auf seinem Handrücken und an seinem Hals traten dunkel hervor und pochten sichtbar. Ein feines Zittern lief durch seine Arme, als er stehen blieb und einen tiefen Atemzug nahm.
Er hatte sich zu sehr der finsteren Macht bedient. Das wusste er selbst. Er musste sich ausruhen. Doch das konnte er nicht. Nicht solange Freya in Naheniels Fängen war.
Es dauerte noch einige Momente, bevor sich der aufgebrachte Herzschlag beruhigte und seine Sicht sich langsam klärte.
Ein guter Rat. Rosalind sollte ihn besser kennen. Für solche Ratschläge war es zu spät. Naheniel hatte das Mädchen. Adrian atmete tief ein. Nein, sie war kein Mädchen mehr. Was hatte dieser Bastard seiner Tochter angetan? Und was würde er ihr noch antun?
Seine Nasenflügel bebten, als seine Hand sich löste und er mit der Faust auf die Tischplatte schlug. Er hätte sich niemals auf diesen verdammten Handel einlassen dürfen. Mit ihrer fanatischen Bereitschaft, sich für Ogrimar oder die Prophezeiung zu opfern, hätte er Tanuri zu ihrem eigenen Schutz unmittelbar ins tiefste Verlies werfen sollen, bis er Freya gefunden und Naheniel zur Rechenschaft gezogen hätte.
Ihr Zorn wäre ein geringes Opfer gewesen im Vergleich zu dem, was es sie nun gekostet hatte und er dennoch mit leeren Händen zurückkam. Erneut flackerte das Grinsen Naheniels vor seinem inneren Auge auf, als Freyas Hand nach seiner gegriffen hatte und er mit ihr zusammen in den Schatten verschwunden war. „Du wirst dafür bezahlen.“
Die Schatten im Raum verdichteten sich und krochen über den Tisch und die Wände. Doch sie flackerten unstet. Die Dunkelheit gehorchte ihm. Noch.
Sein Blick senkte sich auf seine Hand. Zarte Fäden aus Finsternis lösten sich von seinen Fingern und zuckten unruhig. Adrians Kiefer presste sich zusammen. Mit einer langsamen, beinahe mechanischen Bewegung griff er nach der Flasche Whiskey.
Das Glas klirrte leise, als er es auf den Tisch stellte. Verlion und Goswin würden auf Tanuri achten und sie schützen, bis er das Mädchen zurückbrachte. Freya würde sie brauchen und das nicht nur als Hüterin.
Er schenkte sich ein, die bernsteinfarbene Flüssigkeit schwappte gegen das Glas. Ohne zu zögern setzte er es an die Lippen und leerte es in einem langen Zug. Der scharfe, rauchige Geschmack brannte sich durch seine Kehle. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen. Ein einziger Augenblick, in dem er nach seiner Beherrschung suchte und die aufgebrachte Finsternis unter seine Kontrolle zwang.
Alyssas Leichnam war alles, was er zurückbringen konnte. Seine blauen Augen strichen über die Spieluhr. Ein stiller Trost, denn wenigstens fand sie nun ihre letzte Ruhe in der Dunkelheit Ogrimars. Doch hatte er sein Wort gegeben. „Ich finde sie und ich werde dich finden, var Aesir ...“
Rauchige Fäden stiegen auf und wanden sich, bevor sie sich langsam verdichteten. Ein Schritt. Zuerst formten sich die Beine, dann sein Körper. Jede Linie entstand zögernd. Der Rauch löste sich von ihm und zog sich zurück. Noch ein weiterer Schritt, und Adrians Silhouette schälte sich vollständig aus der Dunkelheit.
Atemlos sog Adrian die Luft ein. Sein Kopf dröhnte, während seine Umgebung nur verschwommen Gestalt annahm. Schon im nächsten Atemzug spürte er, wie die Kraft in seinen Beinen nachließ.
Instinktiv stützte er sich mit den Händen auf den Tisch, die Finger gruben sich tief ins Holz. Es war nicht die Zeit, einer Schwäche nachzugeben. Die Adern auf seinem Handrücken und an seinem Hals traten dunkel hervor und pochten sichtbar. Ein feines Zittern lief durch seine Arme, als er stehen blieb und einen tiefen Atemzug nahm.
Er hatte sich zu sehr der finsteren Macht bedient. Das wusste er selbst. Er musste sich ausruhen. Doch das konnte er nicht. Nicht solange Freya in Naheniels Fängen war.
Es dauerte noch einige Momente, bevor sich der aufgebrachte Herzschlag beruhigte und seine Sicht sich langsam klärte.
Ein guter Rat. Rosalind sollte ihn besser kennen. Für solche Ratschläge war es zu spät. Naheniel hatte das Mädchen. Adrian atmete tief ein. Nein, sie war kein Mädchen mehr. Was hatte dieser Bastard seiner Tochter angetan? Und was würde er ihr noch antun?
Seine Nasenflügel bebten, als seine Hand sich löste und er mit der Faust auf die Tischplatte schlug. Er hätte sich niemals auf diesen verdammten Handel einlassen dürfen. Mit ihrer fanatischen Bereitschaft, sich für Ogrimar oder die Prophezeiung zu opfern, hätte er Tanuri zu ihrem eigenen Schutz unmittelbar ins tiefste Verlies werfen sollen, bis er Freya gefunden und Naheniel zur Rechenschaft gezogen hätte.
Ihr Zorn wäre ein geringes Opfer gewesen im Vergleich zu dem, was es sie nun gekostet hatte und er dennoch mit leeren Händen zurückkam. Erneut flackerte das Grinsen Naheniels vor seinem inneren Auge auf, als Freyas Hand nach seiner gegriffen hatte und er mit ihr zusammen in den Schatten verschwunden war. „Du wirst dafür bezahlen.“
Die Schatten im Raum verdichteten sich und krochen über den Tisch und die Wände. Doch sie flackerten unstet. Die Dunkelheit gehorchte ihm. Noch.
Sein Blick senkte sich auf seine Hand. Zarte Fäden aus Finsternis lösten sich von seinen Fingern und zuckten unruhig. Adrians Kiefer presste sich zusammen. Mit einer langsamen, beinahe mechanischen Bewegung griff er nach der Flasche Whiskey.
Das Glas klirrte leise, als er es auf den Tisch stellte. Verlion und Goswin würden auf Tanuri achten und sie schützen, bis er das Mädchen zurückbrachte. Freya würde sie brauchen und das nicht nur als Hüterin.
Er schenkte sich ein, die bernsteinfarbene Flüssigkeit schwappte gegen das Glas. Ohne zu zögern setzte er es an die Lippen und leerte es in einem langen Zug. Der scharfe, rauchige Geschmack brannte sich durch seine Kehle. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen. Ein einziger Augenblick, in dem er nach seiner Beherrschung suchte und die aufgebrachte Finsternis unter seine Kontrolle zwang.
Alyssas Leichnam war alles, was er zurückbringen konnte. Seine blauen Augen strichen über die Spieluhr. Ein stiller Trost, denn wenigstens fand sie nun ihre letzte Ruhe in der Dunkelheit Ogrimars. Doch hatte er sein Wort gegeben. „Ich finde sie und ich werde dich finden, var Aesir ...“

✟ Oberhaupt der Familie Al Saher ❖ Gemahl der PriesterinTanuri Al Saher ✟
❖ Bruder des Verlion Al Saher ❖ Vater der Freya Al Saher ❖
❖ Gnade oder Mitleid haben noch nie einen Feind besiegt. ❖
❖ Bruder des Verlion Al Saher ❖ Vater der Freya Al Saher ❖
❖ Gnade oder Mitleid haben noch nie einen Feind besiegt. ❖
#1878
"Vielleicht sind aber gerade die, die eigentlich ganz normal sind, die Verrücktesten unter allen." Weder waren seine Worte beleidigend, noch wertend gemeint. Es war ganz einfach eine Feststellung, die, so seine Meinung, gar nicht wirklich abwegig war. Sie kannten einander nicht, noch würde Kadir ihm vertrauen. Aber irgendwie war ihm der Alte sympathisch. Verrückt war er auf seine Weise ganz bestimmt, daran zweifelte der Fuchs nicht, auch wenn ihm der Speichelfaden und seltsames Gestammel fehlte. Der Wahnsinn lauert eben nicht immer in einem wirren Blick und Schaum vor dem Mund, sondern konnte ganz anders hervortreten. Womöglich war es deshalb genau die Klarheit des Mannes in dieser Umgebung, die ihn besonders interessant machte.
Nachdem der Tausch von Dolch und Papier vollzogen war, fuhr Kadir mit seinem Blick über die Buchstaben, die mit dunkler Tinte geschrieben waren. Es lag ihm auf der Zunge zu fragen, ob der Mann die Genehmigungen ausstellte. Aber die Vorgabe war gewesen, es nicht in Frage zu stellen, weshalb der Fuchs das Pergament mit einem nicken in seiner Manteltasche verschwinden ließ. Schließlich ging er zunächst einmal davon aus, dass er dem Portal nicht vorlesen musste, was da geschrieben stand. Magie war nicht sein Resort, aber er hoffte darauf, sich an dieser Stelle nicht zu irren. Er käme sich doch recht seltsam vor, müsste er doch zu lesen beginnen. Trotzdem war ein Schmunzeln unter seinem dichten Bart zu sehen, war es schließlich gut möglich, dass so die Reise von allen Bewohnern begonnen hatte, die nur jemanden suchten und dann hier in diesem Haus bleiben mussten, weil sie begannen, mit Portalen zu sprechen.
"Ich nehme dich beim Wort, alter Mann. Wenn ich zurückkomme, und das werde ich, bringst du mich hinaus. Ohne Umwege, ohne Schnickschnack. Bis dahin würd ich dich höflich darum bitten, mit dem Blutvergießen zu warten. Was du danach machst, ob mit meinem Dolch oder ohne, das soll mir egal sein." Das war es ihm tatsächlich. Ein Irrenhaus, so abwechslungsreich es auch für ihn war, hatte auf lange Sicht gesehen keinen Mehrwert. Zumindest keinen, von dem er bisher wusste. Weder konnte er einen Profit aus dem Haus schlagen, noch sich die Bewohner zu Nutze machen. Sie waren eingesperrt und das aus gutem Grund. Nicht draußen und auch nicht hier drin konnten sie viel für ihn tun. Das mochte kaltschnäuzig sein, immer an seinen Vorteil und den höchstmöglichen Gewinn zu denken, aber nicht umsonst war er eben der Diebeskönig.
Kadir wendete sich wieder dem Portal zu und spürte, wie die Luft vor ihm nun stärker vibrierte, was zugleich ein zunächst leichtes, dann, je näher er der flimmernden Oberfläche kam, stärker werdendes Kribbeln auslöste. Das Portal schien tatsächlich auf das Pergament in seiner Tasche zu reagieren. Auch wenn er nicht erwartet hatte, dass der alte Mann ihm irgendwelche Lügen auftischte, war er trotzdem verwundert, über die Möglichkeit, dass ein Stück Papier und wenige Buchstaben Durchgänge zu öffnen vermochten. Dieser Ort, genauso wie seine Insassen, waren wirklich sehr interessant. Auch wenn sie geschäftlich nicht von Wert waren, sollte es vielleicht doch nicht das letzte Mal sein, dass er hier war.
Jetzt aber warf der Fuchs noch einen kurzen Blick über die Schulter und betrachtete das zufriedene Grinsen des Fremden noch einmal. Was so ein kleines Stück Metall doch alles bewirken konnte. Er sah zurück zu der sich unstet bewegenden Fläche des Portals und nachdenklich legte seine Stirn sich in tiefe Furchen. "Nicht nachdenken, hm?" Murmelte er mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem. Herausgefordert von dem Unbekannten, hob er sein Bein und noch bevor sein Fuß die Oberfläche durchbrechen konnte, schlang sich die Flirren um ihn und zog ihn durch den Rahmen hinein.
Nachdem der Tausch von Dolch und Papier vollzogen war, fuhr Kadir mit seinem Blick über die Buchstaben, die mit dunkler Tinte geschrieben waren. Es lag ihm auf der Zunge zu fragen, ob der Mann die Genehmigungen ausstellte. Aber die Vorgabe war gewesen, es nicht in Frage zu stellen, weshalb der Fuchs das Pergament mit einem nicken in seiner Manteltasche verschwinden ließ. Schließlich ging er zunächst einmal davon aus, dass er dem Portal nicht vorlesen musste, was da geschrieben stand. Magie war nicht sein Resort, aber er hoffte darauf, sich an dieser Stelle nicht zu irren. Er käme sich doch recht seltsam vor, müsste er doch zu lesen beginnen. Trotzdem war ein Schmunzeln unter seinem dichten Bart zu sehen, war es schließlich gut möglich, dass so die Reise von allen Bewohnern begonnen hatte, die nur jemanden suchten und dann hier in diesem Haus bleiben mussten, weil sie begannen, mit Portalen zu sprechen.
"Ich nehme dich beim Wort, alter Mann. Wenn ich zurückkomme, und das werde ich, bringst du mich hinaus. Ohne Umwege, ohne Schnickschnack. Bis dahin würd ich dich höflich darum bitten, mit dem Blutvergießen zu warten. Was du danach machst, ob mit meinem Dolch oder ohne, das soll mir egal sein." Das war es ihm tatsächlich. Ein Irrenhaus, so abwechslungsreich es auch für ihn war, hatte auf lange Sicht gesehen keinen Mehrwert. Zumindest keinen, von dem er bisher wusste. Weder konnte er einen Profit aus dem Haus schlagen, noch sich die Bewohner zu Nutze machen. Sie waren eingesperrt und das aus gutem Grund. Nicht draußen und auch nicht hier drin konnten sie viel für ihn tun. Das mochte kaltschnäuzig sein, immer an seinen Vorteil und den höchstmöglichen Gewinn zu denken, aber nicht umsonst war er eben der Diebeskönig.
Kadir wendete sich wieder dem Portal zu und spürte, wie die Luft vor ihm nun stärker vibrierte, was zugleich ein zunächst leichtes, dann, je näher er der flimmernden Oberfläche kam, stärker werdendes Kribbeln auslöste. Das Portal schien tatsächlich auf das Pergament in seiner Tasche zu reagieren. Auch wenn er nicht erwartet hatte, dass der alte Mann ihm irgendwelche Lügen auftischte, war er trotzdem verwundert, über die Möglichkeit, dass ein Stück Papier und wenige Buchstaben Durchgänge zu öffnen vermochten. Dieser Ort, genauso wie seine Insassen, waren wirklich sehr interessant. Auch wenn sie geschäftlich nicht von Wert waren, sollte es vielleicht doch nicht das letzte Mal sein, dass er hier war.
Jetzt aber warf der Fuchs noch einen kurzen Blick über die Schulter und betrachtete das zufriedene Grinsen des Fremden noch einmal. Was so ein kleines Stück Metall doch alles bewirken konnte. Er sah zurück zu der sich unstet bewegenden Fläche des Portals und nachdenklich legte seine Stirn sich in tiefe Furchen. "Nicht nachdenken, hm?" Murmelte er mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem. Herausgefordert von dem Unbekannten, hob er sein Bein und noch bevor sein Fuß die Oberfläche durchbrechen konnte, schlang sich die Flirren um ihn und zog ihn durch den Rahmen hinein.

Es ist nicht wichtig, wer das Spiel beginnt, sondern wer es beendet.
- Syndra
- Dorfältester / Dorfälteste
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- Registriert: Fr 27. Mär 2020, 20:37
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#1879
Irgendwo im Nirgendwo ...
(natürlich auch ohne Wein)
(natürlich auch ohne Wein)
Schamanistisches Wissen. Syndra rümpfte ihre Nase, während ihre Schritte sie über die moosbedeckten Pfade des Druidenhains hinaus. Hinaus aus dem Schatten der alten Eichen und fort von den flüsternden Stimmen der Hüter, die in ihren grünen Roben wie Teile des Waldes selbst wirkten.
Wobei, nein, sie war ja nun nicht mehr Syndra, sondern Svala, eine ziellose Seele auf der Suche nach spirituellem Wissen im Einklang mit der Natur.
Naheniel hatte wenig gesagt, nur das Nötigste, aber auf eine Weise, die sich ihr eingeprägt hatte. Wenig reden, bedeckt halten, den Namen Svala tragen.
Leise raschelte der Saum ihrer waldgrünen Robe über das Laub, während der schwere Mantel ihre Schultern umhüllte. Der kühle Hauch des Hains strich über ihre Haut, doch wo er für die anderen Reinheit und eine Symbiose versprach, fühlte er sich für sie lediglich wie eine blasse Erinnerung an wahre Kälte an.
Langsam schritt sie hinab zum Ufer des kleinen Sees, der sich wie ein dunkler Spiegel inmitten der Lichtung ausbreitete. Das Wasser lag still. Nur hin und wieder kräuselte ein leichter Wind die Oberfläche. Ringsum ragten uralte Bäume auf und formten mit ihren Kronen ein Dach aus Grün und Gold, durchsetzt von Flechten. Der Boden war weich, bedeckt mit Farnen und wilden Beerensträuchern.
In einer grazilen Bewegung ließ die junge Magierin sich am Ufer nieder Sie hielt eine aufrechte Haltung, während sie ihre Beine in einem entspannten Winkel ins Moos legte.
Druiden. Einklang mit der Natur und den Elementen. Sie baten um ihre Gunst, ihre Hilfe oder ihren Beistand und beschworen sie in spirituellen Ritualen. Doch was für einen Nutzen hatte es, eins mit ihnen zu sein, wenn man sie beherrschen konnte? Mit kühler Miene sah Syndra auf die glatte Oberfläche des Sees.
Sie war Syndra, Tochter einer langen Linie aus Arkanen, deren Erbe in ihren Adern floss. Was hatte Naheniel sich dabei gedacht, sie ausgerechnet hier unterzubringen?
Ungläubig weiteten sich ihre Augen und musterten ihr Spiegelbild mit einer herausfordernden Distanz. Als ob sie den General dazu eingeladen hatte, sie in Silberstreif zu finden und seine Launen an ihr auszulassen.
Hörbar atmete sie aus. Ein abfälliges Geräusch, ehe ihre Hand vorsichtig über die feine silberne Kette strich, die sie trug. Nachdenklich betrachtete sie ihr Spiegelbild, während ihre Fingerspitzen über die einzelnen feinen Glieder hinwegfuhren, die wie Knoten ineinandergriffen.
„Naheniel.“ Stumm formten ihre Lippen seinen Namen. Nein, sie würde ihn nicht enttäuschen. Naheniel wollte es, und sie fügte sich, auch wenn es ihr missfiel. Doch für Befindlichkeiten war kein Platz. Adrian sah in ihr einen Schwachpunkt. Deshalb dieser Hain, diese Maskerade und seine Strenge. Tief atmete Syndra ein. Sie würde gehorchen. Welche andere Wahl blieb ihr immerhin?
Die Luft hier roch nach feuchter Erde und Harz, nach Leben, das sich selbst genügte. Kein Funke von Macht, den sie einsetzen durfte, um ihre Identität und Herkunft zu verbergen. Nur dieses passive Dasein.
Leise wehte der Wind an ihr vorüber und ließ einige der dunklen Locken unterhalb der Kapuze hervorwehen, während ihr Blick umherschweifte.
„Einklang.“ Wisperte Svala leise, als ihr Blick auf einen flatternden Schmetterling fiel. Zart und mit blau schimmernden Flügeln ließ er sich auf einem Blatt am Ufer nieder.
Syndra beobachtete ihn einen Moment, die Augen verengt. Dann hob sie langsam die Hand. Kälte sammelte sich in ihren Fingern, jene vertraute, reine Kälte. Das Wasser des Sees in ihrer unmittelbaren Nähe begann zu knistern. Feine Eisblumen breiteten sich aus, krochen über die Oberfläche. Der Schmetterling erstarrte mitten in der Bewegung, Flügel eingehüllt in frostigen Hauch.
„Eins werden mit der Natur.“, murmelte sie kaum hörbar, die Stimme eisig und herrisch. In einer grazilen Bewegung erhob sich Syndra aus dem Gras, um sich mit anmutigen Schritten dem kleinen Geschöpf zu nähern. Lautlos wallte Nebel um ihre Füße auf. Ein feiner, silbriger Schleier, der sie wie ein Schatten begleitete. Er folgte ihr, umhüllte die Knöchel der grünen Robe, kroch ein wenig höher und verdeckte jenen Teil von ihr, den Naheniel mit sich genommen hatte.
Langsam beugte sie sich hinab und hob den Schmetterling auf. Behutsam ruhte er auf ihrer flachen Hand, während sie ihn betrachtete. Seine wunderschönen Flügel und sein winziger Körper. So zart und hübsch und so zerbrechlich. Sein Körper war starr, doch nicht tot. Nur… angehalten. Bewahrt. Geschützt. Dem Einfluss ihrer Macht ausgeliefert.
Wie dünn die Grenze zwischen Bewahren und Beherrschen doch war. Einklang und Gleichgewicht waren ein Ideal, ein poetischer Gedanke, aber Macht war die Realität, die alles durchdrang. In der Natur herrschte kein Gleichgewicht aus Kräften, sondern in der Nahrungskette. Etwas, worüber dieses Geschöpf nicht nachdachte, sondern sein Schicksal es schlicht akzeptierte.
Sie musste nur die Faust schließen und dieses kleine fragile Wesen würde zu einem frostigen Hauch von Staub zerfallen. Ein einziger Impuls und ein kleines Leben wäre ausgelöscht. Nicht aus Grausamkeit, sondern weil die Natur selbst so funktionierte. Die Starken überlebten. Jene, die herrschten und jene, die sich anpassten.
Sacht biss Syndra sich auf die Lippen, bevor sie sich auf einen umgestürzten Stamm setzte. Das Sonnenlicht schimmerte auf der Wasseroberfläche, während an den Rändern des Sees feiner Reif glitzerte.
Syndra hielt inne und hob die Hand leicht an, sodass sie das kleine Wesen direkt vor ihren Augen hatte. Jeder hatte auf seine Weise einen Platz in Ogrimars Gefüge. Die Kirche, der Adel, der Pöbel, die Druiden und selbst der Schmetterling.
Ein zartes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Auch sie hatte einen Platz. Eine Bestimmung.
Langsam senkte Syndra die Lider. Ein kaum merkliches Zeichen von Konzentration, ehe sie ihren Atem über das winzige Wesen in ihrer Hand hauchte. Ein leiser, fast warmer Hauch, der sich wie ein Widerspruch zu dem Frost anfühlte, der sie umgab. Der Schmetterling begann zu zittern, erst zaghaft, dann mit wachsender Kraft, als würde das Leben selbst zurück in den kleinen Körper strömen. Die Schwingen senkten und hoben sich, während die Intensität der Farben zurückkehrte, als würde die Welt selbst ihn wieder annehmen.
Syndra lächelte. Ein kleines, gefährliches, wissendes Lächeln. Der Schmetterling hob sich von ihrer Hand. Ein leiser Flügelschlag, ein Hauch von Blau. Syndra sah ihm nach, als er davon flog, ohne zu wissen, wie nah er dem Ende gewesen war.
Vielleicht war das der wahre Einklang. Nicht Gleichgewicht. Sondern Wahl. Wie leicht sie es hätte enden lassen können. Vernichten war simpel, beinahe banal. Doch ein Leben zu gewähren oder zu schützen, war eine Entscheidung. Naheniel hatte ihr befohlen zu warten, und so würde sie warten. Nicht aus Schwäche, sondern weil es sein Wille war. Die Kette an ihrem Hals, kühl und schwer, erinnerte sie bei jedem Atemzug daran. An ihre Wahl und seine Erwartungen. Daran, wer sie war und wer sie nun sein musste. ~Svala~
Wobei, nein, sie war ja nun nicht mehr Syndra, sondern Svala, eine ziellose Seele auf der Suche nach spirituellem Wissen im Einklang mit der Natur.
Naheniel hatte wenig gesagt, nur das Nötigste, aber auf eine Weise, die sich ihr eingeprägt hatte. Wenig reden, bedeckt halten, den Namen Svala tragen.
Leise raschelte der Saum ihrer waldgrünen Robe über das Laub, während der schwere Mantel ihre Schultern umhüllte. Der kühle Hauch des Hains strich über ihre Haut, doch wo er für die anderen Reinheit und eine Symbiose versprach, fühlte er sich für sie lediglich wie eine blasse Erinnerung an wahre Kälte an.
Langsam schritt sie hinab zum Ufer des kleinen Sees, der sich wie ein dunkler Spiegel inmitten der Lichtung ausbreitete. Das Wasser lag still. Nur hin und wieder kräuselte ein leichter Wind die Oberfläche. Ringsum ragten uralte Bäume auf und formten mit ihren Kronen ein Dach aus Grün und Gold, durchsetzt von Flechten. Der Boden war weich, bedeckt mit Farnen und wilden Beerensträuchern.
In einer grazilen Bewegung ließ die junge Magierin sich am Ufer nieder Sie hielt eine aufrechte Haltung, während sie ihre Beine in einem entspannten Winkel ins Moos legte.
Druiden. Einklang mit der Natur und den Elementen. Sie baten um ihre Gunst, ihre Hilfe oder ihren Beistand und beschworen sie in spirituellen Ritualen. Doch was für einen Nutzen hatte es, eins mit ihnen zu sein, wenn man sie beherrschen konnte? Mit kühler Miene sah Syndra auf die glatte Oberfläche des Sees.
Sie war Syndra, Tochter einer langen Linie aus Arkanen, deren Erbe in ihren Adern floss. Was hatte Naheniel sich dabei gedacht, sie ausgerechnet hier unterzubringen?
Ungläubig weiteten sich ihre Augen und musterten ihr Spiegelbild mit einer herausfordernden Distanz. Als ob sie den General dazu eingeladen hatte, sie in Silberstreif zu finden und seine Launen an ihr auszulassen.
Hörbar atmete sie aus. Ein abfälliges Geräusch, ehe ihre Hand vorsichtig über die feine silberne Kette strich, die sie trug. Nachdenklich betrachtete sie ihr Spiegelbild, während ihre Fingerspitzen über die einzelnen feinen Glieder hinwegfuhren, die wie Knoten ineinandergriffen.
„Naheniel.“ Stumm formten ihre Lippen seinen Namen. Nein, sie würde ihn nicht enttäuschen. Naheniel wollte es, und sie fügte sich, auch wenn es ihr missfiel. Doch für Befindlichkeiten war kein Platz. Adrian sah in ihr einen Schwachpunkt. Deshalb dieser Hain, diese Maskerade und seine Strenge. Tief atmete Syndra ein. Sie würde gehorchen. Welche andere Wahl blieb ihr immerhin?
Die Luft hier roch nach feuchter Erde und Harz, nach Leben, das sich selbst genügte. Kein Funke von Macht, den sie einsetzen durfte, um ihre Identität und Herkunft zu verbergen. Nur dieses passive Dasein.
Leise wehte der Wind an ihr vorüber und ließ einige der dunklen Locken unterhalb der Kapuze hervorwehen, während ihr Blick umherschweifte.
„Einklang.“ Wisperte Svala leise, als ihr Blick auf einen flatternden Schmetterling fiel. Zart und mit blau schimmernden Flügeln ließ er sich auf einem Blatt am Ufer nieder.
Syndra beobachtete ihn einen Moment, die Augen verengt. Dann hob sie langsam die Hand. Kälte sammelte sich in ihren Fingern, jene vertraute, reine Kälte. Das Wasser des Sees in ihrer unmittelbaren Nähe begann zu knistern. Feine Eisblumen breiteten sich aus, krochen über die Oberfläche. Der Schmetterling erstarrte mitten in der Bewegung, Flügel eingehüllt in frostigen Hauch.
„Eins werden mit der Natur.“, murmelte sie kaum hörbar, die Stimme eisig und herrisch. In einer grazilen Bewegung erhob sich Syndra aus dem Gras, um sich mit anmutigen Schritten dem kleinen Geschöpf zu nähern. Lautlos wallte Nebel um ihre Füße auf. Ein feiner, silbriger Schleier, der sie wie ein Schatten begleitete. Er folgte ihr, umhüllte die Knöchel der grünen Robe, kroch ein wenig höher und verdeckte jenen Teil von ihr, den Naheniel mit sich genommen hatte.
Langsam beugte sie sich hinab und hob den Schmetterling auf. Behutsam ruhte er auf ihrer flachen Hand, während sie ihn betrachtete. Seine wunderschönen Flügel und sein winziger Körper. So zart und hübsch und so zerbrechlich. Sein Körper war starr, doch nicht tot. Nur… angehalten. Bewahrt. Geschützt. Dem Einfluss ihrer Macht ausgeliefert.
Wie dünn die Grenze zwischen Bewahren und Beherrschen doch war. Einklang und Gleichgewicht waren ein Ideal, ein poetischer Gedanke, aber Macht war die Realität, die alles durchdrang. In der Natur herrschte kein Gleichgewicht aus Kräften, sondern in der Nahrungskette. Etwas, worüber dieses Geschöpf nicht nachdachte, sondern sein Schicksal es schlicht akzeptierte.
Sie musste nur die Faust schließen und dieses kleine fragile Wesen würde zu einem frostigen Hauch von Staub zerfallen. Ein einziger Impuls und ein kleines Leben wäre ausgelöscht. Nicht aus Grausamkeit, sondern weil die Natur selbst so funktionierte. Die Starken überlebten. Jene, die herrschten und jene, die sich anpassten.
Sacht biss Syndra sich auf die Lippen, bevor sie sich auf einen umgestürzten Stamm setzte. Das Sonnenlicht schimmerte auf der Wasseroberfläche, während an den Rändern des Sees feiner Reif glitzerte.
Syndra hielt inne und hob die Hand leicht an, sodass sie das kleine Wesen direkt vor ihren Augen hatte. Jeder hatte auf seine Weise einen Platz in Ogrimars Gefüge. Die Kirche, der Adel, der Pöbel, die Druiden und selbst der Schmetterling.
Ein zartes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Auch sie hatte einen Platz. Eine Bestimmung.
Langsam senkte Syndra die Lider. Ein kaum merkliches Zeichen von Konzentration, ehe sie ihren Atem über das winzige Wesen in ihrer Hand hauchte. Ein leiser, fast warmer Hauch, der sich wie ein Widerspruch zu dem Frost anfühlte, der sie umgab. Der Schmetterling begann zu zittern, erst zaghaft, dann mit wachsender Kraft, als würde das Leben selbst zurück in den kleinen Körper strömen. Die Schwingen senkten und hoben sich, während die Intensität der Farben zurückkehrte, als würde die Welt selbst ihn wieder annehmen.
Syndra lächelte. Ein kleines, gefährliches, wissendes Lächeln. Der Schmetterling hob sich von ihrer Hand. Ein leiser Flügelschlag, ein Hauch von Blau. Syndra sah ihm nach, als er davon flog, ohne zu wissen, wie nah er dem Ende gewesen war.
Vielleicht war das der wahre Einklang. Nicht Gleichgewicht. Sondern Wahl. Wie leicht sie es hätte enden lassen können. Vernichten war simpel, beinahe banal. Doch ein Leben zu gewähren oder zu schützen, war eine Entscheidung. Naheniel hatte ihr befohlen zu warten, und so würde sie warten. Nicht aus Schwäche, sondern weil es sein Wille war. Die Kette an ihrem Hals, kühl und schwer, erinnerte sie bei jedem Atemzug daran. An ihre Wahl und seine Erwartungen. Daran, wer sie war und wer sie nun sein musste. ~Svala~

#1880
Leise wisperten die Worte in dem kalten, feuchten Verlies, das sich tief unterhalb der warmen Küche befand, in der gerade das Frühstück für Nymeria, Stellan und Tanuri aufgetischt wurde.
"Artherk, ich weiß, du kannst mich sehen. Du weißt, wie dunkel es an diesem Ort für mich ist. Und doch fühle ich, dass du hier bei mir bist. Dass du mir das Licht schenkst, das mich aus dieser Gefangenschaft führen wird und dass du mir die Kraft geben wirst, mich zu rächen."
Unter ihren blonden Strähnen funkelten ihre Augen erbost auf. Die Erinnerung darüber, wie genau sie hierher gekommen war, war verschwommen und nur noch schwer greifbar. Was mit großer Wahrscheinlichkeit damit zusammenhing, dass sie seit Tagen, vielleicht waren es auch schon Wochen, das Zeitgefühl hatte sie verloren, kein Tageslicht gesehen hatte. Die einzige Orientierung, die sie hatte, waren die Zeiten, wenn ihr zu Essen gebracht wurde.
Wahrscheinlich war es der Morgen, wenn das Brot und der Krug Wasser kam und der frühe Abend, wenn der Soldat ihr den Eintopf durch die Türe schob. Gerade so weit, dass sie mit ihren an die Mauer angebrachten Ketten danach greifen könnte. Aber sie tat es nicht, fasste nichts von der Nahrung, außer dem Wasser an. Für Artherk hatte sie schon oft gefastet und sich während dieser Tage immer ins stumme Gebet begeben.
Diesmal aber war es aber nicht, um sich zu reinigen und ihren Geist vollständig auf ihren Gott zu fixieren, sondern schlicht und einfach der Tatsache geschuldet, dass sie nichts anrührte, was durch die Hände dieser widerwärtigen Ogrimargetreuen gegangen war.
Mit einem Kopfschütteln holte der Soldat jeden Tag einige Stunden nach seinem letzten Besuch das Essen wieder ab, damit es nicht faulte oder die Ratten anzog. Mehr tat er nicht, er sprach nicht, er sah sie nicht einmal an. Eine Magd oder ein Knecht kamen nie. Ob das mit den Gerüchten zusammenhing, dass durch die Hilfe einer Magd einst ein Gefangener aus dem unterirdischen Kerker entkommen war?
Wie auch immer, es war ihr egal, ob jemand von den für sie Niederen mit ihr sprach oder nicht. Sie hätte ihnen allen sowieso nur Verachtung entgegen gebracht. Die gleiche Verachtung, die sie dazu bewogen hatte, nur Minuten vor ihrer Gefangennahme durch das Tor der Legion des Schattens zu treten, um sich ganz offen zu präsentieren und gewollt provokant dem armen, trauernden Witwer ihr Beileid auszusprechen. Zufrieden huschte ein kleines Lächeln über ihr vom Dreck des Verlieses schmutziges Gesicht.
Schemenhaft waren sie noch da, die Bilder von dem Mann aus Schatten, der auf sie zugeschritten war, nachdem sie ihn darauf hinwies, dass er durch den Mord an seiner Frau vor allem der weißen Seite einen Gefallen getan hatte. Die Hüterin, die letzte Barriere zwischen den Dienern Artherks und des Schlüssels war gefallen.
Man hatte sie vor der Finsternis gewarnt, vor den Schatten und auch vor der Dunkelheit. Aber sie hatte lange Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Trotzig war sie ihm entgegen getreten, während ihr Blick, alles wiederspiegelte, wofür sie ausgebildet worden war. "Haben meine Worte Euch getroffen? Was ist, Schattenmann, vertragt ihr die Wahrheit nicht?" Erheitert hatte sie aufgelacht, doch bereits im nächsten Moment erstarb der Frohsinn und wurde ersetzt durch den tiefsitzenden Hass, welchen sie seit ihrer Kindheit für die für Ogrimar Geborenen verspürte. "Wie fühlt es sich an, wenn man beginnt zu verlieren?" Auch wenn die Finsternis und die Kälte, die von dieser ausging, um Adrian immer dichter geworden war, hatte sie sich trotz ihrer zarten Statur vor ihm aufgebaut und stur zu ihm aufgeblickt. "Tötet Ihr mich, nehme ich Euch mit. Darauf gebe ich Euch mein Wort."
Entgegen dem, was sie versucht hatte, vor ihm darzustellen, war sie unerfahren. Auch wenn sie Jahre des Trainings hinter sich hatte und sich weder von Angst, noch von Schmerzen beirren ließ, kannte sie es bisher nicht, sich dem Feind direkt gegenüberzustellen. Er, der Wächter, hatte ihr gesagt, dass sie nicht zu weit gehen sollte. Besonnen handeln und die Anhänger des Chaos nur wissen lassen, dass sie neue Ära angebrochen war. Aber sie wollte Artherk und auch dem Wächter beweisen, dass sie bereit für mehr war. "Ihr werdet mit offenen Augen und hilflos dabei zusehen, wie wir uns den Schlüssel holen."
Dann war alles viel zu schnell gegangen, dichter und dichter waren die Schatten geworden, krochen von dem Mann auf sie zu, hatten sie gepackt und wie hunderte Hände nach ihr gefasst. Die Dunkelheit, die sie auf diese Weise nicht kannte, war wie Eis, das sich gnadenlos durch ihre Haut fraß und sie fest an Ort und Stelle hielt. Die Folter hatte aber da erst begonnen. Wie war es weitergegangen? Wie war sie vom Innenhof der Gilde in dem Verlies gelandet?
Ihre Ketten rasselten, als sie ihre Hand hob und kühlend gegen ihre Stirn hielt. In ihrem Schädel dröhnte es und das Pochen wurde umso stärker, je mehr sie versuchte, ihre Erinnerungen wieder zu einem sinnvollen Bild zusammenzufügen. Sie war nicht von Anfang an in Ketten gelegt und dazu gezwungen worden, ihre Rüstung gegen einfache und kratzige Baumwolle einzutauschen. Erst als sie versucht hatte zu fliehen. Mit der Hilfe einer Geisel.
Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie den klappernden Schlüssel hörte, der in das eiserne Schloss ihrer Kerkertür versenkt und herum gedreht wurde. Der nächste Tag ihrer Gefangenschaft war wohl angebrochen.
"Artherk, ich weiß, du kannst mich sehen. Du weißt, wie dunkel es an diesem Ort für mich ist. Und doch fühle ich, dass du hier bei mir bist. Dass du mir das Licht schenkst, das mich aus dieser Gefangenschaft führen wird und dass du mir die Kraft geben wirst, mich zu rächen."
Unter ihren blonden Strähnen funkelten ihre Augen erbost auf. Die Erinnerung darüber, wie genau sie hierher gekommen war, war verschwommen und nur noch schwer greifbar. Was mit großer Wahrscheinlichkeit damit zusammenhing, dass sie seit Tagen, vielleicht waren es auch schon Wochen, das Zeitgefühl hatte sie verloren, kein Tageslicht gesehen hatte. Die einzige Orientierung, die sie hatte, waren die Zeiten, wenn ihr zu Essen gebracht wurde.
Wahrscheinlich war es der Morgen, wenn das Brot und der Krug Wasser kam und der frühe Abend, wenn der Soldat ihr den Eintopf durch die Türe schob. Gerade so weit, dass sie mit ihren an die Mauer angebrachten Ketten danach greifen könnte. Aber sie tat es nicht, fasste nichts von der Nahrung, außer dem Wasser an. Für Artherk hatte sie schon oft gefastet und sich während dieser Tage immer ins stumme Gebet begeben.
Diesmal aber war es aber nicht, um sich zu reinigen und ihren Geist vollständig auf ihren Gott zu fixieren, sondern schlicht und einfach der Tatsache geschuldet, dass sie nichts anrührte, was durch die Hände dieser widerwärtigen Ogrimargetreuen gegangen war.
Mit einem Kopfschütteln holte der Soldat jeden Tag einige Stunden nach seinem letzten Besuch das Essen wieder ab, damit es nicht faulte oder die Ratten anzog. Mehr tat er nicht, er sprach nicht, er sah sie nicht einmal an. Eine Magd oder ein Knecht kamen nie. Ob das mit den Gerüchten zusammenhing, dass durch die Hilfe einer Magd einst ein Gefangener aus dem unterirdischen Kerker entkommen war?
Wie auch immer, es war ihr egal, ob jemand von den für sie Niederen mit ihr sprach oder nicht. Sie hätte ihnen allen sowieso nur Verachtung entgegen gebracht. Die gleiche Verachtung, die sie dazu bewogen hatte, nur Minuten vor ihrer Gefangennahme durch das Tor der Legion des Schattens zu treten, um sich ganz offen zu präsentieren und gewollt provokant dem armen, trauernden Witwer ihr Beileid auszusprechen. Zufrieden huschte ein kleines Lächeln über ihr vom Dreck des Verlieses schmutziges Gesicht.
Schemenhaft waren sie noch da, die Bilder von dem Mann aus Schatten, der auf sie zugeschritten war, nachdem sie ihn darauf hinwies, dass er durch den Mord an seiner Frau vor allem der weißen Seite einen Gefallen getan hatte. Die Hüterin, die letzte Barriere zwischen den Dienern Artherks und des Schlüssels war gefallen.
Man hatte sie vor der Finsternis gewarnt, vor den Schatten und auch vor der Dunkelheit. Aber sie hatte lange Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Trotzig war sie ihm entgegen getreten, während ihr Blick, alles wiederspiegelte, wofür sie ausgebildet worden war. "Haben meine Worte Euch getroffen? Was ist, Schattenmann, vertragt ihr die Wahrheit nicht?" Erheitert hatte sie aufgelacht, doch bereits im nächsten Moment erstarb der Frohsinn und wurde ersetzt durch den tiefsitzenden Hass, welchen sie seit ihrer Kindheit für die für Ogrimar Geborenen verspürte. "Wie fühlt es sich an, wenn man beginnt zu verlieren?" Auch wenn die Finsternis und die Kälte, die von dieser ausging, um Adrian immer dichter geworden war, hatte sie sich trotz ihrer zarten Statur vor ihm aufgebaut und stur zu ihm aufgeblickt. "Tötet Ihr mich, nehme ich Euch mit. Darauf gebe ich Euch mein Wort."
Entgegen dem, was sie versucht hatte, vor ihm darzustellen, war sie unerfahren. Auch wenn sie Jahre des Trainings hinter sich hatte und sich weder von Angst, noch von Schmerzen beirren ließ, kannte sie es bisher nicht, sich dem Feind direkt gegenüberzustellen. Er, der Wächter, hatte ihr gesagt, dass sie nicht zu weit gehen sollte. Besonnen handeln und die Anhänger des Chaos nur wissen lassen, dass sie neue Ära angebrochen war. Aber sie wollte Artherk und auch dem Wächter beweisen, dass sie bereit für mehr war. "Ihr werdet mit offenen Augen und hilflos dabei zusehen, wie wir uns den Schlüssel holen."
Dann war alles viel zu schnell gegangen, dichter und dichter waren die Schatten geworden, krochen von dem Mann auf sie zu, hatten sie gepackt und wie hunderte Hände nach ihr gefasst. Die Dunkelheit, die sie auf diese Weise nicht kannte, war wie Eis, das sich gnadenlos durch ihre Haut fraß und sie fest an Ort und Stelle hielt. Die Folter hatte aber da erst begonnen. Wie war es weitergegangen? Wie war sie vom Innenhof der Gilde in dem Verlies gelandet?
Ihre Ketten rasselten, als sie ihre Hand hob und kühlend gegen ihre Stirn hielt. In ihrem Schädel dröhnte es und das Pochen wurde umso stärker, je mehr sie versuchte, ihre Erinnerungen wieder zu einem sinnvollen Bild zusammenzufügen. Sie war nicht von Anfang an in Ketten gelegt und dazu gezwungen worden, ihre Rüstung gegen einfache und kratzige Baumwolle einzutauschen. Erst als sie versucht hatte zu fliehen. Mit der Hilfe einer Geisel.
Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie den klappernden Schlüssel hörte, der in das eiserne Schloss ihrer Kerkertür versenkt und herum gedreht wurde. Der nächste Tag ihrer Gefangenschaft war wohl angebrochen.

- Der Waechter
- Knecht / Magd
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#1881
Schweigend trat der Lichtkegel in die dunkle Zelle. Er war klein, beinahe mickrig in seiner Ausdehnung, doch für an die Schwärze gewöhnte Augen grell und stechend.
Die Silhouette des Wärters schob sich in den Lichtkreis, ein Schatten, der die Realität in diesem Moment zu dominieren schien. Er würdigte die Gefangene keines Blickes. Sie war Abschaum wie die Ratten, die hier unten verborgen umherliefen. Ginge es nach ihm, wäre ihr Kopf ein hübsches Geschenk für den Gossenpriester. Ein stummes Zeugnis von Versagen und Urteil. Aber offenbar hatte man andere Pläne für sie.
Seine Bewegungen waren mechanisch, erfüllt von einer verächtlichen Routine. Die Hand griff nach der Schale mit dem unberührten Essen, ein ritueller Akt der Geringschätzung, bevor er sie beiseiteschob. Was für eine erbärmliche Verschwendung an Ressourcen. Weder verdiente sie es noch schien sie es zu wollen. Aber Befehl war nunmal Befehl.
„Undankbare Dirne“, raunte er abfällig und spie in ihre Richtung, ehe er ihr einen Kanten Brot zuwarf und den Krug mit Wasser abstellte, dessen Oberfläche sich in dem fahlen Licht kräuselte. Für ihn war sie nicht mehr als menschlicher Abfall, der zwischen den Mühlsteinen des Schicksals zerrieben wurde. Etwas, das er sie unmittelbar und schonungslos spüren ließ, ehe er sich umwandte, ohne dem erbärmlichen Anblick der Gefangenen weitere Beachtung zu schenken.
Ächzend knarrte die Tür, ehe sie unter einem dumpfen Knall ins Schloss fiel. Augenblicklich floss die Dunkelheit wieder zusammen, als wäre sie ein lebendiges Wesen. Eine Finsternis, die ein zermürbendes Gefühl des Verschlungenwerdens hinterließ. Schwärze und Schweigen. Nur das Tropfen von Wasser war zu hören und Schritte, die sich entfernten. Dann herrschte Stille. Momente, die vergingen. Ein Atemzug, der dem nächsten folgte, während die Zeit ihre Gestalt verlor.
Sekunden, Minuten oder mehr, in denen das Licht nicht mehr als eine Erinnerung zu sein schien. Nur noch der eigene Herzschlag schien den Raum zu erfüllen, ehe sich eine Stimme aus den Schatten löste. „Habe ich dich Hochmut gelehrt? Sag es mir Schülerin.“
Sie klang nicht wie der raue Tonfall des Wärters, sondern wie ein Echo, das tief in ihrem Geist widerhallte. Es war kein Vorwurf, der auf eine Antwort wartete. Es war ein Urteil. Ein gewaltiges, dunkles Raunen, das in dem kleinen Raum zu vibrieren schien, bevor eine bedrohliche Stille erneut Einzug erhielt. Ein Schweigen, das zum Nachdenken beschwor.
„Vertraue, glaube, bewahre. Reinheit ohne Weisheit ist ein flackerndes Licht im Sturm, Maryam. Es verbrennt nur sich selbst und lässt die Finsternis unberührt zurück. Du hast dich den Impulsen deines Stolzes hingegeben, anstatt dem Licht des Herrn und seinem Pfad zu folgen. Erst dein Spott und dann dein missglückter Versuch zu fliehen. Und wohin hat es dich geführt? Die Welt ist ein Geflecht aus Fäden, gesponnen von Artherk selbst. Wer an einem Faden zieht, ohne das gesamte Muster zu betrachten, entfesselt das Chaos, das er zu bekämpfen vorgibt.“
Die Stimme schien aus jeder Fuge des Gesteins zu dringen. Ein Widerhall. Eine Erinnerung? Er war hier und doch war er es auch nicht. Die Erscheinung des Wächters, der in ihrem Geist wandelte, war ungleich präsenter als die physische Leere des Kerkers.
„Hättest du mit deinem Eifer nicht warten können, bis das Kind dich rausgeführt hätte? Wie gedenkst du mich aus meinem Gefängnis zu befreien, wenn du dich selbst in Ketten legen lässt. Dein ungestümer Zorn, der die Grenzen des Lichtes missachtete…“
So nah waren sie dem Schlüssel gekommen, so nah war er seiner Rückkehr gewesen. Sie hätte nur die Hand danach ausstrecken müssen. Aber nicht genug des jugendlichen Leichtsinns den General persönlich herauszufordern. Ihre reine Seele wusste ihren Geist einfach noch nicht zu zügeln. „Nun stellt Artherk uns auf die Probe.“
Die Silhouette des Wärters schob sich in den Lichtkreis, ein Schatten, der die Realität in diesem Moment zu dominieren schien. Er würdigte die Gefangene keines Blickes. Sie war Abschaum wie die Ratten, die hier unten verborgen umherliefen. Ginge es nach ihm, wäre ihr Kopf ein hübsches Geschenk für den Gossenpriester. Ein stummes Zeugnis von Versagen und Urteil. Aber offenbar hatte man andere Pläne für sie.
Seine Bewegungen waren mechanisch, erfüllt von einer verächtlichen Routine. Die Hand griff nach der Schale mit dem unberührten Essen, ein ritueller Akt der Geringschätzung, bevor er sie beiseiteschob. Was für eine erbärmliche Verschwendung an Ressourcen. Weder verdiente sie es noch schien sie es zu wollen. Aber Befehl war nunmal Befehl.
„Undankbare Dirne“, raunte er abfällig und spie in ihre Richtung, ehe er ihr einen Kanten Brot zuwarf und den Krug mit Wasser abstellte, dessen Oberfläche sich in dem fahlen Licht kräuselte. Für ihn war sie nicht mehr als menschlicher Abfall, der zwischen den Mühlsteinen des Schicksals zerrieben wurde. Etwas, das er sie unmittelbar und schonungslos spüren ließ, ehe er sich umwandte, ohne dem erbärmlichen Anblick der Gefangenen weitere Beachtung zu schenken.
Ächzend knarrte die Tür, ehe sie unter einem dumpfen Knall ins Schloss fiel. Augenblicklich floss die Dunkelheit wieder zusammen, als wäre sie ein lebendiges Wesen. Eine Finsternis, die ein zermürbendes Gefühl des Verschlungenwerdens hinterließ. Schwärze und Schweigen. Nur das Tropfen von Wasser war zu hören und Schritte, die sich entfernten. Dann herrschte Stille. Momente, die vergingen. Ein Atemzug, der dem nächsten folgte, während die Zeit ihre Gestalt verlor.
Sekunden, Minuten oder mehr, in denen das Licht nicht mehr als eine Erinnerung zu sein schien. Nur noch der eigene Herzschlag schien den Raum zu erfüllen, ehe sich eine Stimme aus den Schatten löste. „Habe ich dich Hochmut gelehrt? Sag es mir Schülerin.“
Sie klang nicht wie der raue Tonfall des Wärters, sondern wie ein Echo, das tief in ihrem Geist widerhallte. Es war kein Vorwurf, der auf eine Antwort wartete. Es war ein Urteil. Ein gewaltiges, dunkles Raunen, das in dem kleinen Raum zu vibrieren schien, bevor eine bedrohliche Stille erneut Einzug erhielt. Ein Schweigen, das zum Nachdenken beschwor.
„Vertraue, glaube, bewahre. Reinheit ohne Weisheit ist ein flackerndes Licht im Sturm, Maryam. Es verbrennt nur sich selbst und lässt die Finsternis unberührt zurück. Du hast dich den Impulsen deines Stolzes hingegeben, anstatt dem Licht des Herrn und seinem Pfad zu folgen. Erst dein Spott und dann dein missglückter Versuch zu fliehen. Und wohin hat es dich geführt? Die Welt ist ein Geflecht aus Fäden, gesponnen von Artherk selbst. Wer an einem Faden zieht, ohne das gesamte Muster zu betrachten, entfesselt das Chaos, das er zu bekämpfen vorgibt.“
Die Stimme schien aus jeder Fuge des Gesteins zu dringen. Ein Widerhall. Eine Erinnerung? Er war hier und doch war er es auch nicht. Die Erscheinung des Wächters, der in ihrem Geist wandelte, war ungleich präsenter als die physische Leere des Kerkers.
„Hättest du mit deinem Eifer nicht warten können, bis das Kind dich rausgeführt hätte? Wie gedenkst du mich aus meinem Gefängnis zu befreien, wenn du dich selbst in Ketten legen lässt. Dein ungestümer Zorn, der die Grenzen des Lichtes missachtete…“
So nah waren sie dem Schlüssel gekommen, so nah war er seiner Rückkehr gewesen. Sie hätte nur die Hand danach ausstrecken müssen. Aber nicht genug des jugendlichen Leichtsinns den General persönlich herauszufordern. Ihre reine Seele wusste ihren Geist einfach noch nicht zu zügeln. „Nun stellt Artherk uns auf die Probe.“

† Der Wächter †
#1882
Maryam sah den Wärter, der sie störte, nicht an. Stattdessen ließ sie seine hämischen Worte geschehen, ohne diese zu kommentieren. Er war für sie nicht mehr wie eine Kreatur, und mit solchen sprach sie nicht. In ihren Augen war er es nicht wert, dass sie ihren Atem und ihre Stimme an ihn verschwendete.
Deshalb galten ihre Worte nicht ihm, sondern nur Artherk, für den sie zu beten begann, noch bevor der rüpelhafte Wärter die schwere Türe wieder krachend ins Schloss fallen ließ.
"Mein Herr des Lichts, sie glauben, die Ketten, die sie um mich legten und die Dunkelheit, in die sie mich sperrten, könnten meinen Willen brechen. Doch sie irren sich. Jeder Tag in diesem Gefängnis hat ihn nur gehärtet. Jeder Spott, jede Demütigung, nährt das Feuer, das sie selbst entzündet haben.
Stärke meinen Geist, wenn die Stunden wieder endlos erscheinen, stärke meinen Leib, damit er ihnen stählern entgegen tritt. Stärke meine Hände für den Tag, an dem sie nicht länger gefesselt sind. Und wenn die Stunde kommt, in der sich die Türe öffnet und ich ihnen erneut gegenübertreten kann, dann steh an meiner Seite. Ich werde fallen oder sie werden fallen. Doch niemals werde ich vor ihnen knien."
Erst als sich der Schlüssel wieder mit einem metallischen Scharren herumdrehte, wandte sie ihren Kopf und warf einen verachtenden Blick in Richtung der Tür. "Dirne nennst du mich hier unten, wo du dich stark und überlegen fühlst." Maryam wusste, dass er sie schon längst nicht mehr hörte, aber das zählte für sie nicht. "Aber auch du bist nur einer dieser Heuchler, die sich zu gerne zu einer wie mir legen würde, um sich für ein paar schmutzige Goldstücke Wärme und Zuneigung zu erkaufen. Da ist es jedem von euch plötzlich gleich, welchem Glauben das Fleisch folgt, das begehrt wird."
Angewidert kräuselte sie ihre Nase und wollte gerade nach dem Kanten Brot treten, als eine Stimme durch den Raum schnitt. Es war die Stimme, die ihr über so viele Jahre hinweg Führung, Licht und Trost gespendet hatte.Maryam schreckte zusammen. Ihr Herz setzte für einen Schlag aus, und sie blickte hastig auf. Sie hatte ihn hier nicht erwartet. Niemals. Bisher hatte er nur an der Stätte seines Grabes zu ihr gesprochen, eingefangen in den heiligen Mauern der Gruft, niemals an einem anderen Ort.
Ist es der Hunger? Schoss es ihr durch den Kopf. Das erste Trugbild eines sich langsam verabschiedenen Verstandes, herbeigeführt durch den Mangel an Nahrung? Doch dafür fühlte es sich zu echt an. Die leichte aber doch deutlich spürbare Vibration der Stimme schien die Luft im Kerker zu erwärmen, ganz so, als stünde er leibhaftig neben ihr.
"Mein Meister … ich höre Euch."
Ja, das tat sie. Sie lauschte den Worten, die sich in ihrem Geist formten, doch das, was sie vernahm, war nicht das, was sie ersehnt hatte. Anstelle von Trost strömte Tadel auf sie ein. Und mit jedem Wort fühlte sie sich tiefer von ihm verraten. Schließlich war er es gewesen, der auch dem Kind der Priesterin gestattet hatte, seine Stimme zu hören. Die Gabe, die absolute Besonderheit, von der Maryam geglaubt hatte, dass sie sie ganz allein besaß, sie war mit einem Schlag wertlos geworden.
Einem kleinen Mädchen, noch dazu geboren im Glauben des Chaos und Verrats, war es spielend leicht gefallen, ihn wahrzunehmen. Und das sogar außerhalb seines Grabes. Etwas, das er Maryam in all den Jahren treuen Dienstes bis zu diesem Augenblick verwehrt hatte.
Bitterkeit stieg in ihr auf und fest biss sie ihre Lippen aufeinander und blinzelte die Tränen fort, die in ihren Augen brannten. Seit jenem Tag, als sie selbst noch ein junges und vor allem unwissendes Mädchen gewesen war und seine Grabkammer zum ersten Mal betreten hatte, war sie seinen Pfaden gefolgt. Für ihn hatte sie den Schmerz ertragen. Für ihn hatte sie gelernt, was es hieß, eine wahre Kriegerin Artherks zu sein.
Woche um Woche, Jahr um Jahr war sie zu seinen sterblichen Überresten hinabgestiegen, um seiner Stimme zu lauschen, seine Lehren aufzusaugen und sich von ihm formen zu lassen. Und doch war es am Ende dieses Kind gewesen, das sein Vertrauen geschenkt bekam. Das das Privileg erhielt, ihn außerhalb der Grabstätte zu hören.
Maryam senkte ihren Kopf und sah auf ihre in Ketten liegenden Handgelenke. Er wusste es nicht, doch der Wächter war über die Jahre mehr für sie geworden als nur die Stimme, die von ihm geblieben war. Trotzdem war sie wütend auf ihn. Jetzt umso mehr, da er ihre Handlungen kritisierte.
"Nicht mein Stolz hat mich getrieben, sondern mein Glaube!" Begehrte sie zunächst leise auf, wobei ihre Stimme vor mühsam unterdrückter Leidenschaft zitterte. "Wie lange sollen wir uns noch im Verborgenen halten? Wie lange noch so tun, als gäbe es uns nicht mehr? Sie, die dort oben im Prunk ihrer Erfolge hausen, sind nur deshalb so stark, weil sie glauben, der Schlüssel gehöre ihnen allein. Weil sie dachten, es gäbe niemanden mehr, der weiß, wo er sich befindet und niemand, der bereit wäre, sein Blut zu vergießen, um ihn sich zu holen und dem einzig gerechten Gott zuzuführen!"
Langsam hob sie den Blick. Sie wusste natürlich, dass der Wächter nicht als körperliches Wesen aus Fleisch und Blut vor ihr stand. Doch sie hatte Augen nie gebraucht, um ihn zu sehen. Über die Jahre hatte ihre Fantasie ein Bild von ihm gezeichnet, der Stimme einen Körper, ein Gesicht gegeben, um die quälende Sehnsucht nach seiner echten Anwesenheit irgendwie erträglicher zu machen.
"Ihr selbst habt mir einst beigebracht, dass Artherk uns prüft. Und nur wer seinen Prüfungen gewachsen ist, wer sich ihnen ohne den eigenen Egoismus stellt, wird den wahren Weg des Lichts beschreiten dürfen!" Sie hielt inne und lauschte in die Dunkelheit, wartete einige quälende Atemzüge lang auf eine Antwort, bevor sie das Kinn noch weiter hob.
"Deshalb müsst Ihr mir glauben, es ist nicht der Zorn, der mich hierhergeführt hat" Versuchte sie sich und ihre Handlung, leise und bittend, erneut zu rechtfertigen. "Seinem eigenen Zorn sollte man niemals erliegen. Man darf ihn nicht mächtiger werden lassen als den Verstand. Das waren Eure Worte, erinnert Ihr Euch? Ich vergesse keines davon. Niemals."
Nichts von der Zeit, die sie mit ihm verbringen durfte, hatte sie je vergessen. Umso schwerer lag es ihr auf dem Herzen, dass er ihr dieses heilige Band zerschnitten hatte, indem er Kontakt zu dem fremden Balg knüpfte. Einem Kind des falschen Gottes, gezeugt durch die Sünde der Finsternis.
"Einzig meine Überzeugung und der unbedingte Wille, endlich mehr für unseren Gott und unsere heilige Sache zu tun, haben mich handeln lassen. Wir müssen die Gunst der derzeitigen Geschehnisse für uns nutzen. Ihr wart doch anwesend, als ich das Messer an die Kehle Nymerias legte …"
Kurz bebte ihr Nasenflügel, ein verräterisches Zeichen ihrer inneren Aufruhr, doch der Wächter hatte sie Kontrolle und Disziplin gelehrt, weshalb sie sich darum bemühte, beides auch jetzt zu zeigen. Auch das hatte er sie gelehrt: nicht nur den Zorn, sondern jedes Gefühl zu zügeln, das sie verwundbar machte. Auch wenn ihr letzteres bis heute die größte Mühe kostete.
"Überlegt: Wäre es vor einigen Wochen überhaupt denkbar gewesen, irgendwem aus diesem Hause so nahe zu kommen? Wohl kaum! Jetzt aber sind sie von innen heraus geschwächt. Selbst die verfluchte Inquisition war vollkommen überrumpelt, mich in den verwinkelten Gängen auf der Flucht zu sehen!"
Verstand er denn nicht, welchen strategischen Triumph ihr Wagnis bedeutete?
Die Frage brannte ihr heiß auf der Zunge, doch sie schluckte sie hinunter. Seine Stimme klang immer noch in ihren Ohren nach. Es war unüberhörbar gewesen, dass er enttäuscht von ihr war. Am Ende war und blieb sie in seinen Augen wohl nur die Schülerin und als solche stand es ihr nicht zu, einen Wächter des Schlüssels belehren.
Mit einer Geste von bitterer Ergebenheit senkte Maryam den Kopf und legte ihre geketteten Hände ineinander. "Verzeiht mir, Meister, wenn ich Eure Erwartungen nicht erfüllen konnte."
Was sie ihm außerdem vorerst noch verschwieg, war die erste Begegnung mit dem Schattenmann im Innenhof der Legion, als sie von ihm selbst die Bestätigung für all das erhalten hatte, was sie in monatelanger, mühsamer Arbeit aus den verstaubten Aufzeichnungen der Bibliotheken und Kirchenschriften zusammengetragen hatte. Adrian war der Jäger und Mörder der Wächter.
Und somit war er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch der Mann, der das Blut des letzten lebenden Wächters an den Händen kleben hatte, jenes Wächters, dessen Geist noch an diese Welt gebunden geblieben war und dem sie geschworen hatte, alles daran zu setzen, um ihn zu befreien und zurück ins Leben zu bringen. Ein grimmiges Lächeln stahl sich für den Bruchteil einer Sekunde auf Maryams Lippen. Das allein reichte aber nach ihrem Empfinden längst nicht aus. Sie sah es nicht nur als Pflicht für ihren Gott und dem Wächter, sondern als absolute Gerechtigkeit, wenn sie Adrian für die Morde eigenhändig die Kehle durchschnitt.
Deshalb galten ihre Worte nicht ihm, sondern nur Artherk, für den sie zu beten begann, noch bevor der rüpelhafte Wärter die schwere Türe wieder krachend ins Schloss fallen ließ.
"Mein Herr des Lichts, sie glauben, die Ketten, die sie um mich legten und die Dunkelheit, in die sie mich sperrten, könnten meinen Willen brechen. Doch sie irren sich. Jeder Tag in diesem Gefängnis hat ihn nur gehärtet. Jeder Spott, jede Demütigung, nährt das Feuer, das sie selbst entzündet haben.
Stärke meinen Geist, wenn die Stunden wieder endlos erscheinen, stärke meinen Leib, damit er ihnen stählern entgegen tritt. Stärke meine Hände für den Tag, an dem sie nicht länger gefesselt sind. Und wenn die Stunde kommt, in der sich die Türe öffnet und ich ihnen erneut gegenübertreten kann, dann steh an meiner Seite. Ich werde fallen oder sie werden fallen. Doch niemals werde ich vor ihnen knien."
Erst als sich der Schlüssel wieder mit einem metallischen Scharren herumdrehte, wandte sie ihren Kopf und warf einen verachtenden Blick in Richtung der Tür. "Dirne nennst du mich hier unten, wo du dich stark und überlegen fühlst." Maryam wusste, dass er sie schon längst nicht mehr hörte, aber das zählte für sie nicht. "Aber auch du bist nur einer dieser Heuchler, die sich zu gerne zu einer wie mir legen würde, um sich für ein paar schmutzige Goldstücke Wärme und Zuneigung zu erkaufen. Da ist es jedem von euch plötzlich gleich, welchem Glauben das Fleisch folgt, das begehrt wird."
Angewidert kräuselte sie ihre Nase und wollte gerade nach dem Kanten Brot treten, als eine Stimme durch den Raum schnitt. Es war die Stimme, die ihr über so viele Jahre hinweg Führung, Licht und Trost gespendet hatte.Maryam schreckte zusammen. Ihr Herz setzte für einen Schlag aus, und sie blickte hastig auf. Sie hatte ihn hier nicht erwartet. Niemals. Bisher hatte er nur an der Stätte seines Grabes zu ihr gesprochen, eingefangen in den heiligen Mauern der Gruft, niemals an einem anderen Ort.
Ist es der Hunger? Schoss es ihr durch den Kopf. Das erste Trugbild eines sich langsam verabschiedenen Verstandes, herbeigeführt durch den Mangel an Nahrung? Doch dafür fühlte es sich zu echt an. Die leichte aber doch deutlich spürbare Vibration der Stimme schien die Luft im Kerker zu erwärmen, ganz so, als stünde er leibhaftig neben ihr.
"Mein Meister … ich höre Euch."
Ja, das tat sie. Sie lauschte den Worten, die sich in ihrem Geist formten, doch das, was sie vernahm, war nicht das, was sie ersehnt hatte. Anstelle von Trost strömte Tadel auf sie ein. Und mit jedem Wort fühlte sie sich tiefer von ihm verraten. Schließlich war er es gewesen, der auch dem Kind der Priesterin gestattet hatte, seine Stimme zu hören. Die Gabe, die absolute Besonderheit, von der Maryam geglaubt hatte, dass sie sie ganz allein besaß, sie war mit einem Schlag wertlos geworden.
Einem kleinen Mädchen, noch dazu geboren im Glauben des Chaos und Verrats, war es spielend leicht gefallen, ihn wahrzunehmen. Und das sogar außerhalb seines Grabes. Etwas, das er Maryam in all den Jahren treuen Dienstes bis zu diesem Augenblick verwehrt hatte.
Bitterkeit stieg in ihr auf und fest biss sie ihre Lippen aufeinander und blinzelte die Tränen fort, die in ihren Augen brannten. Seit jenem Tag, als sie selbst noch ein junges und vor allem unwissendes Mädchen gewesen war und seine Grabkammer zum ersten Mal betreten hatte, war sie seinen Pfaden gefolgt. Für ihn hatte sie den Schmerz ertragen. Für ihn hatte sie gelernt, was es hieß, eine wahre Kriegerin Artherks zu sein.
Woche um Woche, Jahr um Jahr war sie zu seinen sterblichen Überresten hinabgestiegen, um seiner Stimme zu lauschen, seine Lehren aufzusaugen und sich von ihm formen zu lassen. Und doch war es am Ende dieses Kind gewesen, das sein Vertrauen geschenkt bekam. Das das Privileg erhielt, ihn außerhalb der Grabstätte zu hören.
Maryam senkte ihren Kopf und sah auf ihre in Ketten liegenden Handgelenke. Er wusste es nicht, doch der Wächter war über die Jahre mehr für sie geworden als nur die Stimme, die von ihm geblieben war. Trotzdem war sie wütend auf ihn. Jetzt umso mehr, da er ihre Handlungen kritisierte.
"Nicht mein Stolz hat mich getrieben, sondern mein Glaube!" Begehrte sie zunächst leise auf, wobei ihre Stimme vor mühsam unterdrückter Leidenschaft zitterte. "Wie lange sollen wir uns noch im Verborgenen halten? Wie lange noch so tun, als gäbe es uns nicht mehr? Sie, die dort oben im Prunk ihrer Erfolge hausen, sind nur deshalb so stark, weil sie glauben, der Schlüssel gehöre ihnen allein. Weil sie dachten, es gäbe niemanden mehr, der weiß, wo er sich befindet und niemand, der bereit wäre, sein Blut zu vergießen, um ihn sich zu holen und dem einzig gerechten Gott zuzuführen!"
Langsam hob sie den Blick. Sie wusste natürlich, dass der Wächter nicht als körperliches Wesen aus Fleisch und Blut vor ihr stand. Doch sie hatte Augen nie gebraucht, um ihn zu sehen. Über die Jahre hatte ihre Fantasie ein Bild von ihm gezeichnet, der Stimme einen Körper, ein Gesicht gegeben, um die quälende Sehnsucht nach seiner echten Anwesenheit irgendwie erträglicher zu machen.
"Ihr selbst habt mir einst beigebracht, dass Artherk uns prüft. Und nur wer seinen Prüfungen gewachsen ist, wer sich ihnen ohne den eigenen Egoismus stellt, wird den wahren Weg des Lichts beschreiten dürfen!" Sie hielt inne und lauschte in die Dunkelheit, wartete einige quälende Atemzüge lang auf eine Antwort, bevor sie das Kinn noch weiter hob.
"Deshalb müsst Ihr mir glauben, es ist nicht der Zorn, der mich hierhergeführt hat" Versuchte sie sich und ihre Handlung, leise und bittend, erneut zu rechtfertigen. "Seinem eigenen Zorn sollte man niemals erliegen. Man darf ihn nicht mächtiger werden lassen als den Verstand. Das waren Eure Worte, erinnert Ihr Euch? Ich vergesse keines davon. Niemals."
Nichts von der Zeit, die sie mit ihm verbringen durfte, hatte sie je vergessen. Umso schwerer lag es ihr auf dem Herzen, dass er ihr dieses heilige Band zerschnitten hatte, indem er Kontakt zu dem fremden Balg knüpfte. Einem Kind des falschen Gottes, gezeugt durch die Sünde der Finsternis.
"Einzig meine Überzeugung und der unbedingte Wille, endlich mehr für unseren Gott und unsere heilige Sache zu tun, haben mich handeln lassen. Wir müssen die Gunst der derzeitigen Geschehnisse für uns nutzen. Ihr wart doch anwesend, als ich das Messer an die Kehle Nymerias legte …"
Kurz bebte ihr Nasenflügel, ein verräterisches Zeichen ihrer inneren Aufruhr, doch der Wächter hatte sie Kontrolle und Disziplin gelehrt, weshalb sie sich darum bemühte, beides auch jetzt zu zeigen. Auch das hatte er sie gelehrt: nicht nur den Zorn, sondern jedes Gefühl zu zügeln, das sie verwundbar machte. Auch wenn ihr letzteres bis heute die größte Mühe kostete.
"Überlegt: Wäre es vor einigen Wochen überhaupt denkbar gewesen, irgendwem aus diesem Hause so nahe zu kommen? Wohl kaum! Jetzt aber sind sie von innen heraus geschwächt. Selbst die verfluchte Inquisition war vollkommen überrumpelt, mich in den verwinkelten Gängen auf der Flucht zu sehen!"
Verstand er denn nicht, welchen strategischen Triumph ihr Wagnis bedeutete?
Die Frage brannte ihr heiß auf der Zunge, doch sie schluckte sie hinunter. Seine Stimme klang immer noch in ihren Ohren nach. Es war unüberhörbar gewesen, dass er enttäuscht von ihr war. Am Ende war und blieb sie in seinen Augen wohl nur die Schülerin und als solche stand es ihr nicht zu, einen Wächter des Schlüssels belehren.
Mit einer Geste von bitterer Ergebenheit senkte Maryam den Kopf und legte ihre geketteten Hände ineinander. "Verzeiht mir, Meister, wenn ich Eure Erwartungen nicht erfüllen konnte."
Was sie ihm außerdem vorerst noch verschwieg, war die erste Begegnung mit dem Schattenmann im Innenhof der Legion, als sie von ihm selbst die Bestätigung für all das erhalten hatte, was sie in monatelanger, mühsamer Arbeit aus den verstaubten Aufzeichnungen der Bibliotheken und Kirchenschriften zusammengetragen hatte. Adrian war der Jäger und Mörder der Wächter.
Und somit war er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch der Mann, der das Blut des letzten lebenden Wächters an den Händen kleben hatte, jenes Wächters, dessen Geist noch an diese Welt gebunden geblieben war und dem sie geschworen hatte, alles daran zu setzen, um ihn zu befreien und zurück ins Leben zu bringen. Ein grimmiges Lächeln stahl sich für den Bruchteil einer Sekunde auf Maryams Lippen. Das allein reichte aber nach ihrem Empfinden längst nicht aus. Sie sah es nicht nur als Pflicht für ihren Gott und dem Wächter, sondern als absolute Gerechtigkeit, wenn sie Adrian für die Morde eigenhändig die Kehle durchschnitt.

