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Gegen Ende April, werde ich aus allen Signaturen, die gegen diese Regeln verstossen, die Banner entfernen.
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Die dunkle Prophezeiung
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Bezgl. Urheberrecht
Bitte beachtet, das fremde Texte nicht so einfach benutzt werden dürfen. Es hilft auch nichts, wenn man die Namen ändert oder einzelne Wörter austauscht. Benutzt ihr für eure RP fremde Texte, muss eine Quellenangabe bzw. die Erlaubnis des Erstellers vorliegen.
Bei Verstoß dagegen erfolgen folgende Strafen :
1. Verstoß
Verwarnung des Users, sowie Löschung der auf das Urheberrecht bezogenen Texte
2. Verstoß
Forumsperre für ALLE Accounts des Users für 48 Stunden, sowie Löschung der auf das Urheberrecht bezogenen Texte
3. Verstoß
Dauerhafte Sperrung sämtlicher Forenaccounts des Users, sowie Löschung der auf das Urheberrecht bezogenen Texte
Dieses betrifft nur eure Accounts hier im Forum und nicht eure Spielaccounts für Die 4te Offenbarung.
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- -Freya-
- Gelehrter / Gelehrte
- Beiträge: 414
- Registriert: Mo 5. Feb 2018, 19:11
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#1826
Freya stand reglos da, den Blick fest auf Alyssa gerichtet, während die Sekunden sich zu einer Stille dehnten, in der sie nur das leise Kratzen von Holz auf Stein hören konnte. Drei, vier Atemzüge, von denen jeder einzelne nach feuchtem Moder vermischt mit süßlich schwerem Harz schmeckte. Ein Geruch, der in ihre Nase kroch und sich in ihre Lungen setzte.
„Geht weg …“ Ein tonloses Flüstern, bei dem Freya nur die Lippen bewegte, während ihre Augen sich glänzend weiteten. Doch die Ranken wuchsen unaufhaltsam weiter.
Was sollte sie tun? Laufen? Freya spürte, wie ihr Puls in den Schläfen pochte. Laut genug, dass es fast die leisen schabenden Geräusche übertönte, mit denen sich die Äste weiter durch den Stein schoben.
Nervös wanderten ihre Augen umher. Sie würde nicht weit kommen. Die Wände lebten. Dicke, schwarze Triebe quollen aus Rissen und schlängelten sich um die Stuckornamente, bis jene unter einem leisen Knacken brachen. Langsam rankte das Efeu in spiralförmigen Mustern empor und Blätter raschelten trocken. Ein bedrohliches Flüstern, das über dem Raum schwebte.
Flucht. Doch damit würde sich die Tür vielleicht für immer verschließen.
Der Gedanke hämmerte hinter ihrer Stirn, scharf und heiß. Instinktiv hob sie den rechten Fuß. Nur ein winziger Ansatz, nicht mehr als ein Reflex, der sie rückwärts tragen wollte. Doch bevor der Schritt Gestalt annehmen konnte, glitt ihr Blick nach unten.
Der Boden war nicht mehr Boden. Ranken glitten darüber wie lebendige Adern. Schwarz-grün, feucht glänzende Triebe, die sich wellenförmig bewegten. Eine von ihnen berührte erneut ihren Stiefel, doch dieses Mal zog sie sich nicht zurück, sondern verharrte, als prüfte sie. Freya erstarrte. Ihr Atem stockte, während eine Kälte über ihre Knöchel kroch. Ein feines Kribbeln, das sich in Gänsehaut verwandelte und bis in den Nacken zog.
Kein Entkommen. Der Raum schloss sich immer enger. Nicht nur die Wände, sondern auch die Decke. Als könnte sie all das abschütteln, schloss sie ihre Augen und atmete tief ein. Keine Angst oder Schwäche zeigen. Doch weder verschwanden die Wurzeln noch zogen sie sich zurück.
Minimal schob Freya ihren Fuß nach hinten, um der Berührung zu entgehen. Eine winzige Bewegung, in der Hoffnung, sie bliebe unbemerkt, während sie ihren Blick zurück zu Alyssa zwang.
Wen sollte sie bei sich halten? Adrian? Ihr Gildenbruder. Ihren Lehrmeister. Der Mann, der sie immer wieder in den Dreck gestoßen hatte, wenn sie nur halbherzig seinen Lektionen gefolgt war? Allein der Gedanke daran fühlte sich falsch an.
Unter normalen Umständen hätte sie den Kopf geschüttelt, vielleicht sogar gelacht. Er hatte auf sie aufgepasst, sie gelehrt und an ihre Grenzen getrieben. Manchmal auch darüber hinaus. Doch all das war Pflicht, Disziplin, Härte. Nichts davon hatte je den Geschmack von Zuneigung getragen. Ihn lieben? Das war nicht nur unwahrscheinlich, sondern vollkommen absurd.
Doch jeder Widerspruch konnte alles zerstören. Alyssas Stimmung kippte so schnell wie die Ranken wuchsen. Von mütterlicher Weichheit zu rasender Verzweiflung. Wenn sie jetzt widersprach oder auch nur zögerte, konnte jede Hoffnung auf Hilfe verschwinden. Der Weg würde sich schließen. Naheniel würde kommen. Und dann…
Ihre Kehle fühlte sich unendlich trocken an, als sie an Alyssa vorbei ihre eigene schemenhafte Spiegelung im Fenster sah. Dunkle Strähnen, die sich um ihre Züge gelegt hatten, nachdem sie sich aus dem notdürftig zusammengebundenen Zopf befreit hatten, ein Hemd, das ihr viel zu groß war und eine Hose, die nur durch einen Gürtel gehalten wurde. Ein Ebenbild dessen, was sie einst gewesen war.
„Ich werde sein, wer ich sein muss.“ Ihre Stimme war nur ein Flüstern. Worte, die sie vorsichtig wählte, ohne ein echtes Versprechen zu geben. Nur eine Hülle aus Zustimmung, um Alyssa zu beruhigen. Sie musste ihre Rolle annehmen.
Mit einem zarten Wimpernschlag glitt ihr Blick zu Alyssa. Bei jedem Schritt, den diese setzte, wichen die Zweige zurück, als würden sie den Atem anhalten. Fast ehrfürchtig zogen die Ranken sich lautlos zurück, um ihr einen schmalen, lebendigen Pfad zu öffnen. Doch der Raum um sie herum blieb nicht still. Die Wände atmeten weiter, ein leises Knacken und Rascheln, das wie das Flüstern alter Wälder klang.
Freya selbst blieb stehen. Nur ihre Augen folgten Alyssas Bewegung zur Tür, während die Wurzel an ihrem Fuß sie verharren ließ. Zwar wuchs sie nicht weiter oder drängte sich weiter vorwärts, doch lag sie bedrohlich nah neben ihr, als würde sie nur darauf warten, dass Freya den kleinsten Impuls gab, sich zu bewegen. „Was meinst du damit? Werden, wer du warst?“
Genügte das Wort nicht, das sie ihr gab? Sie hatten keine Zeit über Adrian zu diskutieren, was Wahrheit war oder hätte sein sollen. Vieles war nicht so, wie es bestimmt war und manches eben eine Lüge oder eine Illusion. Doch Alyssa ging weiter.
Blinzelnd sah Freya auf den Boden. Was hatte sie zu verlieren? Sie musste ihr folgen, ob sie das wollte oder nicht. Ein hörbarer Atemzug füllte ihre Lungen, während ihre Finger sich zu kleinen Fäusten zusammenzogen und sie ihre Angst zurückdrängte, um einen zögerlichen Schritt vorwärts zu machen. Eine langsame bedachte Bewegung, mit der sie ihren Fuß über die Wurzel hinwegführte, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Was hast du vor?"
Skeptisch und vorsichtig tastete ihr Blick den Boden ab, bevor sie ihren anderen Fuß vorsichtig anhob. Ein schwindelerregendes Gefühl nur eine falsche Bewegung zu machen, bei dem sich ihr Magen zusammenzog. „Wir haben keine Zeit. Naheniel ist mir auf dem Fersen. Er und seine Dämonen. Sag mir, was muss ich tun?“
„Geht weg …“ Ein tonloses Flüstern, bei dem Freya nur die Lippen bewegte, während ihre Augen sich glänzend weiteten. Doch die Ranken wuchsen unaufhaltsam weiter.
Was sollte sie tun? Laufen? Freya spürte, wie ihr Puls in den Schläfen pochte. Laut genug, dass es fast die leisen schabenden Geräusche übertönte, mit denen sich die Äste weiter durch den Stein schoben.
Nervös wanderten ihre Augen umher. Sie würde nicht weit kommen. Die Wände lebten. Dicke, schwarze Triebe quollen aus Rissen und schlängelten sich um die Stuckornamente, bis jene unter einem leisen Knacken brachen. Langsam rankte das Efeu in spiralförmigen Mustern empor und Blätter raschelten trocken. Ein bedrohliches Flüstern, das über dem Raum schwebte.
Flucht. Doch damit würde sich die Tür vielleicht für immer verschließen.
Der Gedanke hämmerte hinter ihrer Stirn, scharf und heiß. Instinktiv hob sie den rechten Fuß. Nur ein winziger Ansatz, nicht mehr als ein Reflex, der sie rückwärts tragen wollte. Doch bevor der Schritt Gestalt annehmen konnte, glitt ihr Blick nach unten.
Der Boden war nicht mehr Boden. Ranken glitten darüber wie lebendige Adern. Schwarz-grün, feucht glänzende Triebe, die sich wellenförmig bewegten. Eine von ihnen berührte erneut ihren Stiefel, doch dieses Mal zog sie sich nicht zurück, sondern verharrte, als prüfte sie. Freya erstarrte. Ihr Atem stockte, während eine Kälte über ihre Knöchel kroch. Ein feines Kribbeln, das sich in Gänsehaut verwandelte und bis in den Nacken zog.
Kein Entkommen. Der Raum schloss sich immer enger. Nicht nur die Wände, sondern auch die Decke. Als könnte sie all das abschütteln, schloss sie ihre Augen und atmete tief ein. Keine Angst oder Schwäche zeigen. Doch weder verschwanden die Wurzeln noch zogen sie sich zurück.
Minimal schob Freya ihren Fuß nach hinten, um der Berührung zu entgehen. Eine winzige Bewegung, in der Hoffnung, sie bliebe unbemerkt, während sie ihren Blick zurück zu Alyssa zwang.
Wen sollte sie bei sich halten? Adrian? Ihr Gildenbruder. Ihren Lehrmeister. Der Mann, der sie immer wieder in den Dreck gestoßen hatte, wenn sie nur halbherzig seinen Lektionen gefolgt war? Allein der Gedanke daran fühlte sich falsch an.
Unter normalen Umständen hätte sie den Kopf geschüttelt, vielleicht sogar gelacht. Er hatte auf sie aufgepasst, sie gelehrt und an ihre Grenzen getrieben. Manchmal auch darüber hinaus. Doch all das war Pflicht, Disziplin, Härte. Nichts davon hatte je den Geschmack von Zuneigung getragen. Ihn lieben? Das war nicht nur unwahrscheinlich, sondern vollkommen absurd.
Doch jeder Widerspruch konnte alles zerstören. Alyssas Stimmung kippte so schnell wie die Ranken wuchsen. Von mütterlicher Weichheit zu rasender Verzweiflung. Wenn sie jetzt widersprach oder auch nur zögerte, konnte jede Hoffnung auf Hilfe verschwinden. Der Weg würde sich schließen. Naheniel würde kommen. Und dann…
Ihre Kehle fühlte sich unendlich trocken an, als sie an Alyssa vorbei ihre eigene schemenhafte Spiegelung im Fenster sah. Dunkle Strähnen, die sich um ihre Züge gelegt hatten, nachdem sie sich aus dem notdürftig zusammengebundenen Zopf befreit hatten, ein Hemd, das ihr viel zu groß war und eine Hose, die nur durch einen Gürtel gehalten wurde. Ein Ebenbild dessen, was sie einst gewesen war.
„Ich werde sein, wer ich sein muss.“ Ihre Stimme war nur ein Flüstern. Worte, die sie vorsichtig wählte, ohne ein echtes Versprechen zu geben. Nur eine Hülle aus Zustimmung, um Alyssa zu beruhigen. Sie musste ihre Rolle annehmen.
Mit einem zarten Wimpernschlag glitt ihr Blick zu Alyssa. Bei jedem Schritt, den diese setzte, wichen die Zweige zurück, als würden sie den Atem anhalten. Fast ehrfürchtig zogen die Ranken sich lautlos zurück, um ihr einen schmalen, lebendigen Pfad zu öffnen. Doch der Raum um sie herum blieb nicht still. Die Wände atmeten weiter, ein leises Knacken und Rascheln, das wie das Flüstern alter Wälder klang.
Freya selbst blieb stehen. Nur ihre Augen folgten Alyssas Bewegung zur Tür, während die Wurzel an ihrem Fuß sie verharren ließ. Zwar wuchs sie nicht weiter oder drängte sich weiter vorwärts, doch lag sie bedrohlich nah neben ihr, als würde sie nur darauf warten, dass Freya den kleinsten Impuls gab, sich zu bewegen. „Was meinst du damit? Werden, wer du warst?“
Genügte das Wort nicht, das sie ihr gab? Sie hatten keine Zeit über Adrian zu diskutieren, was Wahrheit war oder hätte sein sollen. Vieles war nicht so, wie es bestimmt war und manches eben eine Lüge oder eine Illusion. Doch Alyssa ging weiter.
Blinzelnd sah Freya auf den Boden. Was hatte sie zu verlieren? Sie musste ihr folgen, ob sie das wollte oder nicht. Ein hörbarer Atemzug füllte ihre Lungen, während ihre Finger sich zu kleinen Fäusten zusammenzogen und sie ihre Angst zurückdrängte, um einen zögerlichen Schritt vorwärts zu machen. Eine langsame bedachte Bewegung, mit der sie ihren Fuß über die Wurzel hinwegführte, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Was hast du vor?"
Skeptisch und vorsichtig tastete ihr Blick den Boden ab, bevor sie ihren anderen Fuß vorsichtig anhob. Ein schwindelerregendes Gefühl nur eine falsche Bewegung zu machen, bei dem sich ihr Magen zusammenzog. „Wir haben keine Zeit. Naheniel ist mir auf dem Fersen. Er und seine Dämonen. Sag mir, was muss ich tun?“

Geboren aus dem Wissen einer dunklen Vergangenheit - verblasst mein altes Leben im Schatten einer neuen Zeit.
~ Einfach Freya ~
In den Momenten, in denen nichts mehr bleibt, sieht man die unsichtbaren Fäden, die uns wirklich halten.
Ein Name allein hat dabei keine Bedeutung. Er kann verblassen, wie Tinte auf einem Pergament - wie ein leeres Versprechen.
- Gesichtsloser Erzaehler
- Dorfältester / Dorfälteste
- Beiträge: 189
- Registriert: Do 22. Jul 2021, 21:49
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#1827

Alyssa
Alyssa musste nicht sicher gehen, dass Freya ihr folgte. Es war der eigene Wunsch des Mädchens gewesen, den es anzunehmen, es war also unnötig, sich nach ihr umzudrehen. Das Holz der Äste und Wurzeln knackte leise, als es sich unter den Füßen der beiden weiter zurückzog, bis sie an dem Bett stehen blieben.
Ohne etwas zu sagen, deutete Alyssa Freya sich hinzulegen und beobachtete sie dabei, wie diese sich zwar zögerlich, aber doch ohne Widerworte auf das weiche, unberührte Tuch sinken ließ. Sie dachte an Adrian, an die Nacht, die sie hier eigentlich hätten verbringen sollen und an jene, die sie in der Schöpfung Naheniels miteinander verbrachten. An das Vertrauen, das sie einander entgegenbrachten und die Zärtlichkeiten, die sie miteinander austauschten. Die Minuten, als er fasziniert ihren Bauch streichelte, in dem ihr Kind wuchs und wuchs. Und an die Angst, die ihr all das machte.
Naheniel kam zur Zeit ihrer Schwangerschaft selten, weshalb es leichter war, ihren Zustand vor ihm zu verbergen. Das war nicht ungewöhnlich. Es gab Zeiten, da kam er ein Jahr nicht zu ihr. Nicht weil er sie vergaß, so sagte er, sondern weil er dafür sorgte, dass sie bei ihm blieb. Ihre Haut begann zu kribbeln, als sie an den Moment dachte, als er einst seine Hand nach ihr ausstreckte. "Ich bin hier, um Dich mitzunehmen."
Mit einem Blinzeln holte Alyssa sich zurück in die Gegenwart, schenkte Freya ein Lächeln, das jedoch ohne Freundlichkeit und Zuspruch war, sondern vielmehr die Bitterkeit und Einsamkeit offenbarte, mit der sie sich umgab. Bedächtig kniete sie sich vor Freya, so dass es nun das Kind war, das auf die Erwachsene herabsehen konnte.
"Du bist mir so ähnlich. Und doch…." Ihre Stimme erstarb und für einen Moment schien es, als würde sie endlich begreifen, was schon längst offensichtlich war. Doch dann entglitt ihr Blick und sie setzte flüsternd fort. "Leg Dich hin."
Das Mädchen gehorchte zitternd. Was blieb ihm auch anderes übrig? Es wollte nach Hause, zurück nach dort, von wo es gekommen war. In das Haus ihrer Kindheit, zu ihren Brüdern, ihrem Vater, der Mutter und der Tante. Dort, wo es sicher war. Sicher vor den Launen des Schöpfers, sicher vor einer Welt, die ihm gehörte und ihm gehorchte. Vielleicht sogar sicher vor sich selbst und der Entscheidung, die sie wieder treffen musste.
Dann, wie aus dem Nichts, und ohne eine Vorwarnung, geschah es. Die Wurzeln schossen mit einer ruckartigen Geschwindigkeit von der Wand und vom Boden hervor, umschlangen die Bettpfosten, webten sich durch den Baldachin und begannen, wie lebendige Fesseln über Freyas Knöchel und Handgelenke zu gleiten. Sie drückten sie nieder, hinein in den weichen Untergrund des Bettes, um sie fest an diesen zu ketten.
Über ihnen hatten sich die Deckenbalken in dicke, knotige Äste verwandelt, über die sich eine helle, fast weiße Rinde spannte, aus der hin und wieder eine zähflüssige Substanz wie feiner Regen herabtropfte und sofort von den Wurzeln am Boden aufgesogen wurde. Alyssa erhob sich in einer fließenden Bewegung, breitete ihre Arme aus und krümmte ihre Finger, als würde sie nach etwas Unsichtbarem greifen.
Damit einhergehend drang ein leises Summen zwischen den Lippen Alyssas hervor, das sich nach und nach über dem Raum ausbreitete und auf das Geäst überzugehen schien. "Spürst Du es? Die Welt sieht uns, die Welt hört uns. Sie nimmt sich, was ihr zusteht…" Sie legte ihren Kopf in den Nacken und schloss für einige Atemzüge mit flatternden Lidern ihre Augen und wiederholte einem einem Sprechgesang gleich ihre Worte. "Seine Welt hört. Seine Welt nimmt, was ihr zusteht. Seine Welt gibt, was sie fordert."
Tief sog sie den Atem ein, spürte wie der Raum sich mit immer mehr Leben füllte, hörte die Geräusche des Holzes und fühlte das leichte Beben des Bodens, durch den mehr und mehr Äste herausbrachen.
Als Alyssa ihre Augen wieder öffnete, richtete sie ihre Konzentration auf Freya, beugte sich über sie und legte ihre kalten Hände flach auf deren Brust, genau über ihrem immer laut klopfenden Herzen. "Dein Körper ist zu klein." Ihre Stimme war nun fern, klang nicht mehr wie ihre eigene und doch war es immer noch sie, die sprach.
Zärtlich fuhren einige ihrer Fingerspitzen über den Brustkorb des Kindes, erspürten das Leben und die Jugend, die sie in sich trug. "Zu zerbrechlich für das, was kommen muss. Für die Liebe, die Du tragen sollst. Für das Versprechen, das Du halten wirst." In ihren Augen flackerte ein dunkler Schatten und plötzlich drückte sie mit ihrer Hand fest auf die schmale Brust des Kindes. Gleichzeitig erhob sie ihre andere Hand, griff hinein in die Leere, die sich um sie herum befand, zog an etwas, das für sie beide unsichtbar blieb. .
Im gleichen Moment erfüllte ein helles Glühen das Zimmer, legte sich einem samtenen Schimmer gleich auf die Wurzeln und die Äste, verlieh aber der Frau, die über Freya stand, einen gespenstischen Ausdruck, der ihren Verfall nun umso deutlicher untermalte.
Leise begann sie wieder zu sprechen, zunächst leise, fast flüsternd, dann immer lauter werden, mit dem Rhythmus eines alten Zaubergesangs, der aus den Tiefen dieser Welt, aus den Tiefen ihrer Vergangenheit und ihrer Einsamkeit selbst kam. Während ihre Stimme weiter anschwoll, tippte sie mit ihrem Daumen jeweils auf einen anderen Finger. Eine stete, immer gleich bleibende Konstanz, die sich an ihre Worte anpasste.
Die Wurzeln, die Freyas Körper berührten, begannen währenddessen feine, hauchdünne Fasern auszustrecken, die sich durch den Stoff ihrer Kleidung direkt in ihre Haut bohrten. Zusätzlich zog sich das etwas dickere Geäst fester um das Kind, hielt es fest, so dass es ihr nicht möglich war, sich gegen den Halt, den es ausübte, zu wehren.
Immer und immer wieder wiederholte Alyssa die Worte in einer Sprache, die nicht zu verstehen war und doch so klar klang, dass die Frage danach, was es bedeutete, nicht gefragt werden musste. Mit einem nächsten Atemzug hielt sie inne, presste ihre Finger tief in Freyas Haut und das Blau in ihren Augen, das vorhin noch so entrückt und fern gewirkt hatte, glomm hell auf, nur um gleich darauf von etwas Dunklem, das bereits so lange auf ihrer Seele lag, überlagert zu werden.
Dann setzten die Schmerzen ein.
Sie waren wie ein Sturm aus dem Inneren, eine plötzliche Welle aus roher Gewalt, die jeden Knochen, jede Sehne, jede Zelle gleichzeitig erfasste, um ihre Hülle gnadenlos aufzubrechen, das Kind in ihr herauszureißen und etwas anderes hineinzuzwängen. Etwas, das noch immer sie war, und doch eine Veränderung brachte. Ein neuer KÖrper, ein neues Sein, das atmete, blutete, gebären und auch irgendwann starb.
Ein dumpfes Krachen auf das gleich darauf ein nächstes und noch eines folgte, wies darauf hin, dass die Knochen in Freyas Leib unter der Wucht der Magie nachgaben, nur um sich in unnatürlicher Geschwindigkeit neu zu formen. Sie spürte, wie ihr Brustkorb sich weitete, wie ihre Rippen sich mit einem scharfen Stechen auseinanderschoben, um Platz zu schaffen für die wachsenden Organe, die sich darunter befanden.
Ihre Haut spannte sich um ihren wachsenden Körper, dehnte sich, riss an einigen Stellen, nur um von den feinen Fäden, die aus den Wurzeln gewachsen waren, wieder zusammengezogen zu werden. Ihre Beine und Arme wurden länger, die Muskeln, von denen sie in Zukunft getragen werden würde, definierter und stärker. Doch damit hörte es nicht auf.
Ein brutaler Ruck ging durch ihr Becken, als würden unsichtbare Hände fest in dieses greifen und es auseinanderziehen, um den Knochen zu brechen. Der Schmerz war überwältigend, zu viel, um ihn einfach so zu akzeptieren. Laut schrie Freya auf, ein hoher, kindlicher Schrei, der mitten im Ton brach und tiefer, rauer und voller wurde. Nicht mehr der Klang eines Kindes, sondern jener einer fast vollendeten Frau.
Mit einem knirschenden Geräusch schoben die gebrochenen Hüftknochen sich auseinander, formten eine breitere Schale, die für das Tragen von Leben geschaffen war, nur um gleich darauf wieder lautlos zusammenzuwachsen.
Alyssa presste ihre Hand noch fester auf den Brustkorb Freyas, während das Pulsieren des Lichts im Hintergrund intensiver wurde. Ihre Stimme, mit der sie weiterhin ihre Worte wiederholte, war nun kehliger und dunkler gefärbt. Selbst wenn Freya es noch gewollt hätte, es wäre nicht mehr aufzuhalten gewesen.
Ihre Mutter gierte nach der Zeit, nach dem Leben, das sie nicht geführt hatte und dass sie doch immer wieder aufgeben würde. Alles davon wollte sie sich nehmen, und sich tiefer in diesen Rausch, den ihr allein der Gedanke bereitete, fallen lassen. Auch sie war vor der Macht, die nun um sie floss nicht gefeit, was sich von Sekunde zu Sekunde mehr in ihrem Gesicht abzeichnete.
Genau dort, wo Freyas Herz ob des Schmerzes, der Panik und des viel zu schnellen Wachsens tobte, setzte eine brennende Hitze ein. Die kleinen, kindlichen Brüste schwollen an, nicht sanft und langsam, sondern mit einem heftigen Ziehen und Drücken, als würde das Fleisch von innen mit aller Wucht herausgepresst werden. Auch über diese Wölbung spannte sich die Haut, dünner und ein wenig durchscheinend, so dass feine blaue Äderchen an einigen Stellen mehr, an anderen weniger deutlich hervortraten.
Gleichzeitig verlor das Gesicht die letzten Rundungen und die kindliche Unschuld erlosch unwiederbringlich. Stattdessen traten die Wangenknochen etwas schärfer gezeichnet hervor und die Lippen wurden voller und dunkler, verzogen sich sogleich unter dem Leid, das Freya gerade ertragen musste.
Mittlerweile drückte Alyssa ihr gesamtes Gewicht auf das Mädchen, nein, auf die Frau, die unter ihr Gestalt angenommen hatte. Es erschöpfte sie unendlich, zu tun was sie tat. Und doch erfüllte es sie zeitgleich mit einer Macht, die sie sich direkt aus der Schöpfung Naheniels stahl. So viel hatte sie gegeben, so viel geopfert. Jetzt war es an ihr, etwas zu nehmen und zurückzufordern.
Mit einem lauten Schrei, der ihren eigenen seelischen und auch körperlichen Schmerz untermalte, endete die Beschwörung und erschöpft ließ sie ihren Kopf sinken, so dass ihr schwarzes Haar ihr müdes Gesicht strähnig bedeckte.
Sie konnte spüren, wie das Herz Freyas unter ihrer Handfläche kräftiger schlug und wie die Wärme des nun erwachsenen, weiblichen Körpers die Kälte ihrer eigenen Finger vertrieb. "Nun hast Du meine Schwere, meine Jahre, die ich für ihn gab. Spürst Du wie das Kind in Dir endgültig ertinkt?"
Heiße Tränen füllten ihre Augen, rannen ungehindert ihre Wangen herab und langsam zog sie ihre Hand zurück. Und mit ihrem Rückzug ließen auch die Ranken von Freya ab, lösten sich von ihren Handgelenken und Beinen. Die feinen Fäden, die durch ihre Haut gedrungen waren, starben ab und lösten sich vollständig auf, ohne dabei auch nur irgendein Zeichen zu hinterlassen.
Alyssa hingegen verlor das Gleichgewicht, schwankte und stolperte einen Schritt zurück, nur um gleich darauf auf ihre Knie zu sinken. Am ganzen Körper zitternd und von Wurzeln umgebend, die nun begannen, sie zu umgeben und versuchten, sie aufrecht zu halten, richtete sie ihren von Tränen und Haaren verschleierten Blick auf ihre Hände.
"Aus Kind wird Weib ~~ Aus Mädchen wird Braut ~~ Gib mir die Jahre, die nicht gelebt wurden ~~ Gib ihr die Narben, die ich trage. ~~ Fülle sie mit dem, was verloren ging ~~ und nimm von ihr das Kind, das sie war."
Sie hielt inne und wartete ab, ob sie eine Antwort auf ihre Forderungen bekam. Es blieb still um sie herum und doch schien sie etwas zu hören, denn sie seufzte leise und schwer.
"Nun ist sie die Frau, die sie werden musste - und die ich nie wieder sein darf … " Ihre Stimme war kaum noch mehr als ein leises Flüstern, bevor sie endgültig brach. "Nicht für Adrian und auch nicht für Naheniel."
- -Freya-
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#1828
Vorsichtig setzte Freya einen Schritt vor den anderen. Die Wurzeln, die sich wie erstarrte Schlangen über den Boden zogen, ließen ihr kaum Raum zum Gehen. Doch das Mädchen achtete darauf, keine von ihnen zu berühren und aus ihrem Schlaf zu wecken. Eine Angst, die sie nicht verbergen konnte, als sie angespannt einen Fuß vor den anderen setzte.
Was hatte Alyssa vor? Unsicher glitt Freyas Blick zu der Frau hinüber, die sich so selbstverständlich zwischen all dem bewegte, ehe sie sich zu ihr wandte und vor sie kniete. Verunsichert suchten Freyas Augen ihren Blick. Genau wie Alyssa es tat. Sie waren einander ähnlich und doch nicht gleich. Doch bevor sie fragen konnte, durchbrach Alyssa bereits die Stille. „Leg dich hin.“
Für einen Augenblick blieb Freya stehen. Ihr Atem stockte, als würde ihr Körper sich weigern, dieser Aufforderung zu folgen. Ihr Blick wanderte abermals über die Äste und Wurzeln hinweg, die zwischen Mauerritzen und Holz ihren Platz gefunden hatten.
Ein Schauer kroch über ihren Rücken hinab, ehe Freya sich mit einem Wimpernschlag löste. Es war vielleicht der einzige Weg. Sie durfte nicht zulassen, dass sich ihre Angst dazwischen stellte.
Schwer schluckte sie ihre Furcht hinunter. Ein kurzer Augenblick, ehe sie schließlich näher an das Bett herantrat und sich mit angehaltenem Atem darauf sinken ließ.
Die Seide unter ihren Fingern fühlte sich kühl an. Ein glattes, fremdes Gefühl, das die feinen Härchen auf ihren Armen aufstellte. Unwillkürlich glitt ihr Blick ihrer eigenen Hand hinterher, die über den Stoff strich und eine flüchtige Spur darin hinterließ. Sie konzentrierte sich auf diese Bewegung, auf das kaum sichtbare Spiel der Fasern, nur um sich von den Wurzeln und Ästen sowie ihrer eigenen Angst abzulenken.
Vielleicht musste sie einfach nur die Augen schließen. Nur einen Moment, so als würde sie sich schlafen legen. Möglicherweise war es auch genau das, was sie tun musste. Einschlafen und wenn sie ihre Lider wieder aufschlug, war sie zurück in ihrem Zimmer. In ihrem Bett. In einer Welt, die Sinn ergab.
Langsam ließ Freya sich in die Kissen sinken. Eine ruhige Bewegung, bei der sich zeitgleich ihre Wimpern senkten. Nur den Gedanken vor Augen, der so zerbrechlich war, dass sie kaum wagte zu atmen.
Dann bewegte sich etwas. Unter der Matratze. Sie konnte es spüren. Ein einziger Herzschlag, der verging und Freya nur noch erlaubte, die Augen aufzureißen, als die rauen Wurzeln sich bereits um ihre Handgelenke und Knöchel schlangen. Äste und Schlingen, die sich um ihren Körper legten und ihn mit unnachgiebiger Kraft festhielten.
Panisch schrie sie auf. Nur von einem Überlebensinstinkt getrieben, versuchte sie sich mit aller Kraft unmittelbar loszureißen. Ein Fehler, der sich in brennenden Striemen in ihrer Haut bemerkbar machte, als die Ranken sich direkt straffer zogen. Doch die Panik ließ Freya nicht spüren, wie tief die Wurzeln in ihre Haut schnitten. Immer wieder warf sie sich dagegen, doch ihre Stimme zerbrach unter einem erstickten Schluchzen. „Hör auf! Lass mich los!“
Alle Gedanken zerfielen. Alles, was blieb, war die nackte Angst. Eine Furcht, die hinter einem Schleier aus Tränen in ihren Augen stand. Sie riss an den Fesseln, doch je stärker sie sich dagegenstemmte, desto tiefer gruben sie sich in ihr Fleisch. Bald konnte sie nicht einmal mehr den Kopf heben. Ihr Atem wurde hastig, flach, während ihr Herz rasend gegen ihre Brust hämmerte. „Bitte…“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie zur Decke. Ihre Lippen bebten, als ihr Blick auf die bleichen Äste fiel, die über sie hinwegrankten. Ein Tropfen fiel auf ihre Stirn. Unmittelbar zuckte Freya zusammen. Dann ein zweiter. Er rann kühl über ihre Haut, als Alyssas Gesicht über ihr erschien.
„Alyssa…“ Die Luft kam in panischen, abgehackten Stößen, als könne sie nicht entscheiden, ob sie atmen oder schreien sollte.
Freya wartete auf eine Antwort. Irgendetwas, das sie sagen würde. Doch stattdessen spürte sie nur die Hände der Frau auf ihrer Brust. Eine eiskalte Berührung, die sie zusammenzucken ließ. Jeder einzelne Finger brannte sich in ihre Haut, als wäre er glühend heiß. Ihr Herz hämmerte so laut, dass das Dröhnen ihre Ohren füllte. „Hör auf!“
Doch ihr Blick war weit entfernt. Keine Worte, nur ein Schmerz, der langsam und ohne Vorwarnung kam.
Ein brutales Krachen fuhr durch ihren Brustkorb, während ein Stechen ihren Körper erschütterte. Freya riss ihre Augen weit auf, als ein Schrei aus ihrer Kehle brach.
Alles in ihr wollte sich aufbäumen, wollte fliehen, doch die Ranken hielten sie fest. Noch während ihr Schrei durch den Raum hallte, spürte sie ein grausames Ziehen in ihrem Becken. Ein Schmerz, der ihren Körper überflutete, so vollständig, dass kein Raum für Ohnmacht blieb.
Sie spürte die Knochen in ihrem Körper brechen, während Muskeln und Sehnen im selben Augenblick rissen und es ihr die Luft raubte. Ihre Schreie wurden tiefer, rauer, fremd. Tränen liefen heiß über ihre Schläfen. Konnte es nicht einfach vorbei sein? Sie hatte kaum noch Luft zum Atmen, ihre Kehle brannte von den Schreien, aber es wollte nicht aufhören.
Alyssas Hände drückten fester auf ihre Brust. Tränen tropften von ihrem Gesicht auf Freyas Haut. Die Frau zitterte – doch sie hörte nicht auf.
Freya spürte, wie ihre Haut sich spannte und immer dünner wurde bis sie riss. Ein sengendes Stechen, das sich wie bohrende Nadelstiche durch ihren Körper zog. Der Schmerz drängte sich in jeden Gedanken, bis nichts anderes mehr übrig blieb als dieses überwältigende, alles verschlingende Gefühl.
Verzweifelt grub Freya ihre Finger in das Laken. Durch den Schleier ihrer eigenen Tränen konnte sie nichts mehr erkennen und ihr Verstand dachte an nichts anderes mehr, als loszulassen. Ihren Körper, ihr Sein. Hauptsache, es hörte auf.
Ihr Herz schlug pausenlos gegen ihre Rippen, während das Rauschen ihres eigenen Blutes in ihren Ohren lag.
Dann, plötzlich, wurde es still. Nur das Pulsieren in ihrer Brust und das kraftlose, verzweifelte Schluchzen blieben zurück.
Die Fäden starben ab und sanken wie trockene Spinnweben zu Boden. Die Ranken zerfielen zu Staub.
Doch jeder Knochen, jeder Muskel, jede Sehne schmerzte, selbst ihre Haut. Alles schien plötzlich fremd. Schwerer. Anders. Bebend kam ihr Atem über die Lippen, während Freyas Körper unkontrolliert zitterte.
Was hatte sie getan? Das Dröhnen ihres Pulses erfüllte ihre Ohren, als die Panik erneut nach ihr griff. Sie musste hier weg. Mit krampfenden Armen stemmte sie sich hoch, kämpfte sich aus dem Bett und setzte einen Fuß auf den Boden, doch ihre Muskeln gaben nach und im nächsten Moment schlug sie hart auf. Ihre Beine trugen sie nicht. Das Gewicht ihres Körpers war anders. Fremd.
„Verdammt…“ Ihre Stimme war nicht mehr als ein heiseres Flüstern auf ihren Lippen, begleitet von einem erstickten Schluchzen. Ohne zu verstehen, was geschehen war, folgte alles nur noch einem Fluchtinstinkt. Verzweifelt griffen ihre Hände nach einer der Wurzeln, um sich irgendwie vorwärts zu ziehen, doch sie zerfiel zu Staub. Hoffnungslos senkte Freya ihren Kopf, um neue Kraft zu schöpfen. Wie ein dunkler Schleier hingen die dunklen Strähnen ihrer Haare um ihr Gesicht, während sie ihre Augen schloss.
Alyssa würde sie nirgendwohin bringen. Oder? Ganz egal warum. Sie war nicht anders als all die anderen.
Alles nur Lügen. Immer wieder nichts als Lügen. Ein Gedanke, der ein kurzes goldenes Aufflammen in ihren Augen hinterließ, während sie ein Kribbeln in ihren Adern spüren konnte.
Sie hatte nie vorgehabt, ihr zu helfen. Niemand hatte das. Nicht wahr? Immer wieder würde man sie zerbrechen und zusammensetzen, bis sie kapitulierte. Folter, bis ihr Verstand ihr nicht mehr gehorchen würde.
„Du hast mich belogen…“ Freyas Stimme klang rau, sodass ihre Worte förmlich zerfielen. Selbst das Sprechen war mühselig und schwer.
Abwehrend schüttelte Freya mit dem Kopf, nur um zitternd nach dem Bettpfosten zu greifen. Sie musste aufstehen. Verzweifelt krallten sich ihre Finger in das Holz, während sie sich mühsam an ihm hochzog, auch wenn jede Bewegung ein brennendes Ziehen durch ihren Körper jagte.
Atemlos senkte Freya ihre Wimpern, während Alyssas Worte unter dem Pochen in ihrer Brust wie ein weit entferntes Echo untergingen.
„Ich habe dir vertraut.“ Freyas Stimme war nur ein leises Flüstern, das über ihre Lippen kam. Eines, das sich wiederholte, ehe ihr vernebelter Blick den Raum nach Alyssa absuchte, wobei sie erneut das Gleichgewicht verlor und panisch in ihre Richtung schrie. „Was hast du getan?!“
Was hatte Alyssa vor? Unsicher glitt Freyas Blick zu der Frau hinüber, die sich so selbstverständlich zwischen all dem bewegte, ehe sie sich zu ihr wandte und vor sie kniete. Verunsichert suchten Freyas Augen ihren Blick. Genau wie Alyssa es tat. Sie waren einander ähnlich und doch nicht gleich. Doch bevor sie fragen konnte, durchbrach Alyssa bereits die Stille. „Leg dich hin.“
Für einen Augenblick blieb Freya stehen. Ihr Atem stockte, als würde ihr Körper sich weigern, dieser Aufforderung zu folgen. Ihr Blick wanderte abermals über die Äste und Wurzeln hinweg, die zwischen Mauerritzen und Holz ihren Platz gefunden hatten.
Ein Schauer kroch über ihren Rücken hinab, ehe Freya sich mit einem Wimpernschlag löste. Es war vielleicht der einzige Weg. Sie durfte nicht zulassen, dass sich ihre Angst dazwischen stellte.
Schwer schluckte sie ihre Furcht hinunter. Ein kurzer Augenblick, ehe sie schließlich näher an das Bett herantrat und sich mit angehaltenem Atem darauf sinken ließ.
Die Seide unter ihren Fingern fühlte sich kühl an. Ein glattes, fremdes Gefühl, das die feinen Härchen auf ihren Armen aufstellte. Unwillkürlich glitt ihr Blick ihrer eigenen Hand hinterher, die über den Stoff strich und eine flüchtige Spur darin hinterließ. Sie konzentrierte sich auf diese Bewegung, auf das kaum sichtbare Spiel der Fasern, nur um sich von den Wurzeln und Ästen sowie ihrer eigenen Angst abzulenken.
Vielleicht musste sie einfach nur die Augen schließen. Nur einen Moment, so als würde sie sich schlafen legen. Möglicherweise war es auch genau das, was sie tun musste. Einschlafen und wenn sie ihre Lider wieder aufschlug, war sie zurück in ihrem Zimmer. In ihrem Bett. In einer Welt, die Sinn ergab.
Langsam ließ Freya sich in die Kissen sinken. Eine ruhige Bewegung, bei der sich zeitgleich ihre Wimpern senkten. Nur den Gedanken vor Augen, der so zerbrechlich war, dass sie kaum wagte zu atmen.
Dann bewegte sich etwas. Unter der Matratze. Sie konnte es spüren. Ein einziger Herzschlag, der verging und Freya nur noch erlaubte, die Augen aufzureißen, als die rauen Wurzeln sich bereits um ihre Handgelenke und Knöchel schlangen. Äste und Schlingen, die sich um ihren Körper legten und ihn mit unnachgiebiger Kraft festhielten.
Panisch schrie sie auf. Nur von einem Überlebensinstinkt getrieben, versuchte sie sich mit aller Kraft unmittelbar loszureißen. Ein Fehler, der sich in brennenden Striemen in ihrer Haut bemerkbar machte, als die Ranken sich direkt straffer zogen. Doch die Panik ließ Freya nicht spüren, wie tief die Wurzeln in ihre Haut schnitten. Immer wieder warf sie sich dagegen, doch ihre Stimme zerbrach unter einem erstickten Schluchzen. „Hör auf! Lass mich los!“
Alle Gedanken zerfielen. Alles, was blieb, war die nackte Angst. Eine Furcht, die hinter einem Schleier aus Tränen in ihren Augen stand. Sie riss an den Fesseln, doch je stärker sie sich dagegenstemmte, desto tiefer gruben sie sich in ihr Fleisch. Bald konnte sie nicht einmal mehr den Kopf heben. Ihr Atem wurde hastig, flach, während ihr Herz rasend gegen ihre Brust hämmerte. „Bitte…“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie zur Decke. Ihre Lippen bebten, als ihr Blick auf die bleichen Äste fiel, die über sie hinwegrankten. Ein Tropfen fiel auf ihre Stirn. Unmittelbar zuckte Freya zusammen. Dann ein zweiter. Er rann kühl über ihre Haut, als Alyssas Gesicht über ihr erschien.
„Alyssa…“ Die Luft kam in panischen, abgehackten Stößen, als könne sie nicht entscheiden, ob sie atmen oder schreien sollte.
Freya wartete auf eine Antwort. Irgendetwas, das sie sagen würde. Doch stattdessen spürte sie nur die Hände der Frau auf ihrer Brust. Eine eiskalte Berührung, die sie zusammenzucken ließ. Jeder einzelne Finger brannte sich in ihre Haut, als wäre er glühend heiß. Ihr Herz hämmerte so laut, dass das Dröhnen ihre Ohren füllte. „Hör auf!“
Doch ihr Blick war weit entfernt. Keine Worte, nur ein Schmerz, der langsam und ohne Vorwarnung kam.
Ein brutales Krachen fuhr durch ihren Brustkorb, während ein Stechen ihren Körper erschütterte. Freya riss ihre Augen weit auf, als ein Schrei aus ihrer Kehle brach.
Alles in ihr wollte sich aufbäumen, wollte fliehen, doch die Ranken hielten sie fest. Noch während ihr Schrei durch den Raum hallte, spürte sie ein grausames Ziehen in ihrem Becken. Ein Schmerz, der ihren Körper überflutete, so vollständig, dass kein Raum für Ohnmacht blieb.
Sie spürte die Knochen in ihrem Körper brechen, während Muskeln und Sehnen im selben Augenblick rissen und es ihr die Luft raubte. Ihre Schreie wurden tiefer, rauer, fremd. Tränen liefen heiß über ihre Schläfen. Konnte es nicht einfach vorbei sein? Sie hatte kaum noch Luft zum Atmen, ihre Kehle brannte von den Schreien, aber es wollte nicht aufhören.
Alyssas Hände drückten fester auf ihre Brust. Tränen tropften von ihrem Gesicht auf Freyas Haut. Die Frau zitterte – doch sie hörte nicht auf.
Freya spürte, wie ihre Haut sich spannte und immer dünner wurde bis sie riss. Ein sengendes Stechen, das sich wie bohrende Nadelstiche durch ihren Körper zog. Der Schmerz drängte sich in jeden Gedanken, bis nichts anderes mehr übrig blieb als dieses überwältigende, alles verschlingende Gefühl.
Verzweifelt grub Freya ihre Finger in das Laken. Durch den Schleier ihrer eigenen Tränen konnte sie nichts mehr erkennen und ihr Verstand dachte an nichts anderes mehr, als loszulassen. Ihren Körper, ihr Sein. Hauptsache, es hörte auf.
Ihr Herz schlug pausenlos gegen ihre Rippen, während das Rauschen ihres eigenen Blutes in ihren Ohren lag.
Dann, plötzlich, wurde es still. Nur das Pulsieren in ihrer Brust und das kraftlose, verzweifelte Schluchzen blieben zurück.
Die Fäden starben ab und sanken wie trockene Spinnweben zu Boden. Die Ranken zerfielen zu Staub.
Doch jeder Knochen, jeder Muskel, jede Sehne schmerzte, selbst ihre Haut. Alles schien plötzlich fremd. Schwerer. Anders. Bebend kam ihr Atem über die Lippen, während Freyas Körper unkontrolliert zitterte.
Was hatte sie getan? Das Dröhnen ihres Pulses erfüllte ihre Ohren, als die Panik erneut nach ihr griff. Sie musste hier weg. Mit krampfenden Armen stemmte sie sich hoch, kämpfte sich aus dem Bett und setzte einen Fuß auf den Boden, doch ihre Muskeln gaben nach und im nächsten Moment schlug sie hart auf. Ihre Beine trugen sie nicht. Das Gewicht ihres Körpers war anders. Fremd.
„Verdammt…“ Ihre Stimme war nicht mehr als ein heiseres Flüstern auf ihren Lippen, begleitet von einem erstickten Schluchzen. Ohne zu verstehen, was geschehen war, folgte alles nur noch einem Fluchtinstinkt. Verzweifelt griffen ihre Hände nach einer der Wurzeln, um sich irgendwie vorwärts zu ziehen, doch sie zerfiel zu Staub. Hoffnungslos senkte Freya ihren Kopf, um neue Kraft zu schöpfen. Wie ein dunkler Schleier hingen die dunklen Strähnen ihrer Haare um ihr Gesicht, während sie ihre Augen schloss.
Alyssa würde sie nirgendwohin bringen. Oder? Ganz egal warum. Sie war nicht anders als all die anderen.
Alles nur Lügen. Immer wieder nichts als Lügen. Ein Gedanke, der ein kurzes goldenes Aufflammen in ihren Augen hinterließ, während sie ein Kribbeln in ihren Adern spüren konnte.
Sie hatte nie vorgehabt, ihr zu helfen. Niemand hatte das. Nicht wahr? Immer wieder würde man sie zerbrechen und zusammensetzen, bis sie kapitulierte. Folter, bis ihr Verstand ihr nicht mehr gehorchen würde.
„Du hast mich belogen…“ Freyas Stimme klang rau, sodass ihre Worte förmlich zerfielen. Selbst das Sprechen war mühselig und schwer.
Abwehrend schüttelte Freya mit dem Kopf, nur um zitternd nach dem Bettpfosten zu greifen. Sie musste aufstehen. Verzweifelt krallten sich ihre Finger in das Holz, während sie sich mühsam an ihm hochzog, auch wenn jede Bewegung ein brennendes Ziehen durch ihren Körper jagte.
Atemlos senkte Freya ihre Wimpern, während Alyssas Worte unter dem Pochen in ihrer Brust wie ein weit entferntes Echo untergingen.
„Ich habe dir vertraut.“ Freyas Stimme war nur ein leises Flüstern, das über ihre Lippen kam. Eines, das sich wiederholte, ehe ihr vernebelter Blick den Raum nach Alyssa absuchte, wobei sie erneut das Gleichgewicht verlor und panisch in ihre Richtung schrie. „Was hast du getan?!“

Geboren aus dem Wissen einer dunklen Vergangenheit - verblasst mein altes Leben im Schatten einer neuen Zeit.
~ Einfach Freya ~
In den Momenten, in denen nichts mehr bleibt, sieht man die unsichtbaren Fäden, die uns wirklich halten.
Ein Name allein hat dabei keine Bedeutung. Er kann verblassen, wie Tinte auf einem Pergament - wie ein leeres Versprechen.
- Adrian
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#1829
Schweigend schritt Adrian die Stufen hinab, begleitet von einer Dunkelheit, die wie ein Mantel aus Schatten an ihm haftete. Kühl musterte er die Umgebung. Einen Wald, den er mehr als gut kannte. Hohe Bäume, die seit Generationen hier wuchsen.
Als er den unteren Absatz erreichte, blieb er stehen. Sein Blick glitt von dem Pfad über die Baumwipfel hinweg auf die geschnitzte Bank, die in den Schatten lag. Umrankt von wildem Efeu war sie beinahe unsichtbar geworden. Ein Ort, an dem seine Mutter oft gesessen hatte.
„Täuschend echt“, murmelte er. Seine Nasenflügel bewegten sich unwirsch. Tatsächlich musste er zugestehen, dass es sehr detailgetreu war. Beinahe brillant. Wüsste er es nicht besser, würde er den Unterschied kaum bemerken. Naheniel war ohne Zweifel sehr aufmerksam gewesen, als er diesen Ort geschaffen hatte. Einen Ort, der ihm gehörte. Allerdings war er nicht hier, um in Nostalgie zu schwelgen.
Knapp sah er sich um, während das leise Summen der Ringe sich neu ausrichtete, ohne ihm dabei eine eindeutige Richtung zu weisen. Wie ein Kompass, der zu nah an einem Pol die Orientierung verlor. Uneinig, in welche Richtung sie ihn führen sollten, kreisten sie vor ihm. Seine Hand streckte sich nach den Ringen aus und seine Finger griffen nach den schwebenden Schmuckstücken und fingen sie ein.
Freya war hier gewesen. Daran hatte er keinen Zweifel. Ruhig atmete er aus und ließ die Ringe in seiner Manteltasche verschwinden. Es gab andere Wege.
Adrians Blick verdunkelte sich, während sich unter einem kaum merklichen Zucken seiner Finger sein Schatten von ihm löste. Suchend streiften seine Augen über das Unterholz, ohne eine wirkliche Richtung zu definieren. Seine Konzentration selbst ruhte auf etwas Unsichtbarem. Etwas, wonach er auf unscheinbare Weise griff und dem sich nur seine Stimme mit kühler Beherrschung zuwandte. Ein leises, bestimmtes Flüstern. „Finde sie.“
Still schien die Silhouette zu nicken. Eine Regung, die Adrian nicht registrieren musste. Er wusste, dass sein Schatten dem Befehl folgte, bevor jener sich lautlos mit den Schemen des Waldes vereinte.
Beherrscht atmete Adrian aus. Entweder hatte Naheniel sich einst Mühe gegeben, ein Heim zu schaffen, oder aber es war eine schlichte Provokation, die ihn zudem in die Irre führen sollte. Beides waren durchaus mögliche Optionen. Die Frage war nur, was am Ende zutreffen sollte. Ein Spiel mit einem hohen Einsatz.
Nachdenklich ließ er seinen Blick schweifen, als ein Knacken ihn unmittelbar zur Seite fahren ließ. Ein Geräusch, das seine Aufmerksamkeit fesselte. Es konnte das Mädchen sein – oder etwas völlig anderes. Naheniel war schließlich kein Idiot.
Vorsichtig schob Adrian sich zwischen Ästen und Wurzeln hindurch, bis er an einem der alten Bäume zum Stehen kam. Dort, halb im Grün des Waldes verschwimmend, erkannte er eine Bewegung. Die gedämpften Farben des Umhangs ließen die Gestalt beinahe mit dem Wald verschmelzen. Allerdings war es nicht Freya. Seine Augen erfassten den langen Stab, der wie ein senkrecht aufragender Ast in die Höhe ragte. Wächter. Eine Falte erschien auf seiner Stirn, während er dem langsamen Vorbeischreiten folgte. Was taten sie hier? Was bewachten sie?
Ein Moment lang verharrte er, doch dann spannte sich etwas in ihm an. Mit einem entschlossenen Atemzug wandte er sich vom Baum ab, zurück zu dem schmalen Pfad, den er genommen hatte. Auch wenn er sich nicht sicher war, ahnte er, wo er seine Suche fortsetzen sollte.
Ein Weg, der ihn durch herbstrotes Laub zu einem frischen Frühlingsgrün führte, während er dem Verlauf des kleinen Baches folgte. Das Grün wurde matter und der Wald schien sich vor ihm zurückzuziehen. Bald verwandelte sich der weiche Moosboden in ein tückisches Geflecht aus dicken, knotigen Wurzeln, die sich wie versteinerte Adern über den Grund zogen.
Dann, von einem Schritt auf den anderen, hörte der Wald einfach auf. Als wäre eine unsichtbare Grenze überschritten, stand Adrian plötzlich am Rand einer weiten, sonnendurchfluteten Wiese. Das Licht der Sonne blendete ihn im ersten Moment. Blinzelnd sah Adrian in die Ferne. Dorthin, wo eine gewaltige Eiche sich auf einem sanften Hügel erhob.
Ihre unzähligen Äste griffen weit in den Himmel, und an einem besonders dicken Ast hing eine hölzerne Schaukel, die leer und gleichmäßig vor und zurück schwang, obwohl kein Windstoß sie bewegte.
Ein Ort, der viele Geschichten und Geheimnisse kannte.
Adrians Augen verengten sich. Natürlich durfte sie nicht fehlen. Mit jedem Schritt, den er näherkam, schoben sich Erinnerungen an die Oberfläche, leise und unaufhaltsam. Das Flüstern der Blätter, das gedehnte Knarren der Seile, das Lachen, das einst zwischen den Bäumen hing. Für einen Moment erschien es fast greifbar. Doch das war Vergangenheit.
Gerade als er sich abwenden wollte, legte sich die Stille schwer über den Ort. Ein einzelner Herzschlag, unter dem sich die Luft dichter anfühlte, als plötzlich ein Schrei die Luft zerriss. Ein qualvoller Laut, der ihn abrupt herumfahren ließ. „Freya ...“
Als er den unteren Absatz erreichte, blieb er stehen. Sein Blick glitt von dem Pfad über die Baumwipfel hinweg auf die geschnitzte Bank, die in den Schatten lag. Umrankt von wildem Efeu war sie beinahe unsichtbar geworden. Ein Ort, an dem seine Mutter oft gesessen hatte.
„Täuschend echt“, murmelte er. Seine Nasenflügel bewegten sich unwirsch. Tatsächlich musste er zugestehen, dass es sehr detailgetreu war. Beinahe brillant. Wüsste er es nicht besser, würde er den Unterschied kaum bemerken. Naheniel war ohne Zweifel sehr aufmerksam gewesen, als er diesen Ort geschaffen hatte. Einen Ort, der ihm gehörte. Allerdings war er nicht hier, um in Nostalgie zu schwelgen.
Knapp sah er sich um, während das leise Summen der Ringe sich neu ausrichtete, ohne ihm dabei eine eindeutige Richtung zu weisen. Wie ein Kompass, der zu nah an einem Pol die Orientierung verlor. Uneinig, in welche Richtung sie ihn führen sollten, kreisten sie vor ihm. Seine Hand streckte sich nach den Ringen aus und seine Finger griffen nach den schwebenden Schmuckstücken und fingen sie ein.
Freya war hier gewesen. Daran hatte er keinen Zweifel. Ruhig atmete er aus und ließ die Ringe in seiner Manteltasche verschwinden. Es gab andere Wege.
Adrians Blick verdunkelte sich, während sich unter einem kaum merklichen Zucken seiner Finger sein Schatten von ihm löste. Suchend streiften seine Augen über das Unterholz, ohne eine wirkliche Richtung zu definieren. Seine Konzentration selbst ruhte auf etwas Unsichtbarem. Etwas, wonach er auf unscheinbare Weise griff und dem sich nur seine Stimme mit kühler Beherrschung zuwandte. Ein leises, bestimmtes Flüstern. „Finde sie.“
Still schien die Silhouette zu nicken. Eine Regung, die Adrian nicht registrieren musste. Er wusste, dass sein Schatten dem Befehl folgte, bevor jener sich lautlos mit den Schemen des Waldes vereinte.
Beherrscht atmete Adrian aus. Entweder hatte Naheniel sich einst Mühe gegeben, ein Heim zu schaffen, oder aber es war eine schlichte Provokation, die ihn zudem in die Irre führen sollte. Beides waren durchaus mögliche Optionen. Die Frage war nur, was am Ende zutreffen sollte. Ein Spiel mit einem hohen Einsatz.
Nachdenklich ließ er seinen Blick schweifen, als ein Knacken ihn unmittelbar zur Seite fahren ließ. Ein Geräusch, das seine Aufmerksamkeit fesselte. Es konnte das Mädchen sein – oder etwas völlig anderes. Naheniel war schließlich kein Idiot.
Vorsichtig schob Adrian sich zwischen Ästen und Wurzeln hindurch, bis er an einem der alten Bäume zum Stehen kam. Dort, halb im Grün des Waldes verschwimmend, erkannte er eine Bewegung. Die gedämpften Farben des Umhangs ließen die Gestalt beinahe mit dem Wald verschmelzen. Allerdings war es nicht Freya. Seine Augen erfassten den langen Stab, der wie ein senkrecht aufragender Ast in die Höhe ragte. Wächter. Eine Falte erschien auf seiner Stirn, während er dem langsamen Vorbeischreiten folgte. Was taten sie hier? Was bewachten sie?
Ein Moment lang verharrte er, doch dann spannte sich etwas in ihm an. Mit einem entschlossenen Atemzug wandte er sich vom Baum ab, zurück zu dem schmalen Pfad, den er genommen hatte. Auch wenn er sich nicht sicher war, ahnte er, wo er seine Suche fortsetzen sollte.
Ein Weg, der ihn durch herbstrotes Laub zu einem frischen Frühlingsgrün führte, während er dem Verlauf des kleinen Baches folgte. Das Grün wurde matter und der Wald schien sich vor ihm zurückzuziehen. Bald verwandelte sich der weiche Moosboden in ein tückisches Geflecht aus dicken, knotigen Wurzeln, die sich wie versteinerte Adern über den Grund zogen.
Dann, von einem Schritt auf den anderen, hörte der Wald einfach auf. Als wäre eine unsichtbare Grenze überschritten, stand Adrian plötzlich am Rand einer weiten, sonnendurchfluteten Wiese. Das Licht der Sonne blendete ihn im ersten Moment. Blinzelnd sah Adrian in die Ferne. Dorthin, wo eine gewaltige Eiche sich auf einem sanften Hügel erhob.
Ihre unzähligen Äste griffen weit in den Himmel, und an einem besonders dicken Ast hing eine hölzerne Schaukel, die leer und gleichmäßig vor und zurück schwang, obwohl kein Windstoß sie bewegte.
Ein Ort, der viele Geschichten und Geheimnisse kannte.
Adrians Augen verengten sich. Natürlich durfte sie nicht fehlen. Mit jedem Schritt, den er näherkam, schoben sich Erinnerungen an die Oberfläche, leise und unaufhaltsam. Das Flüstern der Blätter, das gedehnte Knarren der Seile, das Lachen, das einst zwischen den Bäumen hing. Für einen Moment erschien es fast greifbar. Doch das war Vergangenheit.
Gerade als er sich abwenden wollte, legte sich die Stille schwer über den Ort. Ein einzelner Herzschlag, unter dem sich die Luft dichter anfühlte, als plötzlich ein Schrei die Luft zerriss. Ein qualvoller Laut, der ihn abrupt herumfahren ließ. „Freya ...“

✟ Oberhaupt der Familie Al Saher ❖ Gemahl der PriesterinTanuri Al Saher ✟
❖ Bruder des Verlion Al Saher ❖ Vater der Freya Al Saher ❖
❖ Gnade oder Mitleid haben noch nie einen Feind besiegt. ❖
❖ Bruder des Verlion Al Saher ❖ Vater der Freya Al Saher ❖
❖ Gnade oder Mitleid haben noch nie einen Feind besiegt. ❖
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#1830

Alyssa
Adrians Hand ruhte schwer und schützend auf der Wölbung ihres Bauchs, während sie ihren Kopf an seine Schulter lehnte. Es war einer dieser kostbaren, flüchtigen Augenblicke, denn Alyssa wusste nie, wann Naheniel erscheinen würde, um nach ihr zu sehen. Sollte er jemals entdecken, dass Adrian sie so regelmäßig wie es ihm möglich war, sie besuchte, würde alles in einem Blutbad enden. Da Naheniel sie seit Wochen nicht mehr aufgesucht hatte, ahnte er noch nichts von der Veränderung ihres Körpers, doch Alyssa war sich schmerzlich bewusst, dass sie dieses Geheimnis nicht mehr lange unter ihrem Herzen verbergen konnte.
"Wie wollen wir ihn nennen?" Adrians Stimme war es, die ihre düsteren Gedanken durchbrach.
Mit gerunzelter Stirn und einem Anflug aufgesetzter Empörung sah sie zu ihm auf. "Ihn?"
Er zog seine Brauen zusammen und ein sanftes Lächeln schob sich auf seine Lippen und milderte die sonst so harten Züge seines Gesichts.
Er lächelte nicht oft, damals schon nicht. Weshalb es immer ein Gewinn für sie war, wenn er sich doch dazu hinreißen ließ.
"Ja, ihn." Beharrte er leise, während er mit der Fingerspitze seines Daumens eine Spur auf ihren Bauch zeichnete.
Vorsichtig, als könne er allein von ihrer Berührung Schaden nehmen, legte Alyssa ihre schmale Hand auf seine Wange und führte seinen Blick in ihre Richtung. Sie wusste längst, dass er sich irrte, doch in diesem einen, zerbrechlichen Moment, einem der wenigen, die das Schicksal ihnen vergönnte, brachte sie es nicht übers Herz, seine feste Annahme zu korrigieren.
"Wie wollen wir ihn nennen?" Adrians Stimme war es, die ihre düsteren Gedanken durchbrach.
Mit gerunzelter Stirn und einem Anflug aufgesetzter Empörung sah sie zu ihm auf. "Ihn?"
Er zog seine Brauen zusammen und ein sanftes Lächeln schob sich auf seine Lippen und milderte die sonst so harten Züge seines Gesichts.
Er lächelte nicht oft, damals schon nicht. Weshalb es immer ein Gewinn für sie war, wenn er sich doch dazu hinreißen ließ.
"Ja, ihn." Beharrte er leise, während er mit der Fingerspitze seines Daumens eine Spur auf ihren Bauch zeichnete.
Vorsichtig, als könne er allein von ihrer Berührung Schaden nehmen, legte Alyssa ihre schmale Hand auf seine Wange und führte seinen Blick in ihre Richtung. Sie wusste längst, dass er sich irrte, doch in diesem einen, zerbrechlichen Moment, einem der wenigen, die das Schicksal ihnen vergönnte, brachte sie es nicht übers Herz, seine feste Annahme zu korrigieren.
Alyssa wog sich hin und her, nahm die Stimme Freyas gar nicht richtig wahr, denn ihre Gedanken kreisten und kreisten und kreisten immer weiter. Tiefer hinein, in die Vergangenheit.
Das Kind, aus ihrem Leib geschnitten, entrissen und fortgebracht, um es an einen Ort zu bringen, an welchem es geschützt war. Ein Ort, der es nicht fesselte, es nicht festhielt, an dem es nicht in Gefahr schwebte, ds Leben schon gleich wieder zu verlieren. Ein Ort, wo er, Naheniel, niemals erfuhr, dass das gemeinsame Kind von Adrian und Alyssa existierte.
Lautlos liefen die Tränen über ihr Gesicht, tropften auf die Narben ihrer Hände herab, nur um dort zu vertrocknen.
Sie saß nahe am Kamin und malte mit ihren Fingerspitzen einige Symbole auf ihren Bauch, die eine helle Linie hinterließen. Das Feuer gab ihr eine Wärme, die sie derzeit mehr denn je brauchte. Der Tag der Niederkunft rückte näher und Alyssa wusste, dass ihre gemeinsame Zeit mit dem Kind ihrem Ende zuging.
Das Wesen, das sie jetzt in ihrem Leib beschützen konnte, durfte nicht hier bleiben. Nicht in dieser Welt, die niemals etwas Gutes gab. Es musste fort, nach dort, wohin es gehörte, um dort zu wachsen, zu leben und glücklich zu sein. Fort von der Schwere, fort von der Last, fort von der Gefahr.
Alyssa warf einen prüfenden Blick über ihre Schulter, um sicherzugehen, dass Adrian schlief. Er war unvorsichtig geworden, besuchte sie viel zu oft. Immer noch mit der Hoffnung, das Kind und seine Frau mit sich nehmen zu können. Ein Traum, von dem er längst wissen sollte, dass er sich nicht erfüllen konnte.
"Ich werde nicht da sein können. Auch wenn er stur ist und nach einem anderen Weg sucht, es gibt nur diesen. Nur du kannst leben oder ich. Aber hab keine Angst, Du wirst nicht allein sein. Ich habe es gesehen.
Du wirst geboren, um für den Untergang zu kämpfen.
Du wirst lieben, um Hass fühlen zu können.
Du wirst kämpfen und versagen und vertrauen, um aus den Lügen heraus stärker zu werden.
Eine große Verantwortung, aber Du trägst nicht nur die Macht, sondern auch die Stärke zweier Welten in Dir.
Vergiss das nie, mein kleines Licht."
Das Wesen, das sie jetzt in ihrem Leib beschützen konnte, durfte nicht hier bleiben. Nicht in dieser Welt, die niemals etwas Gutes gab. Es musste fort, nach dort, wohin es gehörte, um dort zu wachsen, zu leben und glücklich zu sein. Fort von der Schwere, fort von der Last, fort von der Gefahr.
Alyssa warf einen prüfenden Blick über ihre Schulter, um sicherzugehen, dass Adrian schlief. Er war unvorsichtig geworden, besuchte sie viel zu oft. Immer noch mit der Hoffnung, das Kind und seine Frau mit sich nehmen zu können. Ein Traum, von dem er längst wissen sollte, dass er sich nicht erfüllen konnte.
"Ich werde nicht da sein können. Auch wenn er stur ist und nach einem anderen Weg sucht, es gibt nur diesen. Nur du kannst leben oder ich. Aber hab keine Angst, Du wirst nicht allein sein. Ich habe es gesehen.
Du wirst geboren, um für den Untergang zu kämpfen.
Du wirst lieben, um Hass fühlen zu können.
Du wirst kämpfen und versagen und vertrauen, um aus den Lügen heraus stärker zu werden.
Eine große Verantwortung, aber Du trägst nicht nur die Macht, sondern auch die Stärke zweier Welten in Dir.
Vergiss das nie, mein kleines Licht."
Das Licht, das immer noch im Raum lag, nahm an Intensität zu, zog sich in goldenen, glühenden Linien über die Rinden, die Äste, den Boden, die Wände und die Decke hinweg und unterstrich die Farbe in Alyssas Augen, die nun zwischen ihren dunklen, wirren Strähnen zu Freya aufsahen.
"Ich habe nicht gelogen."
Ihr Blick ruhte auf der jungen Frau, die schwer atmend versuchte, sich an dem Bettpfosten zu halten. Freya wirkte verloren in ihrem neuen Körper, ihre Bewegungen waren ungelenk und unbeherrscht.
Es war ein mächtiger Zauber, der gewirkt worden war, nichts, was man täglich mit einem Fingerschnippen allein vollbringen konnte, was auch Alyssa anzusehen war. Ihre Züge waren gezeichnet von der Anstrengung und der Erschöpfung, doch auch sie begann sich zu verändern.
Die Verwandlung war kein einseitiges Geben gewesen, sondern ein Tauschhandel an Lebenszeit. Während Freya unter der Last der aufgezwungen Reife noch immer mit ihrem Atem rang, wich das tiefe Grau, das zuvor wie ein Schleier auf Alyssas Haut gelegen hatte, einem rosigen Schimmer.
Die Furchen um ihren Mund und die Schatten unter ihren Augen, gegraben von den Jahren der Einsamkeit und des ewigen Wartens, wurden weniger, bis sie nahezu vollständig verschwanden. Sekunde um Sekunde verloren ihre Züge die Bitterkeit und Schärfe des Alters. Das eingefallene Gesicht füllte sich, die Lippen gewannen an Farbe und Fülle. Fast schien es, als würde die Zeit rückwärts fließen, bis sie wieder jene Frau war, die sie an jenem schicksalhaften Tag gewesen war, als sie Adrian vor dem Altar der Kapelle das Ja-Wort gab.
Langsam hob Alyssa ihre Hand, berührte vorsichtig ihre Wange und ihren Mund und ein leises, ungläubiges Lachen entkam ihr.
Der Schweiß rann über ihre Stirn und ihren Rücken und ihr Körper zuckte unter den heftigen Schmerzen zusammen. Alyssa biss sich die Lippen wund, drückte sie verzweifelt aufeinander, um die Schreie zu ersticken, die aus den Tiefen ihrer Lungen herausbrechen wollten. Doch als die nächste Welle an Schmerz sie überrollte, krümmte sie sich zusammen, krallte sich an Adrian fest und schrie aus Leibeskräften all die Qual, die ihr die mittlerweile viel zu lang dauernde Geburt bereitete, heraus.
Es war ihr längst bewusst, dass etwas nicht stimmte. Seit jenem Moment, als die Wehen eingesetzt hatten - zu früh nach ihren Berechnungen - lief nichts so, wie es hätte sein sollen. Das Kind in ihrem Bauch war in Gefahr, doch gleich, wie stark sie versuchte, ihrem Körper dabei zu helfen, es herauszupressen und somit in Sicherheit zu wissen, es gelang ihr nicht.
Adrian hatte sie, als alles begann, fort gebracht. An einen Ort, an dem man ihr helfen konnte, so hatte er gesagt. Doch bisher geschah nichts, was ihr in irgendeiner Weise half. Ein Mann, ein Medicus wahrscheinlich, dessen Gesicht im Schein der Fackeln viel zu hart wirkte, kniete zwischen ihren Beinen, die bereits von viel zu viel Blut bedeckt waren. Alyssa sah, wie er die Stirn in tiefe Falten legte, während er seine Finger in sie schob, um nach dem Kopf des Kindes zu tasten.
Der Medicus, der für sie keinen Namen trug, zog seine Hand zurück, wischte sich das Blut ab und suchte den Blick Adrians.
"Milord, auf ein Wort."
Es war ihr längst bewusst, dass etwas nicht stimmte. Seit jenem Moment, als die Wehen eingesetzt hatten - zu früh nach ihren Berechnungen - lief nichts so, wie es hätte sein sollen. Das Kind in ihrem Bauch war in Gefahr, doch gleich, wie stark sie versuchte, ihrem Körper dabei zu helfen, es herauszupressen und somit in Sicherheit zu wissen, es gelang ihr nicht.
Adrian hatte sie, als alles begann, fort gebracht. An einen Ort, an dem man ihr helfen konnte, so hatte er gesagt. Doch bisher geschah nichts, was ihr in irgendeiner Weise half. Ein Mann, ein Medicus wahrscheinlich, dessen Gesicht im Schein der Fackeln viel zu hart wirkte, kniete zwischen ihren Beinen, die bereits von viel zu viel Blut bedeckt waren. Alyssa sah, wie er die Stirn in tiefe Falten legte, während er seine Finger in sie schob, um nach dem Kopf des Kindes zu tasten.
Der Medicus, der für sie keinen Namen trug, zog seine Hand zurück, wischte sich das Blut ab und suchte den Blick Adrians.
"Milord, auf ein Wort."
Ein wenig richtete sie sich auf, rückte näher an Freya heran und streckte ihre Fingerspitzen nach ihr aus, um den dunklen Schleier, den ihre Haare bildeten und das veränderte Gesicht verbargen, ein wenig zur Seite zu schieben. "Ich habe getan, was nötig war. Jetzt bist Du vollständig. Jetzt kannst Du lieben, bis es wehtut. Jetzt kannst Du halten, bis es zerbricht. Jetzt bist Du das, was ich war."
"Hab keine Angst, Alyssa."
Die Hand ihres Mannes legte sich kühl und beruhigend auf ihre Stirn, während der nächste schmerzende Schub in ihren Körper fuhr und sie fast schon zerriss.
"Ich habs gesehen, Adrian… ich habs gesehen und jetzt fühl ich es. Ihr Herzschlag, er wird schwächer. Sie stirbt, wenn Du sie nicht rettest!"
Ein weiterer Schrei löste sich von Alyssas Lippen und kraftlos sackte sie in sich zusammen. Lange würde sie nicht mehr durchhalten, genauso wenig wie das kleine Bündel Leben, das in ihr gefangen war.
"Das Kind hat sich gedreht, Milord. Ich werde nicht beide retten können. Ihr müsst nun entscheiden."
Die Hand ihres Mannes legte sich kühl und beruhigend auf ihre Stirn, während der nächste schmerzende Schub in ihren Körper fuhr und sie fast schon zerriss.
"Ich habs gesehen, Adrian… ich habs gesehen und jetzt fühl ich es. Ihr Herzschlag, er wird schwächer. Sie stirbt, wenn Du sie nicht rettest!"
Ein weiterer Schrei löste sich von Alyssas Lippen und kraftlos sackte sie in sich zusammen. Lange würde sie nicht mehr durchhalten, genauso wenig wie das kleine Bündel Leben, das in ihr gefangen war.
"Das Kind hat sich gedreht, Milord. Ich werde nicht beide retten können. Ihr müsst nun entscheiden."
Wie es wohl war, das Kind, das sie geboren hatte? War es so wie sie, oder eher wie er? Der Wunsch, bei diesem zu sein, es zu sehen, in ihren Armen zu halten, es zu wiegen, zu küssen, den Duft einzuatmen, war so überwältigend, dass es ihr die Luft zum atmen raubte. Die Zeit, die seit der Geburt vergangen war, bedachte Alyssa dabei nicht. In ihrer Gedankenwelt war das Baby noch genauso, wie zu dem Zeitpunkt, als es aus ihrem Körper geschnitten wurde. Klein, hilflos, unschuldig. Und ihrs.
Jahrelang hatte sie all das verdrängt, die Erinnerung und die Gefühle, die sie für ihr eigen Fleisch und Blut während der Schwangerschaft und auch danach entwickelt hatte.
Es in der Einsamkeit, die sie an diesem Ort umgab, fast vergessen. Oder wohl besser: Vergessen müssen, um es zu beschützen. Damit Naheniel niemals erfuhr, was an diesem Tag geschah und was Adrian mit sich nahm. Aber jetzt, mit diesem Mädchen, das nun als Frau auf dem Boden vor ihr kniete, war all das zurückgekehrt. Als hätte sie die Erinnerungen einfach mitgebracht.
Die Nähe zu ihr, die nun noch mehr dem Ebenbild ihrer Jugend glich, und doch nicht ganz gleich war, gab Alyssa ein Gefühl, dass sie lange für verloren geglaubt hatte. Es war eine tiefe Sehnsucht. Die Sehnsucht nach der Nähe zu ihrem Kind. Und diese war nicht auszuhalten und noch einmal würde sie es nicht überleben, sich dieser zu entziehen.
"Vielleicht habe ich doch gelogen."
Der Klang ihrer Stimme hatte sich gefärbt, wurde dunkler und härter und trug eine unumstößliche Entschlossenheit, die in diesem Fall durchaus auch etwas Grausames hatte. Alyssas Entscheidung war gefallen und um nichts auf dieser und der anderen Welt, würde sie diese nochmal ändern. Sie beugte sich näher an Freya heran, so dass ihre Gesichter nur noch eine Handbreit voneinander entfernt waren.
"Du bleibst. Und ich geh zurück nach Hause."
Zu meinem Mann. Zu meinem Kind.
Jahrelang hatte sie all das verdrängt, die Erinnerung und die Gefühle, die sie für ihr eigen Fleisch und Blut während der Schwangerschaft und auch danach entwickelt hatte.
Es in der Einsamkeit, die sie an diesem Ort umgab, fast vergessen. Oder wohl besser: Vergessen müssen, um es zu beschützen. Damit Naheniel niemals erfuhr, was an diesem Tag geschah und was Adrian mit sich nahm. Aber jetzt, mit diesem Mädchen, das nun als Frau auf dem Boden vor ihr kniete, war all das zurückgekehrt. Als hätte sie die Erinnerungen einfach mitgebracht.
Die Nähe zu ihr, die nun noch mehr dem Ebenbild ihrer Jugend glich, und doch nicht ganz gleich war, gab Alyssa ein Gefühl, dass sie lange für verloren geglaubt hatte. Es war eine tiefe Sehnsucht. Die Sehnsucht nach der Nähe zu ihrem Kind. Und diese war nicht auszuhalten und noch einmal würde sie es nicht überleben, sich dieser zu entziehen.
"Vielleicht habe ich doch gelogen."
Der Klang ihrer Stimme hatte sich gefärbt, wurde dunkler und härter und trug eine unumstößliche Entschlossenheit, die in diesem Fall durchaus auch etwas Grausames hatte. Alyssas Entscheidung war gefallen und um nichts auf dieser und der anderen Welt, würde sie diese nochmal ändern. Sie beugte sich näher an Freya heran, so dass ihre Gesichter nur noch eine Handbreit voneinander entfernt waren.
"Du bleibst. Und ich geh zurück nach Hause."
Zu meinem Mann. Zu meinem Kind.
- -Freya-
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#1831
Unbeholfen wich Freya zurück, als Alyssas Finger den Schleier von ihrem Gesicht strichen und ihr suchender Blick sie traf. Ein Hauch von Atem streifte warm ihre Haut, so nah war Alyssa ihr gekommen.
Doch weder nahm Freya ihre veränderte Augenhöhe wahr, noch begriff sie, was mit ihr geschehen war. Alles fühlte sich nur auf unbeschreibliche Weise fremd an. Eine Wahrnehmung, die jedoch entfernt unter dem Echo von Alyssas Worten verborgen blieb. Getan, was nötig war. - Nötig wofür?
Unbewusst holte Freya hektisch Luft, nur um sie gleich wieder aus ihren Lungen zu entlassen. Nein, sie wollte es nicht wissen. Keine weiteren Ausreden oder Lügen.
Abermals verschwamm ihre Sicht und für einen Herzschlag geriet die Welt um sie herum ins Schwanken, sodass sie beinahe das Gleichgewicht verlor. Etwas zog sich in ihr zusammen. Nicht nur in ihrem Magen und in ihrer Brust. Es war, als würde sich ihr gesamtes Sein dagegen aufbäumen. Ein Schmerz, der nicht nur körperlich war und ihr die Luft zum Atmen nahm.
„Nein…“ Es war kaum mehr als ein Hauch. Freya zuckte panisch zurück. Ihr Blick war weit aufgerissen, wobei sich das Sonnenlicht in dem Blau ihrer Augen verfing. Ihre Finger krallten sich fester in das Holz des Bettpfostens, bis ihre Knöchel weiß hervortraten.
„Fass mich nicht an!“ Diesmal brach ihre Stimme. Laut und roh. Erfüllt von Schmerz und Panik, die sich einfach ihren Weg nach draußen nahmen. Viel zu schnell und viel zu flach ging ihr Atem, als sich etwas in ihr regte und sie Alyssa in die Augen sah. Ihr Herz raste und hämmerte gnadenlos gegen ihre Rippen. Freya keuchte auf, presste eine Hand gegen ihre Brust. Es fühlte sich an, als würde es zerreißen.
Wie hatte sie nur so dumm sein können? Eine Geschichte, die ihr so sehr ähnelte, dass sie Mitleid empfunden hatte. Als hätte jemand ihren Weg betrachtet und ein Abbild davon geschaffen, das ihr vertraut vorkam, dabei war nichts davon wahr. Immer wieder nur Hoffnung, die zerbrach, bis am Ende nichts außer Leere übrigblieb. Aber sie würde ihr nicht erlauben, ihren Platz einzunehmen.
Gedanken, unter denen ihr schwarz vor Augen wurde, bis sie nur noch Alyssa sah. Alles, was blieb, war nur noch Wut und Zorn. Ein Gefühl, das tiefer schnitt als alles andere.
„Du hast gelogen …“ Ihre zitternde Stimme brach mitten im Satz, um im nächsten Moment eine beinahe abfällige Schärfe zu finden. „.. mich benutzt …“
Ein Schatten kroch über die Wurzeln, über das Holz, über ihre eigenen Finger. Erst schwach und kaum sichtbar, nicht mehr als ein Flimmern am Rand der Wirklichkeit, bis er langsam dichter wurde. Als würde sich etwas Unsichtbares um sie legen. Eine Dunkelheit, die sie unbewusst anzog, während für Freya nur Alyssa existierte. Nur die Frau, die sie betrogen hatte.
„Ich werde nicht bleiben.“ Freyas Stimme war rau und heiser, doch lag darin eine ungebändigte Entschlossenheit, als sie Alyssa fest in die Augen sah. „Und du gehst nirgendwohin.“
Freyas Finger lösten sich vom Bettpfosten und griffen nach ihr. Zitternd und mit einer unkontrollierten Härte packte sie ihre Arme. Unwirsch und verstimmt sah Alyssa sie an. Vielleicht war es auch ein höhnisches Mitgefühl, das sich allerdings im nächsten Atemzug verflüchtigte, als die Luft spürbar schwerer wurde. Eine Kühle breitete sich im Raum aus, die Freya jedoch nicht wahrnahm, da gleichzeitig erwachte etwas in ihr. Ein Schimmern in ihren Adern, das unter ihrer Haut ein düsteres Licht zum Vorschein brachte, während goldene Pigmente in ihren Augen aufflackerten.
„Nicht ohne mich “, zischte sie leise. Das Schimmern in ihren Augen wurde heller. Ein Glanz, der sich inmitten der Dunkelheit umso deutlicher abzeichnete. Etwas Eigenes. Etwas Lebendiges, das erwachte. Es brach aus ihr hervor wie ein erstickter Schrei und sammelte sich um ihren Körper, kroch über ihre Haut. Feine flackernde Adern, die sich in einem leuchtenden Geäst unter ihrer Haut abzeichneten, als hätte ihre Panik eine Form gefunden.
„Du wirst mich nach Hause bringen.“ Unbewusst wuchs Freyas Stimme zu einem fordernden Flüstern. Eine gefährliche Mahnung, unter der ihre Magie sich nach Alyssa ausstreckte. Ein blendender Strom aus Licht, der auf bedrohliche Weise goldene Fäden wob.
Das Mitgefühl in ihrem Blick war einer rohen, verzweifelten Gewalt gewichen. Dieses Mal würde sie nicht kapitulieren und sich einem Schicksal ergeben. Keine Lügen mehr. Ihre Augen hielten an Alyssas Blick fest. Sie würde sich nicht länger diktieren lassen, was sie zu tun hatte oder wer sie sein sollte. Von niemandem. Nein, und sie würde sich auch nichts mehr nehmen lassen. Freya wollte, dass sie denselben Schmerz spürte. Die Leere, die sich immer tiefer in die Seele fraß, bis nichts als Hoffnungslosigkeit übrigblieb.
Das Licht traf auf ihre Haut und durchdrang sie mühelos. Ein gleißendes Schimmern, das sich brennend und verzehrend über Alyssa ausbreitete. Ihr Körper zuckte, spannte sich, als hätte man sie in pures Feuer getaucht.
Freya sah es nicht wirklich. Sie sah nur, dass es funktionierte. Dass Alyssa zurückwich. Dass sie litt. Die Qual in ihren Augen und das Wimmern auf ihren Lippen. „Kannst du es spüren? Sag es!“
Immer mehr Dunkelheit schien sich zu Freyas Füßen zu sammeln, während sie selbst nur den Kopf in die Schräge legte und zusah, wie die Magie den Körper zum Glühen brachte, als würde sich ein gleißendes Licht durch ihre Adern hindurchfressen.
„Du wirst mir nicht sagen, was ich tun werde.“ Unregelmäßig kam der Atem über ihre Lippen, während sie in die aufgerissenen Augen Alyssas sah. Aber dieses Mal kannte ihr Blick kein Mitleid. Niemand würde sie länger kontrollieren oder ihr seinen Willen aufzwingen. Keine Lügen mehr, keine Manipulation. „Du wirst tun, was ich sage …“
Sie spürte, wie die Magie sich durch den Körper fraß. Den Schmerz und doch hörte sie nicht auf. Unaufhaltsam und brutal. Ein Licht, das von der Dunkelheit genährt, durch Alyssas Adern brannte, als würde das Leben von innen heraus gezerrt und im nächsten Moment von etwas Dunklerem verschlungen werden.
Nein, Freya wollte in ihren Augen sehen, dass sie nicht nur denselben Schmerz und Verzweiflung spürte, sondern um Vergebung bettelte. Keine Lügen, sondern einen Blick, der vor ihr zerbrach.
Leicht verengten sich Freyas Augen, während Rausch und Panik ineinander übergingen.
Ihre erhobene Hand zitterte stärker, als würde sie jeden Moment nachgeben. Aber sie ließ sie nicht sinken. Sie konnte es nicht. Nein, sie wollte es nicht. Nicht ehe sie es in ihren Augen sah. „Schwör' es…“
Alyssas Körper spannte sich, wurde von diesem gleißenden Schimmer durchzogen, der ein düsteres Geäst aus versengten Venen und Leben zurückließ. Ihre Züge verzerrten sich, ein lautloser Schrei auf ihren Lippen, während die Magie sie von innen heraus verbrannte.
Freya fühlte die Macht, den Funken in sich, der sich nicht länger kontrollieren ließ. Ein Aufflammen, das sich für einen einzigen, erschreckenden Moment richtig anfühlte.
Das Licht verzehrte den Körper immer weiter und versengte ihn von innen, bis der überzeugte Glanz in Alyssas Augen schwand und einer Leere wich. Kein wahrhaftiger Schrei, nur ein Wimmern und ein letztes Aufbäumen. Dann— Stille.
Leblos sackte Alyssas Körper zusammen. Freya spürte das Gewicht, das sich gegen sie stemmte und sie im selben Augenblick mit sich zu Boden riss. „…nein…“
Gekrümmt lag das, was von Alyssa geblieben war, direkt vor ihr, während ihre Augen panisch über den Körper zuckten. Sie lebte noch, oder? Alyssa musste noch leben.
Ungläubig starrte Freya die seelenlosen Überreste an, aus denen süßlicher Rauch aus ihren Augenhöhlen emporstieg. Nein, sie durfte nicht tot sein. Unsicher berührte ihre Hand sie an der Schulter, doch sie regte sich nicht, sondern kippte nur leblos zur Seite. Ein dumpfer Knall, der zusammen mit ihrem Schrei durch den Raum schallte. „NEIN!“
Taumelnd wich sie zurück. Weg von Alyssa. Weg von dem, was geschehen war. So weit, bis ihr Rücken Halt an der Wand fand, während ihre Augen weit aufgerissen ungläubig auf den verschmorten Körper starrten, mit dem ihre letzte Hoffnung in Rauch aufging. Was hatte sie getan?
ooc: Der Charkill ist mit dem/der Spieler/in abgesprochen und kein bösartiger Übergriff.
Doch weder nahm Freya ihre veränderte Augenhöhe wahr, noch begriff sie, was mit ihr geschehen war. Alles fühlte sich nur auf unbeschreibliche Weise fremd an. Eine Wahrnehmung, die jedoch entfernt unter dem Echo von Alyssas Worten verborgen blieb. Getan, was nötig war. - Nötig wofür?
Unbewusst holte Freya hektisch Luft, nur um sie gleich wieder aus ihren Lungen zu entlassen. Nein, sie wollte es nicht wissen. Keine weiteren Ausreden oder Lügen.
Abermals verschwamm ihre Sicht und für einen Herzschlag geriet die Welt um sie herum ins Schwanken, sodass sie beinahe das Gleichgewicht verlor. Etwas zog sich in ihr zusammen. Nicht nur in ihrem Magen und in ihrer Brust. Es war, als würde sich ihr gesamtes Sein dagegen aufbäumen. Ein Schmerz, der nicht nur körperlich war und ihr die Luft zum Atmen nahm.
„Nein…“ Es war kaum mehr als ein Hauch. Freya zuckte panisch zurück. Ihr Blick war weit aufgerissen, wobei sich das Sonnenlicht in dem Blau ihrer Augen verfing. Ihre Finger krallten sich fester in das Holz des Bettpfostens, bis ihre Knöchel weiß hervortraten.
„Fass mich nicht an!“ Diesmal brach ihre Stimme. Laut und roh. Erfüllt von Schmerz und Panik, die sich einfach ihren Weg nach draußen nahmen. Viel zu schnell und viel zu flach ging ihr Atem, als sich etwas in ihr regte und sie Alyssa in die Augen sah. Ihr Herz raste und hämmerte gnadenlos gegen ihre Rippen. Freya keuchte auf, presste eine Hand gegen ihre Brust. Es fühlte sich an, als würde es zerreißen.
Wie hatte sie nur so dumm sein können? Eine Geschichte, die ihr so sehr ähnelte, dass sie Mitleid empfunden hatte. Als hätte jemand ihren Weg betrachtet und ein Abbild davon geschaffen, das ihr vertraut vorkam, dabei war nichts davon wahr. Immer wieder nur Hoffnung, die zerbrach, bis am Ende nichts außer Leere übrigblieb. Aber sie würde ihr nicht erlauben, ihren Platz einzunehmen.
Gedanken, unter denen ihr schwarz vor Augen wurde, bis sie nur noch Alyssa sah. Alles, was blieb, war nur noch Wut und Zorn. Ein Gefühl, das tiefer schnitt als alles andere.
„Du hast gelogen …“ Ihre zitternde Stimme brach mitten im Satz, um im nächsten Moment eine beinahe abfällige Schärfe zu finden. „.. mich benutzt …“
Ein Schatten kroch über die Wurzeln, über das Holz, über ihre eigenen Finger. Erst schwach und kaum sichtbar, nicht mehr als ein Flimmern am Rand der Wirklichkeit, bis er langsam dichter wurde. Als würde sich etwas Unsichtbares um sie legen. Eine Dunkelheit, die sie unbewusst anzog, während für Freya nur Alyssa existierte. Nur die Frau, die sie betrogen hatte.
„Ich werde nicht bleiben.“ Freyas Stimme war rau und heiser, doch lag darin eine ungebändigte Entschlossenheit, als sie Alyssa fest in die Augen sah. „Und du gehst nirgendwohin.“
Freyas Finger lösten sich vom Bettpfosten und griffen nach ihr. Zitternd und mit einer unkontrollierten Härte packte sie ihre Arme. Unwirsch und verstimmt sah Alyssa sie an. Vielleicht war es auch ein höhnisches Mitgefühl, das sich allerdings im nächsten Atemzug verflüchtigte, als die Luft spürbar schwerer wurde. Eine Kühle breitete sich im Raum aus, die Freya jedoch nicht wahrnahm, da gleichzeitig erwachte etwas in ihr. Ein Schimmern in ihren Adern, das unter ihrer Haut ein düsteres Licht zum Vorschein brachte, während goldene Pigmente in ihren Augen aufflackerten.
„Nicht ohne mich “, zischte sie leise. Das Schimmern in ihren Augen wurde heller. Ein Glanz, der sich inmitten der Dunkelheit umso deutlicher abzeichnete. Etwas Eigenes. Etwas Lebendiges, das erwachte. Es brach aus ihr hervor wie ein erstickter Schrei und sammelte sich um ihren Körper, kroch über ihre Haut. Feine flackernde Adern, die sich in einem leuchtenden Geäst unter ihrer Haut abzeichneten, als hätte ihre Panik eine Form gefunden.
„Du wirst mich nach Hause bringen.“ Unbewusst wuchs Freyas Stimme zu einem fordernden Flüstern. Eine gefährliche Mahnung, unter der ihre Magie sich nach Alyssa ausstreckte. Ein blendender Strom aus Licht, der auf bedrohliche Weise goldene Fäden wob.
Das Mitgefühl in ihrem Blick war einer rohen, verzweifelten Gewalt gewichen. Dieses Mal würde sie nicht kapitulieren und sich einem Schicksal ergeben. Keine Lügen mehr. Ihre Augen hielten an Alyssas Blick fest. Sie würde sich nicht länger diktieren lassen, was sie zu tun hatte oder wer sie sein sollte. Von niemandem. Nein, und sie würde sich auch nichts mehr nehmen lassen. Freya wollte, dass sie denselben Schmerz spürte. Die Leere, die sich immer tiefer in die Seele fraß, bis nichts als Hoffnungslosigkeit übrigblieb.
Das Licht traf auf ihre Haut und durchdrang sie mühelos. Ein gleißendes Schimmern, das sich brennend und verzehrend über Alyssa ausbreitete. Ihr Körper zuckte, spannte sich, als hätte man sie in pures Feuer getaucht.
Freya sah es nicht wirklich. Sie sah nur, dass es funktionierte. Dass Alyssa zurückwich. Dass sie litt. Die Qual in ihren Augen und das Wimmern auf ihren Lippen. „Kannst du es spüren? Sag es!“
Immer mehr Dunkelheit schien sich zu Freyas Füßen zu sammeln, während sie selbst nur den Kopf in die Schräge legte und zusah, wie die Magie den Körper zum Glühen brachte, als würde sich ein gleißendes Licht durch ihre Adern hindurchfressen.
„Du wirst mir nicht sagen, was ich tun werde.“ Unregelmäßig kam der Atem über ihre Lippen, während sie in die aufgerissenen Augen Alyssas sah. Aber dieses Mal kannte ihr Blick kein Mitleid. Niemand würde sie länger kontrollieren oder ihr seinen Willen aufzwingen. Keine Lügen mehr, keine Manipulation. „Du wirst tun, was ich sage …“
Sie spürte, wie die Magie sich durch den Körper fraß. Den Schmerz und doch hörte sie nicht auf. Unaufhaltsam und brutal. Ein Licht, das von der Dunkelheit genährt, durch Alyssas Adern brannte, als würde das Leben von innen heraus gezerrt und im nächsten Moment von etwas Dunklerem verschlungen werden.
Nein, Freya wollte in ihren Augen sehen, dass sie nicht nur denselben Schmerz und Verzweiflung spürte, sondern um Vergebung bettelte. Keine Lügen, sondern einen Blick, der vor ihr zerbrach.
Leicht verengten sich Freyas Augen, während Rausch und Panik ineinander übergingen.
Ihre erhobene Hand zitterte stärker, als würde sie jeden Moment nachgeben. Aber sie ließ sie nicht sinken. Sie konnte es nicht. Nein, sie wollte es nicht. Nicht ehe sie es in ihren Augen sah. „Schwör' es…“
Alyssas Körper spannte sich, wurde von diesem gleißenden Schimmer durchzogen, der ein düsteres Geäst aus versengten Venen und Leben zurückließ. Ihre Züge verzerrten sich, ein lautloser Schrei auf ihren Lippen, während die Magie sie von innen heraus verbrannte.
Freya fühlte die Macht, den Funken in sich, der sich nicht länger kontrollieren ließ. Ein Aufflammen, das sich für einen einzigen, erschreckenden Moment richtig anfühlte.
Das Licht verzehrte den Körper immer weiter und versengte ihn von innen, bis der überzeugte Glanz in Alyssas Augen schwand und einer Leere wich. Kein wahrhaftiger Schrei, nur ein Wimmern und ein letztes Aufbäumen. Dann— Stille.
Leblos sackte Alyssas Körper zusammen. Freya spürte das Gewicht, das sich gegen sie stemmte und sie im selben Augenblick mit sich zu Boden riss. „…nein…“
Gekrümmt lag das, was von Alyssa geblieben war, direkt vor ihr, während ihre Augen panisch über den Körper zuckten. Sie lebte noch, oder? Alyssa musste noch leben.
Ungläubig starrte Freya die seelenlosen Überreste an, aus denen süßlicher Rauch aus ihren Augenhöhlen emporstieg. Nein, sie durfte nicht tot sein. Unsicher berührte ihre Hand sie an der Schulter, doch sie regte sich nicht, sondern kippte nur leblos zur Seite. Ein dumpfer Knall, der zusammen mit ihrem Schrei durch den Raum schallte. „NEIN!“
Taumelnd wich sie zurück. Weg von Alyssa. Weg von dem, was geschehen war. So weit, bis ihr Rücken Halt an der Wand fand, während ihre Augen weit aufgerissen ungläubig auf den verschmorten Körper starrten, mit dem ihre letzte Hoffnung in Rauch aufging. Was hatte sie getan?
ooc: Der Charkill ist mit dem/der Spieler/in abgesprochen und kein bösartiger Übergriff.

Geboren aus dem Wissen einer dunklen Vergangenheit - verblasst mein altes Leben im Schatten einer neuen Zeit.
~ Einfach Freya ~
In den Momenten, in denen nichts mehr bleibt, sieht man die unsichtbaren Fäden, die uns wirklich halten.
Ein Name allein hat dabei keine Bedeutung. Er kann verblassen, wie Tinte auf einem Pergament - wie ein leeres Versprechen.
- Naheniel
- Geschichtenschreiber / Geschichtenschreiberin
- Beiträge: 228
- Registriert: Mo 27. Mai 2019, 19:18
- Danksagung erhalten: 6 Mal
#1832
Er war stehen geblieben, hatte sich nicht bewegt, war Freya nicht sofort hinterher an jenen Ort, wo er Alyssa seit Jahren versteckte. Naheniel wusste, dass er sich beruhigen musste, da jener Ort sehr fragil in seinem Aufbau war. Zu starke Emotionen seinerseits konnten alles ins Wanken bringen und Alyssa womöglich verletzen.
Das durfte nicht geschehen. Dafür war sie ihm zu wichtig.
Minuten der Stille zogen an ihm vorüber und der Staub, der durch sein Wüten aufgewirbelt worden war, begann sich zu legen. Zurück auf den Boden und die von ihm zerstörten Möbelstücke. Die zerknüllte Kohlezeichnung lag immer noch in seiner Hand, denn wegwerfen konnte er sie nicht. Auch wenn es keine besonders kunstfertige Arbeit war, war und blieb es ein Teil seiner Vergangenheit und zeigte die tiefe Sehnsucht, die er seit jeher nach Alyssa verspürte. Er begehrte sie nicht als Frau, nicht als Objekt, sondern auf eine Weise, die er lange selbst nicht verstand.
Und dieses Gefühl für sie war es, das ihn vor vielen Jahren mitunter dazu brachte, sie in eine nahezu perfekte Kopie ihres alten Lebens zu begleiten, was aber gleichzeitig eine perfekte Gefangenschaft für sie bedeutete.
Was sie unter anderem so begehrenswert machte, war das Wissen darum, dass sie ihn mochte, obwohl sie verstand, wer er war. Und ihn akzeptierte.
Er hatte Alyssa nie geschlagen oder hatte ihr anderweitig weh getan, kein einziges Mal. Und doch besaß er sie mit einer Vollständigkeit, die seine sonstige Gewalt übertraf. Er hatte ihr ein Heim gebaut, das sie liebte und sie darin eingesperrt. Er gab ihr seine Art der Wärme, Sicherheit und Aufmerksamkeit und nahm ihr im Gegenzug jede Möglichkeit, jemals wieder ohne ihn zu atmen. Seine Form der Zuneigung war ein Käfig, der zwar mit weichem und warmen Samt ausgelegt war, aber eben trotzdem ein Käfig blieb.
Dann hörte er es, noch bevor es richtig laut wurde, denn die Geräusche waren in diesem Lichthafen etwas, das nicht passte. Ruckartig drehte er sich in seinem alten Zimmer des Kinderheims herum und trat mit wenigen, weiten Schritten an das Fenster heran. Die Bäume im Garten bewegten sich, obwohl alles windstill war. Die Blätter raschelten zunächst leise, dann immer lauter werdend, während sich aus der Erde heraus, die Rinden hinauf fließend und über alle Äste legend, ein pulsierendes, dem Rhythmus eines Herzschlags folgend, Licht legte.
Das Strahlen wuchs an und wurde so hell, dass Naheniel seine Hand über seine Augen hob, um diese davor zu schützen.
"Alyssa." Sein Mundwinkel zuckte auf, als er sich abwandte. Was auch immer sie tat, er musste sie aufhalten. So lange war sie ein Teil seiner Welt gewesen, dass sie mittlerweile anscheinend zu etwas davon geworden war.
Er musste zu ihr. Sofort. Die Verfolgung Freyas hatte ihn enorm viel Kraft gekostet, weshalb ihm nichts anderes blieb, als an seine letzten Reserven zu gehen. Was auch immer das für ihn bedeuten würde. Jetzt zählte nur eins, er musste zu ihr und Freya und alles andere von ihr fernhalten.
Naheniel schloss seine Augen, ließ sich von den Schatten und der Finsternis umfluten, die sich in dem Raum nun innerhalb des Bruchteils einer Sekunde aufbauten.
Die kühle Schwärze suchte seine Nähe, schien ihn fast zu liebkosen, bevor sie ihn in das Nichts aus Schatten zog.
Und plötzlich verdunkelt sich der Himmel…
Dort, bei dem Haus, dem Wald und der weitläufigen Wiese mit dem großen Baum und der Schaukel daran, zog sich alles Licht zurück. Es wurde dunkel, tief dunkel. Das Finstere, aus dem Naheniels Wesen und Sein bestand, schlang sich in dicht gewebten Fäden um das Haus der Familie Al Saher.
Es sickerte durch den Stein und durch die Scheiben der von Geäst überwucherten Fenster, legte sich über das Licht, das von Alyssas Magie geblieben war und verdrängte den Schimmer und den Schein vollständig. Die Dunkelheit, vor der sie sich immer auf gewisse Weise fürchtete, da in dieser ihre Träume am Stärksten waren und die er die vergangenen Jahre von ihr ferngehalten hatte, nahm in nur wenigen Atemzügen alles ein.
Es verschluckte die Wärme der kräftig grünen Wiesen, der bunten Bäume des Waldes und des Raumes, in dem sie Kind, junge Frau und eigentlich Ehefrau hätte sein sollen. Unaufhaltsam kroch die Finsternis weiter, färbte alles, was in dem Zimmer noch hell und zumindest ein wenig einladend wirken sollte, fraß sich in den Stammbaum und ließ die Namen darauf verkümmern und verblassen.
Naheniel trat aus dem Nichts heraus direkt in das Zentrum des Raumes, den er geschaffen hatte.
Aber auf das, was er sehen musste, war er nicht vorbereitet. Alyssa lag leblos am Boden, das, was noch ihre Augen waren, weit aufgerissen und nach oben gerichtet. "Nein…"
Er stürzte auf sie zu, kniete sich zu ihr auf den Boden und zog sie an sich. Mit Verzweiflung sah er auf ihr blasses Gesicht, auf dem sich die verbrannten Äderchen deutlich abzeichneten. Er drückte sie an sich und hielt sie so fest er konnte. Sie war noch warm, fast schon heiß, doch er hörte, wie ihr Blut nicht mehr durch ihren Körper rauschte, sondern alles zum Erliegen gekommen war.
"Bleib bei mir." Eine seiner Hände legte sich auf ihren Hinterkopf, vergrub sich in ihr dichtes, dunkles Haar und hielt ihr Gesicht an seine Brust, als würde er hoffen, dass nur der Klang seines Herzschlags sie zurückholte.
Aber sie reagierte nicht, weder fühlte er ihren Atem, noch schenkte sie ihm irgendeine andere Regung ihres Körpers.
Stattdessen spürte er, wie die Finsternis in ihm selbst dichter wurde. Seine eigene Haut fühlte sich plötzlich zu eng an, als wolle etwas aus ihm mit voller Wucht herausbrechen. Etwas, das er immer mit eiserner Disziplin zurückhielt, denn Angst davor hatte er nicht, aber er wusste sehr genau, was es bedeutete und was geschah, wenn es keine Zurückhaltung mehr gab.
Es war einfacher, kontrolliert dunkel zu sein, als die Dunkelheit selbst zu werden.
"Was hast Du getan?"
Über seine Schulter hinweg, warf er Freya einen vernichtenden Blick zu. Dass sie da war, das Mädchen, das hatte er bereits gespürt, seitdem er in dem Zimmer aus den Schatten getreten war. Aber erst jetzt nahm er ihre Veränderung wahr. Überrascht über das, was er erkannte, zugleich aber verwirrt darüber, weil es nicht sein konnte, zogen seine Brauen sich zusammen und seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, aus denen ihr helles Blau hervorblitzte.
"Alys…?" Er stockte, sah genauer hin und lockerte gleichzeitig den Griff, mit dem er die Frau in seinen Armen festhielt. "Freya?" Seine Aufmerksamkeit glitt zurück zu dem toten Gesicht und er stockte.
Seine Frage war tatsächlich nicht einmal, wie es sein konnte, dass Freya plötzlich eine Erwachsene war. Viel eher war es die Frage danach, wie es sein konnte, dass Freya und Alyssa einander so ähnlich sahen, sich auf eine Weise glichen, die eigentlich nicht sein konnte.
Alyssa war in seiner Welt gewesen. Jeden Tag und jede Stunde, seit sie verheiratet war. Und doch war das, was er in Freya erkannte, nicht zu leugnen.
Mit einem leichten Schütteln seines Kopfes schloss er kurz seine Augen. Es war die ganzen Jahre direkt vor ihm gewesen und er hatte es tatsächlich nicht bemerkt. Wie konnte es nur sein, dass er das Offensichtliche übersehen hatte?
Mit einem Daumen strich er liebevoll und ihr vergebend über Alyssas Stirn, nur um ihr gleich darauf seine Hand auf ihre leeren Augen zu legen. Naheniel verstand sehr gut, was und wie Freya es getan hatte und bemühte sich darum, die Wut und das Dunkel in sich zu zähmen. Für einen Moment noch hielt er in der Berührung, die er der Frau in seinem Arm schenkte, inne, wartete darauf, ob er nicht doch noch ihren rettenden Atem spüren würde, bevor er sich wieder mit tiefer, rauer Stimme an Freya richtete, jedoch ohne sie dabei anzusehen.
"Du bist wahrlich die Tochter von Alyssa und Adrian."
Das durfte nicht geschehen. Dafür war sie ihm zu wichtig.
Minuten der Stille zogen an ihm vorüber und der Staub, der durch sein Wüten aufgewirbelt worden war, begann sich zu legen. Zurück auf den Boden und die von ihm zerstörten Möbelstücke. Die zerknüllte Kohlezeichnung lag immer noch in seiner Hand, denn wegwerfen konnte er sie nicht. Auch wenn es keine besonders kunstfertige Arbeit war, war und blieb es ein Teil seiner Vergangenheit und zeigte die tiefe Sehnsucht, die er seit jeher nach Alyssa verspürte. Er begehrte sie nicht als Frau, nicht als Objekt, sondern auf eine Weise, die er lange selbst nicht verstand.
Und dieses Gefühl für sie war es, das ihn vor vielen Jahren mitunter dazu brachte, sie in eine nahezu perfekte Kopie ihres alten Lebens zu begleiten, was aber gleichzeitig eine perfekte Gefangenschaft für sie bedeutete.
Was sie unter anderem so begehrenswert machte, war das Wissen darum, dass sie ihn mochte, obwohl sie verstand, wer er war. Und ihn akzeptierte.
Er hatte Alyssa nie geschlagen oder hatte ihr anderweitig weh getan, kein einziges Mal. Und doch besaß er sie mit einer Vollständigkeit, die seine sonstige Gewalt übertraf. Er hatte ihr ein Heim gebaut, das sie liebte und sie darin eingesperrt. Er gab ihr seine Art der Wärme, Sicherheit und Aufmerksamkeit und nahm ihr im Gegenzug jede Möglichkeit, jemals wieder ohne ihn zu atmen. Seine Form der Zuneigung war ein Käfig, der zwar mit weichem und warmen Samt ausgelegt war, aber eben trotzdem ein Käfig blieb.
Dann hörte er es, noch bevor es richtig laut wurde, denn die Geräusche waren in diesem Lichthafen etwas, das nicht passte. Ruckartig drehte er sich in seinem alten Zimmer des Kinderheims herum und trat mit wenigen, weiten Schritten an das Fenster heran. Die Bäume im Garten bewegten sich, obwohl alles windstill war. Die Blätter raschelten zunächst leise, dann immer lauter werdend, während sich aus der Erde heraus, die Rinden hinauf fließend und über alle Äste legend, ein pulsierendes, dem Rhythmus eines Herzschlags folgend, Licht legte.
Das Strahlen wuchs an und wurde so hell, dass Naheniel seine Hand über seine Augen hob, um diese davor zu schützen.
"Alyssa." Sein Mundwinkel zuckte auf, als er sich abwandte. Was auch immer sie tat, er musste sie aufhalten. So lange war sie ein Teil seiner Welt gewesen, dass sie mittlerweile anscheinend zu etwas davon geworden war.
Er musste zu ihr. Sofort. Die Verfolgung Freyas hatte ihn enorm viel Kraft gekostet, weshalb ihm nichts anderes blieb, als an seine letzten Reserven zu gehen. Was auch immer das für ihn bedeuten würde. Jetzt zählte nur eins, er musste zu ihr und Freya und alles andere von ihr fernhalten.
Naheniel schloss seine Augen, ließ sich von den Schatten und der Finsternis umfluten, die sich in dem Raum nun innerhalb des Bruchteils einer Sekunde aufbauten.
Die kühle Schwärze suchte seine Nähe, schien ihn fast zu liebkosen, bevor sie ihn in das Nichts aus Schatten zog.
Und plötzlich verdunkelt sich der Himmel…
Dort, bei dem Haus, dem Wald und der weitläufigen Wiese mit dem großen Baum und der Schaukel daran, zog sich alles Licht zurück. Es wurde dunkel, tief dunkel. Das Finstere, aus dem Naheniels Wesen und Sein bestand, schlang sich in dicht gewebten Fäden um das Haus der Familie Al Saher.
Es sickerte durch den Stein und durch die Scheiben der von Geäst überwucherten Fenster, legte sich über das Licht, das von Alyssas Magie geblieben war und verdrängte den Schimmer und den Schein vollständig. Die Dunkelheit, vor der sie sich immer auf gewisse Weise fürchtete, da in dieser ihre Träume am Stärksten waren und die er die vergangenen Jahre von ihr ferngehalten hatte, nahm in nur wenigen Atemzügen alles ein.
Es verschluckte die Wärme der kräftig grünen Wiesen, der bunten Bäume des Waldes und des Raumes, in dem sie Kind, junge Frau und eigentlich Ehefrau hätte sein sollen. Unaufhaltsam kroch die Finsternis weiter, färbte alles, was in dem Zimmer noch hell und zumindest ein wenig einladend wirken sollte, fraß sich in den Stammbaum und ließ die Namen darauf verkümmern und verblassen.
Naheniel trat aus dem Nichts heraus direkt in das Zentrum des Raumes, den er geschaffen hatte.
Aber auf das, was er sehen musste, war er nicht vorbereitet. Alyssa lag leblos am Boden, das, was noch ihre Augen waren, weit aufgerissen und nach oben gerichtet. "Nein…"
Er stürzte auf sie zu, kniete sich zu ihr auf den Boden und zog sie an sich. Mit Verzweiflung sah er auf ihr blasses Gesicht, auf dem sich die verbrannten Äderchen deutlich abzeichneten. Er drückte sie an sich und hielt sie so fest er konnte. Sie war noch warm, fast schon heiß, doch er hörte, wie ihr Blut nicht mehr durch ihren Körper rauschte, sondern alles zum Erliegen gekommen war.
"Bleib bei mir." Eine seiner Hände legte sich auf ihren Hinterkopf, vergrub sich in ihr dichtes, dunkles Haar und hielt ihr Gesicht an seine Brust, als würde er hoffen, dass nur der Klang seines Herzschlags sie zurückholte.
Aber sie reagierte nicht, weder fühlte er ihren Atem, noch schenkte sie ihm irgendeine andere Regung ihres Körpers.
Stattdessen spürte er, wie die Finsternis in ihm selbst dichter wurde. Seine eigene Haut fühlte sich plötzlich zu eng an, als wolle etwas aus ihm mit voller Wucht herausbrechen. Etwas, das er immer mit eiserner Disziplin zurückhielt, denn Angst davor hatte er nicht, aber er wusste sehr genau, was es bedeutete und was geschah, wenn es keine Zurückhaltung mehr gab.
Es war einfacher, kontrolliert dunkel zu sein, als die Dunkelheit selbst zu werden.
"Was hast Du getan?"
Über seine Schulter hinweg, warf er Freya einen vernichtenden Blick zu. Dass sie da war, das Mädchen, das hatte er bereits gespürt, seitdem er in dem Zimmer aus den Schatten getreten war. Aber erst jetzt nahm er ihre Veränderung wahr. Überrascht über das, was er erkannte, zugleich aber verwirrt darüber, weil es nicht sein konnte, zogen seine Brauen sich zusammen und seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, aus denen ihr helles Blau hervorblitzte.
"Alys…?" Er stockte, sah genauer hin und lockerte gleichzeitig den Griff, mit dem er die Frau in seinen Armen festhielt. "Freya?" Seine Aufmerksamkeit glitt zurück zu dem toten Gesicht und er stockte.
Seine Frage war tatsächlich nicht einmal, wie es sein konnte, dass Freya plötzlich eine Erwachsene war. Viel eher war es die Frage danach, wie es sein konnte, dass Freya und Alyssa einander so ähnlich sahen, sich auf eine Weise glichen, die eigentlich nicht sein konnte.
Alyssa war in seiner Welt gewesen. Jeden Tag und jede Stunde, seit sie verheiratet war. Und doch war das, was er in Freya erkannte, nicht zu leugnen.
Mit einem leichten Schütteln seines Kopfes schloss er kurz seine Augen. Es war die ganzen Jahre direkt vor ihm gewesen und er hatte es tatsächlich nicht bemerkt. Wie konnte es nur sein, dass er das Offensichtliche übersehen hatte?
Mit einem Daumen strich er liebevoll und ihr vergebend über Alyssas Stirn, nur um ihr gleich darauf seine Hand auf ihre leeren Augen zu legen. Naheniel verstand sehr gut, was und wie Freya es getan hatte und bemühte sich darum, die Wut und das Dunkel in sich zu zähmen. Für einen Moment noch hielt er in der Berührung, die er der Frau in seinem Arm schenkte, inne, wartete darauf, ob er nicht doch noch ihren rettenden Atem spüren würde, bevor er sich wieder mit tiefer, rauer Stimme an Freya richtete, jedoch ohne sie dabei anzusehen.
"Du bist wahrlich die Tochter von Alyssa und Adrian."
Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst.
Bist es immer noch Du? Oder bin es nun ich?

Spürst Du den Hunger nach der Dunkelheit, schreit er bereits in Dir?
Sag, mache ich Dir Angst oder fühlst Du Dich erst lebendig wegen mir?
Bist es immer noch Du? Oder bin es nun ich?

Spürst Du den Hunger nach der Dunkelheit, schreit er bereits in Dir?
Sag, mache ich Dir Angst oder fühlst Du Dich erst lebendig wegen mir?
- -Freya-
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#1833
Zusammengesunken lehnte Freya an der Wand. Strähnig klebten ihr die dunklen Haare im Gesicht, durchsetzt mit einzelnen Blättern und feinen Wurzelresten, die sich darin verfangen hatten. Die Knie eng an den Körper gedrückt, sah sie nur auf Alyssas Überreste, ohne den Schatten Beachtung zu schenken, die sich um sie schmiegten, als würden sie von ihr angezogen. Düster und schwer wie Rauch waberten sie um sie herum, doch Freyas Blick ruhte leer auf dem leblosen Körper.
Sie hatte gelogen. Sie hatte sie verraten wollen.
Ihre Finger gruben sich tief in ihre Haare, so fest, dass ein dumpfer Schmerz an ihrem Hinterkopf entstand. Doch selbst dieser drang nur gedämpft zu ihr durch, als gehöre es jemand anderem.
Die Welt war leiser geworden. Nicht still, aber gedämpft, als läge ein Schleier über allem. Geräusche verloren ihre Schärfe, verschwammen unter dem lauten Dröhnen ihres Herzschlags zu einem fernen Rauschen. Selbst ihr eigener Atem klang fremd, zu weit weg, um wirklich ihr zu gehören.
Alyssa war tot. Das hatte sie nicht gewollt. Oder vielleicht doch? Der Tod war eine gerechte Strafe. Für die Lügen, für den Schmerz, für den Verrat. Doch war die letzte Hoffnung mit ihr gestorben. Bei Ogrimar, was hatte sie getan?
Unwirklich verschwamm die Welt um sie herum. Ihre Finger gruben sich tiefer in ihr Haar und zerrten an den Strähnen, die sich um ihre Handgelenke wickelten. Ein Schmerz, den sie spüren konnte, dumpf und pochend, aber er erreichte sie kaum. Alles fühlte sich verzerrt und fremd an.
Was hatte sie mit ihr gemacht? Warum hatte sie gelogen? Woher kannte sie Verlion, woher Adrian?
Alles konzentrierte sich nur auf das, was geblieben war. Das Ende. Ein Zittern huschte durch Freyas Sichtfeld, als sie blinzelnd durch den Tränenschleier sah. Kaum mehr als ein Flimmern. Die Schatten an den Wänden schienen sich zu strecken, sich auszubreiten, wie Tinte in Wasser. Das Licht verlor an Kraft. Es zog sich zurück und ließ Kanten weicher werden, bis die Formen ineinanderfließen. Doch Freya bemerkte es nicht.
Die Berührung an ihrer Wange hallte nach – ein kaum spürbares Kribbeln auf der Haut, das sich wie ein Echo festsetzte. Für einen Wimpernschlag sah sie diesen vertrauten Blick, warm und nah, nur um im nächsten Augenpaar den Verrat zu erkennen, der sich gegen sie richten sollte.
Irgendwo um sie herum war plötzlich ein Geräusch. Etwas Hartes. Ein abruptes Öffnen. Es drang zu ihr wie durch Wasser. Weit fort und verzerrt, als wäre es nicht wirklich dort.
Doch Freya reagierte nicht. Auch nicht, als Schritte näherkamen und eine Bewegung den Raum schnitt. Regungslos verharrte sie, als ein Luftzug hastig und unruhig über ihre sensible Haut strich.
Sie nahm es nicht wahr. Nicht wirklich. Es war nur ein Schauer, der sich über ihre Haut legte während die Schatten dichter wurden. Eine Form, die sich zwischen sie und Alyssa schob, ohne dass Freya sie wirklich sah. Ihre Augen registrierten die Veränderung. Das Spiel von Licht und Dunkelheit, das sich verschob, neu ordnete. Doch ihr Verstand blieb träge, unfähig, dem ganzen Bedeutung zu geben.
Bewegung. Schnell. Abgehackt. Ein Körper, der sich senkte. Stoff, der raschelte. Ein Laut, eine Stimme?
Nur als Bruchstücke von Klang drangen zu ihr durch, rau und zerrissen, die sich nicht zu etwas Greifbarem formen wollten. Freya blinzelte nicht. Sie hatte sie getötet. Den Ausweg verschlossen. Sie hatte sich in ihrer eigenen Hoffnung verloren.
"Was hast Du getan?" Worte, die so fern klangen, und doch ließ der vertraute Klang der Stimme sie zittern. Ihre Lider senkten sich, nur um das zornige Aufflammen seiner Augen in der Dunkelheit zu sehen. Kopfschüttelnd riss sie sich los. Nein, es war nicht ihre Schuld. Sie war es nicht, die gelogen und betrogen hatte.
Schmerzhaft schlug ihr Herz gegen ihre Rippen, während ihr Atem stoßweise über ihre Lippen kam. Die Luft fühlte sich plötzlich schwerer an. Dichter, als würde sie sich in ihre Lungen drücken, statt von ihr eingeatmet zu werden. Ein fremder Rhythmus drängte sich in ihr Bewusstsein – nicht ihr eigener Herzschlag, sondern ein anderer.
Unruhiger. Drängender. Ihre Finger lösten sich aus den Strähnen ihrer Haare, die wirr um ihre Züge fielen. Ein dunkler Schleier, der sich über sie legte, als ein weiterer Laut zu ihr durchdrang. Näher. Klarer. Ihr Name. „Freya?“
Ein Zittern fuhr durch ihre Brust, als ein Duft aus Jasmin, Kardamom und Rum den Schleier in einem einzigen Atemzug zerriss. Die Geräusche brachen über sie herein – abrupt, ungefiltert. Stoff. Atem. Ein erstickter Laut, der sich jetzt plötzlich wie Wut und Schmerz anhörte. Scharf sog sie die Luft ein.
Ihr Blick hob sich ein Stück, nur um ihn anzusehen. Unscharf durch die Tränen und doch schärfte sich ihre Sicht, als das Blau ihrer Augen ihn erfasste. Direkt, auch wenn er sie keines Blickes würdigte.
Naheniel. Die Erkenntnis schlug auf sie ein, wie ein Riss, der sich durch ihre Wahrnehmung zog und alles auseinanderdrückte, was eben noch dumpf und fern gewesen war.
Unwillkürlich spannte sich ihr Körper an. Er hatte sie gefunden. Ihre Lungen schnürten sich unmittelbar zusammen, während das Rauschen ihres Blutes ohrenbetäubend wurde.
Instinktiv wollte sie zurückweichen, doch gleichzeitig war da etwas anderes. Etwas, das seine Worte im nächsten Atemzug entfesselten.
Das Blau ihrer Augen weitete sich, während sie die Wut in sich spürte. Sie brannte förmlich in ihren Adern, sodass ihr Atem unregelmäßig über ihre Lippen kam. Was hatte er gesagt? Das war ganz sicher nicht wahr! Irgendjemand verdrehte ihre Geschichte, ihre Welt. All ihre Erinnerungen.
„Lüge! Das alles ist eine Lüge!“ Zornig schrie sie in seine Richtung, während ihre rechte Hand sich an der rauen Wand entlang tastete, bis sie das kalte Holz des Bettpfostens zu greifen bekam. Trotzig schüttelte sie den Kopf. Nein, das stimmte nicht.
„DU!“ Ihre Stimme hallte durch den Raum, als im selben Augenblick die Welt ins Wanken geriet. Freyas Herz schlug bis zum Hals. Genug der Illusionen, der Trugbilder und Enttäuschungen. Sie klammerte sich an das Bett, aber der Boden unter ihren Füßen bewegte sich noch immer. So stark, dass selbst die Gläser klirrend über die Tischplatte kippten und zerschellten.
Doch Freya sah nur auf Naheniel. Es war vollkommen gleich, was alles eine Lüge war. Er oder seine Worte. Was immer das für ein Spiel war. Es war vorbei und endete hier und jetzt.
Unsicher stolperte sie zur Seite, doch ihr Wille hielt sie auf den Beinen, ehe sie sich einen weiteren Schritt vorwärts tastete, als würde sie das Laufen erst lernen müssen. Doch es war ein Schmerz, ein Brennen in ihren Muskeln, der sie immer wieder fast in die Knie zwang. Jeder Schritt kostete sie Kraft, während ihre linke Hand sich zu einer Faust ballte, bis sie spüren konnte, wie ihre Fingernägel sich in ihre Handflächen drückten. Ein Wort formte sich. Rau und heiser. „Du!“
Eine Stille, die das Wort umso bedeutsamer machte, während sie all ihre Wut und Verzweiflung auf ihn fokussierte, ohne dabei zu bemerken, wie das Schimmern in ihren Adern zunahm.
Umgeben von dem Geflecht seiner Finsternis wirkte es fast wie ein Kinderspiel für sie, als sie unterbewusst mit ihrer Macht nach seiner Schöpfung griff. So geringfügig ihre Bewegung anmuten mochte, so kraftvoll sollte sie nach ihm greifen. Nach dem, was ihn erfüllte, was sie teilte. Ein Band, welches sich nun um seine Dunkelheit schlingen sollte.
Ein Leuchten, das sich unter ihren Füßen einen Weg aus glühenden Fäden bahnte. Langsam und schleichend fraßen sich glühende Fäden durch den Boden, bis er an einigen Stellen nachgab und auseinanderriss.
Linien, aus einem unwirklichen Licht, welches an Intensität zunahm, je tiefer es sich durch Holz und Wände fraß. Entschlossen machte Freya einen weiteren wackligen Schritt. Ihr Fuß berührte den Boden und im nächsten Herzschlag fielen Steine krachend zu Boden.
Eine Illusion, die zerfiel. Keine Lügen mehr. Wer immer diese Welt errichtet hatte, sie würde sie einreißen. Dieses ganze Trugbild, das nichts als ein Gefängnis war.
„DU bist schuld an allem und fragst, was ich getan habe?“ All die aufgestaute Wut, die in ihr tobte, drang in ihre Aura ein. Ein dunkler Schatten, der ihr Licht einhüllte, während ihre Augen beinahe emotionslos auf ihm ruhten, bereit, sich Luft zu machen und all die angesammelten Gefühle mit einem Mal zu entfesseln. Ihre Finger ballten sich mit einem Mal zu einer Faust.
„Los, sieh mich an.“ Sie löste sich von der Bettkante und stieß mit voller Kraft gegen seine Schulter. Wütend traf ihre Faust seine Schulter und stieß ihn zurück. Herausfordernd glitzerten ihre Augen, nicht weil es einen Sinn ergab, sondern weil alles um sie herum vollkommen falsch war.
Das, was Naheniel sagte, das woran Alyssa geglaubt hatte, das, was sie spürte. Selbst seine liebevolle Art, wie er Alyssa in den Armen hielt. Alles daran war falsch. Das einzige, was sich richtig anfühlte, war ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ein Zittern ging durch ihre Beine, kostete es sie mehr Kraft sich auf ihnen zu halten, als sie dachte. Weder würde sie um Hilfe betteln noch würde sie kapitulieren. Stattdessen schlug sie erneut ungebremst gegen seine Schulter. Ihre Stimme wurde leiser. Ein kraftloses, aber gleichzeitig gefährliches Flüstern. „Oder traust du dich nicht, dein wahres Gesicht zu zeigen.“
Sie hatte gelogen. Sie hatte sie verraten wollen.
Ihre Finger gruben sich tief in ihre Haare, so fest, dass ein dumpfer Schmerz an ihrem Hinterkopf entstand. Doch selbst dieser drang nur gedämpft zu ihr durch, als gehöre es jemand anderem.
Die Welt war leiser geworden. Nicht still, aber gedämpft, als läge ein Schleier über allem. Geräusche verloren ihre Schärfe, verschwammen unter dem lauten Dröhnen ihres Herzschlags zu einem fernen Rauschen. Selbst ihr eigener Atem klang fremd, zu weit weg, um wirklich ihr zu gehören.
Alyssa war tot. Das hatte sie nicht gewollt. Oder vielleicht doch? Der Tod war eine gerechte Strafe. Für die Lügen, für den Schmerz, für den Verrat. Doch war die letzte Hoffnung mit ihr gestorben. Bei Ogrimar, was hatte sie getan?
Unwirklich verschwamm die Welt um sie herum. Ihre Finger gruben sich tiefer in ihr Haar und zerrten an den Strähnen, die sich um ihre Handgelenke wickelten. Ein Schmerz, den sie spüren konnte, dumpf und pochend, aber er erreichte sie kaum. Alles fühlte sich verzerrt und fremd an.
Was hatte sie mit ihr gemacht? Warum hatte sie gelogen? Woher kannte sie Verlion, woher Adrian?
Alles konzentrierte sich nur auf das, was geblieben war. Das Ende. Ein Zittern huschte durch Freyas Sichtfeld, als sie blinzelnd durch den Tränenschleier sah. Kaum mehr als ein Flimmern. Die Schatten an den Wänden schienen sich zu strecken, sich auszubreiten, wie Tinte in Wasser. Das Licht verlor an Kraft. Es zog sich zurück und ließ Kanten weicher werden, bis die Formen ineinanderfließen. Doch Freya bemerkte es nicht.
Die Berührung an ihrer Wange hallte nach – ein kaum spürbares Kribbeln auf der Haut, das sich wie ein Echo festsetzte. Für einen Wimpernschlag sah sie diesen vertrauten Blick, warm und nah, nur um im nächsten Augenpaar den Verrat zu erkennen, der sich gegen sie richten sollte.
Irgendwo um sie herum war plötzlich ein Geräusch. Etwas Hartes. Ein abruptes Öffnen. Es drang zu ihr wie durch Wasser. Weit fort und verzerrt, als wäre es nicht wirklich dort.
Doch Freya reagierte nicht. Auch nicht, als Schritte näherkamen und eine Bewegung den Raum schnitt. Regungslos verharrte sie, als ein Luftzug hastig und unruhig über ihre sensible Haut strich.
Sie nahm es nicht wahr. Nicht wirklich. Es war nur ein Schauer, der sich über ihre Haut legte während die Schatten dichter wurden. Eine Form, die sich zwischen sie und Alyssa schob, ohne dass Freya sie wirklich sah. Ihre Augen registrierten die Veränderung. Das Spiel von Licht und Dunkelheit, das sich verschob, neu ordnete. Doch ihr Verstand blieb träge, unfähig, dem ganzen Bedeutung zu geben.
Bewegung. Schnell. Abgehackt. Ein Körper, der sich senkte. Stoff, der raschelte. Ein Laut, eine Stimme?
Nur als Bruchstücke von Klang drangen zu ihr durch, rau und zerrissen, die sich nicht zu etwas Greifbarem formen wollten. Freya blinzelte nicht. Sie hatte sie getötet. Den Ausweg verschlossen. Sie hatte sich in ihrer eigenen Hoffnung verloren.
"Was hast Du getan?" Worte, die so fern klangen, und doch ließ der vertraute Klang der Stimme sie zittern. Ihre Lider senkten sich, nur um das zornige Aufflammen seiner Augen in der Dunkelheit zu sehen. Kopfschüttelnd riss sie sich los. Nein, es war nicht ihre Schuld. Sie war es nicht, die gelogen und betrogen hatte.
Schmerzhaft schlug ihr Herz gegen ihre Rippen, während ihr Atem stoßweise über ihre Lippen kam. Die Luft fühlte sich plötzlich schwerer an. Dichter, als würde sie sich in ihre Lungen drücken, statt von ihr eingeatmet zu werden. Ein fremder Rhythmus drängte sich in ihr Bewusstsein – nicht ihr eigener Herzschlag, sondern ein anderer.
Unruhiger. Drängender. Ihre Finger lösten sich aus den Strähnen ihrer Haare, die wirr um ihre Züge fielen. Ein dunkler Schleier, der sich über sie legte, als ein weiterer Laut zu ihr durchdrang. Näher. Klarer. Ihr Name. „Freya?“
Ein Zittern fuhr durch ihre Brust, als ein Duft aus Jasmin, Kardamom und Rum den Schleier in einem einzigen Atemzug zerriss. Die Geräusche brachen über sie herein – abrupt, ungefiltert. Stoff. Atem. Ein erstickter Laut, der sich jetzt plötzlich wie Wut und Schmerz anhörte. Scharf sog sie die Luft ein.
Ihr Blick hob sich ein Stück, nur um ihn anzusehen. Unscharf durch die Tränen und doch schärfte sich ihre Sicht, als das Blau ihrer Augen ihn erfasste. Direkt, auch wenn er sie keines Blickes würdigte.
Naheniel. Die Erkenntnis schlug auf sie ein, wie ein Riss, der sich durch ihre Wahrnehmung zog und alles auseinanderdrückte, was eben noch dumpf und fern gewesen war.
Unwillkürlich spannte sich ihr Körper an. Er hatte sie gefunden. Ihre Lungen schnürten sich unmittelbar zusammen, während das Rauschen ihres Blutes ohrenbetäubend wurde.
Instinktiv wollte sie zurückweichen, doch gleichzeitig war da etwas anderes. Etwas, das seine Worte im nächsten Atemzug entfesselten.
Das Blau ihrer Augen weitete sich, während sie die Wut in sich spürte. Sie brannte förmlich in ihren Adern, sodass ihr Atem unregelmäßig über ihre Lippen kam. Was hatte er gesagt? Das war ganz sicher nicht wahr! Irgendjemand verdrehte ihre Geschichte, ihre Welt. All ihre Erinnerungen.
„Lüge! Das alles ist eine Lüge!“ Zornig schrie sie in seine Richtung, während ihre rechte Hand sich an der rauen Wand entlang tastete, bis sie das kalte Holz des Bettpfostens zu greifen bekam. Trotzig schüttelte sie den Kopf. Nein, das stimmte nicht.
„DU!“ Ihre Stimme hallte durch den Raum, als im selben Augenblick die Welt ins Wanken geriet. Freyas Herz schlug bis zum Hals. Genug der Illusionen, der Trugbilder und Enttäuschungen. Sie klammerte sich an das Bett, aber der Boden unter ihren Füßen bewegte sich noch immer. So stark, dass selbst die Gläser klirrend über die Tischplatte kippten und zerschellten.
Doch Freya sah nur auf Naheniel. Es war vollkommen gleich, was alles eine Lüge war. Er oder seine Worte. Was immer das für ein Spiel war. Es war vorbei und endete hier und jetzt.
Unsicher stolperte sie zur Seite, doch ihr Wille hielt sie auf den Beinen, ehe sie sich einen weiteren Schritt vorwärts tastete, als würde sie das Laufen erst lernen müssen. Doch es war ein Schmerz, ein Brennen in ihren Muskeln, der sie immer wieder fast in die Knie zwang. Jeder Schritt kostete sie Kraft, während ihre linke Hand sich zu einer Faust ballte, bis sie spüren konnte, wie ihre Fingernägel sich in ihre Handflächen drückten. Ein Wort formte sich. Rau und heiser. „Du!“
Eine Stille, die das Wort umso bedeutsamer machte, während sie all ihre Wut und Verzweiflung auf ihn fokussierte, ohne dabei zu bemerken, wie das Schimmern in ihren Adern zunahm.
Umgeben von dem Geflecht seiner Finsternis wirkte es fast wie ein Kinderspiel für sie, als sie unterbewusst mit ihrer Macht nach seiner Schöpfung griff. So geringfügig ihre Bewegung anmuten mochte, so kraftvoll sollte sie nach ihm greifen. Nach dem, was ihn erfüllte, was sie teilte. Ein Band, welches sich nun um seine Dunkelheit schlingen sollte.
Ein Leuchten, das sich unter ihren Füßen einen Weg aus glühenden Fäden bahnte. Langsam und schleichend fraßen sich glühende Fäden durch den Boden, bis er an einigen Stellen nachgab und auseinanderriss.
Linien, aus einem unwirklichen Licht, welches an Intensität zunahm, je tiefer es sich durch Holz und Wände fraß. Entschlossen machte Freya einen weiteren wackligen Schritt. Ihr Fuß berührte den Boden und im nächsten Herzschlag fielen Steine krachend zu Boden.
Eine Illusion, die zerfiel. Keine Lügen mehr. Wer immer diese Welt errichtet hatte, sie würde sie einreißen. Dieses ganze Trugbild, das nichts als ein Gefängnis war.
„DU bist schuld an allem und fragst, was ich getan habe?“ All die aufgestaute Wut, die in ihr tobte, drang in ihre Aura ein. Ein dunkler Schatten, der ihr Licht einhüllte, während ihre Augen beinahe emotionslos auf ihm ruhten, bereit, sich Luft zu machen und all die angesammelten Gefühle mit einem Mal zu entfesseln. Ihre Finger ballten sich mit einem Mal zu einer Faust.
„Los, sieh mich an.“ Sie löste sich von der Bettkante und stieß mit voller Kraft gegen seine Schulter. Wütend traf ihre Faust seine Schulter und stieß ihn zurück. Herausfordernd glitzerten ihre Augen, nicht weil es einen Sinn ergab, sondern weil alles um sie herum vollkommen falsch war.
Das, was Naheniel sagte, das woran Alyssa geglaubt hatte, das, was sie spürte. Selbst seine liebevolle Art, wie er Alyssa in den Armen hielt. Alles daran war falsch. Das einzige, was sich richtig anfühlte, war ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ein Zittern ging durch ihre Beine, kostete es sie mehr Kraft sich auf ihnen zu halten, als sie dachte. Weder würde sie um Hilfe betteln noch würde sie kapitulieren. Stattdessen schlug sie erneut ungebremst gegen seine Schulter. Ihre Stimme wurde leiser. Ein kraftloses, aber gleichzeitig gefährliches Flüstern. „Oder traust du dich nicht, dein wahres Gesicht zu zeigen.“

Geboren aus dem Wissen einer dunklen Vergangenheit - verblasst mein altes Leben im Schatten einer neuen Zeit.
~ Einfach Freya ~
In den Momenten, in denen nichts mehr bleibt, sieht man die unsichtbaren Fäden, die uns wirklich halten.
Ein Name allein hat dabei keine Bedeutung. Er kann verblassen, wie Tinte auf einem Pergament - wie ein leeres Versprechen.
- Naheniel
- Geschichtenschreiber / Geschichtenschreiberin
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#1834
Er sah sie an.
"Irgendwann, Naheniel, wird es zur Kollision von Dunkelheit und Licht kommen. Und dann? Was geschieht dann?"
Es waren Worte, die vor langer Zeit jemand zu ihm sprach und die jetzt, genau in diesem Moment, ein Gewicht besaßen, welches er nicht für möglich gehalten hatte.
Noch reagierte er nicht auf die Berührung Freyas, auch wenn das Licht, das sich nicht nur über den Raum ausbreitete, sondern auch von ihr aus ging, durch sein Hemd hindurch unangenehm auf seiner Haut prickelte.
"Freya." Das Chaos begann sich bereits zu entfalten und die Illusion, die er für jene Frau baute, die ihm alles bedeutete, riss an den ersten Stellen.
"Du musst Dich beruhigen." War es das, was es gebraucht hatte, um die Macht des Schlüssels zu wecken?
Ein Mord? An der eigenen Mutter?
Ohne seinen Blick von ihr zu wenden, nahm er die Veränderung in der Umgebung auf. Spürte die Stärke von Freyas Tun, das Licht, wie aber auch die Schatten, mit denen sie gehandelt hatte. Vater, Mutter, Schlüssel. Alles in jener Frau vereint, die nun vor ihr stand. Kein kleines Mädchen mehr, das unschuldig, mit großen Augen und hunderten Fragen in diese Welt sah.
Sondern eine Frau, die bereit war, zu vergelten und zu zerstören.
Der Boden unter ihm erbebte, als das Glühen, das zwischen den Ritzen der Steinen floss, zunahm und jene auseinander treiben wollte. Immer noch hielt er während all dem Alyssa in seinen Armen, spürte die Hitze ihres von innen heraus verbrannten Körpers auf seiner Haut. "Mein wahres Gesicht oder Dein wahres Gesicht?"
Fragend neigte er seinen Kopf zur Seite und als sie zu einem nächsten Schlag gegen seine Schulter ausholen wollte, löste er eine seiner Hände von Alyssa und fasste blitzschnell nach Freyas Handgelenk. Unerwartet sanft, aber zugleich bestimmend, zog er die junge Frau näher an sich heran und flüsterte leise, so dass sein Atem ihre Wange streifte.
"Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst? Bist es immer noch Du?" Für den Bruchteil eines Augenblicks wartete er, hielt sie weiterhin fest und betrachtete intensiv den Schein des goldenen Lichts in ihren Iriden.
Sein Griff verfestigte sich, nicht schmerzhaft, aber doch grob genug, dass es die Worte, die nun noch leiser ihr Ohr berührten, deutlich untermalte. "Oder bin es nun ich?"
Für einen Moment schien es, als würde die Zeit zwischen ihnen stillstehen, ganz ohne, dass es dafür eine Magie brauchte. Dann aber brachen mit einem lauten Krachen die schweren Holzbalken über ihnen. Erst jetzt entließ Naheniel Freya aus seinem Blick und richtete diesen nach oben. "Willst Du nun wirklich über Schuld und Unschuld mit mir diskutieren?" Sein Hand löste sich von ihr, jedoch nicht ohne, dass sein Daumen auf eine unerwartete Weise über ihren Handrücken strich.
Er schob einen seiner Arme unter die Kniekehlen Alyssas, stützte ihren Rücken mit seinem anderen Arm und hob sie mit einer Leichtigkeit nach oben, die deutlich machte, wie zerbrechlich sie war.
Vorsichtig, als müsse er darauf achten, sie nicht zu wecken, legte er sie auf ihr Bett. Obwohl die Zerstörung um ihn herum anschwoll, nahm er sich die Zeit, um Alyssa nochmals anzusehen, ihr die dunklen Strähnen aus ihrem Gesicht zu streichen und die Tränen, die bereits vertrockneten, von ihren Wangen zu wischen.
Auch jetzt war sie für ihn immer noch so schön wie an jenem Tag, als er sie mit sich nahm. Langsam neigte er sich zu ihr hinunter, küsste ihre Stirn, woraufhin sich ein nahezu unsichtbarer Schleier eines sie behütenden Schattens über sie legte.
Nahezu im gleichen Augenblick brach der nächste Balken und stürzte dröhnend dort herab, wo der für das Hochzeitsmahl gedeckte Tisch stand. Naheniel ließ von Alyssa ab und drehte sich zu Freya, die er eindringlich ansah.
"Du hast Deine Mutter getötet. Willst Du nun auch Dich selbst töten?" Kleine, leuchtende Funken lösten sich aus dem Boden heraus und flogen zuerst langsam, dann in immer wilder werdenden Bahnen nach oben. Ein wirrer Tanz des Lichts, welches sinnbildlich für das stand, was Freya derzeit empfinden musste. "Das wäre unklug. Deine Rache an mir wäre dann sehr kurz." Er lächelte nicht, und doch war da etwas in seiner Stimme und seiner Art, was in seiner Leichtigkeit völlig konträr zu der Situation, in der sie sich befanden, stand.
Er trat einen Schritt näher an sie heran, überbrückte die kleine Distanz und berührte sie einzig mit der einnehmenden Aura, die ihn umgab.
Auch wenn sie gewachsen war, die Körpermaße einer Frau besaß, war sie immer noch wesentlich kleiner als er. Und doch begann sie nun, sich auf Augenhöhe mit ihm zu begeben. Sprichwörtlich.
Seine Stirn krauste sich leicht, als das Blau seiner Augen über ihr zart gemaltes Gesicht streifte. "Und genau das willst Du doch, oder?"
Ein lautes Knirschen ertönte, als ein Teil der Decke nachgab. Staub und Splitter regneten herab, doch Naheniel machte keine Anstalten auszuweichen. Auch nicht, als etwas Scharfes streifte seine Wange und eine feine, blutige Linie, hinterließ. Sein Fokus lag allein auf dem, was aus Freya geworden war. Nicht durch ihn, sondern durch ihre eigenen Entscheidungen.
Er sah es deutlich, das Schwanken zwischen der treuen Adeptin und angepassten Schülerin Tanuris und der gnadenlosen Rächerin, zu der sie bereit war, zu werden.
Und es gefiel ihm.
Er ließ die Dunkelheit auf sie reagieren, sodass diese begann sich wie schwarzer, schwerer Teer an den Wänden hochzuziehen, um sich beruhigend über das goldene Licht zu legen, das sich gefährlich überall ausgebreitet hatte, um jenes Haus, das er einst baute, zu verschlingen.
Weiterhin blieb er währenddessen dicht bei ihr stehen, ließ sie seine Nähe fühlen, auf eine Weise, die sie sich vielleicht immer wünschte, als sie noch ein Kind gewesen war.
Es war jetzt anders, alles war jetzt anders.
Nicht nur für sie.
"Dein Vater sucht Dich. Und wie ich ihn kenne, wird er nun genau wissen, wo er Dich findet." Sein Blick glitt kurz hinüber zu Alyssa, die reglos auf dem Bett lag, umhüllt von dem schützenden Schatten, den er über sie gelegt hatte. "Willst Du, dass er Dich so mit ihr sieht? Alyssa. Seiner Frau? Deiner Mutter?"
Die Funken um Freya begannen zu flackern, stoben unruhig auf, während die Finsternis wie zäher Rauch über den Boden kroch und sich um ihre Knöchel wand.
Naheniel beugte sich vor, bis sein Gesicht nur eine Handbreit von ihrem entfernt war. Sein warmer Atem streifte gemeinsam mit dem vertrauten Geruch, der ihn umgab, ihre Haut.
"Zerstöre mich, wenn Du es kannst." Seine Stimme war ein durchdringendes, raues Flüstern, das sich von dem Chaos abhob, welches Freya heraufbeschwörte. "Aber nicht hier, und nicht heute."
Und dann, ganz langsam, hob er zwischen ihnen seine von ihr verletzte Hand nach oben. Das, was ihr seine hellblauen Augen schenkten, war einladend, zeitgleich forderten sie jedoch unmissverständlich etwas von ihr ein.
"Irgendwann, Naheniel, wird es zur Kollision von Dunkelheit und Licht kommen. Und dann? Was geschieht dann?"
Es waren Worte, die vor langer Zeit jemand zu ihm sprach und die jetzt, genau in diesem Moment, ein Gewicht besaßen, welches er nicht für möglich gehalten hatte.
Noch reagierte er nicht auf die Berührung Freyas, auch wenn das Licht, das sich nicht nur über den Raum ausbreitete, sondern auch von ihr aus ging, durch sein Hemd hindurch unangenehm auf seiner Haut prickelte.
"Freya." Das Chaos begann sich bereits zu entfalten und die Illusion, die er für jene Frau baute, die ihm alles bedeutete, riss an den ersten Stellen.
"Du musst Dich beruhigen." War es das, was es gebraucht hatte, um die Macht des Schlüssels zu wecken?
Ein Mord? An der eigenen Mutter?
Ohne seinen Blick von ihr zu wenden, nahm er die Veränderung in der Umgebung auf. Spürte die Stärke von Freyas Tun, das Licht, wie aber auch die Schatten, mit denen sie gehandelt hatte. Vater, Mutter, Schlüssel. Alles in jener Frau vereint, die nun vor ihr stand. Kein kleines Mädchen mehr, das unschuldig, mit großen Augen und hunderten Fragen in diese Welt sah.
Sondern eine Frau, die bereit war, zu vergelten und zu zerstören.
Der Boden unter ihm erbebte, als das Glühen, das zwischen den Ritzen der Steinen floss, zunahm und jene auseinander treiben wollte. Immer noch hielt er während all dem Alyssa in seinen Armen, spürte die Hitze ihres von innen heraus verbrannten Körpers auf seiner Haut. "Mein wahres Gesicht oder Dein wahres Gesicht?"
Fragend neigte er seinen Kopf zur Seite und als sie zu einem nächsten Schlag gegen seine Schulter ausholen wollte, löste er eine seiner Hände von Alyssa und fasste blitzschnell nach Freyas Handgelenk. Unerwartet sanft, aber zugleich bestimmend, zog er die junge Frau näher an sich heran und flüsterte leise, so dass sein Atem ihre Wange streifte.
"Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst? Bist es immer noch Du?" Für den Bruchteil eines Augenblicks wartete er, hielt sie weiterhin fest und betrachtete intensiv den Schein des goldenen Lichts in ihren Iriden.
Sein Griff verfestigte sich, nicht schmerzhaft, aber doch grob genug, dass es die Worte, die nun noch leiser ihr Ohr berührten, deutlich untermalte. "Oder bin es nun ich?"
Für einen Moment schien es, als würde die Zeit zwischen ihnen stillstehen, ganz ohne, dass es dafür eine Magie brauchte. Dann aber brachen mit einem lauten Krachen die schweren Holzbalken über ihnen. Erst jetzt entließ Naheniel Freya aus seinem Blick und richtete diesen nach oben. "Willst Du nun wirklich über Schuld und Unschuld mit mir diskutieren?" Sein Hand löste sich von ihr, jedoch nicht ohne, dass sein Daumen auf eine unerwartete Weise über ihren Handrücken strich.
Er schob einen seiner Arme unter die Kniekehlen Alyssas, stützte ihren Rücken mit seinem anderen Arm und hob sie mit einer Leichtigkeit nach oben, die deutlich machte, wie zerbrechlich sie war.
Vorsichtig, als müsse er darauf achten, sie nicht zu wecken, legte er sie auf ihr Bett. Obwohl die Zerstörung um ihn herum anschwoll, nahm er sich die Zeit, um Alyssa nochmals anzusehen, ihr die dunklen Strähnen aus ihrem Gesicht zu streichen und die Tränen, die bereits vertrockneten, von ihren Wangen zu wischen.
Auch jetzt war sie für ihn immer noch so schön wie an jenem Tag, als er sie mit sich nahm. Langsam neigte er sich zu ihr hinunter, küsste ihre Stirn, woraufhin sich ein nahezu unsichtbarer Schleier eines sie behütenden Schattens über sie legte.
Nahezu im gleichen Augenblick brach der nächste Balken und stürzte dröhnend dort herab, wo der für das Hochzeitsmahl gedeckte Tisch stand. Naheniel ließ von Alyssa ab und drehte sich zu Freya, die er eindringlich ansah.
"Du hast Deine Mutter getötet. Willst Du nun auch Dich selbst töten?" Kleine, leuchtende Funken lösten sich aus dem Boden heraus und flogen zuerst langsam, dann in immer wilder werdenden Bahnen nach oben. Ein wirrer Tanz des Lichts, welches sinnbildlich für das stand, was Freya derzeit empfinden musste. "Das wäre unklug. Deine Rache an mir wäre dann sehr kurz." Er lächelte nicht, und doch war da etwas in seiner Stimme und seiner Art, was in seiner Leichtigkeit völlig konträr zu der Situation, in der sie sich befanden, stand.
Er trat einen Schritt näher an sie heran, überbrückte die kleine Distanz und berührte sie einzig mit der einnehmenden Aura, die ihn umgab.
Auch wenn sie gewachsen war, die Körpermaße einer Frau besaß, war sie immer noch wesentlich kleiner als er. Und doch begann sie nun, sich auf Augenhöhe mit ihm zu begeben. Sprichwörtlich.
Seine Stirn krauste sich leicht, als das Blau seiner Augen über ihr zart gemaltes Gesicht streifte. "Und genau das willst Du doch, oder?"
Ein lautes Knirschen ertönte, als ein Teil der Decke nachgab. Staub und Splitter regneten herab, doch Naheniel machte keine Anstalten auszuweichen. Auch nicht, als etwas Scharfes streifte seine Wange und eine feine, blutige Linie, hinterließ. Sein Fokus lag allein auf dem, was aus Freya geworden war. Nicht durch ihn, sondern durch ihre eigenen Entscheidungen.
Er sah es deutlich, das Schwanken zwischen der treuen Adeptin und angepassten Schülerin Tanuris und der gnadenlosen Rächerin, zu der sie bereit war, zu werden.
Und es gefiel ihm.
Er ließ die Dunkelheit auf sie reagieren, sodass diese begann sich wie schwarzer, schwerer Teer an den Wänden hochzuziehen, um sich beruhigend über das goldene Licht zu legen, das sich gefährlich überall ausgebreitet hatte, um jenes Haus, das er einst baute, zu verschlingen.
Weiterhin blieb er währenddessen dicht bei ihr stehen, ließ sie seine Nähe fühlen, auf eine Weise, die sie sich vielleicht immer wünschte, als sie noch ein Kind gewesen war.
Es war jetzt anders, alles war jetzt anders.
Nicht nur für sie.
"Dein Vater sucht Dich. Und wie ich ihn kenne, wird er nun genau wissen, wo er Dich findet." Sein Blick glitt kurz hinüber zu Alyssa, die reglos auf dem Bett lag, umhüllt von dem schützenden Schatten, den er über sie gelegt hatte. "Willst Du, dass er Dich so mit ihr sieht? Alyssa. Seiner Frau? Deiner Mutter?"
Die Funken um Freya begannen zu flackern, stoben unruhig auf, während die Finsternis wie zäher Rauch über den Boden kroch und sich um ihre Knöchel wand.
Naheniel beugte sich vor, bis sein Gesicht nur eine Handbreit von ihrem entfernt war. Sein warmer Atem streifte gemeinsam mit dem vertrauten Geruch, der ihn umgab, ihre Haut.
"Zerstöre mich, wenn Du es kannst." Seine Stimme war ein durchdringendes, raues Flüstern, das sich von dem Chaos abhob, welches Freya heraufbeschwörte. "Aber nicht hier, und nicht heute."
Und dann, ganz langsam, hob er zwischen ihnen seine von ihr verletzte Hand nach oben. Das, was ihr seine hellblauen Augen schenkten, war einladend, zeitgleich forderten sie jedoch unmissverständlich etwas von ihr ein.
Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst.
Bist es immer noch Du? Oder bin es nun ich?

Spürst Du den Hunger nach der Dunkelheit, schreit er bereits in Dir?
Sag, mache ich Dir Angst oder fühlst Du Dich erst lebendig wegen mir?
Bist es immer noch Du? Oder bin es nun ich?

Spürst Du den Hunger nach der Dunkelheit, schreit er bereits in Dir?
Sag, mache ich Dir Angst oder fühlst Du Dich erst lebendig wegen mir?
- -Freya-
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#1835
Beruhigen? Nein, sie wollte ihm wehtun, ihre Verzweiflung mit bloßen Fäusten in seinen Körper treiben. Unbeholfen und doch voller Entschlossenheit holte Freya immer wieder aus und schlug auf ihn ein.
Nein, sie wollte sich nicht beruhigen. Von niemandem würde sie sich länger vorschreiben lassen, was sie zu fühlen oder zu tun hatte. Erst recht nicht von ihm! Naheniel sollte sich wehren und zu Ende bringen, weshalb er gekommen war. Er sollte …
Erschrocken fuhr Freya zusammen, als Naheniel ihr Handgelenk packte. Ein Zittern durchfuhr ihren Körper, das sich unter ihren Füßen weiter ausstreckte. Scharf sog sie die Luft ein, doch sein Blick hielt ihren fest, während das Blau ihrer Augen sich weitete. Ein einzelner Atemzug, in dem er sie näher zog, ohne ihr zu erlauben, weiter auf ihn einzuschlagen.
Ein Augenblick, der die Funken für einen einzelnen Herzschlag bewegungslos in der Luft schweben ließ, als würde die Zeit stillstehen.
Nur für den Bruchteil eines Moments, in dem ihre Blicke sich trafen. Das helle, klare Blau, in dessen Zentrum eine tiefe schwarze Finsternis herrschte, die sie kannte, in die sie bereits geblickt hatte. Eine Nähe unbekannt und doch so vertraut. Seine Aura, die sie innehalten ließ, als wäre sie ein Teil davon.
Doch war es dieses Mal tiefer. Da war etwas anderes, was sie in seinen Augen sah, etwas Fremdes, etwas … unbewusst versteifte sich ihr Körper, während sie den Kopf nur leicht von einer Seite zur anderen bewegte. Nein, das war nicht wahr. Nein, es war nicht real.
„Nein, ich bin das nicht“, stieß sie abwehrend hervor, auch wenn ihre Stimme zugleich zitterte. Freya wollte sich losreißen, doch sein Griff erlaubte es ihr nicht. Nicht sofort. Nur durch einen zarten Wimpernschlag sah sie auf. Verwirrt blickte sie Naheniel an, als müsse er fühlen, was sie fühlte. Kein Flehen, kein Bitten. Nur die stille, brennende Absicht, den Schmerz, der sie verzehrte, in ihm widerhallen zu lassen. „Das ist nur das, was du willst. Dass alle nur noch dich sehen. Und wenn du ihnen dafür alles wegnehmen musst, bis nichts mehr von ihnen übrig ist.“
Hatte er sie dafür vor sich hergetrieben, wie ein Tier?
Sein Daumen strich über ihren Handrücken. Eine kleine Bewegung, die sie kaum registrierte und die dennoch unwillkürlich in ihrem Körper nachhallte, als Naheniel sich von ihr löste.
Ihr fassungsloser Blick blieb an ihm hängen. Warum? Weshalb brachte er es nicht einfach zu Ende.
Stoßweise kam der Atem über ihre Lippen, während Naheniel sich Alyssa zuwandte und sie mit unermesslicher Ruhe und Sanftheit zum Bett trug. Etwas, das weit weg erschien, so entfernt, dass es unmöglich war zu glauben, als er sie behutsam auf das Bett legte. Wollte er, dass sie Reue dafür spürte?
Tränen aus Wut und Verzweiflung glänzten in ihren Augen, als die Wahrheit, vor der sie sich die ganze Zeit über verschlossen hatte, sie unerbittlich einholte. Monatelang, vielleicht sogar länger war sie hier gefangen gewesen. Ein Käfig, eine Welt, die ihr alles genommen hatte. Dabei hätte er ihr jederzeit helfen können. Doch stattdessen hatte er nicht nur zugesehen, sondern es zugelassen.
Unbewusst sah sie auf den toten Körper, dem Naheniel die letzte Ehre erwies, ehe sich ihre Lider senkten.
Alles war eine Lüge. Er stellte sie infrage, dabei war es seine Schuld.
Freya schüttelte heftig den Kopf, während sie seine Worte hören konnte. Eine lange vergangene Vision ohne jede Bedeutung. Ein Traum, nicht mehr. Eine von ihm geschaffene Illusion, als hätte er jeden Schritt geplant gehabt. Eine Lüge. Alles nur eine weitere Lüge. Die Freundschaft, die Nähe, die er ihr vorgegaukelt hatte – nichts davon war echt.
Unkontrolliert tobten die Emotionen durch sie hindurch, ohne länger eine Grenze zu kennen. Nichts von dem, was Alyssa gesagt hatte, und nichts von Naheniels Worten konnte wahr sein. Nein, niemals.
Schleichend wurde das Licht, das durch das Fenster fiel, schwächer, während der Schein, der sich durch die Risse drängte, immer heller wurde und sich wie Glut seinen Weg bahnte.
Funken aus Licht lösten sich von den Rändern. Unruhig wirbelten sie durch die Luft und fraßen sich durch die Welt selbst, als würden sie ein Bild Schicht für Schicht verbrennen, bis hinter allem nur noch vollständige Finsternis blieb.
Regungslos stand Freya da. Stoßweise kam der Atem über ihre Lippen, während sie die Glut, die um sie herumschwebte, kaum wahrnahm. Er versuchte sie nur erneut zu manipulieren.
Ein lautes Krachen durchschnitt die Luft, und holte sie unsanft aus ihrer Erinnerung zurück, als ein Balken auf den Tisch stürzte. Alles fiel in sich zusammen. Jedes Trugbild, jede Unwahrheit.
Freya zuckte zusammen, doch sie fing sich sofort wieder, nur um seinen Blick unmittelbar aufzugreifen. Nichts davon hatte Bestand, wenn man die Illusion einstürzen ließ.
„Was ist?“, fuhr sie ihn an, die Stimme voller Verachtung, auch wenn ihre eigene Furcht in jeder Silbe mitschwang. „Hast du Angst?“
Das Schimmern in ihren Augen nahm zu, während ihr flacher Atem ihre eigene Furcht widerspiegelte. Dennoch forderte sie ihn weiter heraus. Sie hatte nichts mehr zu verlieren. Er hatte sie genau dort, wo er sie haben wollte. Getrieben und verzweifelt in der dunkelsten Ecke seiner Welt. Ein Gedanke, der sich wie ein Urteil in ein einziges Wort legte, das sie ihm unbarmherzig entgegenschleuderte. „Schöpfer ...“
Trotzig und verzweifelt zugleich starrte sie ihn an. Warum sollte sie sich beruhigen? Er wollte sie töten – vielleicht nicht heute, aber der Tag würde kommen. Was war sein Plan bis dahin? Sie einzusperren, wie Alyssa? So lange, bis sie nicht mehr wusste, wer sie war?
„Hör auf damit!“, flüsterte sie, als Naheniels dunkle Aura sie umfing. Ein schützender, kühler Mantel, der sie einhüllte und sich beschwichtigend über die Funken legte, ohne sie zu berühren.
Freya spürte seinen Atem auf ihrer Haut, während der vertraute Duft, der ihn umgab, sie aufsehen ließ. Viel zu nah. Sie spürte, wie ihr Herz schmerzhaft gegen ihre Brust schlug. Er tat es schon wieder, nur dieses Mal konnte sie es mit jeder Faser ihres Körpers spüren. Kurz senkte Freya ihre Lider. „Vielleicht will ich es einfach zu Ende bringen. Genau wie sie es wollte. Und genau davor fürchtest du dich. Oder? Dass es auch dich zerstört, ohne dass du etwas dagegen tun kannst!“
Schmerzhaft gruben sich ihre Nägel in ihre Handflächen, während der Boden abermals erzitterte. Immer deutlicher lösten sich die Wände in kleine gleißende Funken auf, um sich in einer schwarzen Leere zu verlieren. Ein Raum ohne Tiefe oder Halt, je weiter Erschöpfung, Schmerz und Furcht sie immer weiter in die Ecke drängten.
Glaubte er wirklich, sie sei so naiv, ihm zu vertrauen? Ihre Mutter. Nein, das konnte nicht sein. Genauso wenig wie Adrian ihr Vater sein konnte. Der General suchte nach ihr und alles, was Naheniel bezweckte, war, dass sie Angst davor hatte, gefunden zu werden. Eine tiefe Schuld, die er ihr einreden wollte, obwohl selbst dieser Ort nur ein Trugbild war.
Er manipulierte sie. Das tat er schon immer. Diese Frau auf dem Bett war nur ein Opfer – genau wie sie selbst. Blinzelnd sah sie auf seine Hand, bevor sie ihre Lider senkte, um nach einem bedeutsamen Schweigen seinen Blick zu greifen.
Wütend und verzweifelt zugleich schimmerten ihre Augen zu ihm auf, doch bevor sie ihn von sich stoßen konnte, brach im selben Augenblick der Boden unter Freyas Füßen ein. Ein einziger Herzschlag, in dem ihre Augen sich weiteten, ein Atemzug, in dem sie begriff, was geschah.
Nur ein stiller Reflex, der Freya einen Schritt auf ihn zu gehen ließ, während ihre Finger sich instinktiv nach Naheniel ausstreckten, ehe ihr Verstand begriff, was sie tat. Ein flüchtiger Moment, der die Welt stillstehen ließ, als Freya seine Hand umschloss.
Nein, sie wollte sich nicht beruhigen. Von niemandem würde sie sich länger vorschreiben lassen, was sie zu fühlen oder zu tun hatte. Erst recht nicht von ihm! Naheniel sollte sich wehren und zu Ende bringen, weshalb er gekommen war. Er sollte …
Erschrocken fuhr Freya zusammen, als Naheniel ihr Handgelenk packte. Ein Zittern durchfuhr ihren Körper, das sich unter ihren Füßen weiter ausstreckte. Scharf sog sie die Luft ein, doch sein Blick hielt ihren fest, während das Blau ihrer Augen sich weitete. Ein einzelner Atemzug, in dem er sie näher zog, ohne ihr zu erlauben, weiter auf ihn einzuschlagen.
Ein Augenblick, der die Funken für einen einzelnen Herzschlag bewegungslos in der Luft schweben ließ, als würde die Zeit stillstehen.
Nur für den Bruchteil eines Moments, in dem ihre Blicke sich trafen. Das helle, klare Blau, in dessen Zentrum eine tiefe schwarze Finsternis herrschte, die sie kannte, in die sie bereits geblickt hatte. Eine Nähe unbekannt und doch so vertraut. Seine Aura, die sie innehalten ließ, als wäre sie ein Teil davon.
Doch war es dieses Mal tiefer. Da war etwas anderes, was sie in seinen Augen sah, etwas Fremdes, etwas … unbewusst versteifte sich ihr Körper, während sie den Kopf nur leicht von einer Seite zur anderen bewegte. Nein, das war nicht wahr. Nein, es war nicht real.
„Nein, ich bin das nicht“, stieß sie abwehrend hervor, auch wenn ihre Stimme zugleich zitterte. Freya wollte sich losreißen, doch sein Griff erlaubte es ihr nicht. Nicht sofort. Nur durch einen zarten Wimpernschlag sah sie auf. Verwirrt blickte sie Naheniel an, als müsse er fühlen, was sie fühlte. Kein Flehen, kein Bitten. Nur die stille, brennende Absicht, den Schmerz, der sie verzehrte, in ihm widerhallen zu lassen. „Das ist nur das, was du willst. Dass alle nur noch dich sehen. Und wenn du ihnen dafür alles wegnehmen musst, bis nichts mehr von ihnen übrig ist.“
Hatte er sie dafür vor sich hergetrieben, wie ein Tier?
Sein Daumen strich über ihren Handrücken. Eine kleine Bewegung, die sie kaum registrierte und die dennoch unwillkürlich in ihrem Körper nachhallte, als Naheniel sich von ihr löste.
Ihr fassungsloser Blick blieb an ihm hängen. Warum? Weshalb brachte er es nicht einfach zu Ende.
Stoßweise kam der Atem über ihre Lippen, während Naheniel sich Alyssa zuwandte und sie mit unermesslicher Ruhe und Sanftheit zum Bett trug. Etwas, das weit weg erschien, so entfernt, dass es unmöglich war zu glauben, als er sie behutsam auf das Bett legte. Wollte er, dass sie Reue dafür spürte?
Tränen aus Wut und Verzweiflung glänzten in ihren Augen, als die Wahrheit, vor der sie sich die ganze Zeit über verschlossen hatte, sie unerbittlich einholte. Monatelang, vielleicht sogar länger war sie hier gefangen gewesen. Ein Käfig, eine Welt, die ihr alles genommen hatte. Dabei hätte er ihr jederzeit helfen können. Doch stattdessen hatte er nicht nur zugesehen, sondern es zugelassen.
Unbewusst sah sie auf den toten Körper, dem Naheniel die letzte Ehre erwies, ehe sich ihre Lider senkten.
Alles war eine Lüge. Er stellte sie infrage, dabei war es seine Schuld.
„Oh, ich bitte dich“, sagte er leise, fast sanft, während seine Augen ihrer geballten Faust folgten. „Projiziere die Wut, die du auf dich selbst hast, nicht auf mich.“
Die schwarzen Schlingen, die er zuvor ausgesandt hatte, gehorchten ihr nun mit beunruhigender Leichtigkeit. Sie tanzten um ihren Körper, als hätten sie schon immer zu ihr gehört.
„Jetzt erkennst du sie endlich – die Macht, die in dir schlummert und vor der sich alle fürchten.“ Ein kaum merkliches Lächeln lag in seiner Stimme. „Nicht ich bin es, auf den du wütend sein solltest. Ich habe dir immer gesagt, dass du sie überflügeln wirst. Sie waren es, die versucht haben, dich einzusperren, dich zu kontrollieren und diese Kraft vor dir selbst zu verbergen.“
Die schwarzen Schlingen, die er zuvor ausgesandt hatte, gehorchten ihr nun mit beunruhigender Leichtigkeit. Sie tanzten um ihren Körper, als hätten sie schon immer zu ihr gehört.
„Jetzt erkennst du sie endlich – die Macht, die in dir schlummert und vor der sich alle fürchten.“ Ein kaum merkliches Lächeln lag in seiner Stimme. „Nicht ich bin es, auf den du wütend sein solltest. Ich habe dir immer gesagt, dass du sie überflügeln wirst. Sie waren es, die versucht haben, dich einzusperren, dich zu kontrollieren und diese Kraft vor dir selbst zu verbergen.“
Freya schüttelte heftig den Kopf, während sie seine Worte hören konnte. Eine lange vergangene Vision ohne jede Bedeutung. Ein Traum, nicht mehr. Eine von ihm geschaffene Illusion, als hätte er jeden Schritt geplant gehabt. Eine Lüge. Alles nur eine weitere Lüge. Die Freundschaft, die Nähe, die er ihr vorgegaukelt hatte – nichts davon war echt.
Unkontrolliert tobten die Emotionen durch sie hindurch, ohne länger eine Grenze zu kennen. Nichts von dem, was Alyssa gesagt hatte, und nichts von Naheniels Worten konnte wahr sein. Nein, niemals.
Schleichend wurde das Licht, das durch das Fenster fiel, schwächer, während der Schein, der sich durch die Risse drängte, immer heller wurde und sich wie Glut seinen Weg bahnte.
Funken aus Licht lösten sich von den Rändern. Unruhig wirbelten sie durch die Luft und fraßen sich durch die Welt selbst, als würden sie ein Bild Schicht für Schicht verbrennen, bis hinter allem nur noch vollständige Finsternis blieb.
Regungslos stand Freya da. Stoßweise kam der Atem über ihre Lippen, während sie die Glut, die um sie herumschwebte, kaum wahrnahm. Er versuchte sie nur erneut zu manipulieren.
Ein lautes Krachen durchschnitt die Luft, und holte sie unsanft aus ihrer Erinnerung zurück, als ein Balken auf den Tisch stürzte. Alles fiel in sich zusammen. Jedes Trugbild, jede Unwahrheit.
Freya zuckte zusammen, doch sie fing sich sofort wieder, nur um seinen Blick unmittelbar aufzugreifen. Nichts davon hatte Bestand, wenn man die Illusion einstürzen ließ.
„Was ist?“, fuhr sie ihn an, die Stimme voller Verachtung, auch wenn ihre eigene Furcht in jeder Silbe mitschwang. „Hast du Angst?“
Das Schimmern in ihren Augen nahm zu, während ihr flacher Atem ihre eigene Furcht widerspiegelte. Dennoch forderte sie ihn weiter heraus. Sie hatte nichts mehr zu verlieren. Er hatte sie genau dort, wo er sie haben wollte. Getrieben und verzweifelt in der dunkelsten Ecke seiner Welt. Ein Gedanke, der sich wie ein Urteil in ein einziges Wort legte, das sie ihm unbarmherzig entgegenschleuderte. „Schöpfer ...“
Trotzig und verzweifelt zugleich starrte sie ihn an. Warum sollte sie sich beruhigen? Er wollte sie töten – vielleicht nicht heute, aber der Tag würde kommen. Was war sein Plan bis dahin? Sie einzusperren, wie Alyssa? So lange, bis sie nicht mehr wusste, wer sie war?
„Hör auf damit!“, flüsterte sie, als Naheniels dunkle Aura sie umfing. Ein schützender, kühler Mantel, der sie einhüllte und sich beschwichtigend über die Funken legte, ohne sie zu berühren.
Freya spürte seinen Atem auf ihrer Haut, während der vertraute Duft, der ihn umgab, sie aufsehen ließ. Viel zu nah. Sie spürte, wie ihr Herz schmerzhaft gegen ihre Brust schlug. Er tat es schon wieder, nur dieses Mal konnte sie es mit jeder Faser ihres Körpers spüren. Kurz senkte Freya ihre Lider. „Vielleicht will ich es einfach zu Ende bringen. Genau wie sie es wollte. Und genau davor fürchtest du dich. Oder? Dass es auch dich zerstört, ohne dass du etwas dagegen tun kannst!“
Schmerzhaft gruben sich ihre Nägel in ihre Handflächen, während der Boden abermals erzitterte. Immer deutlicher lösten sich die Wände in kleine gleißende Funken auf, um sich in einer schwarzen Leere zu verlieren. Ein Raum ohne Tiefe oder Halt, je weiter Erschöpfung, Schmerz und Furcht sie immer weiter in die Ecke drängten.
Glaubte er wirklich, sie sei so naiv, ihm zu vertrauen? Ihre Mutter. Nein, das konnte nicht sein. Genauso wenig wie Adrian ihr Vater sein konnte. Der General suchte nach ihr und alles, was Naheniel bezweckte, war, dass sie Angst davor hatte, gefunden zu werden. Eine tiefe Schuld, die er ihr einreden wollte, obwohl selbst dieser Ort nur ein Trugbild war.
Er manipulierte sie. Das tat er schon immer. Diese Frau auf dem Bett war nur ein Opfer – genau wie sie selbst. Blinzelnd sah sie auf seine Hand, bevor sie ihre Lider senkte, um nach einem bedeutsamen Schweigen seinen Blick zu greifen.
Wütend und verzweifelt zugleich schimmerten ihre Augen zu ihm auf, doch bevor sie ihn von sich stoßen konnte, brach im selben Augenblick der Boden unter Freyas Füßen ein. Ein einziger Herzschlag, in dem ihre Augen sich weiteten, ein Atemzug, in dem sie begriff, was geschah.
Nur ein stiller Reflex, der Freya einen Schritt auf ihn zu gehen ließ, während ihre Finger sich instinktiv nach Naheniel ausstreckten, ehe ihr Verstand begriff, was sie tat. Ein flüchtiger Moment, der die Welt stillstehen ließ, als Freya seine Hand umschloss.

Geboren aus dem Wissen einer dunklen Vergangenheit - verblasst mein altes Leben im Schatten einer neuen Zeit.
~ Einfach Freya ~
In den Momenten, in denen nichts mehr bleibt, sieht man die unsichtbaren Fäden, die uns wirklich halten.
Ein Name allein hat dabei keine Bedeutung. Er kann verblassen, wie Tinte auf einem Pergament - wie ein leeres Versprechen.
- Adrian
- Dorfältester / Dorfälteste
- Beiträge: 199
- Registriert: Di 1. Feb 2011, 15:18
- Hat sich bedankt: 3 Mal
- Danksagung erhalten: 4 Mal
#1836
Der Schrei hing noch in der Luft. Ein hoher, gequälter Laut, der nicht verklingen wollte und Adrians Züge verhärten ließ. Aufgebracht bäumten sich die Schatten um ihn herum auf, als wollten sie sich losreißen, doch er zwang sie zurück, denn im selben Moment schwand das Licht um ihn herum. Er spürte die Magie, die sich auf denselben Punkt konzentrierte wie er selbst.
Kühl hob er den Blick zum Himmel, der sich verdunkelte. Aus der Schwärze lösten sich dünne, pechschwarze Fäden, die sich wie lebendige Stränge hinabschlängelten und das Haus in der Senke umwoben.
Er war hier.
Eisig schimmerten seine Augen auf. Naheniel. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit gewesen. Ein Rennen, in dem sein ‚alter Freund‘ einen entscheidenden Vorteil genoss.
„Schöpfer…“ Es war nur ein abfälliges Flüstern, mit dem er den Titel wiedergab, den sich Naheniel gegeben hatte, ehe sein Kiefer sich fest zusammenpresste.
Wieder spürte er, wie sich die Dunkelheit um ihn herum ungeduldig losreißen wollte. Doch der Moment war noch nicht gekommen, sie zu entfesseln. Beherrscht senkte Adrian die Lider. Noch nicht.
Mit einer bestimmenden Geste zog er die verbliebenen Schatten zusammen. Der Wald verzerrte sich, als die Dunkelheit über seine Schultern floss und sich wie ein Mantel aus kaltem Rauch um ihn legte.
Bäume wurden zu Schlieren, Wurzeln zu flüchtigen Linien und das wenige Licht zu zerbrechenden Fragmenten, die unwirklich die Welt widerspiegelten, durch die Adrian sich lautlos und zielgerichtet bewegte. Getrieben von etwas, das tiefer saß als jeder Gedanke. Einer Entschlossenheit, die nur ein Ziel kannte. Seine Tochter.
Kurz vor dem Gartentor trat Adrian jedoch aus den Schatten. Ein tiefer, lautloser Wirbel, der sich unter einer simplen Geste auftat. Ein Schritt, unter dem die Schatten unter seinen Füßen aufstoben, während die Finsternis an ihm haftete, als wäre er aus demselben Stoff geformt.
Seine Hand legte sich auf das kühle Schmiedeeisen, während sein Blick sich unverwandt auf die lebendigen Fäden richtete, die das Haus wie eine Barriere umschlangen. Durch die Finsternis hindurch erkannte Adrian dennoch schemenhaft die Konturen, die flackernd auftauchten und wieder verschwanden.
Eine makabre Art von Gefängnis. Sein Elternhaus und doch nicht. Die Form stimmte. Die Proportionen. Selbst das Wappen glomm immer wieder auf, als würde sich etwas Unbekanntes durch die Dunkelheit brennen und Besitz davon ergreifen.
„Ist das alles, was du mir entgegenzusetzen hast, var Aesir?“ Beherrscht streckte er den Arm aus und öffnete das Gartentor. Leise knirschte der Kies unter seinen Füßen, als ein Rascheln ihn innehalten ließ und sich eine Gestalt vor ihm erhob.
Einer der Wächter, der sich ihm in den Weg stellte. „Halt! Ihr seid - “
Doch Adrian blieb nicht stehen. Er hob nur die linke Hand und griff fordernd in die Dunkelheit. Ein Zittern drang durch die Luft, als die Schatten auf das Geschöpf zuschnellten. Mit einer Präzision, die keine Gnade kannte, schlossen sich die Schatten um die Kehle des Wächters und hoben ihn mühelos in die Höhe. Kein Schrei entkam ihm. Nur ein ersticktes Keuchen vibrierte durch die Luft, während die Dunkelheit sich immer enger um den Hals der verhüllten Kreatur legte.
Seine Füße traten ins Leere, Finger krallten verzweifelt nach etwas, das nicht zu fassen war. Der Stab entglitt seiner Hand und fiel dumpf ins Gras, während unter der Kapuze seine Augen auf dunkle Weise zu glühen begannen.
Adrian würdigte ihn keines Blickes. Er ging einfach weiter. Es war Naheniels Welt, seine Geschöpfe, doch waren sie nur aus Fleisch und Blut und aus etwas, das auch Adrian beherrschte.
Ruckartig riss Adrian die Hand hinab, während sie sich zugleich zu einer Faust ballte. Ein Moment, in dem die Dunkelheit sich brachial um den Wächter hüllte, als würde sie schlicht seinem Befehl folgen.
Gedämpfte Laute vibrierten durch die Luft. Das Echo eines Körpers, der der Gewalt der Schatten nicht standhielt. Ein dumpfes Geräusch brechender Knochen und nachgebenden Fleisches, das zerquetscht wurde.
„Nein.“ Kein Innehalten mehr. Adrians Blick blieb auf die Tür gerichtet, als er ohne Zögern weiterging. Für solche Spielereien hatte er keine Zeit.
Mit einer wegwerfenden Geste fuhr seine Hand beiläufig durch die Leere. Die Dunkelheit schleuderte die Überreste von sich, als wären sie nicht mehr als Staub im Wind. Leer und bedeutungslos fiel das, was die Schatten übriggelassen hatten, zu Boden, während jene schwerer und dichter als zuvor dem stummen Befehl folgten.
Das Haus lag vor ihm. Ein altes, steinernes Gebäude, das er selbst unter all den Ranken und Blättern erkannte. Jemand hatte sich viel Mühe gegeben. Die Kirche, der Wald, die Schaukel. Es war nicht schwer zu erraten, für wen dieses Gefängnis errichtet worden war. Auch jetzt nicht, da Naheniel einen Schutz darum gewoben hatte. Fäden aus Dunkelheit, die ihn abhalten sollten.
Sein Blick fiel auf das Wappen, während seine rechte Hand sich zu einer Faust zusammenzog. Die Schatten um ihn herum verdichteten sich. Schwebend krochen sie über den Boden und stiegen schlängelnd an seinen Beinen empor, bis sie seine Hand erreichten und das dunkle Schimmern einer Klinge freigaben.
„Du überschätzt dich noch immer.“ Adrians Stimme war nur ein leises Flüstern. Abschätzig wie der Ausdruck in seinen Augen.
Mit einer einzigen, präzisen Bewegung schnitt die körperlose Klinge sich durch die lebendige Finsternis hindurch. Ein Zittern durchzog die Fäden, während sie unter einem grauenvollen Zischen zurückwichen, als hätten sie sich verbrannt.
Adrians Hand machte eine kreisende Bewegung, ehe der Dolch sich in schwarzen Rauch auflöste und seine Finger sich an den Türknauf legten. Ein leises Knarren drang durch den Raum, der sich dahinter auftat.
Seine Augen wanderten über die Silhouetten hinweg, die sich vor ihm abzeichneten. Nur bruchhafte Konturen von Treppen, Türen, Bäumen und Wurzeln, die ineinander übergingen.
Nicht als Schemen, sondern erfüllt von einem unnatürlichen Flimmern. Ein glühendes Licht, das sich wie Adern durch die Wände und Stämme zog und die Luft knistern ließ, während keine Flammen, sondern Magie den Ort verzehrte.
Sie war hier. Sein Blick schnellte über die glimmenden Stufen hinauf. Stimmen. Naheniel und noch eine. Getrieben. Verzweifelt. Freya!
Adrian reagierte nicht mehr bewusst. Die Treppe lag einfach unter seinen Füßen und verschwand hinter ihm, während die Glut sich unersättlich durch das Haus fraß, Balken schwärzte und Erinnerungen verschlang.
Was immer Naheniel ihr antat, er würde es zehnfach am eigenen Leib zu spüren bekommen.
Ein einzelner Schritt brachte ihn an eine offene Tür. Nicht irgendeine, wie er feststellen musste, als er im Türrahmen stand. Der Raum dahinter war kaum noch das Zimmer, das Adrian in Erinnerung hatte. Feine Adern zogen sich auch hier durch Wände, Boden. Sie pulsierten in einem unnatürlichen Rhythmus, als folgten sie einem Herzschlag. Glühend brannten sie sich durch Holz, Stein und Stoff, bis hinter allem eine erschreckende Leere sichtbar wurde. Kein Schatten, keine Substanz, sondern nur ein ausgehöhltes Nichts, das sich wie eine Wunde in der Welt öffnete.
Inmitten dieses Glühens stand Naheniel, umringt von den pulsierenden Fäden, die sich wie Wurzeln um ihn wanden, während gleichzeitig Schatten um seine Füße tanzten, als warteten auch sie auf etwas. Doch Adrians Blick fiel nicht auf ihn.
Sondern auf die Gestalt davor.
Eine zierliche Silhouette, deren weibliche Konturen sich unter dem goldenen Pulsieren in ihren Adern abzeichneten. Langes schwarzes Haar, das nur noch halb von einem Band gehalten wurde, sodass die Strähnen wie Schatten über ihren Rücken fielen. Jede Linie ihres Körpers schimmerte, als stünde sie zwischen zwei Welten, halb entrückt, halb gefangen, während Naheniels Hand sich ihr entgegenstreckte. Nein, das konnte nicht sein und doch wusste Adrian, dass es so war. „Freya!“
Ein einziger Atemzug nur, in dem sich Adrians Blick zu einem schmalen, tödlichen Fokus verengte, der alles andere ausblendete. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, entfesselte Adrian die Finsternis, um Naheniel wegzuschleudern, bevor sie seine Hand ergreifen könnte.
„Fass meine Tochter nicht an, var Aesir!“
Kühl hob er den Blick zum Himmel, der sich verdunkelte. Aus der Schwärze lösten sich dünne, pechschwarze Fäden, die sich wie lebendige Stränge hinabschlängelten und das Haus in der Senke umwoben.
Er war hier.
Eisig schimmerten seine Augen auf. Naheniel. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit gewesen. Ein Rennen, in dem sein ‚alter Freund‘ einen entscheidenden Vorteil genoss.
„Schöpfer…“ Es war nur ein abfälliges Flüstern, mit dem er den Titel wiedergab, den sich Naheniel gegeben hatte, ehe sein Kiefer sich fest zusammenpresste.
Wieder spürte er, wie sich die Dunkelheit um ihn herum ungeduldig losreißen wollte. Doch der Moment war noch nicht gekommen, sie zu entfesseln. Beherrscht senkte Adrian die Lider. Noch nicht.
Mit einer bestimmenden Geste zog er die verbliebenen Schatten zusammen. Der Wald verzerrte sich, als die Dunkelheit über seine Schultern floss und sich wie ein Mantel aus kaltem Rauch um ihn legte.
Bäume wurden zu Schlieren, Wurzeln zu flüchtigen Linien und das wenige Licht zu zerbrechenden Fragmenten, die unwirklich die Welt widerspiegelten, durch die Adrian sich lautlos und zielgerichtet bewegte. Getrieben von etwas, das tiefer saß als jeder Gedanke. Einer Entschlossenheit, die nur ein Ziel kannte. Seine Tochter.
Kurz vor dem Gartentor trat Adrian jedoch aus den Schatten. Ein tiefer, lautloser Wirbel, der sich unter einer simplen Geste auftat. Ein Schritt, unter dem die Schatten unter seinen Füßen aufstoben, während die Finsternis an ihm haftete, als wäre er aus demselben Stoff geformt.
Seine Hand legte sich auf das kühle Schmiedeeisen, während sein Blick sich unverwandt auf die lebendigen Fäden richtete, die das Haus wie eine Barriere umschlangen. Durch die Finsternis hindurch erkannte Adrian dennoch schemenhaft die Konturen, die flackernd auftauchten und wieder verschwanden.
Eine makabre Art von Gefängnis. Sein Elternhaus und doch nicht. Die Form stimmte. Die Proportionen. Selbst das Wappen glomm immer wieder auf, als würde sich etwas Unbekanntes durch die Dunkelheit brennen und Besitz davon ergreifen.
„Ist das alles, was du mir entgegenzusetzen hast, var Aesir?“ Beherrscht streckte er den Arm aus und öffnete das Gartentor. Leise knirschte der Kies unter seinen Füßen, als ein Rascheln ihn innehalten ließ und sich eine Gestalt vor ihm erhob.
Einer der Wächter, der sich ihm in den Weg stellte. „Halt! Ihr seid - “
Doch Adrian blieb nicht stehen. Er hob nur die linke Hand und griff fordernd in die Dunkelheit. Ein Zittern drang durch die Luft, als die Schatten auf das Geschöpf zuschnellten. Mit einer Präzision, die keine Gnade kannte, schlossen sich die Schatten um die Kehle des Wächters und hoben ihn mühelos in die Höhe. Kein Schrei entkam ihm. Nur ein ersticktes Keuchen vibrierte durch die Luft, während die Dunkelheit sich immer enger um den Hals der verhüllten Kreatur legte.
Seine Füße traten ins Leere, Finger krallten verzweifelt nach etwas, das nicht zu fassen war. Der Stab entglitt seiner Hand und fiel dumpf ins Gras, während unter der Kapuze seine Augen auf dunkle Weise zu glühen begannen.
Adrian würdigte ihn keines Blickes. Er ging einfach weiter. Es war Naheniels Welt, seine Geschöpfe, doch waren sie nur aus Fleisch und Blut und aus etwas, das auch Adrian beherrschte.
Ruckartig riss Adrian die Hand hinab, während sie sich zugleich zu einer Faust ballte. Ein Moment, in dem die Dunkelheit sich brachial um den Wächter hüllte, als würde sie schlicht seinem Befehl folgen.
Gedämpfte Laute vibrierten durch die Luft. Das Echo eines Körpers, der der Gewalt der Schatten nicht standhielt. Ein dumpfes Geräusch brechender Knochen und nachgebenden Fleisches, das zerquetscht wurde.
„Nein.“ Kein Innehalten mehr. Adrians Blick blieb auf die Tür gerichtet, als er ohne Zögern weiterging. Für solche Spielereien hatte er keine Zeit.
Mit einer wegwerfenden Geste fuhr seine Hand beiläufig durch die Leere. Die Dunkelheit schleuderte die Überreste von sich, als wären sie nicht mehr als Staub im Wind. Leer und bedeutungslos fiel das, was die Schatten übriggelassen hatten, zu Boden, während jene schwerer und dichter als zuvor dem stummen Befehl folgten.
Das Haus lag vor ihm. Ein altes, steinernes Gebäude, das er selbst unter all den Ranken und Blättern erkannte. Jemand hatte sich viel Mühe gegeben. Die Kirche, der Wald, die Schaukel. Es war nicht schwer zu erraten, für wen dieses Gefängnis errichtet worden war. Auch jetzt nicht, da Naheniel einen Schutz darum gewoben hatte. Fäden aus Dunkelheit, die ihn abhalten sollten.
Sein Blick fiel auf das Wappen, während seine rechte Hand sich zu einer Faust zusammenzog. Die Schatten um ihn herum verdichteten sich. Schwebend krochen sie über den Boden und stiegen schlängelnd an seinen Beinen empor, bis sie seine Hand erreichten und das dunkle Schimmern einer Klinge freigaben.
„Du überschätzt dich noch immer.“ Adrians Stimme war nur ein leises Flüstern. Abschätzig wie der Ausdruck in seinen Augen.
Mit einer einzigen, präzisen Bewegung schnitt die körperlose Klinge sich durch die lebendige Finsternis hindurch. Ein Zittern durchzog die Fäden, während sie unter einem grauenvollen Zischen zurückwichen, als hätten sie sich verbrannt.
Adrians Hand machte eine kreisende Bewegung, ehe der Dolch sich in schwarzen Rauch auflöste und seine Finger sich an den Türknauf legten. Ein leises Knarren drang durch den Raum, der sich dahinter auftat.
Seine Augen wanderten über die Silhouetten hinweg, die sich vor ihm abzeichneten. Nur bruchhafte Konturen von Treppen, Türen, Bäumen und Wurzeln, die ineinander übergingen.
Nicht als Schemen, sondern erfüllt von einem unnatürlichen Flimmern. Ein glühendes Licht, das sich wie Adern durch die Wände und Stämme zog und die Luft knistern ließ, während keine Flammen, sondern Magie den Ort verzehrte.
Sie war hier. Sein Blick schnellte über die glimmenden Stufen hinauf. Stimmen. Naheniel und noch eine. Getrieben. Verzweifelt. Freya!
Adrian reagierte nicht mehr bewusst. Die Treppe lag einfach unter seinen Füßen und verschwand hinter ihm, während die Glut sich unersättlich durch das Haus fraß, Balken schwärzte und Erinnerungen verschlang.
Was immer Naheniel ihr antat, er würde es zehnfach am eigenen Leib zu spüren bekommen.
Ein einzelner Schritt brachte ihn an eine offene Tür. Nicht irgendeine, wie er feststellen musste, als er im Türrahmen stand. Der Raum dahinter war kaum noch das Zimmer, das Adrian in Erinnerung hatte. Feine Adern zogen sich auch hier durch Wände, Boden. Sie pulsierten in einem unnatürlichen Rhythmus, als folgten sie einem Herzschlag. Glühend brannten sie sich durch Holz, Stein und Stoff, bis hinter allem eine erschreckende Leere sichtbar wurde. Kein Schatten, keine Substanz, sondern nur ein ausgehöhltes Nichts, das sich wie eine Wunde in der Welt öffnete.
Inmitten dieses Glühens stand Naheniel, umringt von den pulsierenden Fäden, die sich wie Wurzeln um ihn wanden, während gleichzeitig Schatten um seine Füße tanzten, als warteten auch sie auf etwas. Doch Adrians Blick fiel nicht auf ihn.
Sondern auf die Gestalt davor.
Eine zierliche Silhouette, deren weibliche Konturen sich unter dem goldenen Pulsieren in ihren Adern abzeichneten. Langes schwarzes Haar, das nur noch halb von einem Band gehalten wurde, sodass die Strähnen wie Schatten über ihren Rücken fielen. Jede Linie ihres Körpers schimmerte, als stünde sie zwischen zwei Welten, halb entrückt, halb gefangen, während Naheniels Hand sich ihr entgegenstreckte. Nein, das konnte nicht sein und doch wusste Adrian, dass es so war. „Freya!“
Ein einziger Atemzug nur, in dem sich Adrians Blick zu einem schmalen, tödlichen Fokus verengte, der alles andere ausblendete. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, entfesselte Adrian die Finsternis, um Naheniel wegzuschleudern, bevor sie seine Hand ergreifen könnte.
„Fass meine Tochter nicht an, var Aesir!“

✟ Oberhaupt der Familie Al Saher ❖ Gemahl der PriesterinTanuri Al Saher ✟
❖ Bruder des Verlion Al Saher ❖ Vater der Freya Al Saher ❖
❖ Gnade oder Mitleid haben noch nie einen Feind besiegt. ❖
❖ Bruder des Verlion Al Saher ❖ Vater der Freya Al Saher ❖
❖ Gnade oder Mitleid haben noch nie einen Feind besiegt. ❖
- Naheniel
- Geschichtenschreiber / Geschichtenschreiberin
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#1837
Alles geschah gleichzeitig. Der Halt, den sie verlor. Ihre Hand, die sich in seine legte. Der Vater, der sie retten wollte.
Als Naheniel die Stimme Adrians hörte, der seine Tochter einforderte, zuckte der Anflug eines eisigen Lächelns auf seinen Mundwinkeln auf. Ohne ihm zunächst Aufmerksamkeit zu schenken, schloss er seine warme Hand um jene Freyas, während sein Blick fesselnd auf ihr ruhte.
Er hatte ihr keinen Zwang auferlegt, ihr gedroht oder sie anderweitig dazu bewegt, zu tun was sie tat. Es war ganz allein sie. Genauso wie sie es war, die das Haus schon bald zum Einsturz bringen würde. Anstatt ihr Verderben, von dem sie alle gerne sprachen, war er ihre Rettung, ob sie das wollte oder nicht.
Noch bevor sie fallen konnte, ging er zwei Schritte zurück und zog sie mit sich, um zu verhindern, dass sie fiel. Lange gab es in diesem Haus, in dem sie eigentlich in der wahren Welt hätte geboren werden und aufwachsen sollen, aber keine Sicherheit mehr. Dafür hatte ihr Licht, das Licht des Schlüssels, sich bereits zu sehr in Stein und Holz gefressen und ließ beides von innen heraus bersten.
Mit einem knappen, kaum sichtbaren Nicken deutete er in Richtung Adrian. Gleich welches Chaos mittlerweile herrschte und wie sehr ihr Leben bedroht war, zumindest seine Stimme musste sie erkannt haben. Und somit auch die Wahrheit, vor der sie sich verschloss, aber die sie nun endgültig annehmen musste.
"Und Du glaubst wirklich, dass ich es bin, der Dir Rechenschaft ablegen muss?"
Sein letztes Wort verklang und erst jetzt wanderten seine Augen hinüber zu seinem Widersacher, der im Türstock des in sich zusammenbrechenden Zimmers stand. Es war unschwer zu erkennen, wie sehr die Dunkelheit ihn mittlerweile vereinnahmte, wie sie nach seiner Macht lechzte.
Oder war es vielmehr Adrian, der nicht aufhören konnte, immer und immer wieder nach der von ihm entfesselten Finsternis, derer er sich bedient hatte, um Tanuri zu retten, zu greifen und sie unter seine Gewalt zu bringen? Eine interessante Entwicklung seines Charakters, war schließlich er es gewesen, der sich immer zur absoluten Kontrolle zwang.
"Du hast mich betrogen, alter Freund."
Ein wenig neigte Naheniel seinen Kopf zur Seite, beobachtete das fließende schwarz, das Adrian umgab.
"Nun zahlst Du den Preis dafür." Mit einem Lidschlag sah er wieder auf Freyas Gesicht hinab, ließ jene Hand, die nicht ihre hielt, berührungslos über die Kontur ihres Körpers gleiten und legte sie dann unvermittelt an ihren unteren Rücken. Mit einem sanften, dennoch ihre Bewegungsrichtung vorgebenden Ruck, zog er sie näher an sich heran, bis ihre Hüfte schon fast die seine berührte.
Zugegeben, es war nun alles anders als erwartet. Freya so vorzufinden, hatte etwas verändert. Nicht nur für sie, sondern auch für ihn. Nicht alles, aber einiges. Was das auf lange Sicht für ihn und seine Pläne bedeutete und welches Umdenken es womöglich forderte, würde sich zu gegebener Zeit wohl zeigen. Der Schlüssel war erblüht, ihr Blut würde bald den Boden berühren. Nicht, weil sie starb, sondern weil sie zur Frau geworden war. Die Prophezeiung begann.
Während Naheniel sie bei sich hielt, brach neben ihnen der Boden weiter auf. Das Holz knarrte laut, Splitter und Staub wirbelten empor. Ein tiefer Riss zog sich blitzartig quer durch den Raum, genau zwischen ihnen und Adrian. Besitzergreifend hielt er Freya fester. Ihre Entscheidung war getroffen und die Schatten warteten nur darauf, sie beide mitzunehmen. Und doch genoss er diesen letzten Moment, diese Sekunden, in denen Adrian seine Tochter und Naheniel gemeinsam sehen musste.
Einst, dort oben in Sturmkante am Brunnen, hatte Naheniel es Adrian geschworen. Geschworen ihn zu spalten, Körper und Seele voneinander zu trennen und beides einzeln sterben zu lassen.
Manchmal bedurfte es dafür weitaus weniger Magie, als man glaubte. Wie es wohl war? Zuerst die Frau zu verlieren und nun die Tochter. Beide an den gleichen Mann.
"Sieh ihn Dir an, Deinen Vater."
Seine Stimme, tief, ruhig, fast hypnotisch, streichelte dicht an ihrem Ohr entlang, sodass nur sie ihn hören konnte. "Er glaubt, er kann Dich noch retten. Vor mir. Vor Dir. Vor dem, was Du gerade geworden bist."
Ob Freya sich noch daran erinnerte, was er ihr einst prophezeite? Dass sie es sein würde, die alle überflügelte und die anderen, ihre angeblichen Freunde, es waren, die versuchten, sie zu stoppen, sie einzusperren und zu kontrollieren?
Wie sich auch jetzt erneut alles für ihn fügte. Es musste Ogrimar selbst sein, der diesen Weg für ihn bestimmt hatte und wachsam seine allmächtige Hand über das Geschehen legte.
Ein weiterer Balken brach krachend herunter und die Decke über ihnen neigte sich bedrohlich. Kurz nur sah er nach oben, bevor er Freya wieder direkt in die Augen sah, mit jenem intensiven, durchdringenden Blau, das gleichzeitig einlud, wie auch alles rücksichtslos verschlang.
"Keine Angst. Du musst nichts tun. Nur bei mir bleiben." Er zeigte ihr ein langsames Lächeln, welches die kühle Farbe seiner Augen und die Berechnung, die in ihnen lag, nur umso mehr unterstrich.
Und plötzlich spürte Freya einen Sog um ihre Beine, kalt und reißend, wie das Dunkel selbst, dem sie immer näher gekommen war. Die an ihr zerrende Kälte wanderte schnell nach oben, umschlang ihre Waden, ihre Knie, ihre Hüften. Es war nicht wie ein Sturz, sondern vielmehr wie ein Wirbelsturm, der sie von den Füßen heben wollte.
Naheniels Hand drückte in ihren Rücken, zog sie heran und er überbrückte die letzte Distanz zwischen ihren Körpern und presste sie nun vollkommen an ihn heran.
Gleichzeitig erreichte die Kälte des Sogs ihre Brust und die Schatten um sie herum begannen in dunklen, gleichmäßigen Spiralen zu wirbeln und sie einzuhüllen. Ein letztes Mal sah er über den dunklen Schopf Freyas hinweg hinüber zu Adrian.
"Ich halte mein Wort. Immer."
Schlagartig verdichtete sich die Luft und die Dunkelheit, die Naheniel nun in überwältigender Menge aus den Tiefen seiner Welt freisetzte, um zu schaffen, was geschaffen werden musste, brach wie eine Flut über sie herein, nur um sich gleich darauf wie ein schwerer Mantel auf das eng beeinander stehende Paar zu legen.
Weiter und weiter schwollen die Schatten an, wurden zu einem undurchdringlichen Kokon aus reiner Finsternis, der jede Spur des Lichts verschluckte und Adrians weitere Versuche, Naheniel aufzuhalten, verhinderte.
Im gleichen Moment löste sich der Boden unter ihnen beiden auf und das Zimmer, die tote Mutter, der Vater, einfach alles, verschwand in einem Strudel aus absoluter Schwärze und kaltem Nichts.
Und dann waren sie fort.
Nur wie ich mein Wort halte…
das passe ich nach meinem Ermessen an.
Als Naheniel die Stimme Adrians hörte, der seine Tochter einforderte, zuckte der Anflug eines eisigen Lächelns auf seinen Mundwinkeln auf. Ohne ihm zunächst Aufmerksamkeit zu schenken, schloss er seine warme Hand um jene Freyas, während sein Blick fesselnd auf ihr ruhte.
Er hatte ihr keinen Zwang auferlegt, ihr gedroht oder sie anderweitig dazu bewegt, zu tun was sie tat. Es war ganz allein sie. Genauso wie sie es war, die das Haus schon bald zum Einsturz bringen würde. Anstatt ihr Verderben, von dem sie alle gerne sprachen, war er ihre Rettung, ob sie das wollte oder nicht.
Noch bevor sie fallen konnte, ging er zwei Schritte zurück und zog sie mit sich, um zu verhindern, dass sie fiel. Lange gab es in diesem Haus, in dem sie eigentlich in der wahren Welt hätte geboren werden und aufwachsen sollen, aber keine Sicherheit mehr. Dafür hatte ihr Licht, das Licht des Schlüssels, sich bereits zu sehr in Stein und Holz gefressen und ließ beides von innen heraus bersten.
Mit einem knappen, kaum sichtbaren Nicken deutete er in Richtung Adrian. Gleich welches Chaos mittlerweile herrschte und wie sehr ihr Leben bedroht war, zumindest seine Stimme musste sie erkannt haben. Und somit auch die Wahrheit, vor der sie sich verschloss, aber die sie nun endgültig annehmen musste.
"Und Du glaubst wirklich, dass ich es bin, der Dir Rechenschaft ablegen muss?"
Sein letztes Wort verklang und erst jetzt wanderten seine Augen hinüber zu seinem Widersacher, der im Türstock des in sich zusammenbrechenden Zimmers stand. Es war unschwer zu erkennen, wie sehr die Dunkelheit ihn mittlerweile vereinnahmte, wie sie nach seiner Macht lechzte.
Oder war es vielmehr Adrian, der nicht aufhören konnte, immer und immer wieder nach der von ihm entfesselten Finsternis, derer er sich bedient hatte, um Tanuri zu retten, zu greifen und sie unter seine Gewalt zu bringen? Eine interessante Entwicklung seines Charakters, war schließlich er es gewesen, der sich immer zur absoluten Kontrolle zwang.
"Du hast mich betrogen, alter Freund."
Ein wenig neigte Naheniel seinen Kopf zur Seite, beobachtete das fließende schwarz, das Adrian umgab.
"Nun zahlst Du den Preis dafür." Mit einem Lidschlag sah er wieder auf Freyas Gesicht hinab, ließ jene Hand, die nicht ihre hielt, berührungslos über die Kontur ihres Körpers gleiten und legte sie dann unvermittelt an ihren unteren Rücken. Mit einem sanften, dennoch ihre Bewegungsrichtung vorgebenden Ruck, zog er sie näher an sich heran, bis ihre Hüfte schon fast die seine berührte.
Zugegeben, es war nun alles anders als erwartet. Freya so vorzufinden, hatte etwas verändert. Nicht nur für sie, sondern auch für ihn. Nicht alles, aber einiges. Was das auf lange Sicht für ihn und seine Pläne bedeutete und welches Umdenken es womöglich forderte, würde sich zu gegebener Zeit wohl zeigen. Der Schlüssel war erblüht, ihr Blut würde bald den Boden berühren. Nicht, weil sie starb, sondern weil sie zur Frau geworden war. Die Prophezeiung begann.
Während Naheniel sie bei sich hielt, brach neben ihnen der Boden weiter auf. Das Holz knarrte laut, Splitter und Staub wirbelten empor. Ein tiefer Riss zog sich blitzartig quer durch den Raum, genau zwischen ihnen und Adrian. Besitzergreifend hielt er Freya fester. Ihre Entscheidung war getroffen und die Schatten warteten nur darauf, sie beide mitzunehmen. Und doch genoss er diesen letzten Moment, diese Sekunden, in denen Adrian seine Tochter und Naheniel gemeinsam sehen musste.
Einst, dort oben in Sturmkante am Brunnen, hatte Naheniel es Adrian geschworen. Geschworen ihn zu spalten, Körper und Seele voneinander zu trennen und beides einzeln sterben zu lassen.
Manchmal bedurfte es dafür weitaus weniger Magie, als man glaubte. Wie es wohl war? Zuerst die Frau zu verlieren und nun die Tochter. Beide an den gleichen Mann.
"Sieh ihn Dir an, Deinen Vater."
Seine Stimme, tief, ruhig, fast hypnotisch, streichelte dicht an ihrem Ohr entlang, sodass nur sie ihn hören konnte. "Er glaubt, er kann Dich noch retten. Vor mir. Vor Dir. Vor dem, was Du gerade geworden bist."
Ob Freya sich noch daran erinnerte, was er ihr einst prophezeite? Dass sie es sein würde, die alle überflügelte und die anderen, ihre angeblichen Freunde, es waren, die versuchten, sie zu stoppen, sie einzusperren und zu kontrollieren?
Wie sich auch jetzt erneut alles für ihn fügte. Es musste Ogrimar selbst sein, der diesen Weg für ihn bestimmt hatte und wachsam seine allmächtige Hand über das Geschehen legte.
Ein weiterer Balken brach krachend herunter und die Decke über ihnen neigte sich bedrohlich. Kurz nur sah er nach oben, bevor er Freya wieder direkt in die Augen sah, mit jenem intensiven, durchdringenden Blau, das gleichzeitig einlud, wie auch alles rücksichtslos verschlang.
"Keine Angst. Du musst nichts tun. Nur bei mir bleiben." Er zeigte ihr ein langsames Lächeln, welches die kühle Farbe seiner Augen und die Berechnung, die in ihnen lag, nur umso mehr unterstrich.
Und plötzlich spürte Freya einen Sog um ihre Beine, kalt und reißend, wie das Dunkel selbst, dem sie immer näher gekommen war. Die an ihr zerrende Kälte wanderte schnell nach oben, umschlang ihre Waden, ihre Knie, ihre Hüften. Es war nicht wie ein Sturz, sondern vielmehr wie ein Wirbelsturm, der sie von den Füßen heben wollte.
Naheniels Hand drückte in ihren Rücken, zog sie heran und er überbrückte die letzte Distanz zwischen ihren Körpern und presste sie nun vollkommen an ihn heran.
Gleichzeitig erreichte die Kälte des Sogs ihre Brust und die Schatten um sie herum begannen in dunklen, gleichmäßigen Spiralen zu wirbeln und sie einzuhüllen. Ein letztes Mal sah er über den dunklen Schopf Freyas hinweg hinüber zu Adrian.
"Ich halte mein Wort. Immer."
Schlagartig verdichtete sich die Luft und die Dunkelheit, die Naheniel nun in überwältigender Menge aus den Tiefen seiner Welt freisetzte, um zu schaffen, was geschaffen werden musste, brach wie eine Flut über sie herein, nur um sich gleich darauf wie ein schwerer Mantel auf das eng beeinander stehende Paar zu legen.
Weiter und weiter schwollen die Schatten an, wurden zu einem undurchdringlichen Kokon aus reiner Finsternis, der jede Spur des Lichts verschluckte und Adrians weitere Versuche, Naheniel aufzuhalten, verhinderte.
Im gleichen Moment löste sich der Boden unter ihnen beiden auf und das Zimmer, die tote Mutter, der Vater, einfach alles, verschwand in einem Strudel aus absoluter Schwärze und kaltem Nichts.
Und dann waren sie fort.
Nur wie ich mein Wort halte…
das passe ich nach meinem Ermessen an.
--- Ende Staffel 1 ---
Sieh mir in die Augen und sag mir, wen Du dort siehst.
Bist es immer noch Du? Oder bin es nun ich?

Spürst Du den Hunger nach der Dunkelheit, schreit er bereits in Dir?
Sag, mache ich Dir Angst oder fühlst Du Dich erst lebendig wegen mir?
Bist es immer noch Du? Oder bin es nun ich?

Spürst Du den Hunger nach der Dunkelheit, schreit er bereits in Dir?
Sag, mache ich Dir Angst oder fühlst Du Dich erst lebendig wegen mir?
- Gesichtsloser Erzaehler
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#1838

Norbert
Die Morgensonne fiel schräg durch die Ritzen der Stalltür und malte helle Streifen auf den strohbedeckten Boden. Norbert stand breitbeinig in einer der Boxen, die Hemdsärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt, die abgewetzte Hose schon mit dunklen Flecken vom Mist. In gleichmäßigem Rhythmus schwang er die schwere Mistgabel. Er war schon seit den Morgenstunden in den Stallungen und der Karren bereits recht voll.
Das Pferd des Herrn var Aesir hatte er bereits fertig gemacht – ein kräftiger, wetterfester Wallach, der es zutiefst verabscheute, wenn man ihm zu hastig kam. Er bestand auf sein Ritual, als wäre er der König des Hafers. Zuerst ein prüfender Blick, dann ein gemessenes Herantreten, und erst dann durfte man überhaupt daran denken, ihm den Futtereimer zu präsentieren. Wer diese Zeremonie missachtete, bekam einen beleidigt abgewandten Kopf und ein empörtes Schnauben, das klang, als würde er sich über die Unverschämtheit des gesamten menschlichen Geschlechts beschweren.
Da der Lord allerdings wohl noch ein paar Tage länger blieb und sich die Abreise von Großvater und Enkeltochter verzögerte, musste auch der Wallach lernen, sich damit zu arrangieren, das nicht stets alles im gleichen Ritus ablief.
Auch die Box daneben war bereits ausgemistet. Die Friesenstute der Priesterin stand still und würdevoll da, als sei sie sich ihrer edlen Herkunft voll bewusst. Ihr tiefschwarzes Fell trug noch immer die Spuren der sorgfältigen Pflege ihrer Herrin, die sich gern selbst um das Tier gekümmert hatte. In den letzten Wochen war sie unruhig gewesen. Fast als hätte sie gespürt, dass etwas passieren würde. Es war faszinierend zu sehen, dass sie nun wieder ruhig und erhaben auf ihrem Hafer kaute. Naja, noch ein paar Tage oder Wochen, dann würde sie gewiss wieder von der Priesterin selbst gestriegelt werden.
Dem Hengst daneben näherte aber auch Norbert nur mit besonderer Besonnenheit. Das große schwarze Schlachtross war ein Bündel aus Kraft und Temperament, das nur wenige Menschen in seiner Nähe duldete, und nur einen einzigen auf seinem Rücken. Er wusste genau, wer er war und zu wem er gehörte.
Ganz anders war da das Pferd der Adeptin. Ein kleiner, flinker Fuchs namens Sir Norbert - ja, er hatte tatsächlich denselben Namen wie er selbst, nur eben mit einem Sir davor. Immer wieder versuchte er spielerisch nach dem Schubkarren zu beißen und sich nicht nur eine extra Portion Hafer zu ergattern, sondern seit Freyas Verschwinden auch nach Aufmerksamkeit zu suchen. Seine Augen glitzerten jedes Mal, wenn er kam. Vielleicht lag es auch daran, dass Norbert immer einen extra Apfel für ihn dabeihatte. Ob er wusste, wie lange das Mädchen bereits weg war?
Der Fuchs von Liadan stand friedlich neben dem von Verlion, beide noch halb verschlafen und mit zerzausten Mähnen. Sie wirkten wie zwei Gefährten, die sich wortlos darauf geeinigt hatten, den Morgen erst dann zu begrüßen und sich voneinander zu trennen, wenn wirklich niemand sie mehr in Ruhe lassen würde. Noch waren die Brüche Lady Liadans nicht verheilt, und Lord Verlion wich nicht von ihrer Seite.
Lorenas Pferd war unterwegs. Die Inquisitorin hatte oft zu tun. Was genau, war nicht sein Bier. Sicherlich waren es wichtige Dinge, daran zweifelte er nicht, aber vielleicht war es auch dem Herrn an ihrer Seite geschuldet. Arezanders Tier war ebenfalls nicht anwesend. Nun, sie waren jung. Sollten sie sich nur austoben, solange sie die Möglichkeit dafür hatten.
Ein leises Schnauben kam aus der Nachbarbox. Der Rappe, der Syndra gehörte, streckte den Kopf über die Trennwand und beobachtete ihn mit großen, ruhigen Augen.
„Na, du alter Gauner“, brummte Norbert gutmütig, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. „Du riechst auch schon, dass Frühling ist, was? Gleich gibt’s frisches Stroh und auch ’nen extra Apfel für dich, wenn du brav bleibst.“
Norbert wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn, wobei ein grauer Streifen in seinen braunen Haaren zurückblieb. Die Luft im Stall war schwer vom Geruch nach Pferd, Leder und frischem Mist. Ein Geruch, den Norbert schon lange nicht mehr störte. Im Gegenteil. Hier draußen, zwischen den Boxen, war die Welt einfach. Keine Rätsel, keine Prophezeiungen, keine verschwundenen Herrinnen.
Seufzend stach er die Gabel erneut tief ins Stroh, hob eine große Ladung an und ließ sie mit einem dumpfen Geräusch auf den Karren fallen. Vielleicht sollte er etwas langsamer machen. Sein Rücken zwickte schon, aber es war ja bald geschafft.
Kurz hielt er inne, lehnte sich auf den Stiel der Gabel und blickte durch das offene Stalltor hinaus in den Hof. Sein Blick wurde einen Moment lang nachdenklich. Das kleine Mädchen vom Fensterbrett hatte er sicher zurückgebracht. Wäre sie etwas größer gewesen, hätte sie ihm hier vielleicht sogar helfen und mit ihm anschließend die Pferde auf die Weide bringen können. Naja.
„Ich sollte das wirklich die jungen Burschen machen lassen. Ich weiß“, murmelte er mit einem schiefen Lächeln. Er klopfte dem Rappen kurz den Hals, als der Hengst ihm sanft gegen die Schulter stupste. „Aber ich mach’s lieber selbst. Dann weiß ich wenigstens, dass es richtig gemacht ist. Genau wie du, alter Junge. Du lässt dich auch nicht von jedem satteln.“
Norbert wollte gerade die Gabel wieder aufnehmen, als eine helle, vertraute Stimme vom Hoftor herüberklang.
„Norbert! Kommst du endlich? Das Essen wird kalt!“ Mila stand in der offenen Stalltür. Tadelnd hatte sie die Hände in die Hüften gestemmt und ein Geschirrtuch über der Schulter. Ihr Gesicht trug den gewohnten strengen, aber liebevollen Ausdruck.
„Ich hab extra für dich die dicken Bohnen mit Speck gemacht, die du so magst. Wenn du nicht gleich kommst, füttere ich alles den Hühnern!“
Norbert lachte leise, lehnte die Mistgabel an die Boxenwand und wischte sich die Hände an der Hose ab. „Bin schon unterwegs, Mila. Lass die Bohnen leben – ich komm!“
Mit einem letzten Blick auf die Pferde, die ihn friedlich beobachteten, verließ er den Stall. Der Duft von warmem Essen zog bereits verführerisch über den Hof.
Das Pferd des Herrn var Aesir hatte er bereits fertig gemacht – ein kräftiger, wetterfester Wallach, der es zutiefst verabscheute, wenn man ihm zu hastig kam. Er bestand auf sein Ritual, als wäre er der König des Hafers. Zuerst ein prüfender Blick, dann ein gemessenes Herantreten, und erst dann durfte man überhaupt daran denken, ihm den Futtereimer zu präsentieren. Wer diese Zeremonie missachtete, bekam einen beleidigt abgewandten Kopf und ein empörtes Schnauben, das klang, als würde er sich über die Unverschämtheit des gesamten menschlichen Geschlechts beschweren.
Da der Lord allerdings wohl noch ein paar Tage länger blieb und sich die Abreise von Großvater und Enkeltochter verzögerte, musste auch der Wallach lernen, sich damit zu arrangieren, das nicht stets alles im gleichen Ritus ablief.
Auch die Box daneben war bereits ausgemistet. Die Friesenstute der Priesterin stand still und würdevoll da, als sei sie sich ihrer edlen Herkunft voll bewusst. Ihr tiefschwarzes Fell trug noch immer die Spuren der sorgfältigen Pflege ihrer Herrin, die sich gern selbst um das Tier gekümmert hatte. In den letzten Wochen war sie unruhig gewesen. Fast als hätte sie gespürt, dass etwas passieren würde. Es war faszinierend zu sehen, dass sie nun wieder ruhig und erhaben auf ihrem Hafer kaute. Naja, noch ein paar Tage oder Wochen, dann würde sie gewiss wieder von der Priesterin selbst gestriegelt werden.
Dem Hengst daneben näherte aber auch Norbert nur mit besonderer Besonnenheit. Das große schwarze Schlachtross war ein Bündel aus Kraft und Temperament, das nur wenige Menschen in seiner Nähe duldete, und nur einen einzigen auf seinem Rücken. Er wusste genau, wer er war und zu wem er gehörte.
Ganz anders war da das Pferd der Adeptin. Ein kleiner, flinker Fuchs namens Sir Norbert - ja, er hatte tatsächlich denselben Namen wie er selbst, nur eben mit einem Sir davor. Immer wieder versuchte er spielerisch nach dem Schubkarren zu beißen und sich nicht nur eine extra Portion Hafer zu ergattern, sondern seit Freyas Verschwinden auch nach Aufmerksamkeit zu suchen. Seine Augen glitzerten jedes Mal, wenn er kam. Vielleicht lag es auch daran, dass Norbert immer einen extra Apfel für ihn dabeihatte. Ob er wusste, wie lange das Mädchen bereits weg war?
Der Fuchs von Liadan stand friedlich neben dem von Verlion, beide noch halb verschlafen und mit zerzausten Mähnen. Sie wirkten wie zwei Gefährten, die sich wortlos darauf geeinigt hatten, den Morgen erst dann zu begrüßen und sich voneinander zu trennen, wenn wirklich niemand sie mehr in Ruhe lassen würde. Noch waren die Brüche Lady Liadans nicht verheilt, und Lord Verlion wich nicht von ihrer Seite.
Lorenas Pferd war unterwegs. Die Inquisitorin hatte oft zu tun. Was genau, war nicht sein Bier. Sicherlich waren es wichtige Dinge, daran zweifelte er nicht, aber vielleicht war es auch dem Herrn an ihrer Seite geschuldet. Arezanders Tier war ebenfalls nicht anwesend. Nun, sie waren jung. Sollten sie sich nur austoben, solange sie die Möglichkeit dafür hatten.
Ein leises Schnauben kam aus der Nachbarbox. Der Rappe, der Syndra gehörte, streckte den Kopf über die Trennwand und beobachtete ihn mit großen, ruhigen Augen.
„Na, du alter Gauner“, brummte Norbert gutmütig, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. „Du riechst auch schon, dass Frühling ist, was? Gleich gibt’s frisches Stroh und auch ’nen extra Apfel für dich, wenn du brav bleibst.“
Norbert wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn, wobei ein grauer Streifen in seinen braunen Haaren zurückblieb. Die Luft im Stall war schwer vom Geruch nach Pferd, Leder und frischem Mist. Ein Geruch, den Norbert schon lange nicht mehr störte. Im Gegenteil. Hier draußen, zwischen den Boxen, war die Welt einfach. Keine Rätsel, keine Prophezeiungen, keine verschwundenen Herrinnen.
Seufzend stach er die Gabel erneut tief ins Stroh, hob eine große Ladung an und ließ sie mit einem dumpfen Geräusch auf den Karren fallen. Vielleicht sollte er etwas langsamer machen. Sein Rücken zwickte schon, aber es war ja bald geschafft.
Kurz hielt er inne, lehnte sich auf den Stiel der Gabel und blickte durch das offene Stalltor hinaus in den Hof. Sein Blick wurde einen Moment lang nachdenklich. Das kleine Mädchen vom Fensterbrett hatte er sicher zurückgebracht. Wäre sie etwas größer gewesen, hätte sie ihm hier vielleicht sogar helfen und mit ihm anschließend die Pferde auf die Weide bringen können. Naja.
„Ich sollte das wirklich die jungen Burschen machen lassen. Ich weiß“, murmelte er mit einem schiefen Lächeln. Er klopfte dem Rappen kurz den Hals, als der Hengst ihm sanft gegen die Schulter stupste. „Aber ich mach’s lieber selbst. Dann weiß ich wenigstens, dass es richtig gemacht ist. Genau wie du, alter Junge. Du lässt dich auch nicht von jedem satteln.“
Norbert wollte gerade die Gabel wieder aufnehmen, als eine helle, vertraute Stimme vom Hoftor herüberklang.
„Norbert! Kommst du endlich? Das Essen wird kalt!“ Mila stand in der offenen Stalltür. Tadelnd hatte sie die Hände in die Hüften gestemmt und ein Geschirrtuch über der Schulter. Ihr Gesicht trug den gewohnten strengen, aber liebevollen Ausdruck.
„Ich hab extra für dich die dicken Bohnen mit Speck gemacht, die du so magst. Wenn du nicht gleich kommst, füttere ich alles den Hühnern!“
Norbert lachte leise, lehnte die Mistgabel an die Boxenwand und wischte sich die Hände an der Hose ab. „Bin schon unterwegs, Mila. Lass die Bohnen leben – ich komm!“
Mit einem letzten Blick auf die Pferde, die ihn friedlich beobachteten, verließ er den Stall. Der Duft von warmem Essen zog bereits verführerisch über den Hof.

#1839
Was war es für das Mädchen für eine Enttäuschung dass sie bei ihrem nächtlichen Ausflug ihre Freundin nicht antreffen konnte. Norbert hatte sie dabei erwischt wie sie oben auf dem Fensterbrett saß uns gegen die Scheibe klopfte. Nach einer kurzen Diskussion wie sie vier Jährige nur führen konnten, versicherte er ihr das er sie Auffangen würde.
Vertrauensvoll hatte sich das Mädchen in seine Arme fallen lassen. Er hatte Wort gehalten und sie aufgefangen. Doch was hätte er mit dem Mädchen mitten in der Nacht machen sollen? Norbert hatte wohl keine andere Wahl als ein herumstreunendes Kind im Kinderheim wie eine Fundsache abzugeben.
Die Tage vergingen. Für das kleine Mädchen fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Nach ihrem Nächtlichen Ausflug hatte sie im Kinderheim nun so richtig Ärger bekommen. Man ließ sie keine Minute mehr aus den Augen. Außerdem durfte sie, wenn alle anderen Kinder im Garten spielen und toben durften, nur an der Seite der Betreuer bleiben.
Der Schnee schmolz zum bedauern des Mädchens dahin und der Frühling hielt einzug. Die Tage wurden wieder länger. Der Ablauf im Kinderheim blieb jedoch der gleiche. Ihr großer Freund den nur sie sehen konnte, kam sie ab und an besuchen. Dann suchte sie sich immer eine ruhige Ecke in der sie mit ihm alleine reden konnte.
Die dämonische Gestalt zauberte sich seinen eigenen Stuhl, der einen Thron ähnlich sah herbei und ließ sich darauf nieder. 'ER' beugte sich nach vorne um dem Kind vor sich in die Augen sehen zu können. Immer war 'ER' freundlich zu ihr. Nahm sie an die Hand oder strich ihr über die Wange. Niemals wurde 'ER' ihr gegenüber laut oder verbat ihr die Dinge zu tun oder zu sagen die ihr in den Sinn kamen. Sie hatte keine Angst vor seinem äußeren Erscheinungsbild, vor den großen Zähnen die ihm aus dem Unterkiefer wuchsen, oder die gewundenen Hörner auf seinem Schädel. 'ER' sah ein wenig aus wie ein bepelzter Riese mit Pferdehufen, Hauern wie ein Eber und Hörner einer Antilope. Sein Gesicht war zerfurcht von Narben und verhornter eingerissener Haut. Sie konnte auch nicht aus machen, wo sein in Fell gehüllter Körper anfing und wo es in eine mit Pelz besetzte knöcherne Rüstung über ging. Oder war alles in allem nur sein Körper? Sie stellte es nie in Frage.
„Ich weiß du findest es gemein und ungerecht das du hier sein musst. Aber du musst noch ein bisschen hier bleiben. Der große Boss hat ein Auge auf dich geworfen. Er weiß genau wann was zu tun ist. Ich werde weiter auf dich aufpassen kleine Boo. Verliere deinen Willen nicht. Lass dich von ihnen nicht brechen.“
Verzweiflung war im Gesicht des Mädchens zu sehen. Ihre Augen glasig und den Tränen nahe.
„Aber ich muss raus hier. Die haben mich eingesperrt bis der Schnee weg war. Wie soll ich denn jetzt Nymeria zeigen wie das mit dem Frost und dem Schnee geht? Aber die hat mich bestimmt auch schon vergessen. Also ist es ja auch schon egal.“
Boo wendet sich von ihrem Freund ab. Es war Zeit für das Abendbrot. Sie sollte nicht zu spät kommen, sonst würde sie wieder ohne Essen ins Bett gehen müssen. Der Halbdämon verschwand wie er gekommen war. 'ER' hatte einen Entschluss gefasst.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Niemanden war geholfen, wenn das Kind weiter in diesem 'Gefängnis' verweile musste. Weder Boo, noch dem großen Boss. Das Mädchen musster hier raus. Auf einen sauberen und legalen Weg. 'ER' würde das Kind nicht immer wieder alleine auf die Straße hinaus schicken können. Ja, 'ER' war da und würde das Kind beschützen, so wie es ihm aufgetragen wurde. Dennoch waren ihm die Hände gebunden. Darum hatte 'ER' da genau das richtige Paar im Auge. Beiden ist Boo bereits über den Weg gelaufen. Beide haben sich vorurteilsfrei und fürsorglich gezeigt.
Auf halben Weg über den Hof stieß Norbert gegen eine unsichtbare Wand. Sie fühlte sich an manchen Stellen etwas pelzig an, an anderen würde er so etwas wie eine knöcherne Rüstung erfühlen können. Auch wenn Norbert die Erscheinung vor sich nicht sehen konnte, würde er sie dennoch spüren können. Norbert konnte spüren wie sich wohl der Kopf des Wesens neben seinen Ohr platzierte, ohne das er dabei berührt wurde. Eine ruhige tiefe sonore Stimme erklang neben seinem Ohr und richtete vertrauensvoll das Wort an ihn.
„Die Arbeit im Stall ist schwer nicht wahr? Du und deine Frau, ihr habt viele Aufgaben und viel Verantwortung hier. Ich biete dir einen Handel an. Ich kann dafür sorgen dass ihr beide euch ewig 20 Jahre jünger fühlen werdet.“ verspricht der Halbdämon und kommt unvermittelt weiter zu der Aufgabe die damit in Verbindung stehen würde.
„Ihr Name ist Boo. Das Mädchen das du ins Kinderheim zurück gebracht hast. Der große Boss hat mit den Mädchen noch großes vor und ihr hier seid ein Teil davon. Ich habe gesehen dass es dir nicht egal war was mit ihr geschieht. Vielleicht gebt ihr Boo ein zu Hause und sorgt dafür das sie sich nach dem Willen des großen Bosses entwickeln kann. Bespreche dich mit deiner Frau.“
Der Halbdämon richtete sich wieder auf. Der Duft des warmen würzig riechenden Essens zog auch ihn in die Nase. Hörbar sog 'ER' den Duft des Essens durch seine Nase ein.
„Es riecht köstlich. Lass sie nicht zu lange warten.“ Wen genau er damit meinte ließ 'ER' dabei offen. 'ER' geht zwei Schritte zur Seite. Norbert würde dabei den unverkennbaren Klang von Pferdehufen auf den Pflastersteinen hören.
Vertrauensvoll hatte sich das Mädchen in seine Arme fallen lassen. Er hatte Wort gehalten und sie aufgefangen. Doch was hätte er mit dem Mädchen mitten in der Nacht machen sollen? Norbert hatte wohl keine andere Wahl als ein herumstreunendes Kind im Kinderheim wie eine Fundsache abzugeben.
Die Tage vergingen. Für das kleine Mädchen fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Nach ihrem Nächtlichen Ausflug hatte sie im Kinderheim nun so richtig Ärger bekommen. Man ließ sie keine Minute mehr aus den Augen. Außerdem durfte sie, wenn alle anderen Kinder im Garten spielen und toben durften, nur an der Seite der Betreuer bleiben.
Der Schnee schmolz zum bedauern des Mädchens dahin und der Frühling hielt einzug. Die Tage wurden wieder länger. Der Ablauf im Kinderheim blieb jedoch der gleiche. Ihr großer Freund den nur sie sehen konnte, kam sie ab und an besuchen. Dann suchte sie sich immer eine ruhige Ecke in der sie mit ihm alleine reden konnte.
Die dämonische Gestalt zauberte sich seinen eigenen Stuhl, der einen Thron ähnlich sah herbei und ließ sich darauf nieder. 'ER' beugte sich nach vorne um dem Kind vor sich in die Augen sehen zu können. Immer war 'ER' freundlich zu ihr. Nahm sie an die Hand oder strich ihr über die Wange. Niemals wurde 'ER' ihr gegenüber laut oder verbat ihr die Dinge zu tun oder zu sagen die ihr in den Sinn kamen. Sie hatte keine Angst vor seinem äußeren Erscheinungsbild, vor den großen Zähnen die ihm aus dem Unterkiefer wuchsen, oder die gewundenen Hörner auf seinem Schädel. 'ER' sah ein wenig aus wie ein bepelzter Riese mit Pferdehufen, Hauern wie ein Eber und Hörner einer Antilope. Sein Gesicht war zerfurcht von Narben und verhornter eingerissener Haut. Sie konnte auch nicht aus machen, wo sein in Fell gehüllter Körper anfing und wo es in eine mit Pelz besetzte knöcherne Rüstung über ging. Oder war alles in allem nur sein Körper? Sie stellte es nie in Frage.
„Ich weiß du findest es gemein und ungerecht das du hier sein musst. Aber du musst noch ein bisschen hier bleiben. Der große Boss hat ein Auge auf dich geworfen. Er weiß genau wann was zu tun ist. Ich werde weiter auf dich aufpassen kleine Boo. Verliere deinen Willen nicht. Lass dich von ihnen nicht brechen.“
Verzweiflung war im Gesicht des Mädchens zu sehen. Ihre Augen glasig und den Tränen nahe.
„Aber ich muss raus hier. Die haben mich eingesperrt bis der Schnee weg war. Wie soll ich denn jetzt Nymeria zeigen wie das mit dem Frost und dem Schnee geht? Aber die hat mich bestimmt auch schon vergessen. Also ist es ja auch schon egal.“
Boo wendet sich von ihrem Freund ab. Es war Zeit für das Abendbrot. Sie sollte nicht zu spät kommen, sonst würde sie wieder ohne Essen ins Bett gehen müssen. Der Halbdämon verschwand wie er gekommen war. 'ER' hatte einen Entschluss gefasst.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------
„ER“


Niemanden war geholfen, wenn das Kind weiter in diesem 'Gefängnis' verweile musste. Weder Boo, noch dem großen Boss. Das Mädchen musster hier raus. Auf einen sauberen und legalen Weg. 'ER' würde das Kind nicht immer wieder alleine auf die Straße hinaus schicken können. Ja, 'ER' war da und würde das Kind beschützen, so wie es ihm aufgetragen wurde. Dennoch waren ihm die Hände gebunden. Darum hatte 'ER' da genau das richtige Paar im Auge. Beiden ist Boo bereits über den Weg gelaufen. Beide haben sich vorurteilsfrei und fürsorglich gezeigt.
Auf halben Weg über den Hof stieß Norbert gegen eine unsichtbare Wand. Sie fühlte sich an manchen Stellen etwas pelzig an, an anderen würde er so etwas wie eine knöcherne Rüstung erfühlen können. Auch wenn Norbert die Erscheinung vor sich nicht sehen konnte, würde er sie dennoch spüren können. Norbert konnte spüren wie sich wohl der Kopf des Wesens neben seinen Ohr platzierte, ohne das er dabei berührt wurde. Eine ruhige tiefe sonore Stimme erklang neben seinem Ohr und richtete vertrauensvoll das Wort an ihn.
„Die Arbeit im Stall ist schwer nicht wahr? Du und deine Frau, ihr habt viele Aufgaben und viel Verantwortung hier. Ich biete dir einen Handel an. Ich kann dafür sorgen dass ihr beide euch ewig 20 Jahre jünger fühlen werdet.“ verspricht der Halbdämon und kommt unvermittelt weiter zu der Aufgabe die damit in Verbindung stehen würde.
„Ihr Name ist Boo. Das Mädchen das du ins Kinderheim zurück gebracht hast. Der große Boss hat mit den Mädchen noch großes vor und ihr hier seid ein Teil davon. Ich habe gesehen dass es dir nicht egal war was mit ihr geschieht. Vielleicht gebt ihr Boo ein zu Hause und sorgt dafür das sie sich nach dem Willen des großen Bosses entwickeln kann. Bespreche dich mit deiner Frau.“
Der Halbdämon richtete sich wieder auf. Der Duft des warmen würzig riechenden Essens zog auch ihn in die Nase. Hörbar sog 'ER' den Duft des Essens durch seine Nase ein.
„Es riecht köstlich. Lass sie nicht zu lange warten.“ Wen genau er damit meinte ließ 'ER' dabei offen. 'ER' geht zwei Schritte zur Seite. Norbert würde dabei den unverkennbaren Klang von Pferdehufen auf den Pflastersteinen hören.

- Tanuri
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#1840
Tanuri stand dicht an eine der Mauern ihres Zimmers gedrängt, als könnte die Wand sie vor der Welt schützen. Unablässig strichen ihre Finger über ihre Arme, auf und ab, auf und ab, als müsse sie sich vergewissern, dass sie immer noch da war, dass sie aus Fleisch und Blut bestand und alles nicht ein neuer Albtraum war, in dem sie sich verfing.
Bei der Nennung von Adrians Familiennamen, spannte sich Tanuris gesamter Körper an. Langsam drehte sie den Kopf und warf dem Soldaten einen von Kälte geprägten Blick zu, der ihn wünschen lassen sollte, die Tür nicht geöffnet zu haben. "Wo ist mein Mann?"
Tatsächlich war nicht mehr wie eine weitere Nacht vergangen, seitdem sie zurück ins Leben geholt worden war. Anderen mochte es wie Wochen oder Monate vorkommen, was womöglich dem geschuldet war, dass das Wetter in diesem Monat besonders unstetig war, was die Wahrnehmung der Zeit durchaus verzerren konnte.
Obwohl das warme Morgenlicht durch das hohe Fenster fiel und goldene Streifen auf den Boden und ihren Körper malte, spürte sie die Wärme nicht. Immer noch fühlte sie sich gefangen zwischen dem hier und dort und wusste nicht, wohin sie nun eigentlich gehörte. "Deine Zeit an Land ist vorbei."
Erschrocken zuckte sie zusammen und kniff ihre Augen fest zu. Der Fährmann, er war nicht hier, natürlich war er das nicht. Aber seine Stimme und seine Worte waren es - wenn auch nur in ihrem Kopf. Er hatte recht, ihre Zeit an Land war vorbei und doch war sie immer noch hier. Aber warum?
Die Erinnerungen seit jenem Moment, als sie die Augen wieder aufschlug, waren verschwommen. Ihr Bruder - ohne Freya - in den Hallen der Legion, ihr Traum, der sie tiefer und tiefer in den Abgrund riss, ihr Versuch, zumindest einem der Widersacher die Stirn zu bieten und ihre Familie vor ihm zu schützen. Gelungen aber war es ihr nicht, denn die Hände des Soldaten hatten sie geschnappt und er war mit ihr, trotz ihrer heftigen Gegenwehr, zurück in das Haus der Gilde gegangen. Auch das, was danach geschah, war lückenhaft und ließ sich nur schwer in ganze Bilder zusammensetzen.
Erschrocken zuckte sie zusammen und kniff ihre Augen fest zu. Der Fährmann, er war nicht hier, natürlich war er das nicht. Aber seine Stimme und seine Worte waren es - wenn auch nur in ihrem Kopf. Er hatte recht, ihre Zeit an Land war vorbei und doch war sie immer noch hier. Aber warum?
Die Erinnerungen seit jenem Moment, als sie die Augen wieder aufschlug, waren verschwommen. Ihr Bruder - ohne Freya - in den Hallen der Legion, ihr Traum, der sie tiefer und tiefer in den Abgrund riss, ihr Versuch, zumindest einem der Widersacher die Stirn zu bieten und ihre Familie vor ihm zu schützen. Gelungen aber war es ihr nicht, denn die Hände des Soldaten hatten sie geschnappt und er war mit ihr, trotz ihrer heftigen Gegenwehr, zurück in das Haus der Gilde gegangen. Auch das, was danach geschah, war lückenhaft und ließ sich nur schwer in ganze Bilder zusammensetzen.
Die Zeit des Todes hatte Spuren bei ihr hinterlassen und bisher war es völlig unklar, welche sie davon behalten musste und welche langsam vergingen.
Eines jedoch, das hatte sie nicht vergessen. Jenes Gefühl, wie es war, wenn die vom Körper getrennte Seele zurück in den Körper gezwungen wurde - dem ewigen Tod entrissen, zurück in das endliche Leben.
Alles davon war nach wie vor präsent, als wäre es vor nur wenigen Augenblicken geschehen. Dieses Kalte, dieses Uralte, dieses Dunkle, dieses Unerbittliche, es hatte sie gepackt und zurück dorthin gedrängt, von wo sie so verzweifelt fliehen wollte. Der Schmerz des wiedererlangten Lebens saß immer noch tief in ihren Knochen und zerriss sie bei jedem Atemzug von innen heraus.
Genauso wie das Wissen darum, dass das Opfer, das sie gegeben hatte, nichtig geworden war. Die Flucht aus dem Leben, um auf diese Weise nicht nur Landrus Wahn und Verfolgung zu entkommen, sondern auch Ruhe zu finden vor ihren eigenen Dämonen, war nicht gelungen.
Doch viel schlimmer war es, dass der Vertrag zwischen ihrem Bruder und Adrian gebrochen worden war und so wie sie Naheniel kannte, würde er sich das nicht gefallen lassen.
Wie seine Rache allerdings aussehen könnte, das wollte sie sich derzeit nicht ausmalen. Sie wusste, wie er war und wie er sein konnte und genau das war es, was sie fürchtete. Was nicht nur sie, sondern sie alle fürchten sollten.
Ihre Finger verkrampften sich fester um ihre Oberarme, durch den Stoff ihrer einfachen Robe hindurch, bis die Nägel auf ihre Haut darunter drückten. Sie wollte sich festhalten, an irgendetwas, auch wenn es nur sie selbst war. Doch je stärker sie drückte, desto mehr hatte sie das Gefühl, dass da gar nichts da war, was sie halten konnte. Nur eine Hülle, die notdürftig wiederbelebt worden war. Und warum das alles? Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als sie einen Blick auf das leere Ehebett warf.
Aus Egoismus.
Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie zusammenfahren und sie presste sich noch enger an die Mauer, als könne sie auf diese Weise darin verschwinden. Nachdem sie für einige Atemzüge nicht reagierte, wiederholte sich das Klopfen und ohne weiter abzuwarten, wurde die Tür geöffnet. Zuerst steckte der Mann vorsichtig seinen Kopf herein und sah sich wachsam um.
Die Panik, dass Tanuri ihm erneut entkam, ließ ihn zu keiner einzigen wachen - und eigentlich auch schlafenden - Minute los, setzte ihn ständig unter Strom und das sah man ihm langsam auch deutlich an. Umso erleichterter war nun sein Seufzen, das zu hören war, als er die Priesterin dicht an die Wand gepresst entdeckte.
Die Panik, dass Tanuri ihm erneut entkam, ließ ihn zu keiner einzigen wachen - und eigentlich auch schlafenden - Minute los, setzte ihn ständig unter Strom und das sah man ihm langsam auch deutlich an. Umso erleichterter war nun sein Seufzen, das zu hören war, als er die Priesterin dicht an die Wand gepresst entdeckte.
"Mylady. Ich bin hier, um Euch nach unten zu begleiten."
Ob Goswins Worte irgendetwas bewegten oder nicht, war schwer vorherzusehen. Bisher hatte er nur Nichtachtung und Schweigen kassiert, seitdem er Tanuri zurück in die Legion zurückgebracht hatte. Trotzdem blieb er immer dicht bei ihr, meist direkt vor ihrer Tür, da er sich einen weiteren Schnitzer nicht erlauben durfte. Manchmal, wenn das Zimmer über Stunden in Stille lag, lauschte er heimlich an der Tür oder sah hinein, auch wenn das bedeuten konnte, dass sie ihm irgendwann wie eine rasende Furie die Augen auskratzte. Aber das war immer noch besser als das, was Lord Al Saher mit ihm tun würde, wenn er erneut versagte.
Ob Goswins Worte irgendetwas bewegten oder nicht, war schwer vorherzusehen. Bisher hatte er nur Nichtachtung und Schweigen kassiert, seitdem er Tanuri zurück in die Legion zurückgebracht hatte. Trotzdem blieb er immer dicht bei ihr, meist direkt vor ihrer Tür, da er sich einen weiteren Schnitzer nicht erlauben durfte. Manchmal, wenn das Zimmer über Stunden in Stille lag, lauschte er heimlich an der Tür oder sah hinein, auch wenn das bedeuten konnte, dass sie ihm irgendwann wie eine rasende Furie die Augen auskratzte. Aber das war immer noch besser als das, was Lord Al Saher mit ihm tun würde, wenn er erneut versagte.
Aber wie gewohnt reagierte sie auch diesmal nicht, wovon er sich aber nicht verunsichern ließ. "Mila hat gemeinsam mit Eurer Tochter ein Frühstück gerichtet. Für das Gesinde und auch für die hohen Herren und Damen. Sie denkt, es tut Euch gut, wenn Ihr alte Gesichter seht. Und Eure Tochter war auch ganz eifrig in der Küche dabei.. Sie hat sogar beim Backen geholfen."
Eigentlich waren es unerhebliche Details, aber Mila hatte darauf bestanden, dass er das Tanuri erzählte. Noch war er nicht lange genug innerhalb des Hauses beschäftigt, um zu verstehen, wie das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter sonst war und warum genau Mila dachte, es wäre von besonderer Wichtigkeit, dass Tanuri von Nymerias Eifer erfuhr.
Noch eigentlicher war es aber so, dass Mila es ihr selbst hätte sagen können. Aber obwohl sie die Ranghöchste der Mägde im Haus war, fürchtete sie tatsächlich, die Priesterin selbst aufzusuchen.
Mila hatte Tanuri am Tag zuvor, in aller Früh, als sie das Kind wecken wollte, zusammengekauert neben Nymeria im Bett sitzend vorgefunden. Zuerst war ihr der Mund weit aufgeklappt und dann war sie in Ohnmacht gefallen. Für einen Moment, so hatte es sich zumindest angefühlt, hatte sogar ihr Herz ausgesetzt und erst Goswins schnelle Hilfe und beherztes Eingreifen hatte sie wieder zu sich gebracht.
In all ihren Dienstjahren für die Gilde hatte Mila schon viel gesehen, Krankheit, Geburt, Tod, geheime Liebschaften, noch geheimere Begegnungen und das ein oder andere Ritual. Das das hier überstieg alles. Wer würde ihr das schon glauben? Eine Tote, die wieder unter den Lebenden wandelte. Selbst ihr sie seit vielen Jahren liebender Ehemann Johann würde sie für verrückt halten.
Aber auch die anderen im Haus, zumindest jene, die sich in die Nähe des Zimmers trauten, sahen es: Tanuri lebte. Niemand wusste, wie das möglich war, aber selbst wenn sich jemand fand, der es wissen könnte, würde derjenige es kaum wagen, seine Vermutung laut auszusprechen. Denn es widersprach allem, was die Götter gutheißen konnten – gleichgültig, an welche man glaubte. Und es sich mit den Göttern zu verscherzen, das war noch nie eine gute Idee gewesen.
Aber auch die anderen im Haus, zumindest jene, die sich in die Nähe des Zimmers trauten, sahen es: Tanuri lebte. Niemand wusste, wie das möglich war, aber selbst wenn sich jemand fand, der es wissen könnte, würde derjenige es kaum wagen, seine Vermutung laut auszusprechen. Denn es widersprach allem, was die Götter gutheißen konnten – gleichgültig, an welche man glaubte. Und es sich mit den Göttern zu verscherzen, das war noch nie eine gute Idee gewesen.
Auch wenn Mila daher versuchte, Tanuri so lange wie möglich aus dem Weg zu gehen, kümmerte sie sich weiterhin herzzerreißend um das Mädchen. Jetzt vielleicht sogar mit noch mehr Einsatz und dem Versuch, Nymeria Zärtlichkeit und wärmende Nähe zu schenken. Kaum vorzustellen, welches Trauma das Kind erleiden musste. Eine tote Mutter, die plötzlich wieder quietschfidel im Bett saß. Wobei "quietschfidel" nicht einmal annäherend die richtige Beschreibung war, wenn man die Priesterin genauer betrachtete.
Goswin stand immer noch in der Tür und räusperte sich. "Lady Al Saher?"
Bei der Nennung von Adrians Familiennamen, spannte sich Tanuris gesamter Körper an. Langsam drehte sie den Kopf und warf dem Soldaten einen von Kälte geprägten Blick zu, der ihn wünschen lassen sollte, die Tür nicht geöffnet zu haben. "Wo ist mein Mann?"
Ja, mein Herr und Meister, ich bin Deine Dienerin!
Lege Deine Finger auf meine Lippen und berühre mit Deiner Hand meine Zunge
auf dass ich Deinen Willen und Dein Wort verkünde!

~~ Priesterin der dunklen Kirche und Mentorin ihrer Adeptin Freya ~~
Anführerin der Legion des Schattens
Frau des Adrian Al Saher
Mutter der Nymeria Al Saher
Anführerin der Legion des Schattens
Frau des Adrian Al Saher
Mutter der Nymeria Al Saher
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#1841

Goswin
Von einem Moment auf den anderen wandelte sich die zerbrechliche Erscheinung Tanuris zu angespannter Härte, als hätte der Name allein etwas in ihren Erinnerungen geweckt.
Goswins Nasenflügel zuckten nervös, als ihn ihr eiskalter Blick traf. Er stand noch immer im Türrahmen, die eine Hand leicht am Holz, die andere locker an seiner Seite. Die Morgensonne fiel schräg durch das hohe Fenster und zeichnete einen goldenen Streifen quer über den Boden, der genau zwischen ihnen endete.
„Euer Mann“, wiederholte er leise, fast vorsichtig.
Seine Brauen schoben sich leicht zusammen, während er nach den richtigen Worten suchte. Die Antwort, die er darauf hatte, würde sie sicher nicht zufriedenstellen. Der General war bereits die Nacht zuvor aufgebrochen, das Gesicht hart wie Stein, die Augen voller unruhiger Schatten. Niemand wusste genau, wohin er gegangen war. Nur dass er seine Tochter suchte.
„Er ist von seiner Suche nach der Adeptin noch nicht zurückgekehrt, Milady.“ Mehr wagte er nicht zu sagen. Wie gefährlich dieser Naheniel war, hatte er gesehen, doch der General stand ihm in nichts nach. Dennoch wollte er die Geschehnisse jener Nacht nicht weiter vertiefen. Es gab Momente, in denen man schweigen sollte und in denen man es musste.
Wenn er gewusst hätte, wo man sinnvoll hätte suchen können, wäre er vielleicht selbst losgezogen, um das Mädchen zu finden. Ein schneller, ruhmreicher Aufstieg. Wie schnell man sich überschätzte und zu Fall kam, zeigte ihm die bittere Wahrheit nur zu deutlich. Ein einziger unbedachter Moment und man endete wie seine Kameraden. Erstochen vom eigenen Schatten oder schlimmeres. Wäre es so einfach gewesen, hätte der General es unmittelbar getan.
Goswin verlagerte kaum merklich sein Gewicht von einem Bein aufs andere. Die Lederrüstung knarzte leise. Er stand nicht mehr direkt in der Tür, sondern hatte einen halben Schritt ins Zimmer hineingemacht. Gerade weit genug, um Respekt zu wahren, aber nah genug, um notfalls eingreifen zu können. Seine braunen Augen huschten kurz zu dem leeren Ehebett, bevor er zurück zu Tanuri sah.
„Ihr solltet etwas essen“, fuhr er ruhiger fort, die Stimme tiefer und fester, als wollte er sich selbst ebenso überzeugen wie sie. „Eure Tochter wartet bereits unten.“
Er hielt inne, kaum länger als einen Herzschlag, und deutete mit einem knappen Nicken zur Tür. „Sie hat nach Euch gefragt, Milady. Mehrmals.“
Goswin senkte den Blick nicht. Er wich ihrem kalten Starren nicht aus, auch wenn er spürte, wie sich seine Schultern unwillkürlich anspannten. Er hatte einen klaren Befehl und er wusste nur zu gut, was geschah, wenn er scheiterte. Doch selbst wenn weder Appetit noch die Sorge um ihre Tochter sie zu bewegen schienen, gab es noch einen anderen Grund, der sie vielleicht zum Umdenken brachte, ihm zu folgen.
„Vielleicht können Euch Euer Schwager… oder seine Frau mehr erzählen.“
Goswins Nasenflügel zuckten nervös, als ihn ihr eiskalter Blick traf. Er stand noch immer im Türrahmen, die eine Hand leicht am Holz, die andere locker an seiner Seite. Die Morgensonne fiel schräg durch das hohe Fenster und zeichnete einen goldenen Streifen quer über den Boden, der genau zwischen ihnen endete.
„Euer Mann“, wiederholte er leise, fast vorsichtig.
Seine Brauen schoben sich leicht zusammen, während er nach den richtigen Worten suchte. Die Antwort, die er darauf hatte, würde sie sicher nicht zufriedenstellen. Der General war bereits die Nacht zuvor aufgebrochen, das Gesicht hart wie Stein, die Augen voller unruhiger Schatten. Niemand wusste genau, wohin er gegangen war. Nur dass er seine Tochter suchte.
„Er ist von seiner Suche nach der Adeptin noch nicht zurückgekehrt, Milady.“ Mehr wagte er nicht zu sagen. Wie gefährlich dieser Naheniel war, hatte er gesehen, doch der General stand ihm in nichts nach. Dennoch wollte er die Geschehnisse jener Nacht nicht weiter vertiefen. Es gab Momente, in denen man schweigen sollte und in denen man es musste.
Wenn er gewusst hätte, wo man sinnvoll hätte suchen können, wäre er vielleicht selbst losgezogen, um das Mädchen zu finden. Ein schneller, ruhmreicher Aufstieg. Wie schnell man sich überschätzte und zu Fall kam, zeigte ihm die bittere Wahrheit nur zu deutlich. Ein einziger unbedachter Moment und man endete wie seine Kameraden. Erstochen vom eigenen Schatten oder schlimmeres. Wäre es so einfach gewesen, hätte der General es unmittelbar getan.
Goswin verlagerte kaum merklich sein Gewicht von einem Bein aufs andere. Die Lederrüstung knarzte leise. Er stand nicht mehr direkt in der Tür, sondern hatte einen halben Schritt ins Zimmer hineingemacht. Gerade weit genug, um Respekt zu wahren, aber nah genug, um notfalls eingreifen zu können. Seine braunen Augen huschten kurz zu dem leeren Ehebett, bevor er zurück zu Tanuri sah.
„Ihr solltet etwas essen“, fuhr er ruhiger fort, die Stimme tiefer und fester, als wollte er sich selbst ebenso überzeugen wie sie. „Eure Tochter wartet bereits unten.“
Er hielt inne, kaum länger als einen Herzschlag, und deutete mit einem knappen Nicken zur Tür. „Sie hat nach Euch gefragt, Milady. Mehrmals.“
Goswin senkte den Blick nicht. Er wich ihrem kalten Starren nicht aus, auch wenn er spürte, wie sich seine Schultern unwillkürlich anspannten. Er hatte einen klaren Befehl und er wusste nur zu gut, was geschah, wenn er scheiterte. Doch selbst wenn weder Appetit noch die Sorge um ihre Tochter sie zu bewegen schienen, gab es noch einen anderen Grund, der sie vielleicht zum Umdenken brachte, ihm zu folgen.
„Vielleicht können Euch Euer Schwager… oder seine Frau mehr erzählen.“

#1842
Gästezimmer der Legion
Viel gab es nicht zu sagen. Jedes Gespräch endet einmal und er hatte das Bad genossen. Alleine für sich. Danach in ein frisches Lager zu fallen und die Müdigkeit siegen zu lassen. Seine Träume waren unruhig, surreal, fantastisch aber auch jeseits von Verstehen können. Eine Welt die entweder von seinem zerrissenen Geist erzählte oder aber durchaus eine Wahrheit war, die nur schwer zu greifen war. Göttliche Wahrheiten, Wahrheiten nicht für Sterbliche gemacht. Auch für ihn nicht. War es möglicherweise die Konsequenz das sein Geist dies nicht halten konnte?
Die Ruhe war also getrieben von der Reise durch diese surreale Welt. Wie als hätte sein Sohn ein neues Reich erbaut und einfach einen Scheiss auf die Gesetze gegeben. Oben war unten und im nächsten Moment tauschte es. Es gab keine Physik die sich an Gesetze hielt, sie tat launisch was sie wollte, wenn sie es wollte. Eine Reise die Stunden des Schlafes kostete, aber gefühlt Jahre gedauert hatte. Als hätte er ein kompletten Zyklus wahrgenommen.
Entsprechend wirkte er leicht gerädert und nicht wirklich ausgeschlafen am Morgen. Er blieb noch liegen. Den Blick an die Decke gerichtet, den dumpfen Schmerz im Bein ignorierend. Er lauschte der Stille, dem Morgen der erwacht, dem immer mehr werdenen Klappern. Beobachtete den Staub der durch den Raum tanzte, angestrahlt von Sonnenstrahlen. Er seufzte leise und schloss erneut die Augen. Nur noch einen Moment.
Viel gab es nicht zu sagen. Jedes Gespräch endet einmal und er hatte das Bad genossen. Alleine für sich. Danach in ein frisches Lager zu fallen und die Müdigkeit siegen zu lassen. Seine Träume waren unruhig, surreal, fantastisch aber auch jeseits von Verstehen können. Eine Welt die entweder von seinem zerrissenen Geist erzählte oder aber durchaus eine Wahrheit war, die nur schwer zu greifen war. Göttliche Wahrheiten, Wahrheiten nicht für Sterbliche gemacht. Auch für ihn nicht. War es möglicherweise die Konsequenz das sein Geist dies nicht halten konnte?
Die Ruhe war also getrieben von der Reise durch diese surreale Welt. Wie als hätte sein Sohn ein neues Reich erbaut und einfach einen Scheiss auf die Gesetze gegeben. Oben war unten und im nächsten Moment tauschte es. Es gab keine Physik die sich an Gesetze hielt, sie tat launisch was sie wollte, wenn sie es wollte. Eine Reise die Stunden des Schlafes kostete, aber gefühlt Jahre gedauert hatte. Als hätte er ein kompletten Zyklus wahrgenommen.
Entsprechend wirkte er leicht gerädert und nicht wirklich ausgeschlafen am Morgen. Er blieb noch liegen. Den Blick an die Decke gerichtet, den dumpfen Schmerz im Bein ignorierend. Er lauschte der Stille, dem Morgen der erwacht, dem immer mehr werdenen Klappern. Beobachtete den Staub der durch den Raum tanzte, angestrahlt von Sonnenstrahlen. Er seufzte leise und schloss erneut die Augen. Nur noch einen Moment.
- Landru
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#1843
Altes Gewölbe irgendwo auf Arakas
Über den steinigen Gewölben der Ruinen hatte sich das Tageslicht erhoben. Die Reise war zu lang. Er hatte nicht die Macht die Sonne zu verdunkeln. Möglicherweise war ihre Berührung ein zarter Kuss, für den Moment die Wärme zu spüren ehe sie sich gegen einen wendet. Die Hand streckte sich aus dem dunklen Schatten aus. Fahle Haut die einen Moment kreideweiß erschien, ehe es begann zu zischen und zu schwelen, dass er knurrend die Hand zurück zog. Selbst er, der den Schmerz als Bruder und Verbündeten sah, ertrug ihn nur begrenzt. Es war eine Art Schmerz die unangenehm war, egal wie sehr mancher sich an Schmerzen erfreuen konnte, selbst an den eigenen. Er betrachtete die Hand und wie die dunklen fast schwarz verfärbten Brandflecken sich wieder regenerierten. Faszinierend. So viel Macht und doch dieses Licht konnte seinen Untergang bedeuten. Selbst eine Kutte war nicht genug um das Sonnenlicht abzuschirmen.
Er hatte Jahre damit zu gebracht Methoden zu studieren um die Sonne erträglich zu machen. Unzähliche Kinder schuf er nur um sie am Ende in der Sonne zu opfern. Keines hat je überlebt. Das Schloss des Clans war dank Magie im ewigen Nebel und Dunkelheit versunken, kein Sonnenlicht kam je dorthin. Die Kombination aus Zeit und Wettermanipulation hatte es möglich gemacht und doch die einst so starken Ahnen, welche diese Magie besaßen lagen heute in tiefen Schlummer. Nicht vernichtet, aber schweigend. Er suchte einen natürlichen Weg. Einen ohne Magie, einen der den "Fluch" an der Wurzel packen sollte. Am Blut, am Sein. Aber vergeblich. Manche sind ihm begegnet, welche die Sonne bedingt vertrugen. Dhampire oder wie man sie nannte. Unrein, von dünnen schwachen Blut. Jedenfalls nicht so mächtig wie es sein könnte. Aber das war nur seine Bescheidene Meinung. Dafür konnten sie eben in der Sonne wandeln. Er hörte auch von Artefakten wie Ringen und Amuletten, aber das Risiko in der prallen Mittagssonne zu stehen und dann den Gegenstand zu verlieren war ihm zu hoch. Die meisten Artefakten hatten Schwachstellen und die eigenen Existenz wegen einem "Möglicherweise" aufs Spiel zu setzen war nicht seine Art.
"Hallo, ist ja jemand?" Am Tage konnte man an den merkwürdigsten Orten Menschen treffen. Der Blick der Augen fixierte aus dem Dunkeln das zarte Wesen das sich dort zeigte. Noch im satten Licht der Sonne im alten Garten. Hübsch, lebendig, aber auch unglaublich naiv. Jung und unerfahren. Der eigene Blick schmälerte sich. Das Mädchen hockte sich langsam hin, schien ihn nicht bemerkt zu haben und begann die Kräuter zu pfücken, welche hier wuchsen. Er beobachtete sie aus dem Dunkeln heraus. Ihre Unbekümmertheit. Er hatte gerade viel Zeit und wer weiß, vielleicht lockte das alte Gewölbe sie doch noch an. Seis aus Neugierde oder weil etwas sie anzog, wie das Licht die Motten.
Über den steinigen Gewölben der Ruinen hatte sich das Tageslicht erhoben. Die Reise war zu lang. Er hatte nicht die Macht die Sonne zu verdunkeln. Möglicherweise war ihre Berührung ein zarter Kuss, für den Moment die Wärme zu spüren ehe sie sich gegen einen wendet. Die Hand streckte sich aus dem dunklen Schatten aus. Fahle Haut die einen Moment kreideweiß erschien, ehe es begann zu zischen und zu schwelen, dass er knurrend die Hand zurück zog. Selbst er, der den Schmerz als Bruder und Verbündeten sah, ertrug ihn nur begrenzt. Es war eine Art Schmerz die unangenehm war, egal wie sehr mancher sich an Schmerzen erfreuen konnte, selbst an den eigenen. Er betrachtete die Hand und wie die dunklen fast schwarz verfärbten Brandflecken sich wieder regenerierten. Faszinierend. So viel Macht und doch dieses Licht konnte seinen Untergang bedeuten. Selbst eine Kutte war nicht genug um das Sonnenlicht abzuschirmen.
Er hatte Jahre damit zu gebracht Methoden zu studieren um die Sonne erträglich zu machen. Unzähliche Kinder schuf er nur um sie am Ende in der Sonne zu opfern. Keines hat je überlebt. Das Schloss des Clans war dank Magie im ewigen Nebel und Dunkelheit versunken, kein Sonnenlicht kam je dorthin. Die Kombination aus Zeit und Wettermanipulation hatte es möglich gemacht und doch die einst so starken Ahnen, welche diese Magie besaßen lagen heute in tiefen Schlummer. Nicht vernichtet, aber schweigend. Er suchte einen natürlichen Weg. Einen ohne Magie, einen der den "Fluch" an der Wurzel packen sollte. Am Blut, am Sein. Aber vergeblich. Manche sind ihm begegnet, welche die Sonne bedingt vertrugen. Dhampire oder wie man sie nannte. Unrein, von dünnen schwachen Blut. Jedenfalls nicht so mächtig wie es sein könnte. Aber das war nur seine Bescheidene Meinung. Dafür konnten sie eben in der Sonne wandeln. Er hörte auch von Artefakten wie Ringen und Amuletten, aber das Risiko in der prallen Mittagssonne zu stehen und dann den Gegenstand zu verlieren war ihm zu hoch. Die meisten Artefakten hatten Schwachstellen und die eigenen Existenz wegen einem "Möglicherweise" aufs Spiel zu setzen war nicht seine Art.
"Hallo, ist ja jemand?" Am Tage konnte man an den merkwürdigsten Orten Menschen treffen. Der Blick der Augen fixierte aus dem Dunkeln das zarte Wesen das sich dort zeigte. Noch im satten Licht der Sonne im alten Garten. Hübsch, lebendig, aber auch unglaublich naiv. Jung und unerfahren. Der eigene Blick schmälerte sich. Das Mädchen hockte sich langsam hin, schien ihn nicht bemerkt zu haben und begann die Kräuter zu pfücken, welche hier wuchsen. Er beobachtete sie aus dem Dunkeln heraus. Ihre Unbekümmertheit. Er hatte gerade viel Zeit und wer weiß, vielleicht lockte das alte Gewölbe sie doch noch an. Seis aus Neugierde oder weil etwas sie anzog, wie das Licht die Motten.

Sohn seiner Lordschaft Kain und der Lady Enoia Vykos
"Es widerspricht meiner Moral, mich an eure zu halten!"- Tanuri
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#1844
Tanuri blieb für einen weiteren Moment vollkommen reglos, als wäre die Zeit um sie herum zum Stillstand gekommen. Sie war hier, das musste sie akzeptieren, ob sie wollte oder nicht. Was sie aber nicht akzeptieren konnte, war die Art und Weise, wie man mit ihr umging. Nicht so, wie es nach ihrem Empfinden einer Priesterin und Anführerin einer Gilde gebührte. Und so veränderte sich etwas in ihrem Gesicht und die zerbrechliche, verlorene Hülle, die sie noch Sekunden zuvor umgeben hatte, verschwand. Zumindest für jetzt.
Abschätzig hob sie eine ihrer Brauen, als sich ihr Blick wieder seinem entgegen hob. "Also, beginnen wir von vorn, hm?" Mit der letzten Silbe kräuselte sich ihre Lippe und der Klang ihrer Stimme senkte sich um ein paar Töne, nahm etwas Samtenes an und hörte sich dabei fast wie ein vertrauliches Flüstern unter alten Freunden an, nur dass darin keinerlei Wärme lag. "Wo. Ist. Mein. Mann?"
Für einen weiteren Augenblick aber blieb sie noch an die Wand gepresst, womöglich, um sich damit eine Sicherheit zu verschaffen, nicht aus dem Hinterhalt doch noch angegriffen zu werden. Diese Maßnahme mochte für einen klar denkenden Geist ziemlich dumm wirken, aber die Geschehnisse ihres Lebens hatten sie geprägt und einfach so vergessen, das konnte sie nicht. Gleich, wer sie gewesen war und gleich, wer sie noch zu sein hatte.
Trotzdem straffte sie nun ihre Schultern und hob ihr Kinn um eine Winzigkeit, gerade so viel, dass die Arroganz, für die sie oft genug in der Kritik stand, wieder sichtbar wurde. Nicht unerwähnt soll allerdings bleiben, dass jene Kritik über sie, die weit über ihre sogenannte Arroganz hinausging und die man nicht flüstern musste, damit sie davon Kenntnis hatte, ihr ziemlich gleich war.
Denn bedachte man es genauer, und das tat sie sehr häufig, bei dem was man so alles hörte, konnte man es niemandem recht machen. Fragte man aber danach, wie es richtig wäre, verstummten alle, die zuvor so laut zeterten.
Und das Gezeter beherrschten einige sehr meisterlich, ganz gleich, welches Wappen sie auf der Brust oder welchen Namen sie im Stammbaum trugen. Sich bei allerlei Leuten - vor allen jenen, aus den eigenen Kreisen - das Maul zerreißen, gehörte schon länger zu den ganz besonderen Vorzügen einiger Persönlichkeiten. Mittlerweile erweiterte man das Repertoire aber anscheinend auch darum, jede noch so plumpe Lüge unters Volk zu bringen, nur um das eigene gekränkte Ego wieder aufzupolieren und sich die Gunst und Freundschaft von anderen dadurch zu sichern.
Doch hervortreten? Sich Aug in Aug zu stellen, die eigene Meinung und die hochtrabenden Erdichtungen offen und ohne die Deckung einer verschlossenen Tür auszusprechen? Das traute sich, wie nicht anders zu erwarten, niemand.
Die Gefahr war viel zu groß, dass das sorgsam errichtete Konstrukt aus Angeblichkeiten, eigens erfundenen Wahrheiten und boshaften Unterstellungen, das man um sich herum aufgebaut hatte, nur um „wer zu sein“ und die kleine Hetzjagd am Laufen zu halten, innerhalb eines einzigen Atemzugs in sich zusammenfiel.
Tanuri kannte diese Menschen. Sie hatte sie ihr Leben lang beobachtet. Schwache Seelen, die sich stark fühlten, solange sie im Rudel jagten. Feiglinge, die mutig wurden, wenn sie nur genug Abstand zwischen sich und ihr Opfer legen konnten. Und genau diese Feigheit der anderen war es, die sie jetzt, in diesem Moment, mit kalter Genugtuung erfüllte und ihr ein gewohnt überlegenes Lächeln schenkte, mit dem sie sich nun wieder an Goswin wandte.
"Du stehst in meiner Tür, Soldat, und wagst es mir zu sagen, was ich "sollte". Als wäre ich ein ungezogenes Kind, das man zum Essen zwingen muss." Leicht nur rümpfte sie ihre Nase und betrachtete den Mann mit einem Blick, als wäre er ein besonders ungeschickter Diener, der gerade beim Gehen die Milch verschüttet hätte.
"Ich wüsste nicht, dass ich Euch die Befähigung erteilt hätte, über mich und mein Tun zu bestimmen." Tanuri löste sich von der Wand, um zwei Schritte auf ihn zuzumachen. Dabei gab sie sich Mühe, die Kontrolle über sich und ihren Körper zu wahren, hielt dafür ihre Hände ineinander verschränkt, um das leichte Zittern zu verstecken, was, wenn es auffiel, ihrer Fassade einen winzigen Riss verleihen konnte.
"Meine Frage allerdings beantwortest Du nicht. Du sagst mir nur, wo Adrian nicht ist." Sie hielt inne, neigte ihren Kopf leicht zur Seite, während ihr Mund sich zu einem weiteren dünnen Lächeln verzog. Eine Geste, die fast schon höflich wirkte, als wolle sie ihm die Zeit geben, angemessen zu antworten. Allerdings war die kurze Ruhe und das Lächeln, das kein echtes war, trügerisch.
"Noch dazu denkst Du - oder wahrscheinlich auch das restliche Gesinde - ich wäre nicht Herrin meiner Sinne und bräuchte eine helfende Hand, um mich durch die Räumlichkeiten meiner eigenen Gilde zu bewegen? Als wäre ich ein seniles altes Weib, dessen Geist sich langsam auflöst?" Für den Bruchteil eines Atemzugs fassten ihre Augen nach ihm, bevor sie ihn von oben bis unten musterte. Anscheinend hatte er seinen Dienst in jener Nacht, als er sie aus der Gasse Lichthafens zurückholte, nicht vollständig getan. Warum sonst wäre er immer noch hier, anstatt an der Waffe zu üben?
Was war es also genau, weshalb Goswin dachte, er müsse sie nach wie vor überall be- oder besser überwachen? Selbst in ihren eigenen Räumen? Auch wenn man meinen könnte, sie hätte die letzte Nacht und den letzten Tag nur zusammegekauert in den Ecken versteckt verbracht, so bekam sie durchaus nach wie vor wesentlich mehr mit, als vielleicht vermutet wurde.
So hatte sie auch durchaus bemerkt, dass er im Dunklen ihre Tür geöffnet hatte, um sich auf leisen Sohlen ins Zimmer zu schleichen und sich dann so still wie nur eben möglich auf den Boden zu setzen, um dort Wache zu halten. Dass es ihm unangenehm war, in tiefster Nacht ungebeten in das Zimmer Tanuris zu kommen, das war nicht einmal in der Finsternis zu übersehen gewesen. Aber anscheinend war das, was ihm als Alternative blühte, wenn er sie noch einmal aus den Augen ließ, wesentlich schlimmer.
So hatte sie auch durchaus bemerkt, dass er im Dunklen ihre Tür geöffnet hatte, um sich auf leisen Sohlen ins Zimmer zu schleichen und sich dann so still wie nur eben möglich auf den Boden zu setzen, um dort Wache zu halten. Dass es ihm unangenehm war, in tiefster Nacht ungebeten in das Zimmer Tanuris zu kommen, das war nicht einmal in der Finsternis zu übersehen gewesen. Aber anscheinend war das, was ihm als Alternative blühte, wenn er sie noch einmal aus den Augen ließ, wesentlich schlimmer.
Abschätzig hob sie eine ihrer Brauen, als sich ihr Blick wieder seinem entgegen hob. "Also, beginnen wir von vorn, hm?" Mit der letzten Silbe kräuselte sich ihre Lippe und der Klang ihrer Stimme senkte sich um ein paar Töne, nahm etwas Samtenes an und hörte sich dabei fast wie ein vertrauliches Flüstern unter alten Freunden an, nur dass darin keinerlei Wärme lag. "Wo. Ist. Mein. Mann?"
Ja, mein Herr und Meister, ich bin Deine Dienerin!
Lege Deine Finger auf meine Lippen und berühre mit Deiner Hand meine Zunge
auf dass ich Deinen Willen und Dein Wort verkünde!

~~ Priesterin der dunklen Kirche und Mentorin ihrer Adeptin Freya ~~
Anführerin der Legion des Schattens
Frau des Adrian Al Saher
Mutter der Nymeria Al Saher
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#1845

Goswin
Goswin spürte, wie sich sein Magen zusammenkrampfte, als Tanuris Stimme diesen samtenen, gefährlichen Ton annahm.
Er kannte diesen Ton. Nicht von ihr persönlich – er hatte nie das Privileg gehabt, ihr so nah zu sein –, aber er kannte ihn von Männern und Frauen, die weit über ihm standen. Leute, die mit einem einzigen Wort eine Karriere beenden oder einen Namen aus den Annalen tilgen konnten und für die ein einfacher Soldat wie er weniger wert war als der Dreck unter ihren Schuhen.
Für einen winzigen Moment zögerte er. Er senkte den Blick nicht. Das durfte er nicht. Stattdessen straffte er die Schultern, die Lederrüstung knarzte leise, und neigte respektvoll, aber nicht unterwürfig den Kopf.
„Verzeiht, Mylady“, sagte er ruhig, die Stimme tief und fest, auch wenn er innerlich das Echo von Erwins letztem Schrei hörte. „Ich wollte Euch nicht belehren. Das steht mir nicht zu.“
Er machte eine kleine Pause und atmete einmal tief durch die Nase ein. Seine braunen Augen blieben auf ihr Gesicht gerichtet – nicht herausfordernd, aber auch nicht ausweichend.
„Ich bin nur ein einfacher Soldat der Legion. Mein Auftrag lautet, Euch zu schützen und dafür zu sorgen, dass Euch nichts zustößt. Nicht mehr und nicht weniger. Lord Al Saher hat das sehr deutlich gemacht.“
Seine Kiefermuskeln spannten sich kurz an, als die Erinnerung an die Schatten kam, die Erwins Fleisch von den Knochen gefressen hatten. Er schluckte die Bilder hinunter. Auf diese Weise wollte er nicht enden, aber ebenso wenig war er ein desertierender Feigling, der den Schwanz einzog.
„Was Euren Gemahl betrifft …“ Er zögerte erneut, nur einen halben Atemzug lang. Die Wahrheit war hässlich, und er wusste nicht, wie viel davon er ihr zumuten durfte. Dennoch entschied er sich für Klarheit. Respektvoll. Resolut.
„Lord Al Saher hat die Hallen vorletzte Nacht verlassen. Er hat keine genaue Richtung genannt, nur dass er die Adeptin finden wird – koste es, was es wolle. Mehr weiß ich nicht. Aber wie ich schon sagte, vielleicht wissen Lord Verlion oder Lady Liadan mehr über sein Ziel.“ Goswin machte einen halben Schritt zurück und gab ihr bewusst etwas Raum, ohne die Tür freizugeben. Seine Haltung blieb aufrecht, die Hände locker an den Seiten, doch die Finger der rechten Hand lagen nah am Schwertknauf, aber nicht drohend, sondern nur aus alter Gewohnheit.
Mehr konnte er ihr nicht sagen. Außer, was an dem Abend geschehen war, doch all das würde ihr keine Antwort liefern.
„Ich habe nur den Befehl, dafür zu sorgen, dass Eure Tochter und Ihr in Sicherheit seid.“ Seine Stimme wurde etwas leiser, doch sie verlor nichts von ihrer Festigkeit. Sicherheit war heutzutage ein seltenes Privileg. Er neigte erneut leicht den Kopf, diesmal tiefer, eine Geste echten Respekts.
„Wenn Ihr es wünscht, begleite ich Euch nach unten. Wenn Ihr es nicht wünscht, warte ich hier vor Eurer Tür. Aber ich werde nicht gehen. Nicht, solange Lord Al Saher mir nicht persönlich und ausdrücklich einen anderen Befehl gibt.“ Goswin hob den Blick wieder und sah sie direkt an. In seinen braunen Augen lag keine Furcht. Zumindest nicht die Art von Furcht, die man unmittelbar erkannte, sondern vielmehr die ruhige Entschlossenheit eines Mannes, der genau wusste, was auf dem Spiel stand.
„Die Entscheidung liegt bei Euch, Mylady.“ Reglos blieb Goswin in der Tür stehen. Bereit, zu gehorchen. Bereit, zu schützen. Und bereit, den Preis zu zahlen, falls er erneut versagte.
Er kannte diesen Ton. Nicht von ihr persönlich – er hatte nie das Privileg gehabt, ihr so nah zu sein –, aber er kannte ihn von Männern und Frauen, die weit über ihm standen. Leute, die mit einem einzigen Wort eine Karriere beenden oder einen Namen aus den Annalen tilgen konnten und für die ein einfacher Soldat wie er weniger wert war als der Dreck unter ihren Schuhen.
Für einen winzigen Moment zögerte er. Er senkte den Blick nicht. Das durfte er nicht. Stattdessen straffte er die Schultern, die Lederrüstung knarzte leise, und neigte respektvoll, aber nicht unterwürfig den Kopf.
„Verzeiht, Mylady“, sagte er ruhig, die Stimme tief und fest, auch wenn er innerlich das Echo von Erwins letztem Schrei hörte. „Ich wollte Euch nicht belehren. Das steht mir nicht zu.“
Er machte eine kleine Pause und atmete einmal tief durch die Nase ein. Seine braunen Augen blieben auf ihr Gesicht gerichtet – nicht herausfordernd, aber auch nicht ausweichend.
„Ich bin nur ein einfacher Soldat der Legion. Mein Auftrag lautet, Euch zu schützen und dafür zu sorgen, dass Euch nichts zustößt. Nicht mehr und nicht weniger. Lord Al Saher hat das sehr deutlich gemacht.“
Seine Kiefermuskeln spannten sich kurz an, als die Erinnerung an die Schatten kam, die Erwins Fleisch von den Knochen gefressen hatten. Er schluckte die Bilder hinunter. Auf diese Weise wollte er nicht enden, aber ebenso wenig war er ein desertierender Feigling, der den Schwanz einzog.
„Was Euren Gemahl betrifft …“ Er zögerte erneut, nur einen halben Atemzug lang. Die Wahrheit war hässlich, und er wusste nicht, wie viel davon er ihr zumuten durfte. Dennoch entschied er sich für Klarheit. Respektvoll. Resolut.
„Lord Al Saher hat die Hallen vorletzte Nacht verlassen. Er hat keine genaue Richtung genannt, nur dass er die Adeptin finden wird – koste es, was es wolle. Mehr weiß ich nicht. Aber wie ich schon sagte, vielleicht wissen Lord Verlion oder Lady Liadan mehr über sein Ziel.“ Goswin machte einen halben Schritt zurück und gab ihr bewusst etwas Raum, ohne die Tür freizugeben. Seine Haltung blieb aufrecht, die Hände locker an den Seiten, doch die Finger der rechten Hand lagen nah am Schwertknauf, aber nicht drohend, sondern nur aus alter Gewohnheit.
Mehr konnte er ihr nicht sagen. Außer, was an dem Abend geschehen war, doch all das würde ihr keine Antwort liefern.
„Ich habe nur den Befehl, dafür zu sorgen, dass Eure Tochter und Ihr in Sicherheit seid.“ Seine Stimme wurde etwas leiser, doch sie verlor nichts von ihrer Festigkeit. Sicherheit war heutzutage ein seltenes Privileg. Er neigte erneut leicht den Kopf, diesmal tiefer, eine Geste echten Respekts.
„Wenn Ihr es wünscht, begleite ich Euch nach unten. Wenn Ihr es nicht wünscht, warte ich hier vor Eurer Tür. Aber ich werde nicht gehen. Nicht, solange Lord Al Saher mir nicht persönlich und ausdrücklich einen anderen Befehl gibt.“ Goswin hob den Blick wieder und sah sie direkt an. In seinen braunen Augen lag keine Furcht. Zumindest nicht die Art von Furcht, die man unmittelbar erkannte, sondern vielmehr die ruhige Entschlossenheit eines Mannes, der genau wusste, was auf dem Spiel stand.
„Die Entscheidung liegt bei Euch, Mylady.“ Reglos blieb Goswin in der Tür stehen. Bereit, zu gehorchen. Bereit, zu schützen. Und bereit, den Preis zu zahlen, falls er erneut versagte.

#1846
Nymeria hatte Mila geholfen, das Frühstück zu machen. Der Tisch war reich gedeckt mit frischem, duftendem Brot, Obst, Saft und Eiern. Die Sonne schimmerte warm durch die Fenster, als Nymeria sich bereits auf einen Stuhl setzte.
Bewegungslos saß sie da und hielt ihren Stoffbären fest im Arm. Ruhig blickte sie zur Tür, während Mila hinter ihr Wasser für den Tee aufsetzte und leise mit Geschirr und Töpfen hantierte – Dinge, die Nymeria kaum wahrnahm.
Wo blieb sie?
Leicht neigte sich ihr Kopf zur Seite, sodass die kleinen seidigen Locken über ihre Schultern rutschten.
„Pass gut auf deine Mutter auf.“
Kurz schimmerten ihre tiefen blauen Augen auf. Sie hatte es versprochen und da er nicht da war, musste sie umso aufmerksamer sein. Vielleicht sollte sie einmal nachsehen gehen. Mutter hatte so fest geschlafen. Nicht, dass sie doch beschlossen hatte, nicht mehr aufzuwachen. Oder … oder dass der gruselige Fährmann erschienen war, nachdem sie nicht mehr an ihrer Seite gewesen war.
Vorsichtig rutschte Nymeria vom Stuhl und drückte den Bären behutsam an ihre Brust. Das zarte, grau schimmernde Kleid glitt über ihre Knie, während sie sich der Tür zuwandte und schnurstracks darauf zuging.
„Du sollst doch hierbleiben, Kind.“ Milas Stimme klang sanft, doch mit einer leichten Strenge.
Ja, Mila hatte es ihr gesagt – dass man ihre Mutter holen würde. Doch sie wollte nicht länger warten. Für einen kurzen Moment verengten sich ihre Augen zu einem trotzigen Ausdruck, der ungesehen blieb.
„Wir gehen sie holen.“ Ihre Stimme war ein Flüstern. Leise, aber dennoch fest entschlossen. Langsam und mit einer für ihr Alter ungewöhnlich aufrechten Haltung setzte sie einen Fuß vor den anderen, auch wenn sie Milas Seufzen hinter sich hören konnte, als ein Zischen den Raum erfüllte. Nein, sie lief ihr nicht nach, was vielleicht an dem überkochenden Wasser liegen sollte.
Nymeria ließ sich daher nicht aufhalten. Jemand musste schließlich nachsehen. In der Halle standen Wachen. Doch die Männer mit ihren Schwertern machten ihr keine Angst oder lenkten sie ab. Ohne ihnen eine Beachtung zu schenken, ging sie schweigend an ihnen vorbei.
Ruhig stieg das Mädchen die Stufen hinauf, während Sonnenstrahlen in breiten Lichtkegeln in die Halle fielen und die feinen silbernen Fäden in ihrem Kleid schimmern ließen. Es war still. Nicht auf die Weise, die andere wahrnahmen. War wirklich alles in Ordnung?
Leise setzten ihre kleinen Füße auf dem Boden des Obergeschosses auf, während sie den Bären fester an sich drückte. Als Nymeria den Flur erreichte, drang die Stimme eines Mannes an ihr Ohr. Schlagartig wurden ihre Augen groß und ihre Finger krallten sich in den weichen Stoff des Plüschtiers. Das war nicht Adrian. Ihre Schritte wurden vorsichtiger, beinahe schwebend, da nur ihre Zehenspitzen die Dielen berührten, bis sie die offene Tür erreichte. Abrupt blieb Nymeria jedoch stehen. Etwas versperrte ihr den Weg, oder vielmehr jemand.
Wortlos hob Nymeria den Blick zu dem Mann, der im Türrahmen stand. Ihre Augen wanderten über das dunkle Leder hinweg zu der Hand, die auf dem Schwertgriff ruhte. Für einen Moment verharrte sie, dann glitten ihre großen blauen Augen an ihm vorbei in den Raum.
Ein leises Aufatmen kam hörbar über ihre Lippen. Dort stand sie. Ihr Blick war streng und doch zugleich hellwach und lebendig. „Mutter!“
Bewegungslos saß sie da und hielt ihren Stoffbären fest im Arm. Ruhig blickte sie zur Tür, während Mila hinter ihr Wasser für den Tee aufsetzte und leise mit Geschirr und Töpfen hantierte – Dinge, die Nymeria kaum wahrnahm.
Wo blieb sie?
Leicht neigte sich ihr Kopf zur Seite, sodass die kleinen seidigen Locken über ihre Schultern rutschten.
„Pass gut auf deine Mutter auf.“
Kurz schimmerten ihre tiefen blauen Augen auf. Sie hatte es versprochen und da er nicht da war, musste sie umso aufmerksamer sein. Vielleicht sollte sie einmal nachsehen gehen. Mutter hatte so fest geschlafen. Nicht, dass sie doch beschlossen hatte, nicht mehr aufzuwachen. Oder … oder dass der gruselige Fährmann erschienen war, nachdem sie nicht mehr an ihrer Seite gewesen war.
Vorsichtig rutschte Nymeria vom Stuhl und drückte den Bären behutsam an ihre Brust. Das zarte, grau schimmernde Kleid glitt über ihre Knie, während sie sich der Tür zuwandte und schnurstracks darauf zuging.
„Du sollst doch hierbleiben, Kind.“ Milas Stimme klang sanft, doch mit einer leichten Strenge.
Ja, Mila hatte es ihr gesagt – dass man ihre Mutter holen würde. Doch sie wollte nicht länger warten. Für einen kurzen Moment verengten sich ihre Augen zu einem trotzigen Ausdruck, der ungesehen blieb.
„Wir gehen sie holen.“ Ihre Stimme war ein Flüstern. Leise, aber dennoch fest entschlossen. Langsam und mit einer für ihr Alter ungewöhnlich aufrechten Haltung setzte sie einen Fuß vor den anderen, auch wenn sie Milas Seufzen hinter sich hören konnte, als ein Zischen den Raum erfüllte. Nein, sie lief ihr nicht nach, was vielleicht an dem überkochenden Wasser liegen sollte.
Nymeria ließ sich daher nicht aufhalten. Jemand musste schließlich nachsehen. In der Halle standen Wachen. Doch die Männer mit ihren Schwertern machten ihr keine Angst oder lenkten sie ab. Ohne ihnen eine Beachtung zu schenken, ging sie schweigend an ihnen vorbei.
Ruhig stieg das Mädchen die Stufen hinauf, während Sonnenstrahlen in breiten Lichtkegeln in die Halle fielen und die feinen silbernen Fäden in ihrem Kleid schimmern ließen. Es war still. Nicht auf die Weise, die andere wahrnahmen. War wirklich alles in Ordnung?
Leise setzten ihre kleinen Füße auf dem Boden des Obergeschosses auf, während sie den Bären fester an sich drückte. Als Nymeria den Flur erreichte, drang die Stimme eines Mannes an ihr Ohr. Schlagartig wurden ihre Augen groß und ihre Finger krallten sich in den weichen Stoff des Plüschtiers. Das war nicht Adrian. Ihre Schritte wurden vorsichtiger, beinahe schwebend, da nur ihre Zehenspitzen die Dielen berührten, bis sie die offene Tür erreichte. Abrupt blieb Nymeria jedoch stehen. Etwas versperrte ihr den Weg, oder vielmehr jemand.
Wortlos hob Nymeria den Blick zu dem Mann, der im Türrahmen stand. Ihre Augen wanderten über das dunkle Leder hinweg zu der Hand, die auf dem Schwertgriff ruhte. Für einen Moment verharrte sie, dann glitten ihre großen blauen Augen an ihm vorbei in den Raum.
Ein leises Aufatmen kam hörbar über ihre Lippen. Dort stand sie. Ihr Blick war streng und doch zugleich hellwach und lebendig. „Mutter!“

⚜ Tochter der Priesterin und Hüterin Tanuri Al Saher- Enkelin des Hütervaters Stellan var Aesir ⚜
⚜ Kleines Halbblut ihrer Schwester Syndra ⚜ Stieftochter des Adrian Al Saher ⚜
~ Alle doof, außer Mutter!~
- Tanuri
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#1847
Wut glomm in ihren Augen auf und sie machte einen weiteren Schritt auf den Soldaten zu, dabei vollkommen vergessend, dass ihre Beine unter ihrer Robe immer noch leicht zitterten und ihr die Standfestigkeit fehlte. Das, was Goswin sagte, überlagerte allerdings vorerst alles andere und vertrieb ein wenig mehr die Schwäche, die ein vor kurzem noch toter Körper eben so mit sich brachte.
Im Gegensatz zu dem, was viele behaupteten, war es aber keine Gleichgültigkeit oder Ablehnung, die Tanuri für Nymeria empfand. Es war eine bewusste, fast schroffe Distanz, die sie wie eine unsichtbare Mauer zwischen sich und dem Mädchen errichtete.
"Adrian will was?" Der Unglaube über die Worte, die sie zu hören bekam, stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ihr war danach, den Soldaten spüren zu lassen, was der wahre Zorn einer Priesterin war und ihn mit ihrem sengenden Licht auf die Knie zu zwingen. Nicht nur aus dem Chaos ihrer Gefühle heraus, sondern auch für die unverfrorene Anmaßung, dass sowohl er als auch ihr Mann tatsächlich glaubten, sie und ihre Schritte in irgendeiner Weise einschränken oder gar bestimmen zu können.
"Vielleicht solltet Ihr bedenken, unter welcher Befehlsgewalt Ihr tatsächlich steht. Muss ich Euch hierzu erst einen Hinweis geben oder erinnert Ihr Euch auch so?" Bevor sie den Soldaten jedoch unmissverständlich klar machen konnte, wem er zu gehorchen hatte, stand an dessen Seite wie aus dem Nichts ihre kleine Tochter, den Bären, den Tanuri ihr kurz vor ihrem Tod schenkte, wie einen kleinen Schutzschild fest in ihrem Arm haltend.
"Nymeria, was tust Du hier?" Die Worte kamen schärfer heraus, als Tanuri es beabsichtigt hatte. Trotzdem folgte ihrer distanzierten Stimme im nahezu gleichen Augenblick eine ablehnende Körperhaltung. Sie machte keinen Schritt auf das Kind zu, um ihr - so wie es jede Mutter tun würde - zu zeigen, dass sie sich freute sie zu sehen. Stattdessen spannte sie sich sichtbar an, als wollte sie instinktiv von ihr fort weichen. In diesem Moment wurde die Zurückweisung, die sie ihrer Tochter entgegenbrachte für die, die es direkt mitbekamen, schmerzhaft sichtbar.
Im Gegensatz zu dem, was viele behaupteten, war es aber keine Gleichgültigkeit oder Ablehnung, die Tanuri für Nymeria empfand. Es war eine bewusste, fast schroffe Distanz, die sie wie eine unsichtbare Mauer zwischen sich und dem Mädchen errichtete.
Mutter und Tochter hatten niemals wirklich viel Zeit miteinander verbracht. Das lag nicht daran, dass Tanuri die benötigte Zeit nicht hätte aufbringen können. Es lag vielmehr daran, dass sie Nymeria bewusst mied. Die meisten im Haus tuschelten, sie liebe das Mädchen nicht, sie könne keine echten Gefühle für ihr eigenes Kind empfinden, weil die Geburt sie damals fast innerlich zerrissen habe und einer der Zwillinge sterben musste.
Manche behaupteten sogar, die Priesterin sei generell unfähig, irgendwas für irgendjemand zu fühlen und dass sie nur Kälte und Ablehnung geben könne. Vielleicht, um das Bild von sich aufrechtzuerhalten und ihre Unnahbarkeit zu wahren, vielleicht aber auch, weil sie einfach schon immer so war.
Manche behaupteten sogar, die Priesterin sei generell unfähig, irgendwas für irgendjemand zu fühlen und dass sie nur Kälte und Ablehnung geben könne. Vielleicht, um das Bild von sich aufrechtzuerhalten und ihre Unnahbarkeit zu wahren, vielleicht aber auch, weil sie einfach schon immer so war.
Doch all das war falsch.
Die Wahrheit war einfacher, weitaus weniger grausam und kalt. Zugleich aber sehr viel mehr qualvoller.
Tanuri hatte entsetzliche Angst davor, ihre Tochter zu verletzen und sie fürchtete, allein durch ihre bloße Nähe, durch ihre Kälte, das Dunkel in ihr und durch das, was sie wirklich war, Nymeria Schaden zuzufügen. Sie wollte nicht, dass ihr Kind eines Tages aufwachte, in den Spiegel sah und feststellte, dass sie genauso geworden war wie ihre Mutter. Dass ihr nichts von einer kindlichen Leichtigkeit geblieben war und es nichts gab, was ihr das jemals zurückgeben konnte.
Genauso fürchtete sie jenen Tag, an dem Nymeria die ungeschönte Wahrheit erkannte, nämlich das, was ihre Mutter tatsächlich war. Dass sie alles sah - die Dunkelheit, die Tanuri trug und die zahlreichen Risse, die sie nicht mehr schließen konnte. Und dass das Mädchen sich dann enttäuscht, womöglich sogar angewidert, von ihr abwenden würde, davon ging und niemals wiederkehrte.
Genauso fürchtete sie jenen Tag, an dem Nymeria die ungeschönte Wahrheit erkannte, nämlich das, was ihre Mutter tatsächlich war. Dass sie alles sah - die Dunkelheit, die Tanuri trug und die zahlreichen Risse, die sie nicht mehr schließen konnte. Und dass das Mädchen sich dann enttäuscht, womöglich sogar angewidert, von ihr abwenden würde, davon ging und niemals wiederkehrte.
Deshalb war es besser, von vornherein dafür zu sorgen, dass sie einander kaum kannten und so wenige gemeinsame Berührungspunkte wie nur möglich hatten. Auf ihre eigene - für andere manchmal wohl verdrehte Art - versuchte sie damit, vor allem Nymeria vor einer tiefen und unvermeidlichen Verletzung zu schützen. Einer Verletzung, die früher oder später ohnehin kommen musste, dessen war sie sich sicher.
Noch dazu hatte Tanuri darin versagt, ihr Kind zu beschützen. Sie war fortgegangen, um sich der Bedrohung zu stellen, die wie ein scharfes, sich langsam senkendes Schwert über den Köpfen ihrer Familie schwebte und nur darauf wartete, endgültig niederzugehen. Weit war sie nicht gekommen, sondern hatte sich von diesem Soldaten einfangen lassen, der wahrscheinlich erst vor Kurzem das Mannesalter erreichte. Wenn überhaupt.
Wenn der Vampir eines Tages auftauchte, um ihre Tochter an sich zu reißen, seine Zähne in ihre Haut zu schlagen oder noch unaussprechlicheres mit ihr zu tun gedachte, wäre es einzig die Schuld Tanuris, wenn Nymeria etwas geschah. Eine wahre Mutter würde alles tun und alles daran setzen, um es zu verhindern. Und sie? Sie schaffte es, nachdem sie ihrem eigenen Tod entrissen worden war, derzeit nicht einmal mehr ihre Bürste zu halten.
Wegen all dem ging sie nicht auf eines ihrer Knie und öffnete ihre Arme, so dass das kleine Kind sich in diese werfen konnte, um sich an die Mutter zu schmiegen.
Wegen all dem unterdrückte Tanuri diese tiefsitzende Sehnsucht, die weichen, warmen Wangen und das aufgeregt pochende Herz Nymerias zu spüren und den Duft des lockigen, aber immer noch flaumigen Haares einzuatmen.
Wegen all dem verdrängte sie den Wunsch, das Mädchen einfach nur festzuhalten, um mit ihr gemeinsam zu vergessen, was ihre Vergangenheit war und was die Zukunft ihnen schon allein aufgrund des Schicksals ihrer Familie bringen würde, damit sie zusammen, nur für diesen kurzen Augenblick das Jetzt genießen, und Tochter und Mutter sein konnten.
Wegen all dem blieb sie stehen, wo sie war.
Wegen all dem klang ihre Stimme hart und distanziert, als sie mit ihren Augen Nymeria streng streifte.
"Du solltest bei Mila sein. Wieso bist Du nicht dort?" In ihren Worten war keine Weichheit oder gar Wärme, und auch Zärtlichkeit versuchte man vergebens heraus zu hören. Nur eine klare, kalte Grenze, die sie ohne Zögern und wie schon viele Male zuvor zwischen sich und ihre Tochter zog.
Ja, mein Herr und Meister, ich bin Deine Dienerin!
Lege Deine Finger auf meine Lippen und berühre mit Deiner Hand meine Zunge
auf dass ich Deinen Willen und Dein Wort verkünde!

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